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Das Landhaus am Rhein / Band III

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band III - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band III
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band III
pages1-223
created20060731
sendergerd.bouillon
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Fünftes Capitel.

Das ruhige Leben des Hauses wurde wieder plötzlich unterbrochen; ein Wagen fuhr auf dem knirschenden Sande des Hofes vor, ein seidenes Schleppkleid rauschte: Bella war mit ihrem Gatten erschienen.

Ein Stück Heimat in der Fremde ist die Begrüßung von Vertrauten in neuen Verhältnissen. So auch war der Besuch Clodwigs und Bella's eine freundliche Anmuthung für die Professorin. Bella umarmte sie etwas stürmisch, Clodwig dagegen faßte ihre Hand in seine beiden Hände.

»Wo ist Ihr Neffe?« fragte Bella alsbald und hielt die Hand der Tante fest; sie schien etwas fassen zu müssen.

Mit unruhigem Blick, bald auf Clodwig, bald auf Bella schauend, erklärte die Mutter, daß der Unterricht auch durch ein freudiges Hausereigniß, wie solch ein Besuch sei, nicht unterbrochen werden möge. Sie betonte das Wort Hausereigniß.

Bella stand mit gesenktem Blicke da.

Die Professorin beobachtete sie scharf.

Bella sah frisch belebt aus, sie war vollkommen gesellschaftsmäßig gekleidet, sie trug ein himmelblaues, seidenes großes Tuch, unter dem sich, wenn sie die Hand reichte, der nackte Arm in seiner Fülle heraushob.

Man ging in den Garten, Sonnenkamp verabschiedete sich, um seiner Frau den Besuch zu melden. Er wollte Alles aufbieten, daß Frau Ceres heut nicht krank sein sollte.

Clodwig ging mit Tante Claudine, Bella mit der Mutter.

Bella fragte viel. Ihre Wangen glühten; sie ließ das Tuch etwas herabfallen, ein schöner Nacken, voll und üppig, zeigte sich.

»Schade, daß Clodwig Ihre Schwägerin nicht früher gekannt,« sagte sie plötzlich.

»Er kannte sie wohl, und sie war, wie Sie wissen, nicht zu ihrem Glücke, vordem eine bevorzugte Erscheinung am Hofe. Das war allerdings vor Ihrer Zeit.«

Bella schwieg; die Mutter warf einen kurzen forschenden Blick auf sie. Was geht mit dieser Frau vor? Was ist diese Unruhe, dieses Flattern von einem Gespräche zum andern?

Erich und Roland kamen. Bella zog schnell ihr Tuch über Nacken und Arme; sie reichte Erich kaum die Fingerspitzen.

Roland war überaus munter, Erich tief ernst; so oft er Bella ansah, zog er den Blick rasch zurück. Sie gratulirte ihm zur Ankunft seiner Mutter und sagte:

»Ich glaube, wenn man Ihnen auf der Reise begegnete, müßte man Ihnen ansehen, daß Sie noch das Glück haben, eine Mutter zu besitzen.«

Sie sagte das mit Innigkeit und hatte doch dabei ein seltsames Lächeln, ihr Blick schaute um, als wollte sie die Ehre für diesen Gedanken einsammeln.

Sonnenkamp kam zurück; er streichelte sich behaglich das Kinn, indem er die Damen bat, zu seiner Frau zu kommen, die die Ankunft solcher Gäste ganz gesund gemacht habe. Er schlug vor, daß die Männer nach der Burg fahren sollten, um den Fortschritt des Baues und den Fundort der römischen Alterthümer in Augenschein zu nehmen. Bella hatte nur noch ein kurzes, neckisches Gespräch mit Sonnenkamp, weil er ihr die lieben Gäste weggeraubt habe, dann ging sie mit den Frauen nach dem Gartensaal, wo Frau Ceres sie erwartete; die Männer fuhren nach der Burg.

Frau Ceres war bald bereit, mit in den Musiksaal zu gehen, und ohne lange Aufforderung spielte die Tante; Bella saß zwischen der Mutter und Frau Ceres, Fräulein Perini stand am Clavier.

Als die Tante das erste Stück geendet hatte, fragte Bella:

»Fräulein Dournay, begleiten Sie bisweilen Ihren Neffen zum Gesange?«

Die Tante verneinte.

Wieder warf die Professorin einen raschen Blick aus Bella, die beständig an Erich zu denken und es nicht verbergen zu können, ja nicht einmal verbergen zu wollen schien. Während die Tante ein neues Stück spielte, sagte Bella zur Professorin:

»Ich habe eine Bitte an Sie; geben Sie mir Ihre Schwägerin mit nach Wolfsgarten.«

»Ich habe kein Verfügungsrecht über meine Schwägerin. Aber bitte, sie ist sonst durchaus anspruchslos, doch wenn sie spielt, beleidigt sie jedes Wort, das gesprochen wird.«

Bella schwieg. Aber während sie einem erquickenden Musikstücke Mozarts zuhörten, gingen die Gedanken der beiden Frauen ganz verschiedene Wege. Was Bella dachte, wäre kaum zu sagen, ihr Wesen zitterte hin und her in Freude und Trauer, in Entsagung und Trotz. Die Professorin aber fand eine Wahrnehmung bestätigt und fühlte sich schon von dieser Wahrnehmung befleckt.

Als das Stück geendet war, sagte Bella:

»Ach, Mozart ist glücklich; so schwer auch sein Leben war, er war doch immer glücklich und macht immer glücklich, so oft man ihn hört; auch seine Trauer und Klage hat gemessene Haltung.«

Die Professorin fühlte, daß Bella das nur wie eine Wiederholung aussprach, um ihre augenblickliche Erregtheit zu verbergen.

Man ging nach der Veranda, wo die Papageien auf schönen Gestellen saßen. Bella erzählte dem einen Papagei eine wundersame Geschichte von einem Vetter auf Wolfsgarten, der wohne in einem wunderschönen Käfig; bisweilen desertire er in den Wald, aber er sei zu vornehm und habe nicht gelernt, sich im Walde seine Nahrung zu holen; er kehre wieder zurück in sein goldenes Gefängniß.

Immer glühender wurden die Wangen Bella's, ihre Lippen bebten, und plötzlich fiel ihr ein, daß sie jetzt die Sache abmachen müsse. Sie redete der Tante und der Mutter so heftig und wieder so kindlich bittend zu, daß sie endlich die Einwilligung erhielt, Tante Claudine werde in den nächsten Tagen zu ihr auf Besuch kommen und bei ihr bleiben.

»Sie werden sehen,« warf sie halb triumphirend zur Mutter hin, »Fräulein Dournay wird die beste Freundin Clodwigs, sie sind ganz für einander geschaffen.«

Die Professorin sah sie starr an.

Ist es schon so weit, daß diese Frau ihrem Gatten Ersatz geben will?

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