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Das Landhaus am Rhein / Band III

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band III - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band III
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band III
pages1-223
created20060731
sendergerd.bouillon
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Drittes Capitel.

Am andern Tage kam Prancken und mit dem ganzen Aufgebote seiner weltmännischen Manieren begrüßte er die Professorin. Sie ließ ihn sofort erkennen, daß sie ihn als Sohn des Hauses betrachte, und that dies mit so viel Zurückhaltung und anmuthvoller Bestimmtheit, daß er überaus beglückt war.

Als sie ihm dankte, daß er Erich solche Stellung vermittelt habe, lehnte er jeden Dank ab; es sei nur eine Abtragung der Dankesschuld gegen den verewigten Professor.

Das war ein Ton, der sofort das Herz der Wittwe gewann; sie wußte recht wohl, was die Höflichkeit übertreibe, aber sie war sich auch bewußt, daß der Kern Wahrheit war. Wer je andauernd in den Umkreis von Stimme und Blick ihres Gatten getreten, mußte, wenn er nicht ganz verwahrlost war, eine edle Regung für das Leben davon bewahren.

Prancken erzählte von seinem Schwager und seiner Schwester und wie geehrt Erich auf Wolfsgarten sei; mit einer geschickten Wendung wußte er dann zu sagen, daß er sich von der Anwesenheit der Professorin viel Begütigung und Beruhigung in dem seit Kurzem wieder stürmisch bewegten Wesen seiner Schwester verspreche. Er deutete das behutsam an und gab nur zu verstehen, wie es eine schwere Aufgabe sei, mit einem, wenn auch hochedlen, doch viel älteren Manne zu leben, und wie unversehens eine scheinbar zur Ruhe gesetzte Bewegung das Gemüth ergreife.

Die Professorin verstand mehr, als Prancken ahnte.

Prancken konnte sich nicht enthalten, etwas von seiner religiösen Wandlung kund zu geben. Er that dies wie einen Act des Vertrauens und mit Verwahr, aber doch mit einem gewissen Nachdruck. Wie durch eine Vision sah er plötzlich diese Frau neben Manna, die ihre ganze Seele offenbarte; darum sollte sie Manna bestätigen, daß er seine innere Wandlung vor aller Welt bekannte; ja, es fiel ihm jetzt ein, daß die Oberin diese Frau im Beisein Manna's belobt hatte.

Ein Lächeln überflog seine Lippen, denn er dachte, diese Frau könnte am besten dazu verwendet werden, Manna von dem Vorsatze, den Schleier zu nehmen, abzubringen.

Im Auftrage Sonnenkamps bat er dann die Professorin, mit nach dem Landhause zu fahren, das die Cabinetsräthin – er corrigirte sich schnell und sagte, der Cabinetsrath – ankaufen wolle; sie werde gewiß das Ihrige thun, um Herrn Sonnenkamp eine so angenehme Nachbarschaft verschaffen zu helfen. Der Einwand der Professorin, daß sie ja hier kaum zur Ruhe gekommen, wurde schmeichelhaft abgelehnt.

Der Wagen fuhr vor.

Die Cabinetsräthin und Sonnenkamp saßen im Wagen, die Professorin mußte mit nach der Villa fahren. Man war unterwegs äußerst wohlgemuth, aber unversehens überflog die Professorin der Gedanke, daß sie inmitten von Intriguen stehe und man ihre Harmlosigkeit zu etwas benutze; sie wußte nicht, zu was. Sie hatte ein Bangen, da beim Eintritt in das Landhaus Sonnenkamp sagte, es gehöre ihm und er freue sich, es seiner edlen Nachbarin übergeben zu können.

Die Professorin fühlte, sie war Zeuge bei einer Sache, die sie nicht verstand.

Die Cabinetsräthin theilte sofort die Zimmer ein, für sich, für ihren Gatten, für ihre Kinder. Sie hatte zwei Söhne beim Militär, eine Tochter war bereits verheiratet; auch für ihre Enkel wurden Zimmer bestimmt, und als sie sich ihren Lieblingsplatz im Garten aussuchte, versprach Sonnenkamp, neue Anlagen machen zu lassen; sie würde staunen, was sich aus diesem Terrain schaffen ließe.

Sonnenkamp hatte zwar gewünscht, daß er das Landhaus erst als Preis für die errungene Standeserhöhung gebe – denn die Summe, die der Cabinetsrath dafür bezahlte, war ja nur Schein – aber er hatte der Versicherung Pranckens nachgeben müssen, daß dies geradezu unthunlich sei; dazu war es auch klüger, mit einem so mächtigen Mann in nachbarlicher Verbindung zu stehen, wodurch sich Alles viel natürlicher fügte.

Die Cabinetsräthin saß im Garten mit der Professorin und ermahnte sie eindringlich, durch ihren großen Einfluß der Familie Sonnenkamp die gebührende Stellung zu verschaffen. Sie ging vorerst noch nicht weiter. Es war ihr entschiedener Plan, daß nicht sie und ihr Mann, sondern die Professorin den Haupthebel ansetzen sollte. Mißlang es, so blieb man gedeckt und konnte die gelehrte Wittwe, die ohnedies als überschwenglich bekannt war, bloßstellen.

Unter lauter Redensarten von erhabenem Wesen und großartigem Geiste verbargen sich Schliche, die nicht leicht zu durchschauen waren.

Prancken kannte einen Notar von geschmeidigen Formen, der noch am Abend erschien.

Es wurde eine lustige Komödie aufgeführt; Sonnenkamp übergab der Cabinetsräthin eine namhafte Summe, die sie ihm eine Viertelstunde später als Kaufpreis für das Landhaus einhändigte. Der Cabinetsrath war der Nachbar des Herrn Sonnenkamp.

Als Sonnenkamp mit Prancken in der milden Nacht lustwandelte, hörte er freundlich zu, wie Prancken darlegte, es sei gut, daß der Cabinetsrath sofort das Landhaus erworben, denn wäre es später geschehen, kurz vor oder nach dem erwünschten Ereignisse, so hätte das üble Nachrede verursacht.

Sonnenkamp gratulirte seinem jungen Freunde zu der diplomatischen Laufbahn, er sei entschieden dazu geeignet; Prancken lehnte nicht ab, daß er künftig, statt auf dem Lande zu leben, in eine solche Stellung eintrete, natürlich nur im Einverständnisse mit seinen Angehörigen und seinem väterlichen Freunde, wie er Sonnenkamp nannte.

»Mein lieber junger Freund,« sagte dieser und legte vertraulich die Hand auf die Schulter Pranckens, »Sie haben gewiß schon mit Wucherern zu thun gehabt; ich kenne diese sanftherzigen Brüder, sie hängen zusammen wie eine geheime Priesterschaft. Die ergötzlichsten Einblicke in die sogenannte Menschenseele böte eine Geschichte der Bestechung. Ich kenne die verschiedenen Nationen und die verschiedenen Stände, habe es überall versucht und es ist mir fast nie mißlungen.«

Prancken erschrak zum ersten Male vor seinem zukünftigen Schwiegervater; er traute ihm viel zu, aber daß er so unbefangen von der allgemeinen Bestechlichkeit sprach, empörte ihn doch etwas, und er fand es höchst peinlich, ihm so nahe sein zu sollen.

Sonnenkamp fuhr fort:

»Sie sind wahrscheinlich auch noch im alten Vorurtheil befangen, daß Bestechung eine schlechte Sache sei, wie man bis vor Kurzem den Wucher noch für eine solche hielt. Es ist eine Albernheit der Regierungen, wenn sie von den Beamten einen Eid verlangen, daß sie keine ihrer Handlungen durch Annahme von Geld bestimmen lassen. Mag es meinetwegen bei den Richtern sein, und auch da ist es gewöhnlich nur Form, denn wenn es drauf und dran kommt, weiß ein Reicher sich freisprechen zu lassen, falls er es nicht gar zu toll gemacht hat. Merkwürdig ist mir: bei Romanen und Slaven nehmen die Männer das angebotene Geld, ja unter irgend einer Form steigern sie es ganz von selbst; bei der zimperlichen germanischen Nation werden die Frauen dazu verwendet. Natürlich! Bei keinem Volk der Welt sehen Sie beim Ackerbau so viel Kühe eingespannt als bei den Deutschen, und so spannen sie auch da die Kühe ein. Da muß nun die Frau galant umworben werden, und ich gestehe, ich habe am liebsten mit den Frauen zu thun, sie halten Wort; denn nichts kommt häufiger vor, als man gibt Bestechung und der Bestochene hält nicht Wort, wenn man nicht wenigstens das Doppelte hinzufügt. Mein Vater –«

Prancken stutzte; zum ersten Male hörte er Sonnenkamp seines Vaters erwähnen.

»Mein Vater war ein Virtuos in der Bestechungskunst. In Polen hat er nie anders bestochen, als er gab einen Hundert- oder Tausendguldenschein, aber er zerriß den Schein in zwei Stücke, die eine Hälfte behielt er, die andere der Bestochene, und erst wenn das, was er wollte, geschehen, wurde die andere Hälfte ausgeliefert. Nicht wahr, Sie glauben, daß es nicht nöthig war, mit der Frau Cabinetsräthin so den Schein zu theilen?«

Prancken fühlte sich beleidigt, daß er eine Dame von Adel so bezeichnet und gestellt sah. Er gab Sonnenkamp die bündigsten Versicherungen, und dieser erklärte:

»Ich finde Alles ganz in der Ordnung. Sobald ein Volk in complicirtere Verhältnisse eintritt, ist die Bestechung da, muß da sein, bald offen, bald verdeckt, und nichts ist formenreicher als die Bestechung; ich kenne das.«

Da Prancken staunend stehen blieb, fuhr Sonnenkamp, immer zutraulicher werdend, fort:

»Junger Freund, ob ich mir einen Agenten oder eine Stimme zu meiner Wahl als Parlaments- oder Congreßmitglied kaufe oder ob ich mir einen Agenten oder eine Stimme kaufe, um geadelt zu werden, bleibt sich gleich. Wir in Amerika thun das nur offener. Warum soll dieser Cabinetsrath und seine Gattin nicht die Position ausbeuten? Ihre Position ist ja ihr ganzes Hab und Gut. Ganz in der Ordnung. Müßt Ihr in Deutschland ein vornehmes Mäntelchen umlegen . . . mag sein. Wenn Sie, wie ich hoffe, in die diplomatische Carrière eintreten, werde ich Ihnen noch manche nützliche Erfahrung überliefern können.«

Prancken erklärte sich bereit, noch recht viel zu lernen, aber innerlich hatte er eine unnennbare Furcht vor dem Manne, und diese Furcht verwandelte sich in Geringschätzung. Er nahm sich schon jetzt vor, wenn er Manna besäße, sich möglichst fern von ihm zu halten.

Sonnenkamp aber war so glücklich, wieder neue Bestätigung seiner Menschenkenntniß gefunden zu haben, daß er diese auch seinem eigenen Sohn zu geben trachtete.

Am Morgen nahm er Roland mit sich in den Park und sagte ihm:

»Sieh, diese vornehmen Leute . . . Alles Betrug! Dieser Cabinetsrath und seine Familie – ich mache sie aus Bettlern zu vermögenden Menschen. Laß sie nichts davon merken, aber wissen sollst Du es. Alles ist nur Gesindel, Vornehm wie Gering; Alle warten nur auf den Preis für ihre sogenannte Seele. Alles auf der Welt ist mit Geld zu haben.«

Er freute sich, dies ausführlich darzulegen, und hatte keine Ahnung, welch tiefe Umwälzung, ja welche Empörung das in der Seele des Jünglings hervorbrachte.

Roland war stumm und Sonnenkamp überlegte, ob er recht gethan; bald aber beruhigte er seine Zweifel. Religion, Tugend, Alles ist nur Illusion! Die Einen – dieser Herr Dournay gehört auch zu ihnen – glauben noch an ihre Illusionen, die Anderen wissen, daß es Illusionen sind, und machen sich und der Welt nur etwas vor. Es ist besser, beruhigte er sich schließlich, Roland weiß das.

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