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Das Landhaus am Rhein / Band III

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band III - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band III
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band III
pages1-223
created20060731
sendergerd.bouillon
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Zwölftes Capitel.

Unweit der Insel hielten zwei Dampfschiffe, das eine ging zu Berg, das andere zu Thal. Auf dem zu Thal gehenden war Roland. Er fragte, warum man nicht anlege; der Capitän deutete still nach der Klosterinsel.

Auf der Insel gingen die Nonnen und ein Priester mit den Chorknaben hinter einer Bahre, die weißgekleidete Mädchen trugen; die Bahre war überdeckt von Blumen und die Kinder sangen in die helle Frühlingsluft hinaus. Roland erzitterte ins Herz.

Er war ans Land gestiegen und stand am Ufer beim Fergen, der ihn nach der Insel überfahren sollte. Der Ferge schüttelte den Kopf und sagte leise:

»Jetzt nicht! Jetzt nicht! Oder sind Sie vielleicht ein Verwandter von dem Kind?«

»Welches Kind?«

»Drüben im Kloster ist ein Kind gestorben, ach, ein wunderschönes Kind; wer es gesehen, dem hat das Herz im Leibe gelacht. Da hat unser Herrgott nicht viel zu ändern, wenn er daraus ein Engelchen macht.«

»Wie alt war das Kind?«

»Sieben, höchstens acht Jahr. Still, jetzt kommen sie.«

Die Glocken läuteten in die Frühlingsluft hinein, die Weihrauchwölkchen stiegen auf und der Zug bewegte sich am Ufer hin.

Der Ferge hatte seinen Hut abgezogen und betete mit gefalteten Händen; auch Roland entblößte sein Haupt und starrte nach der Insel; der Zug ging weiter, dann verschwand er und es war still.

Jetzt senken sie die jugendliche Leiche in die Erde, die Vögel singen, kein Lüftchen regt sich, ein Dampfschiff kommt stromauf.

Der Zug kommt wieder zum Vorschein, singend, er verschwindet in den offenen Pforten des Klosters.

»So,« sagte der Ferge, »jetzt will ich Sie hinüberfahren.«

Roland wünschte nun, noch am Lande zu bleiben; er wollte in dieser Stunde seine Schwester nicht überraschen, sie sollte erst zur Ruhe kommen.

Er that wohl daran, denn von Allen im Kloster war Niemand so tief traurig als Manna. Heimchen, das holde Kind, hatte es ein Jahr lang ausgehalten, es schien heiter zu werden und machte gute Fortschritte im Lernen, aber als der Frühling kam, welkte es dahin wie eine Blume, die, in der Stube erzogen, zu früh in die Kälte hinausgesetzt war.

Wie hatte Manna das Kind gepflegt, Tag und Nacht, und wie glücklich war es mit ihr! Eine visionäre Weisheit war über das Kind gekommen, es sagte Manna oft, daß es Gott und allen Engeln im Himmel von Manna erzählen wolle; es freute sich auf den Himmel wie auf eine Weihnachtsbescherung. Mitten aus Allem heraus bat es dann Manna wieder:

»Erzähle mir von Roland. Ich seh' ihn wie er rennt mit Bogen und Pfeil, und ach, er ist so schön!«

Manna erzählte und sie konnte Heimchen immer lachen machen, wenn sie nachahmte, wie Rolands junge Hunde durch einander torkelten.

Wenn Manna dem Kinde bisweilen Harfe spielte, sah es sie mit großen Augen an und sagte:

»Mama spielt auch Harfe . . . So schön, . . . und weint.«

Der Arzt und die Hospitalnonne, die die ärztliche Kunst verstand, bedrängten Manna, sich mehr Ruhe zu gönnen, aber Manna war stark und ließ nicht ab; in ihren Armen starb das Kind und sein letztes Wort war:

»Guten Morgen, Manna, jetzt ist nicht mehr Nacht.«

Alles hatte Manna erlebt. Sie hatte mit angesehen, wie eine Novize eingekleidet wurde und wie eine Mitschülerin in das Noviziat eintrat, das aber war nur starke, frohmuthige, freie Entsagung. Nun hatte sie den Tod eines Kindes erlebt, das abgefallen war leise und still vom Baume des Lebens wie eine Blüthe, die vom Zweige fällt.

Manna hatte am untern Ende der Bahre das Kind mit zu Grabe getragen, sie hatte drei Schollen Erde auf den Sarg geworfen, sie hatte keine Thräne vergossen. Erst als der Geistliche ausführte, daß das Kind von dieser Erde abgerufen wurde, gleich einem Kinde, das der Vater von diesem Spielplatz, den man Erde nennt, in das Haus zurückruft, damit es nicht Schaden leide, erst da weinte sie bitterlich.

Zurückgekehrt vom Friedhof ging sie nochmals an das leere Bettchen Heimchens und betete, daß Gott ihr gewähren möge, so rein in die Ewigkeit einzugehen wie das Kind. Und nun war sie gefaßt, die Zeit konnte nicht mehr fern sein, wo sie noch auf eine kurze Weile in das Getümmel des Lebens zurückkehrt, bis der Vater aller Menschen sie von diesem Spielplatz in sein schützendes Haus zurückruft. Es war ihr, als hörte sie jetzt schon Stimmen aus der lärmenden Welt, die sie noch einmal hinauslockten; sie mußte ihnen gehorchen, aber sie war fest und sicher, daß sie treu wieder zurückkehrte in die einzige Heimat hier.

Sie ging hinab auf die Insel, sie ging nach ihrem Platz unter der Tanne, wo sie so oft gearbeitet; dort war noch das kleine Bänkchen, wo Heimchen in ihrer Nähe, fast zu ihren Füßen, gesessen hatte. Hier saß Manna lange. Welche Wirrnisse konnte das Leben noch in diesem einzigen Jahre über sie bringen . . . Immer wieder kehrten ihre Gedanken zu Heimchen und sie drängte sich der jungen Seele nach in die himmlische Ewigkeit.

Da hörte sie Schritte; sie schaute auf, sie sah einen Jüngling, er glich Roland, aber er war viel größer, viel mannhafter.

»Manna, Manna!« rief Roland auf sie zueilend.

Sie erhob sich und mit einem lauten Schrei lagen sich Bruder und Schwester in den Armen.

»Setz Dich zu mir,« sagte Manna endlich.

Sie setzten sich auf die Bank unter der Tanne, und Manna erzählte, auf das Bänkchen deutend, von Heimchen, und wie sie dem seligen Kinde oft von Roland habe erzählen müssen. Roland erinnerte an jenen sonnigen Tag, da Heimchen sich an ihn geschmiegt und gerufen hatte: ich mag Dich.

Manna sagte, daß das Kind am Heimweh gestorben sei.

»Ja, Roland, Du verstehst es noch nicht, aber Du wirst es lernen; unser ganzes Leben ist nichts als Heimweh nach der himmlischen Heimat, und wohl dem, der daran stirbt.«

Roland war von der bis zur Verzückung gespannten Aufregung seiner Schwester betroffen. Er umarmte Manna nochmals, küßte sie und Beide weinten und wußten nicht recht warum. Mit Ruhe und Bestimmtheit sagte er dann, daß sie zunächst mit ihm in ihre irdische Heimat zurückkehren solle. Er wollte sie auf Anderes lenken und erzählte, wie er Theater gespielt und als Page in seidenen Gewändern photographirt sei und wie der Vater einen Orden erhalten und ihm ein Geheimniß anvertraut habe.

»Der Vater . . . Dir ein Geheimniß?« fragte Manna starren Blickes.

»Ja, und ein schönes, großes, ehrenvolles, Du wirst Dich auch darüber freuen.«

Die Mienen Manna's wurden wieder ruhig.

Roland berichtete nun, wie er in seinen Fieberphantasien immer mit ihr verkehrt habe und wie sie sich freuen solle, daß er noch lebe.

»Du lebst,« rief Manna, »Du sollst leben.«

Roland erinnerte, daß morgen sein Geburtstag und nun sein einziger Wunsch sei, sie möge an diesem Tage mit ihm zu den Eltern zurückkehren.

»Ja, ich gehe mit Dir,« rief Manna, »und am besten ist es, gleich.«

Hand in Hand gingen Bruder und Schwester nach dem Kloster. Manna erklärte der Oberin, daß sie mit ihrem Bruder heimkehre; die Oberin billigte das und segnete sie. Nun eilte Manna in fieberischer Aufgeregtheit zu den Nonnen und Mitschülerinnen und sagte Allen Lebewohl; dann ging sie in die Kirche und betete still und zuletzt mußte noch Roland mit ihr nach dem Grabe Heimchens gehen.

Roland betrachtete eine Reihe ordnungsmäßig ohne jegliches Gedenkzeichen neben einander liegender Gräber.

Manna erklärte auf seine Frage, daß hier Nonnen begraben seien.

»Das ist doch hart,« sagte er, »auch nach dem Tode noch namenlos.«

»Es ist nur natürlich,« entgegnete Manna, »wer den Schleier nimmt, legt seinen elterlichen Namen ab und nimmt einen heiligen an, der gehört ihm nur bis zum Tode, dann geht er auf ein Anderes über.«

»Das ist viel, ich verstehe wol: den Nonnennamen kann man nicht aufs Grab schreiben und den wirklichen auch nicht; gewiß liegen da auch Adelige begraben.«

»Ja wohl, die meisten waren Adelige.«

»Was würdest Du sagen, wenn wir auch adelig würden?«

»Roland, wie magst Du so reden?« fuhr Manna

auf. »Hier das? Komm fort! Solche Gedanken entweihen die Gräber.«

Sie zog Roland fort aus dem kleinen Begräbnißplatze, sie ging mit ihm den Kiesweg, aber plötzlich ließ sie ihn stehen, kehrte nochmals zurück und kniete am Grabe nieder, dann erst kam sie zu Roland.

Lutz stand mit dem Gepäck bereit. Manna stieg in den Kahn; stromauf der Heimat zu fuhren Bruder und Schwester. Alles auf dem Schiff betrachtete mit neugierigem Wohlgefallen das Geschwisterpaar, dieses aber saß still Hand in Hand und schaute hinaus in die Landschaft.

»Sag mir,« bat Roland, »warum hast Du damals, als Du ins Kloster gingst, gesagt, Du seiest auch eine Iphigenia?«

»Ich kann es nicht sagen.«

»Wohl kannst Du, ich verstehe es. Ich habe allein und mit Erich die Iphigenia von Euripides und die von Goethe gelesen, Du gleichst aber doch keiner.«

»Es war nur . . . Ach, laß es vergessen sein.«

»Weißt Du auch,« rief Roland, »daß Iphigenia die Gattin des großen Helden Achilles wurde und mit ihm auf der Insel Lenke in der seligen Ewigkeit lebte?«

Manna verneinte und Roland erzählte von der Abbildung des pompejanischen Wandgemäldes, die ihm die Professorin gezeigt: Der Priester Kalchas hält das Opfermesser, Diomedes und Odysseus tragen Iphigenia zum Altar, Agamemnon verhüllt das Antlitz und Artemis läßt durch eine ihrer Nymphen die Hirschkuh herbeiführen, damit sie statt Iphigenia geopfert würde.

»Du hast ja allerlei gelernt,« lächelte Manna.

»Erich sagte mir,« fuhr Roland fort, »daß das Opfer der Iphigenia ganz aus demselben Grunde stammt, wie die Erzählung vom Opfer des Isaak. In alten Zeiten glaubten die Menschen, daß man die Gottheit durch Opfer versöhne.«

Die Mienen Manna's verfinsterten sich; da ist ja die in den Grund verderbende Ketzerei. Sie konnte nicht zu Worte kommen, denn Roland rief:

»Jetzt weiß ich es! O, wie schön! Orest mußte die Schwester aus dem Tempel von Tauris holen, wo sie Priesterin war . . . Das ist's! Ja, das hast Du geahnt! Ach, das wird Erich freuen! . . . Aber als Iphigenia mit ihrem Bruder zu Schiffe war, hat er ihr gewiß viele Dummheiten vorgemacht und sie hat gewiß auch gelacht. Kannst Du denn gar nicht mehr lachen? Du hast immer gelacht wie eine Waldtaube. Lach doch einmal!«

Er lachte von ganzer Seele, aber die Mienen Manna's erheiterten sich nicht, und während der ganzen Fahrt blieb sie still in sich gekehrt. Nur Einmal, als das Schiff auf seiner Fahrt mitten in der Strömung plötzlich anhielt, fragte sie:

»Was ist das?«

»Wenn ich ungeduldig werde, erinnert mich Erich daran. Sieh da drüben fährt ein schwer beladenes Frachtschiff und da muß das Dampfschiff seine Kraft mäßigen, damit das Frachtschiff nicht, von den Sturzwellen überstürzt, untersinkt. Sieh, Roland, sagt er dann, so müssen wir es auch im Leben halten; wir dürfen nicht rücksichtslos dahin stürmen, wir müssen an die Beladenen auf demselben Lebensstrom denken und Acht haben, daß sie von den Wellen, die wir aufwühlen, nicht untergehen.«

Manna sah ihren Bruder nachdenklich an, sie ahnte, wie er in Gesellschaft eines Mannes war, der alles Gegenwärtige ins Bildliche umsetzte; etwas von jener Kraft, die in allem Erscheinungsleben den Gedanken sucht und findet, schien ihr aufzugehen.

Sie schüttelte den Kopf, nahm ihr Brevier vor sich und las eifrig darin.

Es war Abend geworden.

»Sieh dort den Sonnenglanz auf der Glaskuppel,« sagte Roland, »bald sind wir daheim. Sie denken wol dort, daß Du mit mir kommst.«

»Daheim, daheim!« hauchte Manna leise vor sich hin.

Der Widerschein auf der Glaskuppel schien sie zu blenden, sie drückte die Augen zu.

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