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Das Landhaus am Rhein / Band III

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band III - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band III
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band III
pages1-223
created20060731
sendergerd.bouillon
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Achtes Capitel.

Schneebedeckt war das Dach des Klosters, schneebedeckt die Bäume, Wiesen und Wege auf der Insel, aber im großen Hause war bewegtes Doppelleben, denn die heilige Geschichte lebte hier in den Kindern und vor ihren Augen neu auf. Jeder Tag hatte eine Erweckung der in Glorienschein getauchten Ereignisse, die vor bald zwei Jahrtausenden in Canaan geschehen waren. Manna lebte so ganz in diesen Vorstellungen, daß sie sich oft besinnen mußte, wo sie war; sie hatte eine Sehnsucht, nach Jerusalem zu wallfahrten, den heiligen Boden zu küssen und Alles zu sühnen, was je Uebles geschehen war von denen, die ihr nahe, und denen, die ihr fern. Ihr Entschluß, den Schleier zu nehmen, befestigte sich aufs Neue.

Mit wunderbarer Kraft erzählte sie dem kleinen Heimchen, das krank zu Bette lag, die heilige Geschichte; und ihr Auge strahlte dabei wie von einem höheren Feuer. Heute aber lächelte sie, denn Heimchen fragte:

»Ist in Jerusalem auch Schnee?«

Manna hatte kaum beachtet, welche Jahreszeit draußen, sie lebte in einer ganz andern Welt, und eben als sie hinausschaute, wo der Schnee schmolz, kam eine dienende Schwester und brachte ihr einen Brief.

»Wo ist der Bote?« fragte sie.

»Er wartet im Sprechzimmer.«

»Ich werde ihm Antwort geben,« erwiderte Manna und las den Brief noch einmal.

Sie ging in der Zelle auf und ab; sie wollte zur Oberin, sie fragen, was sie thun solle, aber sie fühlte, wie sich ihr Herz zusammenzog. Warum einen andern Menschen fragen? Sie hielt die Hand vor die Augen, dann betrachtete sie ihre Hand. Du kannst nicht weinen, sprach es in ihr; Du sollst nicht weinen, um nichts in der Welt . . .

»Was ist Dir?« rief Heimchen aus seinem Bette. »Warum siehst Du so bös aus?«

»Ich bin nicht bös. Oder meinst Du, daß ich es bin?«

»Nein, jetzt siehst Du wieder ganz gut aus. Bleib bei mir, Manna . . . bleib bei mir, geh nicht fort . . . bleib bei mir. Manna, ich muß sterben.«

Manna beugte sich über das Kind und beruhigte es, und jetzt erkannte sie: Die erste Probe kommt. Du sollst beweisen, ob die Liebe zum Heiligen größer in Dir ist als die Familienliebe. Du sollst und Du mußt!

Sie überließ Heimchen einer dienenden Schwester, versprach bald wiederzukommen und ging hinab in die Kirche.

Zerknirscht warf sie sich nieder und betete inbrünstig. Lange lag sie verhüllten Antlitzes, bis sie sich endlich in dem Entschlusse erhob: Ich muß es können! Ich will nichts als dem Dienst des Ewigen leben. Roland hat gute Pflege, er kennt Niemand; wenn ich zu ihm gehe, leiste ich nicht ihm, sondern mir, um die Angst von mir zu nehmen; hier aber ist Heimchen krank und bedarf meiner. Es ist keine Frage mehr, was ich zu thun habe; ich bleibe auf der Stelle, wohin nicht ich, sondern der Höchste mich gestellt.

Sie gedachte der Oberin, die erzählt hatte, wie ihr Vater und Mutter gestorben und sie ihre Clausur nicht lösen durfte. Freiwillig, ohne Gelübde, wollte Manna das Gleiche vollziehen.

Sie kehrte in ihre Zelle zurück; sie wollte schreiben, wollte Alles sagen, was ihr die Seele erfüllte, aber sie konnte nicht. Sie ging hinab in das Sprechzimmer und sagte Lutz, ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen, sie könne nicht mit ihm zurückreisen.

Dann ging sie wieder in ihre Zelle und schaute in die Landschaft hinaus, starr, leblos.

Der geschmolzene Schnee tropfte von dem Dach und jetzt brachen auch die Thränen hervor, Manna weinte heftig; sie ließ die Thränen fließen, aber ihr Entschluß blieb fest. Die ganze Nacht wachte und betete sie und erst am andern Morgen sagte sie der Oberin, was sie gethan.

Die Oberin erwiderte kein Wort.

Auf ihrer Zelle las Manna nochmals den Brief und jetzt erst sah sie, daß auch die Mutter Erichs Roland pflegte. Das Papier zitterte in ihrer Hand, da ihr deutlich wurde, wie Roland in seinen Fieberphantasien mit ihr verkehrte. Warum schreibt der Vater nichts von Prancken? Wo ist er? fragte sie sich. Sie war empört, daß sie ihr Denken nicht von der Welt wegbannen konnte. Mit raschem Entschluß warf sie den Brief in den offenen Kamin und starrte drauf, wie er aufflammte und dann in leichten Flocken durch den Kamin davonflog.

So war es in ihr gewesen, so sollte es in ihr sein; nichts von der Außenwelt sollte mehr zu ihr dringen.

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