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Das Landhaus am Rhein / Band III

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band III - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band III
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band III
pages1-223
created20060731
sendergerd.bouillon
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Zweites Capitel.

Sonnenkamp ging nach dem Zimmer seiner Frau; sie ließ ihm durch eine im Vorzimmer wartende Kammerfrau sagen, daß sie Niemand zu sprechen wünsche. Er hörte nicht darauf und ging weiter; er traf Frau Ceres auf dem Sopha liegend, die Fenster waren verhangen. Frau Ceres sah ihn mit den großen dunklen Augen an, sie sprach kein Wort, sie reichte ihm nur die feine schmale Hand. Er küßte die Hand, dann begann er zu erklären, daß man durch den Gast, den man im Hause habe, dem Plane näher rücke, denn durch ihr Ansehen öffneten sich die Flügelthüren zu den Gemächern des fürstlichen Schlosses.

Bei der Erwähnung des Schlosses richtete sich Frau Ceres etwas auf; sie sprach noch immer kein Wort, aber ihr unruhiger Blick zeigte, wie die Hoffnung sie bewegte. Wie ein schimmerndes Märchen hatte Sonnenkamp jenseits des Meeres und auf seinen Zickzackwanderungen es seiner Frau stets als höchstes Ziel dargestellt, daß sie in die Hofgesellschaften eintreten könne, und für Frau Ceres war das, als käme sie in einen überirdischen Kreis, wo immer Alles glitzert und schimmert, und eine göttergleiche Existenz sich beständig fortsetzt. Ueberall, wohin sie kam, hörte sie von diesem Glück und sah, wie Alles nach dem Hofkreise strebte, und sie zürnte ihrem Mann, daß er ihr das schon so lange und so oft versprochen und noch nicht erfüllt hatte. Sie waren in Europa, sie hatten sich in die Einsamkeit zurückgezogen, wo die Menschen sagen, daß es so schön sei; sie aber wartete beständig, daß sie zu Hofe gerufen werde.

Warum dauert das so lang? Was sind die Menschen so fremd? Sogar Bella, die Einzige, die sich freundlich bewies, behandelte sie wie einen Papagei, wie einen fremden Vogel, an dessen schillernden Farben man sich ergötzt, mit dem man aber sonst keine Gemeinschaft hat, als daß man ihm bisweilen ein Stückchen Zucker, ein Compliment zukommen läßt. Die Erinnerung, wie sie Alles beim Feste des Herrn von Endlich überstrahlt hatte, erschien jetzt Frau Ceres ungenügend und halb.

Bei aller scheinbar äußern Trägheit und Theilnahmlosigkeit arbeitete Frau Ceres stets an einem Gedanken, und diesen hatte Sonnenkamp in sie gepflanzt; er war stärker geworden, als er gewollt, er beherrschte das ganze Wesen seiner Frau.

Nun wußte er mit großem Geschick darzustellen, daß die Professorin – der sich selbst die Cabinetsräthin untergeordnet, weil sie die beliebteste und mächtigste Hofdame, ja die Freundin und nächste Vertraute der verwittweten Fürstin gewesen – dem ganzen Hause neuen Glanz gebe und sicher ans Ziel führe.

Sonnenkamp wußte seine Klugheit so sehr hervorzuheben, daß Frau Ceres sich endlich zu dem Worte verstand:

»Sie sind in der That sehr klug. Ich will die Mutter des Hofmeisters sprechen.«

Er gab ihr nun Lehren, wie sie sich verhalten solle, aber wie ein verzogenes Kind schrie Frau Ceres auf, schlug mit den Händen, stampfte mit den Füßen und rief:

»Ich will keine Lehren! Sprechen Sie kein Wort mehr! Bringen Sie mir die Frau!«

Sonnenkamp ging zur Professorin; er wollte ihr Verhaltungsregeln gegen seine Frau geben, aber er fürchtete jeden Hinweis und sagte:

»Meine liebe kleine Frau ist etwas verwöhnt und sehr nervös.«

Die Professorin kam zu Frau Ceres, die ruhig auf ihrem Sopha liegen blieb.

Als die Professorin sich mit Zierlichkeit verbeugte, rief Frau Ceres:

»Das müssen Sie mich lehren! So will ich mich auch verbeugen. Nicht wahr, so verbeugt man sich bei Hofe?«

Die Professorin wußte nicht, was sie antworten sollte. Ist das mehr als eine Nervöse? Ist das eine Irrsinnige? Sie gewann indeß bald Fassung genug, um sagen zu können:

»Ich kann mir recht gut vorstellen, daß Ihnen in der freien Republik unsere Formen etwas fremd erscheinen; ich finde auch, daß es besser ist, wenn man sich bei erster Begegnung die Hand reicht.«

Sie streckte die Hand aus und Frau Ceres reichte die ihrige; wie sich selbst vergessend richtete sie sich dabei auf.

»Sie sind krank, ich will Sie nicht lange stören,« sagte die Professorin.

Frau Ceres fand es besser, wenn sie noch für krank gelte, und sagte:

»Ach, ja, ich bin immer krank. Aber bleiben Sie, ich bitte.«

Und wie nun die Mutter sprach, machte der Klang ihrer Stimme, der tiefe Herzton einen solchen Eindruck auf Frau Ceres, daß sie die Augen schloß, und als sie dieselben öffnete, standen große Thränen in ihren langen Wimpern.

Die Professorin bedauerte, sie so sehr aufzuregen, aber Frau Ceres schüttelte heftig mit dem Kopf.

»Nein, nein, ich danke Ihnen. Diese Thränen lagen mir hier . . . hier!« Sie schlug sich heftig auf die Brust. »Ich danke Ihnen!«

Die Mutter wollte sich entfernen, aber Frau Ceres stand rasch auf, warf sich vor ihr auf die Knie, küßte ihre Hand und rief:

»Beschützen Sie mich! Seien Sie meine Mutter! ich habe nie zu Jemand Mutter gesagt.«

Die Professorin war in sich zusammengeschrocken, als würde sie von einer Rasenden erfaßt. Sie richtete Frau Ceres auf und sagte:

»Mein Kind, gern wollte ich Ihnen Mutter sein. Ich bin glücklich, wenn ich hier etwas leisten kann, und will es mit Herzlichkeit thun. Nun aber, ich bitte, beruhigen Sie sich.«

Sie führte Frau Ceres wieder nach dem Sopha, legte sie behutsam nieder und deckte sie mit einem großen Shawl zu; es war ein seltsames Gewirre von weichen Kissen, in denen Frau Ceres immer eingemummt und wie vergraben lag.

Frau Ceres hielt die Hand der Mutter fest und schluchzte fortwährend.

Die Professorin pries das Glück der Frau Ceres, daß sie einen solchen Sohn wie Roland habe. Als sie erzählte, wie sie Roland getroffen, wendete sich Frau Ceres und küßte ihr die Hand. Mit ruhigem Bedacht fuhr die Professorin fort, daß sie selber eine Frau von vielen Eigenthümlichkeiten sei, mit der sich nicht so leicht leben lasse; sie habe sich zu sehr an Einsamkeit gewöhnt und fürchte, sie sei nicht jung und lebenslustig genug, um Gesellschafterin einer Frau zu sein, die Ansprüche an Glanz und Freude eines rauschenden Lebens habe.

Frau Ceres bat die Professorin, daß sie den Vorhang etwas zurückziehe, und als sie die Fremde deutlicher sah, lächelte sie; dann aber nahm ihr Gesicht mit dem feinen, halb geöffneten Munde wieder den Zug der Verdrossenheit an, der darauf ständig geworden war; sie faßte den Fächer und fächelte sich Kühlung zu.

Endlich sagte sie:

»Sie glauben gar nicht, wie dumm ich bin, und ich wäre doch so gerne gescheidt und hätte viel gelernt; aber er hat's nicht haben wollen und hat mich nichts lernen lassen und hat immer gesagt: so bist Du mir am schönsten und liebsten. Ja, kann sein für ihn, aber nicht für mich. Wäre nicht Madame Perini so gut, ich wüßte gar nicht, was ich anfangen sollte. Spielen Sie auch Whist? Lieben Sie die Natur? Nicht wahr, ich bin sehr einfältig?«

Frau Ceres hatte vielleicht erwartet, daß die Professorin ihr widerspreche, aber sie that es nicht; sie sagte vielmehr:

»Ich habe schon ähnliche Frauen kennen gelernt wie Sie, und ich könnte Ihnen sagen, warum Sie stets unwohl sind.«

»Warum? Wissen Sie das?«

»Ja, aber es ist nicht schmeichelhaft.«

»Ach, sagen Sie es nur.«

»Mein liebes Kind! Sie sind stets unwohl, weil Sie stets müßig sind. Hat der Mensch nichts zu thun, so gibt ihm sein Befinden zu thun.«

»O, Sie sind klug,« rief Frau Ceres, »aber ich bin schwach.«

Sie hatte in der That etwas Wehrloses und Hilfsbedürftiges. Wie Sonnenkamp sie als zerbrechliches Spielzeug betrachtete, so war sie auch mit sich selber immer ängstlich; dabei war sie vollkommen träge, die geringste Mühe war ihr eine Last. Sie wußte nicht, ob Hören oder Sehen mehr anstrenge, doch fand sie das Letztere noch mühsamer, denn beim Lesen muß man das Buch fassen und eine bestimmte Haltung annehmen. Sie ließ sich daher von Fräulein Perini immer vorlesen; da kann man, so oft man will, einschlafen.

So war es auch jetzt.

Während die Professorin noch sprach, ließ Frau Ceres plötzlich die Hand los, sie war eingeschlafen. Die Professorin saß in dem Gemache, in dem es so reich und glänzend aussah, wie in ein Märchen versetzt; sie hielt den Athem an und wußte nicht, was sie beginnen sollte. Hier sind Räthsel die Fülle. Sie wagte nicht, ihre Stellung zu verändern, denn sie fürchtete, die Schlafende zu wecken. Diese wendete sich jetzt und sagte:

»Ach, gehen Sie nun . . . gehen Sie nun, ich komme bald selbst.«

Die Professorin ging.

Sonnenkamp erwartete sie vor der Thüre.

»Wie ist sie gegen Sie?« fragte er.

»Wie ein gutes Kind,« erwiderte die Mutter. »Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, die Aufgeregtheit Ihrer Frau Gemalin zu beruhigen. Aber ich habe eine Bitte: fragen Sie mich nie, was wir besprochen. Soll ich das Vertrauen Ihrer Frau Gemalin gewinnen, so muß ich mit vollem Gewissen sagen können: sie spricht nur mit mir allein; was sie mittheilt, kommt nicht über meine Lippen. Wollen Sie mir versprechen, uns Frauen allein gewähren zu lassen?«

»Ja,« erwiderte Sonnenkamp.

Es schien ihm schwer zu werden, das zu bewilligen, doch mußte er es thun.

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