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Das Landhaus am Rhein / Band III

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band III - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band III
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band III
pages1-223
created20060731
sendergerd.bouillon
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Sechstes Capitel.

Ein fremder Mann kommt, besichtigt das Haus, den Garten, den Park, die Treibhäuser, die Ställe. Wem gehörte das Alles? Einem Amerikaner von räthselhafter Vergangenheit . . .

Das stellte sich Sonnenkamp dar, als er in sein Heimwesen eintrat; er sah in eine zukünftige Zeit, ein Fremder war es, der Alles in Augenschein nimmt, und er selbst, der Alles gebaut, gepflanzt, war verschollen.

Sonnenkamp schlug sich auf die Stirn, da er inne ward, welch ein traumhaftes Gesicht ihn beherrschte. Was ist das für eine Macht, die ihn verzaubert und ihm sein eigen Selbst entführt? Nichts als der Tugendstolz dieser armen Frau treibt solche Gedanken in seiner Seele auf.

»Noch bin ich! noch will ich! noch nie ist mir entgangen, was ich wollte, und sie Alle sollen mir dienen! sagte er laut vor sich hin.

Er betrachtete die Bäume im Garten, ein dünner Schneereif lag auf den Zweigen, es war ein Anblick, so rein und fein, Alles so unbewegt, daß man unwillkürlich den Athem anhielt, denn Alles war so still, verklärt und leuchtend zugleich. Hier und dort sah er Bäume und Sträucher seiner Anordnung gemäß gefällt. Das muß immer sein, wenn die Parkanlage in ihrer Fortentwicklung ihre künstlerische Gestaltung bewahren soll; Sonnenkamp ließ sich die Bäume nicht über den Kopf wachsen, sie durften nicht über die Idee hinausgehen, mit der er die Anlage festgestellt hatte.

Zwei schöne Neufundländer, die treu an ihm hingen, ließ er aus dem Gehege bringen; die Hunde sprangen an ihm empor, sie waren voll Lust und Glück, ihren Herrn zu begrüßen. Er lächelte. Da ist doch etwas, das ihn treulich begrüßt, sich seiner freut; die Hunde sind die besten Geschöpfe auf Erden. Er ging mit den Hunden überall umher und im Obstgarten schaute er freundlich lächelnd um; die künstlich gezogenen Zweige, mit schneeigem Reif bekleidet, waren wie Kunstgebilde der feinsten Art; er wünschte nur, daß er sie in der großen Gesellschaft vor den erstaunten Blicken seiner Gäste ausstellen könnte.

Ja, die Gäste! Werden sie kommen? Wirb dieses pomphaft angekündigte Fest nicht eine Beschämung für ihn werden? Die Zweige der Obstbäume kann man ziehen und biegen nach Wohlgefallen, warum sind die Menschen so widerspenstig? Plötzlich lächelte er vor sich hin. Es war viel davon gesprochen, daß eine große Sängerin in Paris alle Welt entzückte; diese mußte herbei, koste, was es wolle, und sie mußte sich verpflichten, kein öffentliches Concert zu geben, sondern nur in seinem Salon und äußersten Falles noch bei Hofe zu singen. Er will der armseligen Residenzgesellschaft etwas bieten, was Niemand außer ihm vermag.

Er ließ die Hunde wieder in ihr Gehege sperren, sie winselten und bellten. Mögen sie winseln! Man sollte immer nur Geschöpfe haben, die man zu seiner Lust holt und wieder wegschickt, wenn man ihrer überdrüssig.

Sofort ließ Sonnenkamp wieder anspannen, fuhr nach der Telegraphen-Station und sendete eine Nachricht an einen Agenten in Paris mit genauer Angabe dessen, was er wünschte. Die Antwort sollte ihm nach der Residenz geschickt werden. Frischen Muthes, die ganze Welt verachtend und stolz auf seinen Erfindungsreichthum, fuhr er nach der Residenz zurück. Prancken war zugegen, als er am Abend die Nachricht erhielt, daß die Sängerin eintreffen werde.

Sonnenkamp wünschte, daß das Außergewöhnliche, was er zu bieten vermochte, schnell bekannt würde; die Hofzeitung sollte es verkünden. Prancken war nicht für diese Art der Kundgebung, man solle vielmehr vertraulich Diesem und Jenem mittheilen, was zu erwarten sei, und Jeder würde sich beeilen, das Anvertraute weiter zu verbreiten. Er selbst übernahm es, einigen beliebten Kameraden auf dem Militär-Casino das Ueberraschende mitzutheilen.

Die Sängerin kam und übte eine größere Anziehungskraft als die Professorin bewirkt hätte.

Am Vorabend des Festes erschien Bella und brachte ihre Wünsche für das Gelingen desselben.

Es fehlte in der That nichts. Der populäre Prinz erschien mit seiner Gattin, die auserlesenste Gesellschaft füllte die Salons des Herrn Sonnenkamp, auch der amerikanische Generalconsul mit seiner Frau und zwei Töchtern war zugegen und Alles war voll Bewunderung und Dank für den Gastgeber. Die Sängerin sang mit großer Bravour und unter dem lebhaftesten Beifall viel Modernes; besonders ergriffen aber war Erich, als sie auch eine Arie aus der Oper Medusa von Lulli sang. Das Wagniß, eine das menschliche Maß überschreitende Leidenschaft in Tönen auszudrücken, stellte sich ihm dar, es war eine ähnliche Kolossalität wie in der Büste, die auf Wolfsgarten stand, und er erzitterte als Bella umschaute und ihr Blick sich nach ihm richtete, als ahnte sie durch einen magischen Zauber, daß die Strömung seines Denkens nach ihr hin ging. Sie sah stolz und groß aus, und nach dieser Arie ging sie auf die Sängerin zu und sprach sehr eifrig mit ihr.

Frau Ceres war mißgelaunt und verstimmt, denn ihre große Pracht verschwand vor der wunderbaren Kunst der Sängerin, zu der sich Alles drängte. Der Prinz unterhielt sich mit ihr wol eine halbe Stunde, mit Frau Ceres nur einige Minuten.

Mit triumphirendem Siegesgefühle ging Sonnenkamp durch die Gesellschaft, er that sehr bescheiden, aber innerlich verachtete er sie, denn er dachte:

Mit einer Hand voll Gold läßt sich Alles machen; mit Gold ist Ehre und gesellschaftlicher Glanz und Alles zu haben.

Am andern Tage war eine zwiefache Gesprächsströmung in der Residenz. Man sprach vom Feste des Herrn Sonnenkamp, deßgleichen man hier noch nie gesehen; eine Gegenströmung war die Nachricht vom Tode des Gatten der Baronesse von Endlich, die Nachricht sei bereits gestern Abend angekommen, man habe sie aber zurückbehalten, um den Angehörigen und den weit verzweigten Verwandten des Hofmarschalls die Freuden des Sonnenkamp'schen Festes nicht zu entziehen.

Am Abend brachte die Zeitung, deren Redaction Professor Crutius vorstand, einen pikanten Bericht, worin die Todesnachricht und das Sonnenkamp'sche Fest künstlich durcheinander gemengt war. Ein Theil des Glanzes wurde dadurch verwischt und Sonnenkamp überlegte mit Prancken, ob nicht der arme Teufel von Redacteur mit einer Hand voll Gold zu gewinnen wäre.

Prancken widersprach; man dürfe mit diesen Communisten – so hießen bei ihm Alle, die nicht mit der Regierung übereinstimmten – auch nicht die entfernteste Verbindung haben, und er, der zum Adelsbetrieb kein Mittel verschmähte, fand, daß man einer solchen Bestechung sich schämen müßte.

Sonnenkamp schien bekehrt, aber er wendete sich an Erich, der damals dem Manne die Unterstützung übermittelt hatte; er bat, diese Beziehung zu erneuen, und wenn Doctor Crutius in Noth wäre, so sei er bereit, ihm beizustehen.

Erich lehnte entschieden ab.

Die Sängerin ward nicht zu Hofe berufen, denn man fand es ungehörig, daß sie zuerst bei einem Privatmanne gesungen; sie reiste ab und Sonnenkamp und Fest und Gesang waren bald vergessen. Ja, Sonnenkamp mußte die Zurücksetzung erfahren, daß er bei einer Einladung zu Hofe übergangen wurde; er hörte jetzt, daß der Fürst ihm abgeneigt war, weil er nach der Aufführung des französischen Lustspiels eine mit größter Behutsamkeit zu behandelnde Sache ungeschickt bloßgestellt hatte. Prancken berichtete das mit einer gewissen bedauernden Schadenfreude; Sonnenkamp sollte stets wissen, daß er ihm vor Allem seine Standeserhöhung würde danken müssen.

Der Abend, an dem das Hoffest stattfand, zu welchem zwei Adelsfamilien vom Lande, die eigens dazu nach dem Hotel Victoria gekommen waren, nach dem Schlosse abfuhren, war für Sonnenkamp einer der peinlichsten. Er mußte noch überdies seinen Grimm zurückhalten und Frau Ceres trösten, die wollte, daß man sofort abreise; denn das, worauf sie all ihr Sinnen gerichtet, war nun zu nichte.

Auch die Cabinetsräthin kam nicht, sie mußte zu ihrem Bedauern, wie sie sagte, bei Hofe erscheinen. Und so saß die Familie allein und an diesem Abend zum ersten Mal fand Erich wieder einen tieferen Anhalt in der Seele Rolands, denn auch Roland war höchst ärgerlich. Der Cadett, welcher zugleich Page war, hatte ihm erzählt, wie lustig es bei solchen Festen sei.

Erich nahm gerade von diesem Fall Veranlassung, Roland ans Herz zu legen, daß man die Ehre zunächst in sich suchen müsse und nie in der Welt draußen. Wer ohne Selbstbewußtsein seine Ehre und sein Glück von Andern abhängig mache, der sei durch solche Abhängigkeit in der tiefsten Sklaverei.

Roland hörte stumm zu, aber sein Auge wurde größer.

Sonnenkamp hatte große Mühe, in der Gesellschaft seine Verletztheit zu verbergen, und doch durfte man nichts davon merken lassen, denn dadurch erhöhte man die erfahrene Zurücksetzung. Er lächelte still, wenn man von dem glänzenden Hoffeste erzählte. In besonderer Beflissenheit überhäufte er die Familie des Cabinetsraths mit Freundlichkeiten, sie mußte Stand halten, sie hatte ihren Lohn, er wollte nicht der Betrogene sein. Er wollte auch seinen Sohn früh in den Strudel des Lebens werfen, er wollte wissen, welche Haltung er dabei annehme, welche Leidenschaften in ihm walteten. Er machte nun den jungen Cadetten zum Spion seines Sohnes, er gab ihm Gold, er sollte Roland in Spielgesellschaften bringen, ihn zu hohem Spiel verleiten und dann berichten, wie sich Roland benahm. Sonnenkamp war nicht wenig erstaunt, als ihm der Cadett berichtete, daß Roland unbedingt das Spiel ablehnte; er habe Erich das Wort gegeben, daß er sich nie, auch nicht bei scheinbar geringem Einsatze, dazu bringen lasse.

Sonnenkamp hätte Erich gern für diese große Macht seinen Dank ausgesprochen, aber er fand es besser, zu thun, als ob er es nicht wisse.

Als Bella kam, um Erich abzuholen, da er sie versprochenermaßen in das Cabinet der antiken Gipsabgüsse führen solle, bat Sonnenkamp, gegen seine Frau nichts von dem Hoffeste zu äußern, sie sei jetzt beruhigt und man solle sie nicht darin stören.

Erich nahm Roland mit in das Museum. Bella verstand, warum er es that.

Als man nach dem Museum fuhr, sah man den Fürsten Valerian am Wege. Bella ließ anhalten und nahm auch ihn mit; es konnten sich dadurch zwei Gruppen bilden, Fürst Valerian konnte manchmal mit Roland gehen und sie mit Erich. Es kam nicht dazu; Erich ließ Roland nicht von der Hand.

Vor der Niobidengruppe standen sie lange und Bella scherzte darüber, daß der Pädagog, der den Knaben vor dem Pfeil des Gottes zu schützen sucht, den russischen Typus habe. Erich mochte wiederholt erklären, daß der Kopf erneuert sei und einen Scythen darstelle, daß der Pädagog ein Sklave sei, der den Knaben nur wie eine Art Lakai in die Schule und sonst auf Gängen begleite, sie blieb dabei, es sei ein Russe. Als Erich darauf aufmerksam machte, daß das Mädchen in der Mitte sich an die Mutter anschmiege und hülflos sich verhülle, während der Knabe bei dem Pädagogen noch selbst die Hand ausstreckt, der Gefahr entgegenschaut und sie abzuwehren sucht, blickte ihn Roland groß an und sein Antlitz wurde blaß, fast so blaß wie die Gipsabgüsse, unter denen man sich bewegte; nur sein Auge leuchtete und die dunklen feinen Haare, die sich auf der Oberlippe zeigten, schienen zu zittern.

Auf dem Heimwege vom Antikensaale sagte Roland, wie vor Frost bebend, sich an Erich schmiegend:

»Erinnerst Du Dich noch, wie in Deinem elterlichen Hause damals der Brief mit dem großen Siegel kam?«

»Gewiß . . . gewiß.«

»Da also solltest Du Director werden. Diese Gestalten stehen da Tag und Nacht, Sommers und Winters . . . warten auf uns und halten still, derweil wir tanzen und sterben.«

»Was sprichst Du?« fragte Erich, erschüttert von Ton und Betrachtung Rolands.

»Ach, nichts – nichts. Ich weiß nicht, was ich sage . . . ich meine, ich hörte die Worte, sagte sie aber nicht selbst . . . ich weiß nicht, wie mir ist.«

Erich eilte mit dem Fiebernden heimwärt.

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