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Das Landhaus am Rhein / Band III

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band III - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band III
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band III
pages1-223
created20060731
sendergerd.bouillon
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Fünftes Capitel.

Die Professorin saß in der behaglich durchwärmten Stube am Fenster, dessen Sims mit Decken und Kissen und das auswärts mit Moos bekleidet, vor jeder Lufteinströmung geschützt war; es war wieder starker Frost eingetreten. Sie saß an ihrer Nähmaschine, die so sanft ging, daß man kaum ein Geräusch vernahm. Vom Strom herauf hörte man das Knirschen und Schieben der an einander stoßenden Eisschollen, die dann verändert und neu gebildet weiter schwammen.

Oft blickte sie hinaus über den Strom und in die Landschaft; sie sah in den Dörfern den Rauch über den Häusern aufsteigen, sie kannte jetzt das Leben dort.

Manchmal von Fräulein Milch, manchmal vom Krischer, am meisten aber vom Siebenpfeifer begleitet, an dessen Heiterkeit sie besondere Freude fand, war sie überall eingetreten, hatte mit Wort und That geordnet und geholfen. Im grünen Hause ging es ab und zu von Solchen, die theils dankten, theils neue Anliegen hatten, und sie fand Befriedigung darin, daß ihr eine so reiche und in den Wirkungen so schnell erkennbare Thätigkeit gegeben war.

Wenn sie allein und ungestört war, nahm sie die Lieblingsbücher ihres Mannes zur Hand, überdachte die Bemerkungen, die fast auf jeder Seite standen, und erquickte sich, in stiller Abgeschiedenheit mit dem Verewigten fortleben zu können. Was ihr Mann geschrieben, las sie meist laut; es that ihr wohl, die Lippen zu bewegen und die Worte in jener Betonung zu hören, die er liebte. Sie mußte aber auch laut lesen, um Gedanken zu verscheuchen, die nebenher in Alles sich hineindrängten. Diese Gedanken gingen immer nach dem Leben und Wesen Sonnenkamps und seiner Vergangenheit, vor Allem aber in den Gemüthsgrund Manna's. Sie glaubte zu verstehen, was Manna damit gemeint, als sie beim Abschied vom elterlichen Hause zu Roland gesagt hatte: »Ich bin auch eine Iphigenie.« Den Gesang der Parzen in Goethe's Drama sprach sie jetzt, während sie arbeitete, vor sich hin und schwer lag das Räthsel in ihrer Seele, warum Kinder um die Schuld ihrer Eltern leiden müssen.

Mitten in den erschütternd wohlklingenden Versen hörte sie das Geräusch eines vor dem Hause stillhaltenden Wagens. Vielleicht ist es der Doctor, der ihr bisweilen auf eine gute Stunde Gesellschaft leistete; sie wußte, er liebte es, wenn sie in ihrer Ruhe verblieb. Der nahende Schritt war indeß ein anderer, auch das Anklopfen war ein anderes und herein trat Herr Sonnenkamp.

Die Professorin hatte Sonnenkamp nicht gesehen, seitdem sie gehört hatte, was sie ihm nie sagen konnte; sie bedurfte aller Fassung, um ihm die Hand zu reichen. Er that seine Pelzhandschuhe ab und faßte ihre Hand. Zum ersten Male fühlte sie den Stahlring an seinem Daumen, als wäre es eine kalte Schlange. Erschreckt sah sie ihre Hand in der seinen. Die Hand Sonnenkamps, so breit, fleischig, mit zurückgebogenen Fingern, an denen das Fleisch sich über die Spitzen der Nägel legte, war wie die Hand des Pharisäers aus dem Titianischen Bilde vom Zinsgroschen. Zwischen Daumen und Zeigefinger hält der Pharisäer das Geldstück und diese Haltung und Bewegung hat, wenn man so sagen darf, etwas Grinsendes, Gewaltthätiges, Heuchlerisches. In der Erinnerung der Professorin tauchte auf, wie sie auf ihrer Hochzeitsreise in der Gallerie zu Dresden stand. Ihr Mann verdeckte damals eine Secunde das Gesicht Christi und das des Pharisäers und ließ seine Frau nur die Bildung der beiden Hände sehen, aus denen sich Gestalt und Charakter der beiden gegensätzlichen Träger herausbilden ließen. Mit Blitzesschnelle zogen diese Gedanken und Vorstellungen durch ihre Seele.

Sonnenkamp bemerkte, daß die haltungsvolle Frau ungewöhnlich bewegt war; mit Gewandtheit sagte er:

»Ich habe immer gefunden, daß sinnige, viel in sich lebende Menschen, vor Allem edle Frauen, keine Ueberraschungen lieben. Ich muß daher um Entschuldigung bitten.«

Die Professorin sah ihn an. Wie ist es nur möglich, daß ein Mann mit solcher Vergangenheit zarte Seelenbewegungen erfaßt und so sanft kundgibt? Sie gestand, daß er das Richtige bei ihr getroffen, und fragte, ob der Besuch ihr oder der Besichtigung seines Heimwesens gelte. Sie fühlte, daß dies eine ungeschickte Frage war, aber sie konnte nichts Anderes vorbringen.

»Ihnen allein gilt mein Besuch,« sagte Sonnenkamp, »und ich bedaure fast, daß ich diese schöne Ruhe störe. Ach, ich komme aus einem Treiben, wo man gar nicht mehr glaubt, daß solche Ruhe auf demselben Planeten ist. Wir leben in einem beständigen Wirbel und es ist nur gut, daß man noch schlafen kann.«

»Ich kenne die Unruhe der Carnevalszeit,« sagte die Professorin lächelnd; »man lechzt nach Stille und trägt doch beständig die am Abend vorher gehörte Musik, Scherz und Lachen mit sich herum.«

Sonnenkamp ging nun geraden Weges auf sein Ziel los. Er bat mit großer Unterwürfigkeit die Professorin, seinem Hause die Würde zu verleihen, die sie allein geben könne.

Die Professorin bedauerte, ablehnen zu müssen; sie sei nicht mehr für die Gesellschaft geschaffen.

»Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie eine finstere, ich hätte eher vermuthet, daß Sie die freiere Anschauung vom Leben haben.«

»Ich glaube auch sie zu haben. Ich betrachte unser Leben nicht als eine düstere Wohlthätigkeitsanstalt, aus der alle Heiterkeit verbannt sein soll; die Jugend soll tanzen und nicht daran denken, daß in derselben Minute Menschen sich vor Frost schütteln und Kummer und Elend überall. Ich liebe die Heiterkeit, sie allein gibt Kraft.«

»Nun, so stehen Sie uns bei; wir wollen uns dann später um so mehr den armen Geschwistern der großen Menschenfamilie widmen.«

Die Professorin mußte eine Empörung niederkämpfen, daß der Mann mit diesen Worten ein Spiel trieb; sie starrte auf seine Hände, als wären sie blutbefleckt, und diese blutbefleckten Hände boten ihr fröhlichen Wein dar.

Sie konnte kaum sprechen, sie schüttelte mit dem Kopf und wiederholte nur:

»Ich kann nicht, glauben Sie mir, ich kann nicht.«

»Nun denn,« begann Sonnenkamp, »ich stehe nicht an, Ihnen ein Geheimniß kundzugeben.«

Die Professorin hielt sich mit beiden Händen an ihrem Nähtische. Was wird der Mann sagen? Sonnenkamp erklärte, wie es sein unablässiger Wunsch und wie nothwendig es für seine Frau, für Roland und Manna sei, daß er in den Adelstand erhoben würde.

Die Professorin zuckte. Wie? Dieser Mann wagt es? Die geborne Adlige empörte sich in ihr. Dieser Mann mit solcher Vergangenheit wagt es?

Sonnenkamp betrachtete sie mit gespannter Aufmerksamkeit. Im Innern dieser Frau ging etwas vor, was er sich nicht erklären konnte; diese Frau schwieg und sprach kein Wort nach solcher Vertrauensbeehrung.

»Warum erwidern Sie nichts?« fragte er endlich.

Die Professorin faßte sich und sagte:

»Würde es Ihnen nicht schwer, einen andern Namen zu tragen?«

Sonnenkamp sah sie scharf an; sie fuhr fort:

»War es mir doch als Frau fremd, einen andern Namen zu tragen.«

»Verzeihen Sie, gnädige Frau,« entgegnete Sonnenkamp verbindlich, »Sie mußten einen bürgerlichen tragen; einen adligen nimmt man wol leichter an.«

Er bat immer dringlicher, und fügte den besondern Wunsch der Gräfin Bella hinzu.

Die Professorin blieb dabei, es könne Niemand, auch die äußerste Freundlichkeit nicht, über ihr Leben bestimmen; sie sei entschlossen, nie mehr in die Gesellschaft einzutreten.

Sonnenkamp glaubte, daß die Professorin nicht als Anhängsel erscheinen wolle; würde man sie aber frei und selbständig stellen, so würde sie sich nicht mehr weigern. In so bescheidener als nachdrücklicher Weise sagte er daher, er lege hiermit eine Summe, mit der die Professorin ihr ganzes Leben ein selbständiges Haus machen könne, in ihre Hände; er griff in die Brusttasche und nahm ein Portefeuille heraus.

»Bitte, lassen Sie,« entgegnete die Professorin hocherröthend; sie starrte auf seine Finger . . . gerade so hielt der Pharisäer das Geldstück . . . »Bitte! Das ist es nicht. Ich schäme mich keiner Position, da ich meine Ehre in mir habe; ich fürchte mich auch nicht vor der Gemüthsbewegung, die mich beim Anblick dieser oder jener Verhältnisse belasten könnte. Ich habe in freiem Entschluß für alle Zeit auf diese Beziehungen resignirt. Ich bedaure tief, Sie bitten zu müssen, keinerlei Beweggrund mehr vorzubringen, denn ich bliebe doch unbewegt.«

Sonnenkamp war in Verlegenheit, wie er das Portefeuille wieder in die Tasche zurückbringen und die heftige Empörung in sich niederkämpfen sollte.

Er stand auf und ging ans Fenster.

Eine Weile starrte er hinaus, dann wendete er sich lächelnd um und sagte:

»Dort schwimmen die Eisschollen, ein milder Hauch sprengt die Eisdecke, warum sollte nicht auch, verehrte Freundin – Sie gestatten mir, Sie so zu nennen – Ihre That, Ihr Vorsatz . . . Sie verstehen schon, wie ich es meine . . . man darf nicht alles Werdende binden.«

»Für mich,« entgegnete die Professorin, »würde dies ein Brechen der Treue sein und ich habe nichts mehr auf der Welt als die Treue gegen mich selbst.«

»Ich bewundere Sie,« erwiderte Sonnenkamp, und glaubte nun durch Kundgebung einer bewundernden Verehrung noch zu gewinnen.

Die Professorin fühlte, daß sie dem armen reichen Manne ein Gutes thun, ihm etwas geben müsse, was ihm Muth und Lust zum Leben mache, und es kam aus ihrer Seele, als sie sagte:

»Lassen Sie sich den Dank der Hunderte aussprechen, die Sie gesättigt und genährt haben. Der Bote Ihrer Wohlthätigkeit zu sein, macht mich glücklich, und ich wünsche nur, daß Sie sich als die Quelle des Glückes empfinden.«

Mit Lebhaftigkeit schilderte sie, wie Alles wohlgeordnet sei und wie sie nicht erst die Krankheit, das heißt die Verkommenheit abwarte, sondern den Gesunden aufhelfe. Sie erzählte so viel Schönes und Rührendes, daß Sonnenkamp sie anstarrte und die Worte hervorstieß:

»Ist Alles gut – gut – ich danke Ihnen.«

Er reichte ihr nochmals die Hand und ging davon. An der Hausthür begegnete ihm Fräulein Milch, er sah sie kaum an und ging weiter.

Fräulein Milch traf die Professorin, die mit großem Eifer ihre Hände wusch, als könnte sie dieselben gar nicht reinigen von der Berührung. Fräulein Milch fragte:

»Hat er Ihnen gesagt, daß er geadelt wird?«

Die Professorin sah sie staunend an. Woher wußte denn diese einfache Wirthschafterin in ihrer Abgeschiedenheit Alles?

Fräulein Milch erklärte, daß der Fleischer aus der Residenz, der von ihrem Nachbarn ein Paar fette Ochsen gekauft, die Nachricht verbreitet habe.

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