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Das Landhaus am Rhein / Band III

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band III - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band III
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band III
pages1-223
created20060731
sendergerd.bouillon
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Zehntes Capitel.

Der Krischer verstand auch, Vögel auszustopfen. Roland wollte ihm sofort am Morgen den erlegten Uhu bringen, der vor dem Fenster lag und gefroren war.

Alle Eindrücke des vergangenen Tages schienen spurlos verschwunden vor der Freude des glücklichen Schusses.

Während er die Flügel des Uhus auseinanderzerrte, sagte er: »Jetzt fällt mir das Wort ein, das mir im Traum ein Mann sagte; er sah wie Benjamin Franklin aus, war aber hagerer. Mir träumte, ich zog in die Schlacht, die Musik machte einen Lärm, grausenhaftes Geschrei ertönte, und dazwischen sagte der Mann: »Menschenpflichten . . . Menschenehre« – da tauchten auf einmal Tausende von schwarzen Köpfen auf, nichts als schwarze Köpfe, ein Meer von schwarzen Köpfen und alle fletschten die Zähne, da fiel der Uhu mir aufs Gesicht, ich erwachte in entsetzlicher Angst.«

Roland wurde gerufen, da seine Mutter nach ihm verlangte. Er ging und Erich schaute ihm gedankenvoll nach. Er lauschte nach der Thür, denn er erwartete, daß Sonnenkamp ihn rufen lasse. Dieser Mann hat gestern so Verschiedenartiges kundgegeben, daß heut eine Zurechtsetzung nothwendig war. Er hörte Schritte seinem Zimmer nahen, es waren Doppelschritte; Roland kam an der Hand seines Vaters und sagte, daß beschlossen worden sei, man gehe mit einander nach der Residenz und bleibe den Winter dort. Sonnenkamp fügte hinzu, daß Erich nun sich der Gemeinschaft der Familie nicht entziehen werde, und er hatte einen lauernden Blick, als er leichthin bemerkte, man werde in der Residenz auch den Grafen Clodwig und seine liebenswürdige Frau treffen.

Erich antwortete nur kurz, daß er sich nunmehr für verpflichtet halte, Roland und seine Angehörigen zu begleiten. Als Sonnenkamp indeß die Erwartung aussprach, daß auch die Professorin mit nach der Residenz ziehe, erwiderte Erich, wie er nicht glaube, daß sich seine Mutter zu einer Uebersiedelung bestimmen lasse.

Sonnenkamp benahm sich überaus höflich, denn er war innerlich glücklich, wenn er heucheln konnte; so oft er die Welt zum Narren hielt, fühlte er eine hebende und tragende Lust. Er war so guter Laune, daß er zu Erich sagte:

»Ich hoffe, Sie auch zu bekehren. Sie werden einsehen lernen, daß man am besten in der Welt lebt, wenn man sich als Fremder in ihr aufhält und sich um die Einrichtung der Staaten nicht kümmert.«

»Gewissermaßen,« entgegnete Erich in scherzendem Tone, »stimmte damit Aristoteles überein; er lebte meist in Athen, wo er sozusagen auf Aufenthaltskarte lebte, nicht Ortsbürger war, vom activen und passiven Wahlrecht ledig, nur seinen Ideen leben konnte.«

»Das freut mich. Man hört von den alten Philosophen doch immer Neues und Gescheidtes. Also Aristoteles war auch ein Reisender? Schön!«

Sonnenkamp machte ein sehr heiteres Gesicht. Die Herren Gelehrten sind doch unendlich bequem, sie wissen für das, was man egoistisch oder gedankenlos thut, große historische Begründungen zu finden. Er lächelte freundlich, und sein Lächeln blieb, obgleich Erich erklärte, daß das, was einem Philosophen wie Aristoteles zustand, nicht Jeder auf sich anwenden dürfe, denn wenn Jeder so lebte, könnte die Welt nicht bestehen; wer würde Gemeinde- oder Staatsämter übernehmen?

Ist doch ein seltsamer Kauz, der deutsche Schulmeister – dachte Sonnenkamp vor sich hin – noch in der Ueberraschung einer Reise ist er zu Gelehrsamkeit bereit.

Er ersuchte Erich und Roland, sich zur Reise bereit zu machen, und als ein Diener die Meldung brachte, daß die gnädige Frau den Herr sprechen wolle, verließ er das Zimmer.

Er trat bei Frau Ceres ein, die ihn müden Blickes anschaute; er sprach seine Freude aus, daß sie wieder wohl sei und andern Tages die Reise nach der Residenz antreten könne. Mit lockenden Farben breitete er vor ihr das schöne Leben in der Residenz aus, wo man glückliche Beziehungen habe an der Familie der Cabinetsräthin, an Graf Wolfsgarten und seiner Frau und auch an der Familie des Herrn von Endlich.

Mit ermunternder Zuversicht fügte er hinzu:

»Seien Sie stark und liebenswürdig, schöne Frau Ceres; als Baronin kehren Sie in diese Gemächer wieder zurück.«

Frau Ceres richtete sich auf und bedauerte nur, daß die in Paris bestellten Kleider noch nicht angekommen seien. Sonnenkamp versprach, sofort zu telegraphiren, er versprach auch, daß die Professorin sie begleite und man unter ihrer Anleitung dort auftrete.

»Du darfst mir einen Kuß geben,« sagte Frau Ceres und fügte hinzu: »Ich glaube, daß wir noch Alle sehr glücklich werden. Ach, wenn ich Dir nur meinen Traum erzählen dürfte, aber Du willst ja nie einen Traum wissen. Ist auch besser, ich erzähle ihn nicht. Aber es war ein Vogel mit großen Flügeln, unendlich groß, und auf dem Vogel saß ich und wurde in die Luft getragen und ich schämte mich, denn ich war gar nicht angekleidet und alle Menschen drunten schauten mir nach und schrien und jubelten und lachten, und da wendete der Vogel seinen Kopf und da war es die Professorin, die sagte: Du bist ja wunderschön angezogen, und da hatte ich allen meinen Schmuck an und mein spitzenbesetztes Atlaskleid . . . Aber ich weiß ja, Du willst keinen Traum hören.«

Sonnenkamp ging fröhlich davon. Der Tag war hell, ein frisch kalter leuchtender Wintertag, an dem sich die Landschaft, jeder Fels, jeder Baum am Berge scharf abhob von dem blauen Himmel; das Eis auf dem Rhein hatte sich gestellt und eine wundersame Stille wie ein angehaltener Athem lag auf der ganzen Landschaft.

Sonnenkamp war glücklich, daß der helle Tag alle Gespenster der Nacht verscheucht hatte und man nun ein frisches Leben gewann. Er gab sofort Befehle nach dem Stall, daß ein Doppelgespann und ein zweiter Wagen nach der Residenz gebracht werde. Als er eine Stunde darauf mit Roland und Erich nach dem grünen Hause ging, sahen sie schon die Pferde, in warme Decken eingehüllt, auf dem Wege nach der Residenz.

Roland bat, daß man auch seinen Pony mitnehme, es wurde ihm willfahrt. Er fragte, welche Hunde er mitnehmen dürfe, es wurde ihm nur einer gewährt; er konnte sich noch nicht entschließen, welchen er auswählen sollte . . .

In der großen Stube der Professorin sah es aus wie auf einem Jahrmarkt; auf Tischen und Stühlen lagen große Pakete gestrickter und gewobener wollener Bekleidungsstücke für Männer und Frauen; Fräulein Milch las einen großen Zettel ab, worauf die Namen der Bedürftigen standen mit der Bezeichnung dessen, was sie erhielten. Die Mutter und Tante verglichen die wohlgeordneten Pakete. Als dies gethan war, rief Fräulein Milch den Krischer, seine Frau und Tochter und den Siebenpfeifer mit seinen sämmtlichen Kindern herein. Sie wurden angewiesen, die betreffenden Pakete an die darauf Bezeichneten abzuliefern.

»Recht so, daß Sie kein Geld schenken,« sagte der Krischer, »aber es fehlt noch etwas.«

»Was denn?«

Er konnte nicht antworten, denn Sonnenkamp und Roland traten ein.

Sonnenkamp freute sich über die bedachtsame Art, mit der das Geld verwendet wurde, er sprach auch einige freundliche Worte zu Fräulein Milch. Seit jenen Morgen, an dem Roland entflohen, hatte er sie nicht wieder gesehen.

Er fragte nach dem Major und hörte mit Bedauern, daß dieser in der Nacht unwohl gewesen, erst gegen Morgen eingeschlafen sei und wahrscheinlich noch schlafe; er habe eine glückliche Natur, die sich immer durch Schlaf helfe.

Die Professorin bat um Entschuldigung, sie wollte zuerst die Sachen abfertigen und sich dann dem frühen Besuche widmen; sie fragte daher den Krischer, was er damit meine, daß eine Hauptsache fehle.

»Ja,« sagte der Krischer, »da wäre Herr Sonnenkamp der rechte Mann dazu.«

»Wozu?«

»Ich meine, es ist schön und gut, daß man den Menschen gut einwickelt und gegen Kälte schützt, aber Lustigkeit und Freude fehlt noch, und da meine ich, man sollte etwas dazu thun, was von innen wärmt, und es wäre nicht uneben, wenn man Jedem eine Flasche Wein dazu schickte. Die Leute sehen das ganze Jahr die Weinberge vor sich und arbeiten drin und die meisten kommen nicht dazu, selber auch einen Tropfen Wein zu trinken.«

»Gut, gut,« sagte Sonnenkamp, »gehen Sie zum Kellermeister, er soll je auf ein Paket eine Flasche guten Wein geben vom vorigen Jahre.«

Sonnenkamp war heute in verschwenderischer Geberlaune, denn er legte noch zu jedem Paket ein Geldstück. Fast aber hätte er das Ganze zerstört, da er sagte:

»Da seht, welch ein Vertrauen ich zu Euch habe. Ich zweifle nicht, daß Ihr Alles richtig abliefert.«

Weggewischt schien alle frohe Laune des Krischers, aber er unterdrückte seinen Zorn und preßte die Lippen zusammen.

Roland half die Pakete auf einen Karren tragen, der vor dem Hause stand; Sonnenkamp wollte ihn davon abhalten, aber die Professorin winkte, ihn gewähren zu lassen. Mit dem letzten Pakete verschwand auch Fräulein Milch.

In der nun ausgeleerten Stube theilte Sonnenkamp der Professorin den Plan der Uebersiedlung nach der Residenz mit und bat, daß auch sie die Familie begleite.

Eben so dankbar als entschieden lehnte die Professorin ab und Sonnenkamp hatte Mühe, seine Mißlaune zu beherrschen, da keinerlei Vorstellung ihren Entschluß wankend machen konnte. Höflich, aber verstimmt, verließ er das Haus und Roland versprach, der Professorin den Greif als Wächter hier zu lassen.

Die Professorin fühlte, wie der Jüngling ihr gern etwas in der Ferne leisten und ein Liebes zum Opfer bringen wollte.

»Dir wird es gut gehen im Leben,« sagte sie, indem sie ihn an der Hand erfaßte.

Die Professorin hatte versprochen, heut Abend nach der Villa zu kommen, wo man die Mitternachtsstunde des Sylvester gemeinsam erwarten wollte.

Als sie kam, traf sie auf dem Flur große schwarze Kisten; im Empfangszimmer der Frau Ceres lagen Kleider auf allen Stühlen und Frau Ceres, glücklich wie ein Kind, ordnete Alles mit einer Behendigkeit, die man sonst gar nicht an ihr bemerkte. Als man sich endlich in den Speisesaal begab, wo man sich zum Thee setzte, fühlten Alle, daß ein großer Abschnitt gekommen war. Während sonst das Gespräch leicht und flüssig sich bewegte und man nicht der Stunde gedachte, schien man heute nur mit Anstrengung Mitternacht heranwachen zu können. Die Professorin fühlte die Spannung; man war schon jetzt eigentlich nicht mehr hier, nicht mehr beisammen, sie sprach daher mehr als sie eigentlich gewollt und erzählte von ihrem Eintritt in die große Welt.

Als es zwölf Uhr schlug, rief Roland:

»Vater, jetzt wird von Allen, denen Du Wein geschickt, auf Dein Wohl getrunken.«

Sonnenkamp küßte seinen Sohn, Frau Ceres küßte die Professorin, dann neigte sie das Haupt und erwartete ruhig einen Kuß auf die Stirn von ihrem Gatten. Draußen läuteten die Glocken, krachten Schüsse.

»Wohlauf zum neuen Jahr! zu frischem Leben!« rief Erich und faßte die Hand seines Zöglings.

Auch in der Nähe der Villa wurde geschossen und gelärmt und Sonnenkamp war höchst ärgerlich, daß die gute deutsche Polizei das dulde; es sei nichts als niedrige Rohheit.

Erich dagegen sagte:

»Man kann, psychologisch genommen, einen Ausdruck der Freude in diesem an sich allerdings unschönen Schießen finden. Ohne daß er es weiß, hat der unscheinbare Mensch, der ein Pistol abknallt, die Freude der Ueberraschung, daß er etwas weithin Wirkendes bewirken kann, daß viele Menschen sein Thun bemerken müssen. So erklärt sich diese rohe Sitte; es ist eine Verstärkung des Menschentones, des Aufjauchzens.«

Sonnenkamp lächelte und sagte Erich und Roland heiter gute Nacht. In Pelze gehüllt, von zwei Dienern begleitet, kehrten die Professorin und Claudine nach dem grünen Hause zurück. Bald war Alles still und träumte dem neuen Jahr entgegen.

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