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Das Landhaus am Rhein / Band III

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band III - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band III
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band III
pages1-223
created20060731
sendergerd.bouillon
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Neuntes Capitel.

Erich ging still dahin; die Mutter nahm zuerst das Wort, indem sie sagte:

»Ein Wort Deines Vaters bietet mir wieder Halt. Nichts ist verwerflicher und ermattender als Reue, sagte er oft; die Erkenntniß, daß man einen Fehler gemacht, muß schnell und scharf sein, dann aber muß man sich mit den Thatsachen zurechtfinden. Ich habe es bereut, mich diesem Hause so verbunden zu haben, daß Rückkehr und Ablösung äußerst schwierig ist. Nun, da es geschehen, müssen wir danach trachten, daß Alles sich zum Besten lenke.«

Claudine, die sonst selten sprach, fügte hinzu, wie martervoll es sei, daß Menschen, auf deren Schicksal eine dunkle That ruhe, wie verbannt seien aus dem Reiche des Geistes und überall verletzende Beziehungen fänden.

Wieder ging man geraume Weile still dahin. Hoch oben vom Bergeskamm hörte man den Verkünder großer Kälte; der Uhu wimmerte in jenen schauerlichen Tönen, die aufsteigend und niederfallend etwas Klagendes und wiederum schadenfroh Triumphirendes haben. Die Drei standen still.

Erich sagte, daß Sonnenkamp sich viele Mühe gegeben, die Eulen aus der Umgegend zu vertilgen; es sei ihm aber nicht gelungen.

In erregter Stimmung wird Alles zum Zeichen und Bild. Kaum die Worte hinhauchend, sagte die Mutter, daß ihr die Aufregung der Frau Ceres unfaßlich sei; sie habe sich an ihren Hals geworfen und geschluchzt und geweint.

Die Drei fühlten, daß im Leben auf Villa Eden ein Wendepunkt eingetreten war.

Erich kehrte nach der Villa zurück. Der Uhu war vom Bergeskamm herabgeflogen; er saß in einem Baumgipfel des Parks und sendete von hier aus keck sein Geschrei in die Luft.

Das hörte Erich und das hörte Sonnenkamp, der im Vorgemach zum Schlafzimmer seiner Frau wartete, bis sein Sohn herauskam. Es war ihm versagt, dabei zu sein, während seine Frau mit Roland sprach.

Endlich kam Roland, und der Vater fragte, was die Mutter gesprochen; er hatte das noch nie gethan, jetzt mußte es sein.

Roland erwiderte, daß die Mutter ihn nur immer geküßt und dann gebeten habe, ihre Hand zu halten, bis sie eingeschlafen sei; sie schlafe jetzt ruhig.

Sonnenkamp verlangte, daß Roland ihm das Buch von Parker zurückgebe, Roland sagte, es sei nicht mehr in seiner Hand und die Professorin habe es ihm sehr verwiesen, daß er es eigenmächtig an sich genommen.

Roland ging in das Zimmer Erichs; dieser war noch nicht da.

Die Eule wimmerte noch immer auf dem Baumwipfel im Park. Roland löschte das Licht und öffnete das Fenster; er nahm die Büchse von der Wand, ein Schuß knallte, der Uhu stürzte vom Baum. Schnell eilte Roland hinab, er traf auf Erich und sagte ihm, daß er den Vogel getroffen; er eilte nach dem Park und holte das Thier herbei.

Das ganze Haus kam in Allarm, Frau Ceres war erwacht und ihr erster Ruf war:

»Hat er sich ermordet?«

Sonnenkamp und Roland mußten nochmals ins Zimmer, um sich ihr zu zeigen. Roland nahm die todte Eule mit, aber die Mutter wollte sie nicht sehen und jammerte nur, daß man ihr den Schlaf geraubt habe.

Vater und Sohn gingen wieder davon und Sonnenkamp belobte Roland, daß er so frisch und keck das Thier erlegt habe.

Erich ging nochmals zu seiner Mutter, die ebenfalls vom Schuß erweckt sein mußte; er fand sie noch wach, auch sie hatte gefürchtet, daß der Schuß der eines Selbstmörders gewesen sei.

Die Aufregung, die im ganzen Hause herrschte, beruhigte sich erst allmälig.

Im Stolze, die Eule erlegt zu haben, vergaß Roland Alles; er ging glückselig zu Bett und schlief bald ein.

Droben aber auf dem Thurmzimmer, drunten im Arbeitszimmer Sonnenkamps brannte noch lange ein Licht, und Erich starrte in die Flamme und wunderbare Gedankengebilde bewegten sich durcheinander. In die Dichtung Shakespeare's, in die Menschen alle, die zugehört hatten, und vor Allem in die Seele Rolands dachte er sich und es erschien ihm gut, daß die Jagdlust alles Grübeln und alles Schwere des Nachdenkens in dem Jüngling verscheucht. Eine That, eine That allein befreit. Wo ist sie, die große, Alles lösende? Sie läßt sich nicht ergründen.

Es gibt ein von allem Willen und von aller Ueberlegung unabhängiges großes Walten der Geschichte und des in ihr wirkenden Gottes. Die That ist nicht unser, aber gerüstet sein, das ist unser.

Endlich fand Erich Ruhe.

Wie ein Gefangener ging Sonnenkamp in seinem großen Gemache auf und ab. Das Löwenfell, dessen Kopf ausgestopft mit glühenden Augen auf dem Boden lag, starrte ihn an; er schob das untere Ende des Felles über den Kopf. Hin und her dachte er, was er thun sollte. Erich erzieht ihm in seinem Sohn einen Widersacher, und die Mutter, die immer, wie Prancken sagt, den umwandelnden Geist ihres Mannes, den verstorbenen Professor Hamlet citirt – nein, sie ist eine edle Frau.

Aber warum hat er diese gelehrte, mit ihren Ideen aufgebauschte Bettlerfamilie sich auf den Hals geladen? Ohne Aufsehen zu erregen, kann er sie nicht mehr abschütteln. Nein, er will sie ausnützen und dann von sich werfen.

Ein glücklicher Entschluß beruhigte ihn endlich. Wir müssen in andere Verhältnisse, in Zerstreuungen und gradaus jetzt zum Ziel. Uebermorgen ist der Neujahrstag, wir ziehen alle nach der Residenz.

Mit diesem Gedanken fand auch Sonnenkamp endlich Ruhe.

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