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Das Landhaus am Rhein / Band III

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band III - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band III
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band III
pages1-223
created20060731
sendergerd.bouillon
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Achtes Capitel.

Seitdem man zur Erzielung eines starken Weines die Traube am Stock »edelfaul« werden läßt, gibt es keine Herbstlust mehr.

Sonnenkamp war stolz darauf, die besten Trauben gezogen zu haben, aber mit dem Herbstjubel war es trotzdem nichts. Die Nebel standen am Morgen lange über dem Thale und verhüllten früh am Abend die ganze Landschaft; die Blätter waren von den Bäumen gefallen, der Reif glitzerte auf den kahlen Zweigen, als man endlich die Trauben einsammelte und kelterte. Der Major ließ es sich nicht nehmen, Freudenschüsse loszuknallen, und hatte großes Vergnügen an seinen beiden Kameraden, Erich und Roland, die vortrefflich mit ihm auf Commando schossen, so daß der dreifache Schuß nur ein einfacher Knall war; das war aber auch Alles.

Auf der Villa wurde bereits geheizt, und die Einrichtung Sonnenkamps, daß jeder Ofen sein besonderes Kamin hatte, bewährte sich. Ein Fest aber war es, als bei der Professorin zum ersten Male ein Stubenfeuer brannte; Erich und Roland, auch Fräulein Milch waren gekommen und so saß man beisammen um den offenen Kamin; es ließ sich nicht eigentlich sagen, was Alle erquickte, sie waren im Innersten heimisch und befriedigt.

Die Mutter ermunterte Erich, wieder einmal am behaglichen Winterabend eine ihrer Lieblingsdichtungen vorzulesen. Erich erklärte sich bereit, weil er fühlte, daß er die Verfremdung, welche durch seine Weigerung, den Sohn der Cabinetsräthin mit zu unterrichten, eingetreten war, auf jede Weise zu beseitigen suchen mußte.

Sonnenkamp, der ein großes Jagdrevier hatte, ließ schöne Karten drucken, mit denen er die bessere Gesellschaft zu seinen Jagden einlud. Es kamen Gegeneinladungen der Nachbarn und auch Erich fand sich mit Roland wenigstens einmal wöchentlich bei einer großen Jagd ein.

Roland war stolz auf die Jagdkunst seines Vaters, der von Allen als der Erste angesehen wurde; die Gesellschaft hörte ihm immer gern zu, wenn er von großen Jagden erzählte. Auf einem kurzen Ausfluge in Algier hatte er sogar einen Löwen geschossen, dessen Fell noch unter seinem Schreibtisch lag.

Das heiterste Jagdessen wurde auf der Burg abgehalten, wo vorläufig ein großes Zimmer dazu eingerichtet war. Hier war der Major der eigentliche Burgherr, er erzählte auch von den belebten Abenden, die Erich durch Vorlesen antiker und moderner Dramen auf Villa Eden bereite; er habe nicht gewußt, daß es so viel Schönes gebe und daß ein einzelner Mensch mit seiner Stimme Alles so deutlich machen könne.

In fast ununterbrochener Regelmäßigkeit hatte Erich wöchentlich einen Abend vorgelesen. Das Verhalten der Zuhörer war ein verschiedenes. Der Major saß immer andächtig und hatte die Hände gefaltet, Frau Ceres lag in ihrem Stuhl und schlug nur manchmal die Augen auf, um kund zu geben, daß sie nicht schlafe. Fräulein Perini hatte eine Handarbeit, die sie, ohne irgend eine Erschütterung zu zeigen, regelmäßig fortführte. Die Professorin und Claudine saßen ruhig da. Sonnenkamp bat ein für allemal um Entschuldigung, daß man ihm seine Unart verzeihe.

Und so saß er und schnitzelte an einem Holzpflock. Nur manchmal schaute er auf, hielt das Schnitzelmesser in der Rechten und das Holz in der Linken und starrte drein; schnell aber kehrte er wieder zu seiner Arbeit zurück.

Roland setzte sich Erich immer so gegenüber, daß dieser ihm in die Augen lesen mußte, und bis tief in die Nacht hinein sprach er oft von dem, was er gehört.

Erich hatte Macbeth gelesen und war erfreut, da Roland ihm sagte:

»Lady Macbeth kann einmal in solch eine Hexe verwandelt werden, wie sie da gleich am Anfang auftreten.«

Ein andermal, als Erich den Hamlet vorgelesen, war er nicht wenig erstaunt, da Roland ihm vor dem Schlafengehen sagte:

»Wunderlich! Hamlet spricht in seinem Monolog davon, daß noch Niemand aus der andern Welt wieder erschienen sei, und kurz vorher war ja der Geist seines Vaters da und kommt nachher wieder.«

Wieder ein andermal, als Erich die Goethe'sche Iphigenia gelesen hatte, sagte Roland:

»Ich verstehe noch immer nicht, warum Manna mir damals gesagt hat, sie sei Iphigenie; dann wäre ich ja Orest. Ich, Orest? Warum? Was nur Manna damit gemeint hat?«

Eines Abends, als der Pfarrer und der Arzt zugegen sein konnten, bat dieser, daß Erich den Othello von Shakespeare vorlese. Sonnenkamp sah den Arzt betroffen an, aber schnell lächelte er gezwungen und stimmte bei. Erich sah auf Roland. Wird nicht dadurch das eingeschlummerte Grübeln Rolands über die Neger eine neue Erweckung erhalten? Er wußte nicht abzulehnen und auch keinen Grund vorzubringen, um Roland zu entfernen.

Erich las. Die Fülle und Biegsamkeit seiner Stimme brachte jeden Charakter zur vollen Geltung, er hielt die Grenzlinie inne, die das Vorlesen fern von allem Theatralischen hält; es war nicht Nachahmung des Lebens, vielmehr eine Plastik, die nicht die Farbe hervorhebt, sondern die reine Form erscheinen läßt.

Der Doctor nickte der Professorin zu, die Vortragsweise Erichs schien ihm zuzusagen.

Zum ersten Mal hörte Frau Ceres mit gespannter Aufmerksamkeit zu, sie lehnte sich den ganzen Abend nicht zurück, sie hielt sich vorgebeugt und ihr Antlitz hatte einen neuen, ungekannten Ausdruck.

Erich las in Einem Zuge fort, und als er am Schlusse jenes weinende Schuldbekenntniß Othello's in einer mit Thränen kämpfenden Stimme vortrug, rannen große Thränen über das feine blasse Antlitz der Frau Ceres.

Das Stück war zu Ende.

Frau Ceres erhob sich rasch und bat die Professorin, sie in ihr Zimmer zu geleiten. Fräulein Perini und Claudine entfernten sich mit ihnen.

Die Männer waren aufgestanden, nur Roland blieb wie gebannt auf seinem Stuhle sitzen.

Sonnenkamp betrachtete sein Schnitzwerk und legte die abgeschnitzten Stücke in ein Häufchen zusammen, wie wenn es lauter Goldsplitter wären, ja er bückte sich, um einige auf den Boden gefallene aufzuheben. Jetzt richtete er sich auf und fragte Erich:

»Was denken Sie von der Schuld der Desdemona?«

»Schuld und Unschuld,« erwiderte Erich, »sind keine Naturbegriffe, sie sind menschliche, sociale Moralgesetze; die Natur kennt nur das freie Spiel der Kräfte und eine solche zweite Natur sind die Dichtungen Shakespeare's, sie stellen das freie Spiel der Naturkräfte im Menschen dar.«

»So ist's,« schaltete der Pfarrer ein. »In diesem Werke ist nie von Religion die Rede, die Religion müßte die wilden, nur wie Naturkräfte sich geberdenden Menschen mildern, schmeidigen und zur Beherrschung bringen oder vielmehr zur Unterwerfung unter die geoffenbarten höheren Gesetze.«

»Schön, sehr schön,« sagte Sonnenkamp, der blaß geworden war, »aber erlauben Sie, daß ich den Herrn Hauptmann noch um Beantwortung meiner Frage bitte.«

»Ich kann Ihre Frage,« ergänzte Erich, »nur mit den Worten unseres größten Aesthetikers beantworten, der einmal scherzweise gegenüber den moralisirenden Auslegungen sagte: Der Dichter wollte einen Löwen charakterisiren, und um einen Löwen zu charakterisiren, mußte dargestellt werden, wie er ein Lamm zerreißt. Von der Schuld des Lammes ist keine Rede, der Löwe muß seiner Natur gemäß handeln. Ich glaube aber, daß die tiefste Tragik dieses Dramas unausgesprochen und verhüllt bleibt.«

»Und was wäre das?«

»Nur die mutterlose, geschwisterlose, unter Männern erwachsene Desdemona konnte einen Helden lieben, dessen elegisches, kindliches, Liebe bedürftiges und anschmiegendes Naturell sich wie ein gezähmter Löwe zu ihren Füßen niederkauert. Der Tact des Dichters ist ein wunderbar prophetischer. Es ist wider die Natur! ruft Desdemona's Vater und das ist die Lösung des Problems. In diesem Worte lebt sich Alles gut aus und stimmt in sich überein wie ein Naturprodukt.«

»Also gerade Sie, der Idealist, fassen den hier aufgestellten Conflict durchaus physiologisch?« warf der Doctor ein und Erich erwiderte:

»Die Rassen sind verschieden, aber sie sind ethisch gleich. Läge der Accent auf einer Rassenverschiedenheit, die auch eine moralische Verschiedenheit wäre, so wäre es keine Tragödie; denn nur zwischen moralisch Gleichen gibt es eine Tragik, nicht zwischen Wesen höherer und niederer Gattung. Die fügsame, ihre Wildheit nicht verleugnende, aber wie erlöste Kraft bildet die Quelle einer Liebe, die Alles vergessen macht, sogar die Rassenverschiedenheit überwindet und die schwarze Farbe tilgt. Als Othello sie zum ersten Mal küßte, hielt Desdemona wol die Augen geschlossen; diese Geschlossenheit des Auges ist nicht nur ein Moment, sie hält lange an. Aber ein Entsetzen ohne Gleichen, eine wahnsinnige Verwirrung müßte aus diesem Augenschließen werden, wenn Desdemona ein Kind in den Armen halten sollte, das ihr seiner ganzen äußeren Bildung nach fremd und abstoßend erscheinen mußte. Aufschreien müßte sie aus zerwühltem Herzen. Ein Kind an ihrer Brust, das ihr so fremd! Der erste Blick einer Mutter auf ihr Kind, den ein Philosoph als den höchsten bezeichnet, dieser Mutterblick müßte Desdemona tödten oder wahnsinnig machen.«

Sonnenkamp, der mit rasch sich bewegenden Fingern an den Splittern gespielt hatte, warf jetzt das Angesammelte auf den Boden, ging auf Erich zu, streckte ihm beide Hände entgegen und rief:

»Sie sind ein freier Mann, ein frei Denkender, von keinem Hokuspokus betäubt. Sie sind der Einzige, der mir die Unzuträglichkeit aus dem Grund erklärt. Ja, so ist's. Es ist wider die Natur! Das Connubium . . . das Connubium! Die Römer wußten, was darin liegt. Wo das Connubium im Widerspruch mit der Natur ist, da kann von Menschenrecht, von Rechtsgleichheit keine Rede sein. Affen ihrer eigenen Vernunft, selbst zum Affen heruntergesunken sind die Humanitätsfaseler, die fern von den Dingen, allgemeine Vorstellungen und Anforderungen bilden und die nie zu vermenschlichenden, ewig tückischen, nur mit Sprache begabten Thiere nicht kennen. Hoho! Du edler Menschenfreund!« rief er und ging in der Stube auf und ab. »Gib Deine Tochter einem Neger, thu' das! thu' das! Fürchte jede Stunde, daß er Dein Kind zerfleische! herze einen schwarzen Enkel! thu das! edler Menschenfreund! Dann komme wieder und sprich von Gleichheit der weißen und der schwarzen Rasse!«

Noch nie hatten die Männer Sonnenkamp so sprechen hören. Er hatte die Fäuste geballt, als hielte er einen Gegner, den er würge. Jetzt wiederholte er mit gezwungenem Lächeln nur nochmals, daß Erich den Kernpunkt getroffen. Ein weißes Mädchen könne nicht das Weib eines Negers werden; das sei nicht Vorurtheil, sondern Naturgesetz.

Die Männer sahen einander staunend an und mit einer Schüchternheit, die sonst gar nicht sein eigen war, sagte der Doctor: vom physiologischen Standpunkte aus könne er Manchem nur beistimmen, denn es sei bekannt, daß die Mischlinge schon in der dritten Generation aussterben. Und an den Pfarrer gerichtet, setzte er hinzu: eine Selbständigkeit der Rassen schließe die Menschenrechte nicht aus, da sie auch nicht die Menschenpflichten ausschließe, wie auch die Religion gleiche auferlege. Freilich, die Religion sollte Freiheit sein und sie wurde – zur Kirche.

Der Pfarrer fand sich genöthigt zu erklären, daß die Neger alle religiöse Ueberzeugung und Bekenntnisse verstehen, und das gäbe ihnen die vollen Menschenrechte.

»So?« rief Sonnenkamp, »in der That? Warum hat denn die Kirche nicht die Aufhebung der Sklaverei verordnet?«

»Weil die Kirche,« erwiderte der Pfarrer ruhig, »nichts Derartiges zu verordnen hat. Die Kirche wendet sich an die ewige Seele und lehrt sie, sich zum Himmelreich bereiten. In welcher socialen Stellung die Hülle dieser Seele ist, können wir nicht ordnen und nicht bestimmen; weder die Knechtschaft noch die Freiheit ist Hinderniß zum gottseligen Leben. Unser Herr und Meister rief die Seelen der Juden auf zum Himmelreich, derweil sie unter römischer Knechtschaft waren. Er rief die Völker alle durch seine Apostel und hatte nicht zu fragen, welches ihre politische Verfassung und sociale Stellung. Das mögen Andere ordnen. Unser Reich ist das Reich der Seelen, die gleich sind, ob sie in schwarzen oder weißen Leibern, in der Republik oder in der Tyrannei leben. Wir können es mit Freuden begrüßen, wenn auch der Leib frei ist, aber das zu schaffen, ist nicht unseres Amtes.«

»Theodor Parker hat das anders aufgefaßt,« erhob sich Roland plötzlich.

Als wäre ein Schuß an seinem Kopfe vorbeigefahren, rief Sonnenkamp:

»Woher kennst Du den Mann? Wer hat Dir von ihm gesagt?«

Roland erbebte sichtlich, da sein Vater ihn an beiden Schultern faßte.

»Vater!« rief er mit männlichem Tone, »auch ich habe eine freie Seele! Ich bin Dein Sohn, aber meine Seele ist frei!«

Sonnenkamp athmete mit hochbewegter Brust, aber plötzlich sagte er:

»Es freut mich, mein Sohn; das ist schön, das ist gut; Du bist ein echter amerikanischer Junge. Recht so! Gut . . .«

Dieses plötzliche Auf und Ab, dieses Hin- und Herwenden Sonnenkamps benahm allen Anwesenden die Fassung. Aber Sonnenkamp fuhr in mildem Tone fort:

»Es freut mich, daß Du Dich nicht erschrecken ließest, Du hast Muth . . . Nun sag', wie bist Du mit den Schriften Parkers bekannt geworden?«

Roland erzählte getreulich, wie es ihm ergangen, nur daß die Professorin beim Besuche im Städtchen den Namen Parkers genannt hatte, verschwieg er.

»Warum hast Du mir nie davon erzählt?« fragte der Vater.

»Ich kann auch etwas in mir bewahren,« erwiderte Roland; »Du hast mir ja deßhalb etwas vertraut.«

»Recht so, mein Sohn, Du rechtfertigst mein Vertrauen.«

»Es ist schon spät, wir müssen heim,« erlöste endlich der Major die ganze Gesellschaft.

Auf keinem gefährlichen Vorposten, in keiner Schlacht hatte der Major solch Herzpochen gefühlt, wie während der Vorlesung, noch mehr aber, als das Gespräch eine so gefährliche Wendung nahm. Er schüttelte immer den schweren Kopf und streckte oft wie hülfesuchend und abwehrend die Hände in die Luft, als wollte er Allen sagen: So laßt doch nur um Gottes Willen von diesem Gespräch ab! Das ist nicht gut, das führt zu Bösem! Dann betrachtete er wieder Sonnenkamp und zog die Achseln weit herauf. Was hat denn nur der Mann, daß er uns herausfordert? Wir legen ihm ja nichts in den Weg, an diese Dinge hätte er nicht rühren sollen! O wie sehr hatte Fräulein Milch recht, die ihn gebeten hatte, heute zu Hause zu bleiben. Wie gut wär's im Lehnstuhl, in dem jetzt die Laadi liegt; man hätte schon ein paar Stunden geschlafen, und nun wird es Mitternacht, ehe man heim kommt, und die gute Fräulein Milch wartet immer, bis er heim kommt. Es war ihm wie eine Erlösung, als er die Uhr herausnahm und zeigen konnte, wie spät es sei.

Die Professorin trat eben wieder ein und sagte Roland, er solle zu seiner Mutter kommen.

Die Männer machten sich auf den Heimweg und Erich geleitete seine Mutter und Tante durch die schneeige Nacht nach Hause.

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