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Das Landhaus am Rhein / Band III

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band III - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band III
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band III
pages1-223
created20060731
sendergerd.bouillon
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Drittes Capitel.

Der erste Blick, mit dem die Professorin und Manna einander ins Auge faßten, war Ueberraschung; Jedes hatte sich vom Andern eine nicht zutreffende Vorstellung gemacht.

Manna erinnerte sich der hohen Gestalt Erichs, seiner Aehnlichkeit mit dem Bilde des heiligen Antonius und nun stand vor ihr eine kleine ergraute Blondine. Die Mutter dagegen hatte sich eine schöne Schwester Rolands vorgestellt und sah nun eine zierlich feine, aber beim ersten Anblick durchaus nicht den Eindruck von Schönheit gebende Erscheinung. Die Farbe des Antlitzes war etwas dunkel, die braunen Augen glänzten in breitem, ruhigen, jeden Hineinblickenden erwärmenden Feuer.

Manna verbeugte sich sehr förmlich vor der Professorin und diese reichte ihr mit einer mütterlichen Zutraulichkeit die Hand, indem sie sagte, daß es ihr eine Freude sei, bei dem Besuche, den sie ihrer Jugendfreundin, der Oberin, mache, auch die Tochter ihrer Gastfreunde kennen zu lernen. Sie betonte besonders, daß sie in einem traulichen Verhältniß zur Mutter Manna's stehe.

»Ist meine Mutter wohl?« fragte Manna; ihre verschleierte Stimme tönte warm und anmuthvoll.

Die Professorin gab guten Bericht und konnte hinzufügen, daß der Doktor sage, Frau Ceres sei noch nie so anhaltend belebt gewesen wie jetzt.

»Wenn Sie an Manna einen besonderen Auftrag haben,« sagte die Oberin, »so will ich Sie allein lassen.«

»Ich habe durchaus keinen besonderen Auftrag.«

Manna verabschiedete sich, sie reichte der Professorin die Hand und ging davon. Sie wußte nicht, wie ihr geschehen war. Wozu hat man sie denn rufen lassen, wenn man ihr kaum etwas mitzutheilen hat? Daß diese Fremde sie so hin und her schickte – denn eine Fremde ist doch diese Frau – erschien ihr unwürdig. Aber während sie über den langen Gang dahinwandelte, sah sie beständig das treuherzig milde Antlitz der Fremden vor sich und jetzt lächelte es ihr zu, als wollte es sagen: Bist ein seltsames Kind!

Nachdenklich kehrte Manna in ihre Zelle zurück; sie sah zum Fenster hinaus, Prancken stieg mit dem Pferde in einen Kahn und dann landete er drüben. – Er eilte rasch das Ufer hinan und verschwand hinter den Weiden.

Manna sehnte sich nach der Zeit, wo die Welt ihr entrückt sein und keine Unruhe mehr über sie kommen würde, denn jetzt war sie tief beunruhigt. Da ist Prancken, da ist die Mutter des Erziehers – was sollte das Alles? Sie nahm ihr Andachtsbuch vor, aber es gelang ihr nicht, ihre Gedanken von den hier feststehenden fesseln zu lassen.

Indeß saß die Professorin bei der Oberin.

Erscheinung wie Haltung dieser beiden Frauen war ein scharfes Widerspiel.

Die Gestalt der Professorin war behaglich und in ihrem Antlitz eine aufmerksame Belebung, ihre Hände waren rund und voll. Die Oberin war hager, groß, gestreckt, der Ausdruck ihres Gesichts streng und ernst, wie wenn sie eine Sekunde vorher einen gemessenen Befehl ertheilt hätte oder im Begriff wäre, einen solchen zu ertheilen; ihre Hände waren lang und ausgearbeitet. Beide Frauen hatten eine schwer geprüfte Vergangenheit; die Professorin hatte eine milde, ja eine lächelnde Zufriedenheit daraus gewonnen, die Oberin dagegen eine beständige Rüstung, um allen Begegnungen fest gegenüberzustehen.

Bei der ersten Begrüßung der beiden Jugendfreundinnen nach einer bald dreißigjährigen Trennung schien die Oberin es nicht gehört zu haben oder nicht hören zu wollen, daß die Professorin sie Du genannt hatte.

»Ich hätte nicht geglaubt, daß ich Sie diesseits noch einmal sehe,« sagte sie alsbald, und als die Professorin Jugenderinnerungen erwecken wollte, entgegnete die Oberin, sie kenne keine Vergangenheit, sie kenne nur eine Zukunft, die einzige, die das Recht habe, daß wir all unser Denken darauf richten.

Die Oberin bemerkte, daß die fremde Anrede die ehemalige Freundin stutzig mache, und sagte mit gleicher Ruhe, daß sie keinerlei Unterschied mit Verwandten und Bekannten aus der früheren Welt mache; es sei ihr Niemand näher und Niemand ferner gestellt; wer nicht so zu handeln vermöchte, der dürfe sich nicht dem geistlichen Berufe widmen.

Die Professorin war gefaßt genug, um zu sagen:

»Sie hatten immer eine Strenge des Geistes, die mich früher manchmal erschreckte, die ich jetzt aber bewundere.«

Die Oberin lächelte; aber wie im Zorn, daß sie von dieser Höflichkeit sich geschmeichelt fühlte, setzte sie hinzu:

»Ich bitte, mich nicht zur Eitelkeit verleiten zu wollen. Ich stehe auf meinem Posten und habe strengen Wachtdienst, bis der Herr mich abruft. Damals, ich muß es doch sagen, wußte ich nicht, daß Sie und ich in zwei verschiedenen Welten lebten; in meiner Welt hat man die Pflicht, keine Kraft für sich selbst zu haben.«

Bei aller Selbstverleugnung erschien es der Professorin, als ob die Oberin von der Macht und Größe des Kreises, in dem sie stand, mit jenem Stolze oder wenigstens mit jenem gehobenen Selbstgefühle sprach, das Jeden leicht überkommt, der einem geschlossenen, machtvollen Gemeinwesen angehört.

Bald aber fanden die Beiden einen friedlichen Berührungspunkt, indem sie über die schwere Aufgabe der Erziehung junger Seelen sich besprachen.

Die Oberin hatte reiche eigene Erfahrung, während die Professorin fast nur auf Lehre und Anschauung ihres Gatten sich berufen konnte; und jetzt, da sie als Schülerin erschien und dankbar zuhörte, wurde sie auch milder betrachtet. Die Oberin fühlte, daß sie doch etwas zu schroff sich verhalten, und wie man in solcher Empfindung leicht Dinge mittheilt, die man eigentlich verschließen wollte, so geschah es auch hier.

Sie erzählte, welch ein wundersames Wesen Manna sei; es seien zwei Naturen in ihr, eine demüthig fügsame, fast willenlose, und eine kämpfende, trotzige und eigenwillige. Sie habe einen ernsten Charakter, vielleicht etwas zu ernst für ein siebzehnjähriges Mädchen; nur könne sie in ihren Empfindungen oft nicht Maß halten, aber wer könnte das in diesem Alter. Auf ihrem Gemüthe laste ein Schmerz, der unerklärlich sei; es sei zu vermuthen, daß er darin seinen Grund habe, daß das Kind den Zwiespalt der Eltern tief empfinde. Sie fragte die Professorin um Näheres über die Charakterbesonderheit der Eltern, aber die Professorin antwortete ausweichend. Die Oberin erzählte weiter, daß Manna Anfangs einen schweren Stand im Kloster gehabt, ja ihr Eintritt fast eine Revolution bewirkt habe. Zwei Amerikanerinnen aus den besten Familien waren ebenfalls hier und wollten nicht mit der Quadrone – denn für eine solche hielten sie Manna – an Einem Tische sitzen; sie erzählten den Mitschülerinnen, daß Neger und Mischlinge in ihrem Vaterlande immer in abgesonderten Waggons der Eisenbahn sitzen, wie auch in der Kirche besondere Plätze haben müßten. Durch schnelle Fassungsgabe und großen Eifer habe Manna es bald dahin gebracht, daß sie sogar das blaue Band erhielt.

Die Professorin hätte der Oberin gern gesagt, daß es ihre Pflicht gewesen wäre, den Kindern durch Lehre und That zu zeigen, wie es vor Gott keinen Unterschied des Blutes gebe und diese Ausschließung eine Gottlosigkeit und Barbarei sei.

Sie unterdrückte es. Eine Röthe aber durchzog das Antlitz der Professorin, da die Oberin sagte, sie möge die Güte haben, beim Tischgebet die Hände zu falten. Sie erwiderte:

»An unserm Tisch wurde kein übliches Gebet gesprochen, aber ich glaube, daß an demselben ein reines und gutes Denken herrschte.«

»Gut, gut, ich wollte Sie nicht verletzen,« sagte die Oberin. »Ich habe mit Theilnahme erfahren, daß Sie den Mann verloren, um dessentwillen Sie sich aufopferten.«

»Ich war glücklich mit meinem Mann,« erwiderte die Professorin, »unsere Liebe erneuerte sich täglich. Dieses Glück habe ich verloren, aber ich besitze noch eine hohe und schöne Liebe: die zu einem Sohn, der sich gut und tüchtig entwickelt hat.«

»Es freut mich, daß Sie so glücklich sind, aber sagen Sie mir aufrichtig: haben Sie nicht auch gefunden, daß unter zehn verheirateten Frauen mindestens neun unglücklich sind?«

Die Professorin schwieg und die Oberin fuhr fort:

»Ihr Schweigen ist Bejahung, und nun sehen Sie den großen Unterschied: unter hundert Nonnen finden Sie kaum eine unglückliche.«

Die Professorin schwieg noch immer, sie wollte auf diese kühne Behauptung keine Erörterung weiterführen, sie war Gast, sie wollte hier nicht bekehren und verbessern. Die Oberin aber wurde herausfordernd, denn sie fragte:

»Kennen Sie etwas Unglücklicheres als ein Mädchen, das weiß und von dem Andere wissen, daß es in den Besitz von Millionen kommt? Soll es an die Liebe von vergänglichen Menschen glauben? Soll es glauben, daß es um seinetwillen umworben werde? Da bleibt nichts, als sich und seine Habe in die Hand des Ewigen geben. Wir werben nicht um Manna und ihren einstigen großen Besitz, wir bestehen darauf, daß sie in die Welt zurückkehre und erst aus freiem Entschluß wieder zu uns komme. Von unserer Seite geschieht weder Zwang noch Einflüsterung, aber wir haben auch die Pflicht, Diejenigen, die das Unvergängliche dem Vergänglichen vorziehen, wo sie auch sein mögen, zu schützen; und nun reden wir darüber nicht mehr.«

Die Oberin ging davon.

Die Professorin wandelte allein auf der Insel und es erschien ihr als ein Wagniß, ja als unberechtigte Kühnheit, das Kind, das hier in Frieden lebte und in diesem Kreise sein Leben beschließen wollte, herausreißen zu wollen.

Sie stand am Ufer und fast ohne zu wissen warum, ließ sie sich übersetzen und war nicht wenig erstaunt, unter den schattigen Linden des Gasthofes Herrn Sonnenkamp und Herrn von Prancken beim Weine sitzen zu sehen.

Prancken hatte ein seltsames Gewand an, so daß sie glaubte, sie irre sich; sie wollte umkehren, wurde aber angerufen und trat zu den beiden Männern in den Garten.

Sonnenkamp war sehr aufgeheitert, er pries den Zufall, der ihn hier seinen Freund Prancken treffen ließ, er fand es gar prächtig, daß sich der Baron eine Weile zum Feldbauer machte, er deutete an, daß er auch einmal so etwas gewesen, und sagte:

»Vor unserm Freunde haben wir kein Hehl. Frau Professorin, will Manna nun mit Ihnen heimkehren?«

Die Professorin erzählte, daß davon noch kein Wort gesprochen sei, und man könne es auch kaum wünschen; man solle Manna ihre Zeit vollenden lassen und überhaupt sich vor jedem gewaltsamen Eingriff hüten.

Prancken stimmte bei, Sonnenkamp war indeß sehr unwirsch, er fand es empörend, daß sein Kind hier wie in einer Heerde leben sollte, während ihm ein freies Dasein bereitet war.

Die Mittagsglocke läutete auf dem Kloster, die Professorin sagte, daß sie zurückkehren müsse.

Sonnenkamp begleitete sie bis ans Ufer und dort sagte er leise:

»Kümmern Sie sich nicht um Prancken. Wir wollen meinem Kinde die Freiheit geben in jeder Beziehung.«

Die Professorin fuhr wieder nach der Insel; die Kinder saßen schon bei Tische, als sie in den Speisesaal kam. Als gespeist und gebetet war, sagte die Oberin zu Manna:

»Nun geh mit der Freundin Eures Hauses.«

Die Professorin ging mit Manna nach dem schattigen Wäldchen am obern Ende der Insel. Auch Heimchen ging mit und war zutraulich gegen die Mutter; das Kind ließ sich ruhig mit einem Buche unter einen Baum setzen und wollte hier warten, bis man es wieder abhole.

»Du darfst aber Manna nicht mit fortnehmen,« rief das Kind noch von seinem niedern Bänkchen nach; die Beiden erschraken, denn das Kind sprach wie durch einen Naturtrieb aus, was die Eine besorgte, die Andere hoffte.

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