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Das Landhaus am Rhein / Band III

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band III - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band III
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band III
pages1-223
created20060731
sendergerd.bouillon
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Elftes Capitel.

Noch nie war der Major am Sonntagstisch heiterer gewesen als heut, er vergaß sogar, Joseph zuzunicken, daß er ihm von seinem Burgunder nochmals einschenke.

Frau Ceres lächelte verlegen, als die Professorin sagte, wie schön es sei, sich am Ausblick über den Strom und die Berge zu erquicken, viel schöner aber noch, einen Einblick zu haben in gediegene Häuslichkeit. Sie kenne zwar von fremden Ländern nur wenig, aber es gebe wol kein Land, das Deutschland übertreffe an gediegener Fülle des Gemüths und weit verbreiteter Bildung; Städte und Dörfer, die nur ein klingender Name für vorbeisausende Reisende seien, bärgen in sich das Schönste und Beste, was das Menschenthum ziert.

»So weit die Glocken klingen, ist heut keine bessere Predigt gehalten worden,« sagte der Major zu Erich. Dann erhob er sich. »Ja, die Mutter . . . stoßen Sie Alle mit an . . . Ja, die Mutter soll leben und sie lebt nicht nur, sie macht, daß man das Leben schön und rechtschaffen sieht, und der Baumeister aller Welten wird sie dafür segnen. Meine Brüder! . . . Ich wollte sagen, meine . . . meine . . . also die Professorin soll leben!«

Noch nie hatte der Major einen so langen Trinkspruch ausgebracht und noch nie war er zufriedener wie heute. Er ging bald nach der Tafel heimwärts und unterwegs sagte er sich immer die Worte des Trinkspruchs vor, denn es war sein Hauptstolz, Fräulein Milch seine schöne Rede wörtlich berichten zu können. Aller Ruhm der Welt ist nichts, wenn nicht sie ihn lobt; sie versteht doch Alles am besten.

Als er zu Hause ankam und Fräulein Milch klagte, daß heute ihr süßer Rahm sauer geworden sei und man im ganzen Dorfe keinen frischen bekomme, winkte er ihr mit der Hand, sie solle nichts reden, damit er seinen Toast nicht vergesse; er stellte sich frei vor sie hin und sagte:

»So habe ich bei Tisch gesprochen.«

Die Laadi schaute ihren Herrn an, als er eine so gewaltige Rede hielt, und da er fertig war, bellte sie zum Zeichen des Verständnisses. Der Major wollte gewiß nicht lügen, aber die Rede war noch schöner, wenigstens länger, als er sie Fräulein Milch vortrug. Nachdem er geendet hatte, sagte sie:

»Ich freue mich nur, daß auch gute Menschen Ihre Worte gehört haben.« Denn Fräulein Milch war Herr und Frau Sonnenkamp, vor Allem aber Fräulein Perini nicht hold.

»Warum haben Sie nicht unser schönes weißes Tischzeug aufgelegt?« fragte der Major, als er den sauber hergerichteten Kaffeetisch im Garten sah.

»Weil das Weiße in der Sonne zu sehr blendet.«

»Ist wahr . . . ist gut. Soll ich nicht die Laadi einsperren? Sie ist so zudringlich.«

»Nein, lassen Sie den Hund nur frei.«

Der Major sann hin und her, ob er nicht auch etwas thun könne, um die Gäste würdig zu empfangen. Er fand es.

Er entlehnte und borgte sonst nie etwas, aber heute durfte man eine Ausnahme machen. Er ersuchte die Köchin des Aichmeisters, ihm ein Töpfchen frischen Rahms zu geben.

Es gelang ihm, den Topf auf den Tisch zu stellen, ohne daß Fräulein Milch es merkte. Er hielt sich die Hand vor den Mund, daß er nicht laut auflache, wie sie staunen würde, wenn plötzlich süßer Rahm auf dem Tisch stehe. Er ging in die Stube und trug seinen großen lederüberzogenen, gepolsterten Lehnsessel in den Garten, da sollte die Professorin sitzen; aber Fräulein Milch, die dazu kam, zeigte zu seinem Schrecken, daß der Lehnstuhl das helle Tageslicht im Freien nicht vertrage; er wurde nun von Beiden wieder zurückgebracht.

Fräulein Milch bat den Major, recht ruhig zu sein, und jetzt nahm sein Antlitz eine Miene an, als ob er weinen müsse. Er legte die Hand auf die Schulter des Fräulein Milch und sagte:

»Es ist hart . . . sehr hart . . . grausam . . . schlimm . . . sehr schlimm . . . sehr grausam, daß ich nicht sagen darf: hier, Frau Professorin, dies ist die Frau Majorin.«

Fräulein Milch wendete sich rasch, ihre Mienen hatten plötzlich etwas Erstarrendes.

»Um Gottes Willen, was machen Sie?«

Der Hund bellte, wie wenn er sagen wollte: was ist denn das? was seht ihr euch denn so böse an?

»Bin schon ruhig . . . bin schon ruhig! Sei still, Laadi,« beschwichtigte der Major, und er war so müde, daß er sich setzen mußte; er versuchte es, seine lange Pfeife anzuzünden, aber sie ging ihm wieder aus.

Am Gartenzaun stand der Major und trommelte mit den Fingern auf eine Latte; er starrte so verloren drein, daß die Gäste vor ihm standen und er sie nicht hatte kommen sehen.

Die Begrüßung zwischen der Professorin und Fräulein Milch war keineswegs so zutraulich, wie der Major gehofft hatte. Beide Frauen musterten einander offenbar streng. Der Major lachte bald in sich hinein, Fräulein Milch merkte gar nicht, daß süßer Rahm da sei; sie schenkte ein, als ob das etwas ganz Gewöhnliches wäre. Bald aber schlug er mit seinem Stumpffinger an die Stirn und sagte in sich hinein:

»Sie ist viel gescheidter, sie macht vor Fremden kein Aufsehen. O, die ist so klug, die lernt man nicht aus.«

Wie gern hätte er das der Professorin gesagt, aber er nahm sich vor, heute wo möglich gar nichts zu reden; Fräulein Milch allein sollte reden.

Es schien indeß kein rechtes Gespräch zu Stande zu kommen.

Die Professorin fragte Fräulein Milch, ob sie eine Eingeborne des Landes sei.

Sie verneinte kurz.

Der Major fand den guten Ausweg. Zwei fremde Pferde im Stall muß man allein lassen; sie schlagen sich vielleicht ein wenig, zuletzt aber vertragen sie sich. Er wußte Roland und Erich viel zu erzählen von dem Weinberge, von dem man heuer den ersten Wein gewinnen sollte; sie mußten ihn dahin begleiten.

Nun waren die beiden Frauen allein. Die Professorin gab ihre Freude kund an dem vollen Leben hier und an der Landschaft, wie man hier nicht nur verborgene Plätze voll erquicklicher Schönheit finde, sondern auch Menschennaturen, die einsam für sich ein feines Verständniß und einen hohen Sinn in sich pflanzen und pflegen.

Fräulein Milch, die sich mit ihrer Tasse etwas abseits vom Tische gesetzt hatte, rückte näher und sagte, sie traue sich nicht den rechten Blick für das heitere Leben der Menschen zu; sie sähe sie wohl an Sonn- und Festtagen scherzend, singend und mit Kränzen auf dem Haupte bergan, bergab ziehen, wer aber nicht mitten in diesem lustigen Treiben stehe, wer das nur vom Fenster aus, oder hinter dem Gartenzaun stehend betrachte, der habe kein gerechtes Urtheil; das ganze Treiben käme Einem manchmal vor, wie wenn man sich die Ohren zuhalte, nichts von der Musik höre und doch die Menschen tanzen sehe.

Die Professorin fragte nach den Armen der Gegend, ob da vielleicht Fräulein Milch nähere Einsicht habe. Lächelnd sagte Fräulein Milch:

»Ja, die Armen! Die Weinbauern kommen mir vor wie die Musikanten; sie mühen sich ab im Musik machen, nach der die Andern tanzen; übrigens sind sie auch selbst lustig dabei.«

Die Art, wie Fräulein Milch sich weiter ausdrückte, überraschte die Professorin; sie hatte eine kleinliche, redselige Wirthschafterin erwartet und fand ein geläutertes Denken, einen Zartsinn, die von reifer Bedachtsamkeit stammen mußten. Sie erwähnte die umfassende Thätigkeit Sonnenkamps; Fräulein Milch ging nicht näher ein, sie sagte nur, Herr Sonnenkamp sei nicht unmilden Herzens, aber er habe keine geordnete Wohlthätigkeit. Sie bedauerte, daß Manna nicht da sei; wenn die Tochter des Hauses die Wohlthätigkeit des Vaters ordnete und in der Hand hielte, so wäre das besser als ein Klosterleben. Ihrer sonstigen Zurückhaltung vergessend, erklärte Fräulein Milch, daß Manna eine unbegreifliche Verletzung erfahren haben müsse, denn aus Uebermuth plötzlich zu solcher Demuth überzuspringen, das sei nicht natürlich.

»Ich will Ihnen nur einen kleinen Zug von Manna erzählen und Sie kennen sie. Eine Stechfliege, eine sogenannte Rheinschnake, saß auf ihrer Hand und saugte an ihrem Blute; sie ließ sie ruhig saugen und sagte dann nur: die garstige Fliege! Ich habe sie trinken lassen und nicht gestört, und sie hat mich dann doch dafür gestochen . . . Gegen mich,« setzte Fräulein Milch erröthend hinzu, »hat das Kind eine Abneigung, die ihm von Fräulein Perini eingeflößt wurde.«

Die Professorin erklärte, daß Herr Sonnenkamp es ihr anheimgeben wolle, eine ausgebreitete Mildthätigkeit anzuordnen; sie fragte, ob Fräulein Milch ihr darin beistehen wolle. Diese versprach es; sie kam aber wieder darauf zurück, daß es schicklicher wäre, die Tochter des Hauses in Mitwirkung zu setzen.

In guter Ansprache lernten die beiden Frauen einander kennen. Die Professorin hatte die ererbte und leichte Bildung, sie gab viel, ohne daß es so schien; Fräulein Milch hatte die eroberte Bildung, in der sich die Mühseligkeit erkennen ließ, mit welcher sie sich ein tieferes Denken selbständig angeeignet hatte.

Der Major sah von ferne, wie die beiden Frauen sich die Hände reichten, und er sprach die liebkosenden Worte, die er gern zu Fräulein Milch gesagt hätte, zur Laadi:

»Bist ein prächtiges Geschöpf, gescheidter wie alle Menschen . . . klar wie der Tag . . . ruhig und solid . . . Du nicht, Laadi . . . was guckst Du mich so an?« . . .

Er kam glücklich wieder im Garten an, Roland und Erich folgten nach.

Als der Major der Professorin auf dem Heimwege ein Stück Weges das Geleite gegeben hatte, stand er noch lange still und schaute den Weggehenden nach, und zum Himmel aufblickend, sprach er:

»Dank Dir, Du Baumeister aller Welten . . . Du weißt schon, was ich sagen will . . . Remdem!«

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