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Das Landhaus am Rhein / Band II

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band II - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band II
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band II
pages1-324
created20060723
sendergerd.bouillon
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Sechstes Capitel.

Am Morgen nach der Abreise Erichs wurde Roland zu seinem Vater gerufen und dieser stellte ihm einen Mann von wohlgefälligen Manieren vor, der nur französisch und etwas gebrochen deutsch sprach. Der junge Mann nannte sich Chevalier de Canne, war aus der französischen Schweiz und von einem Genfer Banquier warm empfohlen. Der Banquier kannte selbst die letzte Quelle nicht, die ihm diesen Mann zugeführt, denn schließlich war es Fräulein Perini, die ihn hieher gebracht.

Man sah Fräulein Perini nie einen Brief zur Post geben, diese gingen durch die Hand des Pfarrers; aber ihre Verbindungen mit der französischen Geistlichkeit waren derart, daß durch unverfängliche Vermittlung ein Laienzögling, dessen man sicher sein konnte, auf den Posten bei Sonnenkamp berufen ward. Man kannte die Widerspenstigkeit Sonnenkamps gegen eine solche Bezugsquelle, sie war daher sehr geschickt verdeckt.

Der Chevalier wußte durch bescheidenes und haltungsvolles Wesen sämmtliche Hausgenossen, Herr Sonnenkamp nicht ausgenommen, bald für sich einzunehmen. Im Gegensatze zu Erich hatte er etwas Unpersönliches, er drängte nie einen fremden Gedanken auf, ging auf jede Bemerkung gewandt ein und wußte die Worte eines Jeglichen, ohne zu schmeicheln, so wiederzugeben, daß Jedes vor sich selbst bedeutsam und schön erschien; dazu war er, und das machte ihn Herrn Sonnenkamp besonders willkommen, mit vollendetem Wissen in der Botanik ausgestattet.

Mit Fräulein Perini betete er vor Tisch, aber so bescheiden, so zierlich, daß sein Anblick dabei nur um so schöner war. Alles war entzückt, nur Roland nicht; er konnte nicht sagen warum; aber er verglich den Chevalier stets mit Erich. Jetzt zum ersten Male bat er seinen Vater, ihn in ein Erziehungs-Institut zu bringen, in welches es auch sei; er versprach unbedingte Fügsamkeit. Aber der Vater ging auf diesen Wunsch nicht ein, er äußerte vielmehr, daß er sich freue, solch einen Mann für Roland gefunden zu haben, den man vorläufig probe.

Roland konnte nicht klagen, daß der Chevalier ihm das Lernen irgend erschwerte; dennoch dachte er stets an Erich. Schon zweimal hatte er heimlich an ihn geschrieben; es war wie die Klage eines liebenden Mädchens, das dem Geliebten kund gibt, wie es zu einer lieblosen Ehe gezwungen werden soll, und ihn anruft, herbeizueilen . . .

Es war nun am Morgen; Roland zeichnete auf einem Feldstein sitzend jenseits der Straße, wo man einen schönen Ausblick auf den Park hat, aus dem sich der Thurm des Hauptgebäudes wie herausgewachsen aufsetzt; der Chevalier zeichnete das Gleiche mit Roland; von Zeit zu Zeit verglichen sie ihre Aufnahme. Roland gelang die Arbeit. Manchmal glaubte er, daß er selbst dies gemacht habe, dann aber erschien ihm Alles wieder wie eine Komödie, denn der Lehrer hatte ihm doch das Meiste hineingezeichnet.

Da hörte Roland einen Wagen näher kommen; sein Herz pochte; gewiß kommt Erich. Er eilte nach der Straße, er sah Prancken und neben ihm den Landrichter.

Der Chevalier war Roland gefolgt. Prancken reichte Roland die Hand und dieser stellte den Chevalier vor, der im Tone gemessenen Gehorsams hinzusetzte, in welcher Stellung er sich hier befinde. Prancken nickte sehr freundlich, stieg aus und ging mit Roland, er brachte Grüße von seiner Schwester und sagte, daß er ihm später noch einen besondern Auftrag mittheilen werde. Prancken lobte das Benehmen des Fremden und daß ein solcher Mann weit besser sei, als ein eingebildeter deutscher Doctor.

»Erich dürfte eingebildet sein, aber er ist es nicht,« erwiderte Roland.

Prancken drehte seinen Schnurrbart; er muß ruhiger sein, man darf ja Erich schon gelten lassen, denn er ist beseitigt.

Bei der Villa bat Prancken den Landrichter, vorerst allein zu Herrn Sonnenkamp zu gehen; er selbst ging zu Fräulein Perini.

Es war eine herzliche Begrüßung, sie reichten sich beide Hände. Mit großer Befriedigung und besonderm Danke lobte Prancken das Verfahren des Fräulein Perini, die statt des gottlosen Dournay einen solchen Mann wie den Chevalier ins Haus gebracht. Fräulein Perini lehnte ihr Verdienst ab; überdies sei der Chevalier noch nicht definitiv angenommen, denn Roland dränge seinen Vater noch immer, Erich zu berufen.

Prancken sprach die Zuversicht aus, daß durch den Landrichter jeder Gedanke an Erich vertilgt werde; er erzählte nun vom Besuche bei Manna und nur theilweise gab er kund, welche Wandlung in ihm vorging.

Fräulein Perini hörte aufmerksam zu und hielt dabei ihr perlmutternes Kreuz in der Linken.

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