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Das Landhaus am Rhein / Band II

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band II - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band II
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band II
pages1-324
created20060723
sendergerd.bouillon
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Zehntes Capitel.

»Was wären wir, wenn wir vor Gericht stehen müßten mit unsern innersten Gedanken?«

Das hatte Erich geschrieben in der Beantwortung eines zierlichen Briefes, den ihm Bella geschickt hatte. Und jetzt, als sie vor dem Bilde stand, das sie nun vollenden wollte, war's, als spräche das Bild diese Worte.

In dieser Secunde that sich ihr ganzes Leben vor ihr auf.

Die Tage der Kindheit – es ist kein festes Bild von ihnen da. Die Lehrer lobten sie wegen ihrer schnellen Fassungskraft, eine französische Bonne wurde entlassen, eine strenge Engländerin ins Haus genommen; Bella lernte Sprachen geläufig und gute Manieren schienen ihr angeboren. Schon früh bewunderte man ihre witzigen Einfälle, sie hörte sie oft wiedererzählen; das schmeichelte ihrer Eitelkeit und tödtete ihr frühe schon die Unbefangenheit.

Frauen und Männer, die ins Haus kamen oder denen man da und dort begegnete, lobten vor ihren Augen und Ohren ihre Schönheit. Sie wurde gefirmt, aber die heilige Handlung erschien ihr nur als das Zeugniß, daß sie nun aus der Kinderstube entlassen werde, die kurzen Kleider ablegen und lange tragen dürfe. Als sie zum Altare ging, beherrschte sie vor Allem der Gedanke: Du bist die Schönste.

Der Vater gab nach und schon im nächsten Winter, erst vierzehn Jahre alt, wurde Bella in die Gesellschaft eingeführt. Sie war eine glänzende, viel umworbene Erscheinung; Alles rühmte, daß ein Duft der Jugendlichkeit auf ihr liege, der Entzücken verbreite. Aber schon früh zeigte sich eine gewisse Kälte, man nannte sie spöttisch das Meerfräulein, und in ihrem Auge war, wenn man so sagen darf, ein kaltes Feuer.

Selbst der regierende Fürst zeichnete sie aus. Von dem ersten Hofball bewahrte sie noch ein Tanzkärtchen wie ein Heiligthum, auch das Bouquet lag vertrocknet dabei.

Es bildete sich eine ununterbrochene Kette von Huldigungen. Bella, immer mit treffenden Antworten bereit, war eine Belebung der Gesellschaftskreise. Als sie noch Kind war, lobte man ihr ins Antlitz ihre Schönheit, nun, da sie erwachsen war, rühmte man offen oder hinter ihrem Rücken, aber so, daß sie es erfuhr, ihren ungewöhnlichen Geist. Man forderte sie zu scharfen Bemerkungen und Urtheilen heraus, man trug sich ihre Witzworte zu. Dazu kam ihr Ruf, daß sie viel gelernt habe, und ihr frisches lebhaftes Clavierspiel, vor Allem aber ihre Zeichnenkunst machte sie zum Wunder der Gesellschaft. Manchem jungen Mädchen, das nach ihr in die Gesellschaft eingeführt wurde, wurde sie zum Muster vorgestellt.

Noch nicht sechzehn Jahre alt, hatte sie schon manchen Bewerber um ihre Hand abgelehnt. Sie hörte lächelnd von der Verlobung des Einen und des Andern, denn sie konnte sich sagen, Den hättest Du besitzen können, wenn Du gewollt.

An ihrem siebzehnten Geburtstage, der durch ein Morgenständchen von der Gardemusik gefeiert wurde, hätte man den Blick der großen Augen Bella's verändert sehen können; denn als sie von den Tönen der Musik erwachte, erhob sich in ihr ein Gedanke, der nie mehr wich. Und dieser Gedanke war: ich glaube nicht an Liebe, all das Singen und Sagen von der Macht der Liebe ist eitel Tradition!

Nicht wenig hatte zu dieser Kenntniß die Lehre der Mutter beigetragen, die ihr schon früh die Liebeskraft entwurzelte, indem sie ihr beständig vorhielt: was man Liebe nennt, sei nichts als gemachte Empfindung.

Die Mutter selber spielte noch gern mit den Huldigungen der Männerwelt. Wenn man von einem Balle aus einer großen Gesellschaft heimkam, konnte die Mutter ihrer Tochter während des Auskleidens in eigenthümlich naiver Weise erzählen, wie der und jener ihr heute gehuldigt. Das war gewiß höchst lehrreich für das Kind; und Bella hatte in der That nie Jemand geliebt, sie konnte es nur nicht ertragen, daß sich der nicht unterwerfe, dem sie sich zuneigte.

Seltsam stand daneben die Einflüsterung einer Cousine der Mutter, die oft halb bitter, halb ernst Bella zuflüsterte: Die rechte Liebe ist nur die, die sich einem Manne geringen Standes zuwendet. Wenn Du den Professor, in dessen Atelier Du arbeitest, wenn Du Deinen Musiklehrer oder Deinen Sprachlehrer lieben würdest, das wäre wirkliche Liebe. Bella aber erschien eine Zuneigung zu einem Lehrer, als ob man einen Livreebedienten, ja als ob man ein Wesen anderer Art lieben und zum Gatten wählen sollte.

Bella hatte viele Talente, nur nicht das der Liebe.

An jenem siebzehnten Geburtstage hatte sie zum ersten Male jenen kalten, gläsernen Blick, der über die Menschen hinwegsieht, als wären sie nur Schatten. Seit jenem Tage war's, als ob etwas in ihr erstarrt wäre, was nie mehr zum Leben erwachen sollte.

Noch nicht zwanzig Jahre alt, zog sie sich, nachdem das Trauerjahr um ihre verstorbene Mutter vorüber war, erkältet und abgestumpft von der Gesellschaft zurück; sie ließ sich dazu nur noch bisweilen wie zu einer lästigen Pflicht bestimmen. Sie studirte, zeichnete, musicirte, sie unterhielt sich mit Künstlern, Gelehrten und Staatsmännern, und dabei war etwas Starres in ihren Mienen und ihrem Augenstrahl, wenn sie nicht Witzworte umherschleuderte, die immer einen um so auffälligeren Eindruck machten, da Bella eine mit ihrer Erscheinung in Widerspruch stehende tiefe Männerstimme hatte.

Es erregte großes Aufsehen, als man vernahm, daß Bella den Widerspruch des Vaters gebrochen hatte, der es nicht zugeben wollte, daß ihre jüngere Schwester vor ihr heirate. Vor dem Altare stand Bella neben ihrer Schwester und durch deren Brautschleier hindurch sah sie das feurige braune Auge des vor Kurzem verwittweten General-Adjutanten auf sich gerichtet. Sie zuckte mit den Lippen. Du wirbst vergebens um mich, dachte sie und freute sich dieses Stolzes. Zerbrechen, zerstören, Seelen peinigen, anlocken und wegwerfen, das war ihre Lust. Sie hatte zum Vater gesagt: Ich möchte wohl heiraten, wenn man etwas mögen kann, was man doch nicht will. Aber vor den Altar hintreten und auf Leben und Tod Ja sagen! . . . Ich erschrak, als ich die Schwester das sagen hörte, ich meinte, ich müßte dagegen rufen: »Nein! nein! nein!« Und ich stehe nicht für mich, daß ich nicht vor dem Altar unwillkürlich Nein sagen würde.

Sie erbot sich selbst zur Begleitung einer kranken Prinzessin, die nach Madeira reisen mußte. Die Prinzessin starb und Bella kehrte zurück. Sie lächelte, als man ihr erzählte, daß der General-Adjutant bereits verheiratet sei. Sie konnte es nur gerecht finden, daß die Bewerbungen um sie allmälig nachließen, aber es ärgerte sie doch.

Wiederum reiste sie frei und selbständig mit zwei Engländerinnen durch Italien und Griechenland. Lutz, der jetzige Courier Sonnenkamps, war ihr Courier gewesen. Sie verweilte einen ganzen Winter in Konstantinopel. Die bösen Zungen der Residenz sagten damals, sie suche einen Mann von Stellung; was er sonst sei, wäre gleichgültig; sie werde einen graubärtigen Pascha heiraten. Bella kehrte zurück und erschien nun in der Gesellschaft meist in Sammetkleidern.

Da trat die Bewerbung Clodwigs ein, und Verlobung und Hochzeit war im Zeitraum von vier Wochen. Bella zog sich mit ihrem Gatten nach Wolfsgarten zurück; sie war durch die Ehe nicht anders geworden, die Vollendung, die die Ehe dem weiblichen Wesen gibt, war ihr versagt. Clodwig hatte sich eine müde Seele genannt, so nannte sie sich auch.

Hier im hochgelegenen Landhause mit dem Ausblick in die reiche Landschaft wollten sie ausruhen.

In der ersten Zeit fühlte Bella sich demüthig und bescheiden; in sich befriedigt und abgeschlossen war nun das Leben. Gleichmäßig flossen die Tage dahin. Clodwig war aufmerksam, mittheilend und voll Huldigung; Ruhe und Beständigkeit waltete in seinem Geiste. Bei jedem persönlichen Begegnen war er überaus rücksichtsvoll und zart, einzelne Heftigkeiten, die oft in leidenschaftlich gesteigerten Worten sich kundgaben, zeigten sich nur da, wenn er über allgemeine Zustände, besonders über die Führung des Staatslebens sich aussprach. Bella sah darin nur eine gerechte Aufregung, denn Clodwig hatte ein ganzes Leben in einer lahmen Zeit und in den kleinlichen Verhältnissen eines Zwergstaats aufbrauchen müssen, während er doch zu Größerem, Weltbewegendem geschaffen schien.

Clodwig klagte sich oft an, weil er beständig das Vertrauen aufrecht erhalten habe, daß sich die Idee selbst vollende; nun erst zu spät sehe er ein, wie man rücksichtslos eingreifend wirken müsse. Sobald er aber sich den Menschen näherte und namentlich wenn er in den Hofkreis eintrat, war er wieder mild und vergebend. Clodwig war voll Bewunderung für die Talente seiner Frau, wenn er aber manchmal bescheiden tadelte und ihr einzelne Oberflächlichkeiten und Halbheiten zur Erkenntniß zu bringen suchte, konnte sie sich innerlich empören; sie hatte nie die Wahrheit, sondern immer nur Huldigungen vernommen. Diese pedantischen Zurechtweisungen, wie sie es nannte, verletzten sie, aber sie unterdrückte das in sich. Die Welt sollte sie nicht eine Secunde unglücklich sehen; die Spötter sollten den Triumph nicht haben.

Nun war in ihren Lebenskreis ein Mann getreten, der sie empörte, und sie sprach das auch offen gegen Clodwig aus. Sie hatte mit Eifer gegen seine Ansiedlung in der Nachbarschaft gewirkt, da nun aber Clodwig beständig mit schwärmerischer Güte das Wesen dieses Mannes hervorhob, ja gegen ihren Willen ihn an sich zog, gab sie sich dem Wohlgefühl des belebenden Umganges hin.

Ihr Lebenlang war Bella noch keine Stunde mit sich selbst unzufrieden gewesen, sie bereute nie, was sie gethan, denn sie sagte immer: Du warst in dem Moment, als Du es thatest, gewiß dazu berechtigt.

Bella erschien gerne glänzend, ein Grundtrieb in der Regsamkeit ihres Geistes war Neugierde, sie wollte in alle Wissensgebiete eindringen, aber nichts drang ihr umbildend in die Seele; es ging sie eigentlich nichts an. Man muß nur Alles kennen. So hatte sie sich auch in eine nähere Beziehung zu Erich eingelassen, sie wollte nur wissen, was da empfunden wird. Zu ihrem Schrecken gewahrte sie, daß sie gefangen und festgehalten war . . .

So stand nun Bella vor dem noch immer nicht vollendeten Bilde; sie war tief ärgerlich auf sich. Sie war fertig mit der Welt gewesen, und nun noch einmal solch eine unreife und wahnwitzige Bewegung, denn unreif und wahnwitzig mußte sie die Regung nennen – und konnte doch nicht davon loskommen. War's, weil es ihr Selbstgefühl verletzte, daß sie zum ersten Mal die Hand ausstreckte, die nicht empfangen wurde?

Ihr großes Auge funkelte.

Sie verließ rasch das Atelier; sie ging nach ihrem Ankleidezimmer. Dort stand sie vor dem großen Spiegel und löste ihr reiches Haar auf, sie starrte in den Spiegel und auf ihren gepreßten Lippen lag die Frage: Bist Du denn schon so alt? – Sie öffnete die Lippen wie ein Fieberkrankes, wie ein Verschmachtendes, das trinken will. Ihre Augen strahlten in unheimlichem Glanze, und sie sagte sich: Du bist schön, Du bist frei genug, Dich selbst zu betrachten wie ein Fremdes. Aber was soll diese unreife, diese wahnwitzige Bewegung?

Sie nahm die langen Strähnen ihres Haares in beide Hände und hielt sie unter dem Kinn über einander; zum ersten Male gewahrte sie, daß sie der Büste der Medusa droben im Erkerzimmer ähnlich sah. Wild frohlockend wendete sie den Kopf hin und her.

»Ja, ich will Medusa sein! Er soll versteinert, zerbrochen, zermalmt werden! Er soll vor mir knieen und dann will ich ihn mit Füßen treten!«

Sie erhob den Fuß, aber schnell schlug sie sich beide Hände vor das Gesicht und Thränen quollen ihr aus den Augen.

Zerknirschung und leidenschaftliche Aufregung, Stolz und Demuth kämpften in ihr und es war, als ob das, was damals unter jener Morgenmusik erstarrt war, plötzlich sich auflöste und entfaltete wie ein lang verschlossener Blumenkelch. Eine Sehnsucht erwachte in ihr – eine Sehnsucht nach der Heimat wie in einem bösen Kinde, das von den Eltern in den Wald entlaufen ist; sie hatte ein Verlangen nach einem Ort, wo sie still geborgen und gehegt, nach einer Heimat. Wo ist sie? wo?

Sie verlangte nach einer Seele, vor der sie ihre ganze Seele ausschütten konnte.

Es schauderte sie, allein zu sein; sie klingelte nach der Kammerfrau und ließ sich schön ankleiden.

»Sag' mir, wie alt ich bin. Weißt Du's noch?« fragte sie plötzlich.

Die Kammerfrau erschrak über diese Frage; sie fand nicht schnell die Antwort, da fuhr Bella fort:

»Ich war nie jung.«

»O, gnädige Frau, Sie sind es noch und haben nie besser ausgesehen als jetzt.«

»Glaubst Du?« sagte Bella und warf den Kopf zurück.

Sie erschien sich wie gefangen; sie verließ das Haus und ging durch den Garten. Ohne daß sie es gewollt, stand sie im Erdgeschoß bei den ausgegrabenen Alterthümern und in ihr sprach's:

Was ist dies Alles? Was sind diese Krüge? Vulkanisirte Asche! Alles Asche! Was soll diese antiquarische Topfguckerei; dieses Sammeln vergrabener Alterthümer, dieses beständige Denken und Reden von Menschheit und Fortschritt? Alles fremd, todt, eine Unterhaltung aus dem Todtenlager, kein Leben, keine Hoffnung, keine Zukunft, nie in den Tag hinein, immer in die Nacht hinein, in die Nacht der Vergangenheit und in die märchenhafte Menschheits-Idee! Aber ich bin nicht Vergangenheit, nicht Menschheits-Idee! Ich bin der heutige Tag, ich will der heutige Tag sein!

Sie sah zweien Schmetterlingen zu, die auf den Blumen hin und her flogen und dann in die Luft hinein, sich neckend, zu einander fliegend, sich trennend, sich wieder suchend.

Das ist Leben! rief es in ihr. Das ist Leben! Sie graben keine Alterthümer aus, sie leben nicht mit Alterthümern.

Da kam eine Schwalbe daher gesaust, haschte einen Schmetterling und verschwand.

Was hast du nun, armer Schmetterling, von deinem Leben?

Drunten über dem Rhein verflogen die Rauchwolken der Dampfschiffe und Bella dachte:

Wer auch so verfliegen könnte! Unser Lebensathem ist nichts als eine Flocke Rauch mit den Tausenden von Flocken des Athems, und das nennt man Leben und es verweht wie die Tausende . . .

Die Kinder der Arbeiter auf dem Gute kamen aus der Schule, sie grüßten die gnädige Frau.

Bella starrte sie an.

Was wird aus diesen Kindern?

Wie sich vor sich selbst verbergend, begrub sie ihr Antlitz in einem Blüthenbusch. Sie verließ den Garten. Draußen sah sie im Hof den Tauben zu. Die schöne Schwalbentaube war so spröde, fraß so ruhig und achtete nicht auf das verliebte Gegurgel; dann flog sie auf die Dachfirste und putzte sich die Federn. Der Tauberich flog ihr nach, aber sie schüttelte den Kopf und flog davon.

Bella sah, wie ein Knecht Ochsen ins Joch spannte. Er legte zuerst ein Polster auf das Haupt des Thieres und dann das hölzerne Joch darauf.

Das ist die Welt! Das ist die Welt! sprach's in ihr. Ein Polster zwischen Joch und Haupt, ein Polster von sublimen Gedanken, von gemachten Empfindungen!

Der Knecht staunte, da die gnädige Frau so dreinstarrte und ihn jetzt fragte:

»Thut's ihnen nun auch nicht weh?«

Er verstand die Frage nicht, sie mußte sie wiederholen und erhielt die Antwort:

»Dazu ist der Ochs da und weiß nichts anders. Seitdem der gnädige Herr das Doppeljoch hat abschaffen lassen und jeder sein besonderes Joch hat, sind sie freilich schwerer zu regieren, aber sie ziehen auch leichter als im Doppeljoch.«

Bella zuckte.

»Doppeljoch – besonderes Joch,« tönte es vor ihr und plötzlich war es ihr, als wäre es Nacht, sie selber nur ein Gespenst, das hier umher wandle. Dieses Haus, dieser Garten, diese Welt, Alles ist Schattenreich . . .

Es war beklemmend schwül, Bella glaubte, sie könne kaum athmen. Da zog ein frischer Luftstrom über die Höhe, ein Gewitter stieg unversehens herauf und kaum war Bella im Hause, als es losbrach mit Blitz und Donner und vom Winde gejagtem Regen.

Sie stand am Fenster und sah hinaus ins Weite und dann wieder auf einen hohen Eschenbaum, dem der Wind die Zweige auseinander zerrte und den Stamm hin und her bog. Der Baum neigte sich nach dem Hause, als müsse er hier Hilfe suchen. Bella dachte in sich hinein: Jahre um Jahre wurzelt der Baum hier und gedeiht, kein Sturm kann ihn ausreißen und ihm die Aeste knicken. Weiß er, daß dieser Sturm vorübergehen und ihn nur neu beleben wird?

»Erich!« sagte sie plötzlich laut vor sich hin. Da trat Clodwig ein und sagte:

»Liebe Frau, ich suche Dich.«

Bella fuhr es tief in die Seele, als sie sich »liebe Frau« nennen hörte. Clodwig zeigte ihr einen Brief an die Professorin, durch den er sie nach dem Wunsche Bella's zu einem mehrwöchentlichen Besuche auf Wolfsgarten einlud.

»Schicke den Brief nicht ab,« sagte sie, den Blick Clodwigs vermeidend, »laß uns wieder allein sein; ich wünschte jetzt keine Unruhe durch die Familie Dournay.«

Clodwig erklärte, daß eine solche Frau nicht Unruhe, sondern schöne Gemeinsamkeit bringen und daß man auf angenehme Weise oft Erich bei sich sehen werde. Bella schwieg.

Das Wetter hatte nachgelassen; Bella öffnete das Fenster, ein erfrischender Luftstrom zog ein. Sie hielt den Brief in der Hand; das war das Gewitter, Blitz, Sturm, Regen und Donner, die heut durch ihre Seele gezogen und jetzt lauter Erquickung wurden. Sie sagte sich, daß der Umgang mit der edlen Frau ihr wieder das eigene Selbst geben werde, ja einen Augenblick ging es ihr durch die Seele, daß sie der Mutter Alles bekennen und sich von ihr halten lassen wolle. Nebenher aber ging wie eine zweite Melodie der Gedanke, daß das nicht nöthig sei; es würde sich leicht fügen, daß Erich nach Wolfsgarten käme, und der Verkehr mit ihm lenkt sich dann wol in ruhige Bahn zurück.

Hastig schrieb Bella einige Zeilen unter den Brief ihres Gatten. Eben, als man den Brief schließen wollte, kam der Doctor; auf den Wunsch Clodwigs fügte er gleichfalls einige Worte hinzu.

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