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Das Landhaus am Rhein / Band II

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band II - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band II
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band II
pages1-324
created20060723
sendergerd.bouillon
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Achtes Capitel.

Und wieder und wieder kamen Zerstreuungen, die den Unterrichtsgang durchbrachen. Frau Ceres aber war glücklich, denn jetzt kam die Gelegenheit, ihren ganzen Schmuck zu zeigen, und Fräulein Perini strahlte, als sie die Kiste öffnen konnte, die von Paris ankam; nur zwei solcher Kleider sollte es auf Erden geben, das eine besaß die Kaiserin, das andere Frau Ceres.

Nach dem Gastmahle auf Wolfsgarten war Sonnenkamp anerkannt und nun erging auch an ihn eine Einladung des Weingrafen zur Hochzeitsfeier seiner Tochter mit dem Sohne des Hofmarschalls.

Erich hatte viele Mühe, seinen Zögling vom beständigen Reden über das große Fest zurückzuhalten, denn Roland wußte von dem Feuerwerk zu erzählen, das auf dem Rhein und auf den waldigen Bergeshöhen abgebrannt werden sollte. Jeden Morgen sagte er: »Wenn nur das Wetter schön bleibt.« Oftmals fuhr er auch mit Prancken aus und kam erst nach mehreren Stunden aufgeregt wieder; er verhehlte offenbar etwas vor Erich, und dieser vermied es, ihn auszuforschen.

Am Tage des Festes war auch der General eingetroffen, den man beim Besuch in der Residenz kennen gelernt.

Es war noch heller Mittag, als man in drei Wagen nach dem Hause des Weingrafen fuhr. In einem Wagen saß Frau Ceres mit dem General, so aufgebauscht und umfangreich, daß der General in einem Strom von Kleidern schwamm; im zweiten offenen Wagen saß Sonnenkamp mit Fräulein Perini und Prancken, der heute in voller Uniform mit zwei Orden ankam, denn er wollte mit der Familie Sonnenkamps als deren Zugehöriger eintreten. Sonnenkamp sprach nicht davon, aber man sah ihm an den Augen an, wie dankbar er dem jungen Mann war, der nicht nur den General zu seinem Gaste gemacht, sondern ihn eigentlich auch in die Gesellschaft einführte. Im dritten Wagen saß Roland mit Erich.

Eine große Wagenreihe hielt vor der Villa des Weingrafen, die breit und stattlich an der Landstraße lag, rechts und links waren wohl angelegte schattige Gärten. Der General führte Frau Ceres am Arme. Man wurde von reich gallonirten Bedienten nach dem Garten gewiesen; auf den Gängen waren hüben und drüben schön geordnete wohl duftende Blumenwände. Als man die Stufen zum Garten hinunterstieg, stand der Weingraf da und bat den General, ihm den Arm der Frau Ceres zu überlassen. Im Garten wandelten verschiedene Gruppen oder saßen an schönen Plätzen.

Die Gattin des Weingrafen, eine große wohlbeleibte Frau, hatte nicht umsonst gehört, daß man sie der Kaiserin Maria Theresia ähnlich fand; sie war heut ganz gekleidet wie Maria Theresia und trug ein schönes Diadem von Brillanten.

Sonnenkamp wurde dem Brautpaare vorgestellt; der Bräutigam sah sehr ermüdet aus, die Braut dagegen, mit einem Rosenkranz im Haar, erschien äußerst belebt; man bedauerte, daß Manna nicht auch bei dem Feste war.

Der Hofmarschall-Vater freute sich, Herrn Sonnenkamp hier wieder zu treffen und auch die Bekanntschaft seiner Gattin und seines Sohnes zu machen, von dem er so viel gehört habe. Es war eine Decoration für den ganzen Abend, da der Hofmarschall offenbar absichtlich etwas laut sagte, wie noch gestern an der fürstlichen Tafel sehr ehrenvoll von Herrn Sonnenkamp die Rede gewesen sei. Frau Ceres erhielt den Platz neben dem Hofmarschall; noch trug sie den weißen Mantel über ihrem schmuckreichen Gewande.

Der Weingraf, heute mit mehreren Orden geschmückt, ging hin und her. Er war ein Mann von guten Manieren, der in beständigem Verkehr mit der Aristokratie aller europäischen Länder gestanden hatte. Zur Napoleonischen Zeit, damals als lustiger Weinreisender für das elterliche Haus, war er von dem umsichtigen Metternich zu mancherlei Missionen benutzt worden, die er mit großem Geschick ausführte. Es gab kaum einen französischen Heerführer, den er nicht gekannt, ja mit Napoleon selbst hatte er zwei Mal Unterredungen gehabt.

Der Weingraf hatte drei Söhne und drei Töchter; die älteste war bereits an einen adeligen Officier verheiratet. Von den drei Söhnen war einer in Amerika verschollen; er hatte dem Vater viel Geld durchgebracht; ein zweiter war Mitglied des Theater-Orchesters in einer mitteldeutschen Hauptstadt, und man sagte, er habe seinem Vater geschrieben, daß er seinerseits den Adel nicht annehme. Der dritte Sohn, der Weincavalier, hatte die Adelssache mit großem Eifer betrieben und war glücklich darüber.

Der Weingraf benahm sich heute mit der größten Liebenswürdigkeit, und im ganzen Behaben des schlanken, noch leicht sich bewegenden Greises mit dem schneeweißen Haare war eine ungewöhnliche Spannkraft; er ging von Gast zu Gast und hatte zu Jedem ein schickliches Wort; er empfing überall Glückwünsche und zwar doppelte, denn am heutigen Tage hatte ihn der Fürst geadelt. Er dankte bescheiden, er konnte sich sagen, daß er diese Würde schon vor Jahrzehnten hätte erlangen können, aber damals war in der Welt ein gewisser patriotischer Schwindel, daß selbst ein Weinreisender davon ergriffen war. Er erwiderte beständig, daß ihn die hohe Gnade seines Fürsten überaus glücklich mache.

Sonnenkamp lächelte immer still vor sich hin, er sah es voraus, wie man bald auch ihm so huldigen werde, und er machte sich bereit, die Huldigungen mit bescheidener Dankbarkeit entgegenzunehmen.

Frau Ceres war in peinlicher Verlegenheit, sie saß neben dem Hofmarschall, der, als er fand, daß kein Gespräch bei ihr haften wollte, sie still neben sich sitzen ließ.

Auch für sie kam endlich das Glück, denn die Cabinetsräthin trat ein; sie war überaus erfreut, ihre Freundin hier zu treffen, und der Hofmarschall überließ ihr den Platz neben Frau Ceres.

Bald kam auch Bella. Selbst in diesem Kreise, wo Viele ihres Gleichen waren, erschien sie in einer gewissen Bevorzugung. Sie war sehr huldvoll gegen Frau Ceres und bat sie sogar, ihr den Arm zu geben und mit ihr nach dem Gartensalon zu gehen, wo die überaus reiche Ausstattung der Braut ausgestellt war. Man hörte von den Zurückkehrenden Ausrufe der Bewunderung, man sah auch Blicke des Neides.

Frau Ceres trug mit großem Ungeschick ihr langes Schleppkleid, während Bella es in beiden Händen zierlich hielt und anmuthig dahinschritt, als ob sie durch leichte Wolkenwellen dahinschwebte.

Sonnenkamp wurde von dem russischen Fürsten Valerian zutraulich begrüßt, er reichte ihm die Hand; Sonnenkamp war sehr erfreut; aber Alles war plötzlich wie mit Asche bestreut, da der russische Fürst sagte:

»Ich habe es vergessen, Sie müssen mir noch Genaueres über die Art der Sklavenbehandlung erzählen; ich fürchte, ich treffe keine mehr, wenn ich mich zu meiner amerikanischen Reise entschließe.«

Er wendete sich bald ab, da ihm der General vorgestellt wurde. Sonnenkamp fühlte sich doch etwas neu und verlassen in diesem Kreise; seine Mienen erheiterten sich wieder, als er Bella und Frau Ceres so zutraulich mit einander gehen sah.

»Sie haben ja die Gräfin kaum begrüßt,« sagte er zu Erich.

»Ach, ich denke ganz Anderes,« erwiderte Erich. »Ich möchte wissen, wie unser neuer Baron hier seinen Dienern sagt: Johann, Peter, Michel, von heut an nennt Ihr mich gnädiger Herr oder Herr Baron! Er muß sich doch höchst lächerlich vorkommen.«

»Vielleicht ist Doctor ein schönerer Titel. Wird man vielleicht mit ihm geboren?« erwiderte Sonnenkamp scharf.

Er wurde aber plötzlich freundlich, denn Bella kam näher und sagte zu ihm:

»Wissen Sie, Herr Sonnenkamp, wozu wir eigentlich hier sind und was diese ganze Festlichkeit bedeutet? Es ist einfach ein Taufschmaus und es ist ein schöner Scherz von unserm gnädigen Fürsten. Der Weinhändler hat sich so lange um den Adel bemüht und bringt jetzt sogar seine Tochter als Opferlamm dar, so daß der Fürst nicht umhin konnte, ihn zu gewähren. Ist es nicht prächtig, daß er ihm endlich den Namen gab: Herr von Endlich?«

Es war lustig, wie sie ausmalte, daß es schön wäre, wenn so ein alter Täufling plötzlich rufen würde: Ich will nicht diesen Namen, ich will einen andern!

Zu Erich gewendet, schilderte sie ihm die ganze Gesellschaft mit zutreffenden, wenn auch boshaften Kennzeichen. Sie zeigte auf einen älteren Mann mit großem Schnurrbart, und schilderte überaus heiter, daß der Mann, der ein pensionirter protestantischer Pfarrer war, seine Freiheit damit bekunde, daß er sich einen Schnurrbart wachsen ließ und sich nur noch hellfarbig kleide. Am übermüthigsten spottete sie über eine Gruppe junger Mädchen, denen man ansah, daß sie die schwere Frisur auf ihrem Kopfe fühlten; die Friseure aus dem Badeorte und der Festung waren seit dem frühesten Morgen von Landhaus zu Landhaus geeilt, um die Köpfe der jungen Mädchen gesellschaftsmäßig aufzuzäumen. Bella wußte den Mädchen nachzuahmen, wie Eines dem Andern zuflüsterte:

»Bitte, habe ich mein Chignon noch? . . .«

Besonders possierlich wies sie auf einen großen langen Engländer, der mit einer dicken Frau und drei schlanken, mit langen Locken versehenen, überaus bunt gekleideten Töchtern erschienen war. Er lebte im Winter in der Residenz, im Sommer in einem Landhause; er verbrachte seine Tage mit Angeln, die Töchter mit Zeichnen; er galt für sehr reich und sein Reichthum hatte eine seltsame Quelle. Vor Jahren war ein Bruder der Frau nach Botany Bay deportirt worden; als geschickter Kaufmann wußte er von dort aus ein großes Exportgeschäft zu etabliren, und daher stammte der große Reichthum der Familie.

Bella war von einer Munterkeit und Frische, die ihren Zauber nicht verfehlte. Sie zeichnete Erich mit offenbarer Absichtlichkeit vor der ganzen Gesellschaft aus.

Erich vermochte das Gefühl nicht zu unterdrücken, daß er ein Unrecht an ihr begangen. Er hatte das scharfrichterliche Urtheil, den seelischen Sectionsbefund des Doctors über Bella angehört und es wäre doch seine Pflicht gewesen, entschieden dagegen anzukämpfen. Wie wenn er etwas abzubitten hätte, blickte er sie an.

Graf Clodwig, der sich zu dem Kreise gesellte, konnte nicht umhin, zu bemerken, da er immer wieder staunend sehe, wie viele abenteuerliche Existenzen sich hier am Ufer des Rheins ansiedeln. Der Major stand bei Seite und blickte Herr Sonnenkamp an, als wollte er sagen: Ich bitte Dich, thu's doch nicht auch; bleib bei uns. Lieber als die schönsten Bonbons, die ich mit heim bringe, wär' mir's, wenn ich Fräulein Milch sagen könnte: Es ist nicht wahr, was mir Herrn Sonnenkamp nachsagt. Denn wieder hatte Fräulein Milch das streng bewahrte Geheimniß sofort erfahren.

Erich erbarmte sich des Majors, der heute ungewöhnlich verdüstert aussah, und es gelang ihm, den Grund der Verstimmung zu erfahren, denn der Major sagte:

»Es ist, wie wenn ein Christ ein Türke würde! . . . Ja, lachen Sie nur, Fräulein Milch hat Recht: Das schöne Geld, das viele Geld, das mit so viel Mühe erworben wurde, wird nun dem Adel nachgeworfen, und da lassen sie uns Bürgerliche stehen und wollen nichts mehr von uns wissen.«

Erich drückte dem Major still die Hand und dieser fragte:

»Aber wo ist denn Roland?«

Ja, wo ist Roland? Roland war bald nach dem Eintritt verschwunden und nirgends zu sehen.

Der Abend brach allmälig herein und im dichten Gebüsch ertönte wundersam schöne Hornmusik; eine Weile waren alle im Garten Versammelten still, dann aber schien es, als ob gerade die Musik um so gesprächsamer machte.

Erich suchte Roland, aber Niemand konnte ihm Auskunft geben, wo er sei.

Die Musik verstummte im Garten; die Nacht brach herein. Auf dem Balcon des Hauses erschien ein mittelalterlich gekleideter Trompeter und schmetterte Signale in die Luft; die Gesellschaft begab sich in das Haus, die Treppen hinan in den großen Saal und in die anstoßenden Gemächer.

Hier waren ganz vorn zwei große Lehnstühle mit Blumen bekränzt, dort mußte sich das Brautpaar niedersetzen; hinter ihm war eine Reihe von Stühlen für die Aeltesten und Vornehmsten aus der Gesellschaft.

Frau Ceres erhielt einen Platz neben Bella; sehr geschickt hatte sich Fräulein Perini zu ihr gedrängt und zupfte sie jetzt am Mantel. Frau Ceres verstand, und alle Blicke, die sich auf das Brautpaar gewendet hatten, kehrten sich nun ihr zu. Solch einen Schmuck – einen Kranz von Kornähren, deren Körner große Diamanten – solch ein Kleid, über und über mit Perlen und Brillanten besetzt, hatte man noch nie gesehen; ein Wispern ging durch die Versammlung, das sich lange nicht beruhigen wollte.

Frau Ceres stand an ihrem Stuhle wie festgezaubert, bis Bella sie bat, sich niederzulassen. Lächelnd sah diese auf den reichen Schmuck der Frau Ceres: Mag sein! Das kann die Amerikanerin anlegen, aber einen solchen Hals und einen solchen Nacken, wie sie, kann sie nicht anlegen!

Nun zeigte sich, daß die eine Wand nur ein Vorhang war; er ging in die Höhe, Winzer und Winzerinnen erschienen, verkündeten singend und sprechend das Lob des Hauses und überreichten zuletzt den Myrthenkranz.

Der Vorhang fiel; Alles war voll Entzücken. Man wollte sich erheben, aber eine Stimme hinter dem Vorhange rief:

»Bitte noch um einige Geduld!«

Bald ging der Vorhang wieder auf, nur ein feiner Flor blieb und hinter ihm sah man Apollo unter Hirten und Winzern, und Apollo war Roland. Zweimal mußte der niedergelassene Vorhang wieder erhoben werden, denn Alles war in Entzücken über das Bild, besonders über die Erscheinung Rolands.

Bella nickte Erich, der an der Seite stand, frohlockend zu, aber Erich sah sie nicht, denn er fragte sich: wie wird das auf Roland wirken? Es dauerte nicht lange, so kam Roland in seiner gewöhnlichen Kleidung in die Gesellschaft, er wurde allseitig gepriesen und fast auf Händen getragen.

Frau Ceres wurde beglückwünscht, einen solchen Sohn zu haben, der eine wahre Göttererscheinung sei; man bedauerte wiederholt, daß nicht auch ihre Tochter bei dem Feste sei. Frau Ceres nahm Alles sehr freundlich hin und sagte beständig: »Ich danke ergebenst, Sie sind sehr gütig.« Das hatte sie Fräulein Perini gelehrt.

Neue Säle öffneten sich, die Tische waren gedeckt, man setzte sich nieder.

Roland suchte Erich.

»Und Du allein sagst mir nichts?« fragte er.

»Du hast gut ausgesehen und Dich ruhig gehalten.«

»Ach,« fuhr Roland fort, »es hat mir schwere Mühe gekostet, Dir etwas zu verbergen, und noch mehr Anstrengung, in diesen Tagen aufmerksam zu sein; aber ich wollte Dich überraschen.«

Erich ermahnte Roland nur, sich im Weine mäßig zu halten, und Roland war so voll Glückseligkeit, daß er, dem man einen Platz am Brauttische vorbehalten hatte, es vorzog, neben Erich zu sitzen, um ihm zu zeigen, daß er sich mäßige.

Prancken, der in Gemeinschaft mit dem Portraitmaler die lebenden Bilder angeordnet hatte, war an diesem Abend eigenthümlich bewegt, denn es schwirrte ihm durch den Kopf, daß er die schöne Tochter des Weingrafen hätte heirathen können; hier war zwar auch frischlackirter Adel, aber Alles war hier durchsichtiger; das gibt nun eine anmuthige Wittwe, oder noch besser, eine angenehme, unglückliche Frau. Er verscheuchte indeß den Gedanken und sagte sich, daß er Manna liebe.

Als vormaliger Kamerad des Bräutigams und als Freund des Hauses brachte Prancken den Toast auf das Brautpaar aus, er sprach gut und was das Beste war, in humoristischem Tone.

Ein Böllerschuß verkündete, daß das Feuerwerk beginne. Man begab sich nach der Veranda und in den Garten.

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