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Das Landhaus am Rhein / Band II

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band II - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band II
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band II
pages1-324
created20060723
sendergerd.bouillon
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Sechstes Capitel.

Wenn der Krischer im Gefängniß gehört hätte, daß Sonnenkamp noch ein Landhaus gekauft, hätte er sicher wieder aufgerufen:

»Ja, der kauft noch den ganzen Rheingau!«

Aber er vernahm nichts davon.

Die Untersuchung zog sich in die Länge. Der Landrichter war zwar so freundlich, neue Protokolle, für welche Erich und Roland zu verhören waren, auf der Villa aufzunehmen; immerhin aber unterbrach diese schwebende traurige Angelegenheit mehrmals den Unterricht.

Auch die Gastgebereien blieben nicht aus. Roland verkündete eines Tages:

»Es gibt ein großes Fest bei Graf Wolfsgarten, Vater und Mutter sind ganz glücklich; Du und ich, wir sind auch eingeladen.«

Sonnenkamp war sehr zufrieden mit Prancken, daß dies erreicht worden war; der Mitwirkung Erichs wurde gar nicht mehr gedacht. Es war mit Prancken ausgemacht, daß Clodwig, das gewichtigste Mitglied der Ordenscommission, für die Sache, die man jetzt allein im Auge hatte, gewonnen werden müsse und zwar zur lebhaftesten Initiative.

Am Tage der Einladung hatte Sonnenkamp einen schweren Kampf mit Frau Ceres; sie wollte ihren gesammten Schmuck zu dieser Mittagstafel anlegen. Fräulein Perini war es nicht gelungen, sie abwendig zu machen, obgleich sie wiederholt als unumstößliches Gesetz aufstellte, man trage im Tageslicht keine Brillanten. Frau Ceres war unwillig wie ein kleines Kind, sie wollte lieber zurückbleiben, wenn man ihr diese Freude nicht gönnte.

Sonnenkamp bat, sie möge doch »aus Mitleid« mit der Gräfin, die man nicht beleidigen dürfe, den Schmuck nicht anlegen, der das Zwanzigfache vom Schmucke der Gräfin betrage; sie möge sich einfach kleiden; dagegen wurde ihr versprochen, sie solle beim nächsten Feste, das man im Hause gebe, Alles anlegen dürfen.

Frau Ceres aber beharrte dabei, daß sie nicht mitgehe, wenn sie nicht ihren Schmuck tragen dürfe.

»Gut,« sagte Sonnenkamp, »so schicke ich sofort einen Boten nach Wolfsgarten, daß wir ohne Dich kommen.«

Er ließ einen Reitknecht ins Zimmer bescheiden und gab ihm den Auftrag, zu satteln, da er unverzüglich nach Wolfsgarten reiten müsse. Als Sonnenkamp sich dann entfernte, sah ihm Frau Ceres mit einem bitterbösen Blicke nach; sie war also das arme Kind, das allein zu Hause bleiben mußte, wenn Alles zum Feste geht. Nach einer Weile rannte sie durch das Haus in das Zimmer Sonnenkamps und erklärte, sie gehe mit wie man wolle.

Sonnenkamp bedauerte, daß er den Boten bereits abgeschickt, und jetzt bat Frau Ceres dringend, er möge einen zweiten nachschicken, der ihre Ankunft melde.

Sonnenkamp behauptete, daß dies nicht mehr möglich sei; endlich gab er nach. Er ging selbst in das Stallgebäude und hatte weiter nichts als dem Reitknecht zu sagen: »Sattle wieder ab!« denn er hatte ihn noch nicht fortgeschickt, er wußte im Voraus, daß Frau Ceres, das verzogene Kind, ihn bitten werde.

Man fuhr nach Wolfsgarten.

Bella war äußerst erfreut, auch die Cabinetsräthin begrüßen zu dürfen; sie sah heute schöner aus als je. Sie wußte Jedem eine Freundlichkeit zu bieten und war besonders gütig gegen Erich. Sie glaubte bei seinem letzten Besuche eine Mißstimmung an ihm wahrgenommen zu haben, die sie nun durch eine Bevorzugung zerstreuen wollte.

Dem Blicke der klugen Frau entging aber nicht, daß Erich diese Freundlichkeiten zwar dankbar, aber kalt aufnahm.

Sonnenkamp, der ein scharfes Auge hatte, hielt den Athem an wie ein Jäger, dem ein Wild schußgerecht kommt. Bravo! Sie wissen gut zu spielen! dachte er. Der Tugendruhm dieses Hauses hatte etwas Drückendes für ihn gehabt; nun bewegte er sich hier mit einer gewissen Heimatlichkeit.

Es war ein kleiner Hof, der sich zusammengethan, die Form war ländlich freier, aber dabei nicht minder wohlbemessen. Viele schicksalsvolle Existenzen waren hier versammelt, die vielleicht darum auffälliger erschienen, weil sie sich aus der Zerstreuung des Landlebens gesammelt hatten. Pensionirte und freiwillig ausgetretene Militärs bildeten das Hauptcontingent, die Orden zeigten sich bescheiden als rothe, gelbe, blaue Zünglein im Knopfloch; die alten Herren waren sorgfältig frisirt, die Bärte frisch gewichst; die Damen zeigten, daß man nicht umsonst einige Wochen des Jahres in Paris zubrachte.

Einer einzigen Französin zu lieb wurde die Conversation französisch geführt.

Auch ein berühmter Musiker, der sich in der Nähe aufhielt, war eingeladen. Er erholte sich von seinen Concertreisen im Landhause eines Collegen, der seine Musikschülerin, eine reiche Erbin, geheiratet und sich in der Gegend ein schönes Anwesen erworben hatte.

Nächst Erich waren Herr Sonnenkamp und der Musiker die einzigen Bürgerlichen in der heutigen Gesellschaft; den Künstler hob sein Genie, den reichen Mann seine Millionen in die neue Atmosphäre. Der Weincavalier konnte bereits als geadelt angesehen werden, denn es war bekannt, daß in den nächsten Tagen die ganze Familie geadelt werde. Das Brautpaar war ebenfalls geladen, aber am Tage des Gastmahls kam ein Brief, der mit höflichem Bedauern anzeigte, daß der Bräutigam, von einem kleinen Unwohlsein betroffen, nicht kommen könne. Auch die Braut war nun zurückgeblieben.

Der Weincavalier brachte einen berühmten Portraitmaler mit; er wohnte seit Wochen im Landhause des Weingrafen, denn er malte die Braut und den Bräutigam in Lebensgröße. Der Maler war sehr in der Mode, Perlen und Spitzen und grauer Atlas gelangen ihm am besten, auch die Gesichter waren ähnlich, nur alle etwas stark blau; er war indeß bei Hofe sehr beliebt und es konnte keine Frage sein, daß er allein die vornehme Braut malen durfte.

Sonnenkamp erhielt den Ehrenplatz neben Bella, zur andern Seite saß der Fürst. Clodwig hatte Frau Ceres neben sich, und der Major war natürlich auch da und hatte, wie er es wünschte, einen Platz am Ende des Tisches, damit er bequem mit Nachbar hüben und drüben sprechen konnte. Clodwig unterhielt sich sehr freundlich mit Frau Ceres, die heut aus Verlegenheit sehr viel aß, ohne daß Sonnenkamp ihr zugeredet hätte.

Sonnenkamp hatte seine alten Waffen der Galanterie hervorgesucht, mit denen er nie fehlte; heute aber schien es ihm nicht zu gelingen, denn Bella hörte nur mit halber Aufmerksamkeit zu, sie horchte stets hinüber nach dem Gespräche Erichs mit dem Russen.

Plötzlich waren alle Zwiegespräche verstummt, denn der Fürst fragte Herrn Sonnenkamp:

»Bezeichnet man die Sklaven in Amerika auch als Seelen?«

»Ich verstehe nicht.«

»Wir in Rußland bezeichneten die Leibeigenen als Seelen; man sagte, ein Mann hat so und so viel hundert oder tausend Seelen; nennt man das auch in Amerika so?«

»Nein.«

»Man hält es ja noch dort für eine Frage,« fiel Clodwig ein, »ob die Neger wirkliche menschliche Seelen sind. Humboldt erzählt, die Wilden hätten die Ansicht, die Affen könnten auch sprechen, sie unterließen es aber geflissentlich, weil sie fürchten, sie müßten sonst auch arbeiten.«

Ein allgemeines Lachen wurde vernehmbar und Clodwig setzte hinzu:

»Wenn wir das geringste Gefäß aus der Griechen- und Römerzeit ausgraben, finden wir immer eine Schönheit daran. So viel ich weiß, haben die Neger nicht eine einzige neue schöne Form gebildet.«

»Sie haben also,« fiel der Fürst ein, »wie man sagt, nicht einmal eine neue Mausefalle erfunden?«

»Es fragt sich,« fuhr Clodwig fort, »ob die Neger Erben der Bildung sein können; da sie nicht Erben der schönen Menschenerscheinung sind, wie sie von Aegypten, Griechenland und Rom auf uns überging, so können sie auch nicht Fortbildner der Kunst sein, und die Kunst allein ist der Adel der Menschheit; sie können die Schönheit nicht schaffen nach ihrem Ebenbild. Der Mensch schafft sich seine Götter nur nach sich, und das ist den Negern nicht möglich. Sie schaffen vielleicht in Zukunft etwas für sich, aber nicht für Andere und darum sind sie erblos, sie stehen nicht im großen, uuzerreißbaren Zusammenhang der Menschheit.«

Sonnenkamp schaute auf, sein ganzes Angesicht wurde größer. So spricht ein Mann der unbestreitbarsten Humanität!

»So ist's!« fiel er ein. »Man ist in Amerika nicht sentimental. Unsere klaren und festen Anschauungen werden freilich von der Schullehrerweisheit verketzert und mit dem großen Bann der Unmenschlichkeit belegt, aber es gibt auch ein Pfaffenthum der sogenannten Humanität und das hat seine Ketzergerichte so gut wie andere.«

Sonnenkamp sprach mit einer Wegwerfung, die deutlich erkennen ließ, wie ungehörig er das in aller guten Form vom Fürsten aufgeworfene Thema fand. Clodwig glaubte, diesem beistehen zu müssen, er begann mit leiser Stimme, aber im Laufe der Rede wurde sein Ton immer lebhafter:

»Wer die geschichtlichen Thatsachen kühl und vom ruhigen Standpunkte aus betrachtet, der sieht, wie die Idee sich stetig entwickelt, sie arbeitet lange still, aber unstörbar, und diese Wirkung zieht sich fort, bis eine ungeahnte Thatsache, die scheinbar nichts mit der Idee gemein hat, die Ausführung und die offen am Tage erscheinende Entfaltung bietet. Die Idee ist immer nur stimmungshaft vorbereitend, die Thatsache ist entscheidend und dramatisch.«

Bella sagte leise etwas zum Fürsten, der zu ihrer Rechten saß. Clodwig merkte wohl, daß es eine Entschuldigung dieser etwas schwerfälligen und allgemeinen Betrachtung war; flüchtig zuckte es in seinem Antlitze, seine feinen Lippen zogen sich etwas spitz zusammen und er fuhr fort:

»Ich bin der Ueberzeugung, ohne Sebastopol wäre die Bauern-Emancipation nicht jetzt und nicht in dieser Weise ausgeführt worden. Der Krimkrieg wurde unternommen, um Rußland zu demüthigen, und er brachte Rußland dazu, sich einen freien Bauernstand zu schaffen, sich innerlich zu erhöhen.«

Der Fürst fügte einige zustimmende Worte bei und Clodwig erklärte weiter:

»Mir hat der russische Gesandte erzählt, während des Krimkrieges verbreitete sich plötzlich die Sage . . . Niemand wußte, woher sie kam, aber sie war auf allen Lippen und lautete: Jeder, der bei Sebastopol kämpfen muß oder freiwillig dahinzieht, um den Kaiser von den Alliirten zu befreien, erhält nach dem Kriege freies Land und wird unabhängiger Bauer. Das steckte überall in den Köpfen. Woher kam's? Die Idee der Bauern-Emancipation, die lange in Büchern und Zeitschriften und in den höheren Gesellschaftskreisen verhandelt wurde, gewann Gestalt im Volksbewußtsein und wurde zu einer Thatsache, die das kaiserliche Decret nur noch zu besiegeln hatte.«

Clodwig hielt inne, wie wenn er müde wäre, dann aber raffte er sich auf und rief:

»Es ist nur das alte schöne Wort: die Schwerter werden zu Pflugscharen.«

Man wußte nicht, warum und auf welchem Wege Clodwig zu solcher Darlegung kam, nur Erich sah strahlenden Antlitzes auf ihn, und jetzt berührte eine Hand Erichs Schulter, er schaute erschreckt um. Roland stand hinter ihm und sagte:

»Ganz Aehnliches hast Du auch einmal gesagt.«

»Setz' Dich und halte Dich ruhig,« sagte Erich.

Roland ging auf seinen Platz, aber er wartete, bis der Blick Erichs ihn wieder traf, dann trank er ihm zu.

Bella sah wie hülfesuchend um, das war ja gar kein Tischgespräch; sie sah auf Erich, wie wenn sie ihn bitte, er möge doch das Gespräch von diesen häßlichen Dingen abwenden.

Eben schenkten die Diener Johannisberger in feine, zierliche Gläser, und Erich, das Glas vor sich hinhaltend, sagte:

»Herr Graf, solchen Wein haben die alten Völker in den Steinkrügen, die wir jetzt aus der Erde graben, doch nie gekostet.«

Bella nickte ihm ermunternd zu und da er inne hielt, sagte sie:

»Wissen wir Genaues vom Weinbau der Alten?«

»Höchst wahrscheinlich,« erwiderte Erich, »hatten die Alten gar keine Ahnung von dieser Würze, von diesem Feuer des Weines, denn sie tranken nur ungegohrenen.«

»Ich bin weit entfernt,« fiel Sonnenkamp ein, »mir eine Gelehrsamkeit anmaßen zu wollen, das aber ist doch leicht ersichtlich, ohne Abkappung der Reben kann man keine ausgezeitigte und in sich concentrirte Traube und ohne Faß keinen entwickelten und voll ausgelebten Wein gewinnen.«

»Ohne Faß? Warum das Faß?« fragte der Russe. »Hilft vielleicht die Holzfaser den Wein abklären?«

»Ich glaube nicht,« entgegnete Sonnenkamp, »aber das Faß läßt Luft eindringen, läßt in den Kellern den Wein ausreifen, läßt ihn abfüllen, überhaupt seine Cultur vollenden. In Thongefäßen erstickt der Wein oder hält sich höchsten Falles so wie er ist.«

Mit großer Freundlichkeit setzte Bella hinzu:

»Das freut mich, nun sehe ich wieder, daß eine fortschreitende Bildung auch die Naturproducte zu höherem Genusse macht.«

Sonnenkamp fühlte sich sehr gehoben; er erschien in der vortheilhaftesten Weise. Das Tischgespräch vertheilte sich nun in viele Einzelunterhaltungen.

Man war heiter und wohlgemuth, alles Peinliche schien vergessen, die Wangen glühten, die Augen glänzten, als man sich von der Tafel erhob.

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