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Das Landhaus am Rhein / Band II

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band II - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band II
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band II
pages1-324
created20060723
sendergerd.bouillon
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Drittes Capitel.

In den geschmackvoll geordneten Anlagen des Bahnhofes ging Prancken umher, schaute hinaus nach den Bergen, hinab in den Strom, nach der Insel; die ganze Welt war ihm wie neu geschaffen, ein Schleier war weggenommen und entzückend schön war Alles.

Die Luft war voll würzigen Duftes, untermischt von jenem milden Harzgeruch, den die springenden Knospen ausströmten; an dem Geländer hingen, wie wartend, zahllose Rosenknospen; von der steilen Felswand, die man zum Bau der Eisenbahn losgesprengt hatte, rief ein Kuckuck und viele andere Vögel sangen drein. Die ganze Welt war voll Blüthenduft und Vogelsang, Alles wie erlöst, befreit, gesegnet.

Die Leute auf dem Bahnhofe glaubten, daß der junge Mann, der so unruhig hin und her ging, bald eilend, bald stillstehend, bald ausschauend, bald den Blick zur Erde gesenkt, ein sehnlich Erwartetes mit dem nächsten Zuge begrüßen müsse; aber Prancken erwartete Niemand und nichts. Was konnte denn noch kommen in der Welt? Alles war ja erfüllt. Er begriff nur nicht, wie er noch hier weilen könne und Manna da drüben; keine Minute sollte mehr vergehen, ohne daß sie bei einander, eins, unzertrennlich.

Jetzt flog ein Fink vom Baume weg, unter dem er stand, er flog über den Strom nach der Insel. Ach, könnte ich auch so hinüberfliegen und vom Baume aus sie sehen und grüßen, und am Abend auf ihr Fenstersims fliegen und hineinschauen, wenn sie schläft, und am Morgen, wenn sie erwacht!

Alles, was je ein jugendliches Herz bewegt, erfaßte für einen Augenblick Prancken, und er erschrak vor sich selber, als jener Dämon der Eitelkeit und Selbstbespiegelung, den er in sich groß gezogen, ihm zuraunte: Du bist ein edler schwärmerischer Jüngling! . . . Er haßte diesen Dämon und fand ein Mittel, ihn zu bannen.

In einer abgelegenen Laube saß er und las in Thomas a Kempis. Er las die Mahnung: Lerne Dich selbst beherrschen, dann kannst Du die Dinge der Welt beherrschen. Prancken hatte das Leben bisher immer als leichten Scherz angesehen, gar nicht der Mühe werth, daß man sich etwas daraus mache. Er hatte jenen übermüthigen Ton, mit dem man einen Pudel über den Stock springen läßt; er schaute verwundert um, wie nun das werden solle. Kann man diese Tonart auch bei der Kirchlichkeit bewahren? In meines Vaters Haus gibt es viele Wohnungen, vielleicht ist es gerade gut, den Weltkindern einmal zu zeigen, daß das freie Spiel mit der Welt nicht blos ihnen allein gehöre.

Wenn ein Mann, der einmal leichthin von der Sage gehört, da drunten im Strome den großen Nibelungenschatz fände, altes, prächtiges, seltsames, gediegenes Geschmeide . . . so müßte ihm sein, wie es jetzt Prancken zu Muthe war, als er in diesem tief eindringenden Büchlein die christliche Lehre zum ersten Mal recht eigentlich entdeckte. Da ist Alles so verständnißreich, sagt Dir Deine Bestrebungen vor, sagt sie so mild, erklärt Dir ihre Entstehung und gibt Dir Weisung, wie Du Verkehrtes abzulegen und das Wahre aufzunehmen hast.

Lange saß Prancken träumend und sinnend; Bahnzüge kamen, Bahnzüge gingen, Schiffe zogen auf und ab auf dem Strom, er sah und hörte Alles nur wie im Traume. Erst als die Mittagsglocke vom Kloster läutete, erwachte er. Er ging nach dem Gasthof.

Hier traf er einen Kameraden, der mit seiner jungen Gattin auf der Hochzeitsreise war. Prancken wurde hoch willkommen geheißen, man freute sich dieser Begegnung. Er sollte am Nachmittag eine Wasserfahrt und eine Bergpartie mitmachen; er lehnte ab, er wußte nicht warum; aber mit glänzenden Augen betrachtete er das junge Paar: so wird es sein . . . bald wird es sein, wenn er mit Manna reist! Es durchschauerte ihn wonnig, daß er sie allein habe, allein draußen in der weiten Welt! Warum kann er sie nicht schon jetzt herausholen?

Er gelobte sich, Geduld zu lernen.

Man war heiter am Mittag und Prancken war so aufgeräumt wie je; der Kamerad sollte nicht auf dem Militär-Casino erzählen, und der dicke Kannenberg nicht darüber spötteln und zehn Flaschen Sect wetten, daß die fromme Stimmung nur eine vorübergehende Laune Pranckens sei. Wie alte eingelernte Stücklein brachte er seine Witzreden vor, und es dünkte ihn ein Jahrhundert, ja es mußte ein Vorleben gewesen sein, daß man einmal auf Parade gegangen war.

Man sprach davon, daß morgen mit großem Gepränge eine Wallfahrt aus der nahen Stadt abgehe. Das junge Paar berieth, ob es nicht auch das Schauspiel am Wallfahrtsorte ansehen solle; man wollte sich am Abend entscheiden.

Als Prancken das junge Paar nach dem Kahn begleitet hatte, ging er nach dem Bahnhofe und nahm eine Karte nach der Stadt; er wollte im Dom der Abendandacht beiwohnen. Er kam nach der Stadt; willfährige Diener auf der Straße, die sich ihm als Wegweiser zu Lustbarkeiten anboten, wies er unwillig ab und er lächelte, da ein Diener in der Kirche den »gnädigen Herrn« fragte, ob er ihm Alles zeigen solle. Prancken kniete unter den Andächtigen.

Er wandelte durch die Stadt und stand lange vor einem Friseurladen, der angefüllt war mit verschiedenen Odeurs, mit Haartouren für Männer und Frauen, mit Puppenköpfen, deren Glasaugen starr dreinsahen unter den künstlichen Brauen und Wimpern. Ueber der Thüre stand mit goldenen Bnchstaben: Hier wird frisirt und rasirt.

Es war ein heroischer Entschluß, daß Prancken sich gelobte, die Wallfahrt mitzumachen, und zwar wollte er ohne irgend einen auszeichnenden Stolz sich den Wallfahrern einreihen, mit ihnen beten und sich kasteien. Um indeß kein Aufsehen zu erregen und ganz allein, in sich verborgen, die Wandlung seines Wesens gewähren zu lassen, schien es ihm angemessen, daß er den trotzigen Schnurr- und Knebelbart zuerst abnehme, und sich damit unkenntlich zu machen. Besonders bangte ihm vor dem jungen Ehepaare, das sich die Wallfahrt wie ein Schauspiel ansehen wollte, von dem man dann bei der Heimkehr erzählen könne.

So trat er endlich in die duftende Bude, setzte sich auf einen Lehnstuhl und betrachtete in einem großen gegenüberhängenden Spiegel zum letzten Male Schnurr- und Knebelbart. Ein weißer Mantel, ein wahrer Opfermantel für das Opferlamm, wurde ihm übergelegt und ein äußerst gefälliger Jüngling, der keine Ahnung davon hatte, welches Priesteramt ihm beschieden, fragte:

»Belieben . . . rasirt oder frisirt?«

»Frisirt!« antwortete Prancken mit Blitzesschnelle, denn wie eine Offenbarung ging es ihm auf: frisirt, elegant gekleidet, will er sich unter die Wallfahrer mengen; das ist tiefer und bekenntnißvoller, und es wird nicht ohne Bedeutung sein, wenn man sieht, daß ein vornehmer Mann, ein Militär unverkennbar, seine kirchliche Verehrung darbringt.

Schön frisirt ging Prancken aus der Bude hervor und kehrte in einem Gasthof ein, der vorzugsweise vom hohen Adel besucht wurde. Er hoffte dort einen ebenbürtigen Genossen zu finden, den er bestimmen könne, gemeinsam die Wallfahrt zu begehen. Er fand Niemand. Im großen Speisesaal aber sah er eine berühmte Schauspielerin, die hier Gastrollen gab und die er ehemals gekannt; er that als ob er sie nicht erkenne und zog sich auf sein Zimmer zurück.

Der Morgen kam, die Glocken tönten zur Wallfahrt; da faßte Prancken einen großen Entschluß. Nur nichts Uebereiltes! sagte er sich. Kein Aufsehen machen, der Welt keinen Anlaß zu Mißdeutungen geben! Man ist der Welt und der Vergangenheit auch etwas schuldig, man muß allmälig und stetig den alten Menschen abthun und den neuen heraus kehren.

Vom Fenster des Gasthofes aus, die Dampfwölkchen seiner Cigarre in die Luft blasend, sah Prancken die Wallfahrt vorüberziehen. Dann fuhr er nach dem Bahnhofe, um nach Wolfsgarten zurückzukehren.

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