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Das Landhaus am Rhein / Band II

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band II - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band II
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band II
pages1-324
created20060723
sendergerd.bouillon
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Viertes Capitel.

Der Doctor bat Erich, sein Reitpferd an den Wagen anzubinden und mit ihm bis in die Nähe der Villa zu fahren.

Als die beiden Männer im Wagen saßen, blies der Doctor vor sich hin und sagte dann:

»Eine schöne Frau die Gräfin Bella und eine geistreiche, sie liebt den Papagei, der frei in den Wald fliegen darf, ihr dann aber wieder gehorsam auf die Schulter zurückkehren muß.«

»Ich finde,« fiel Erich ein, »daß man hier zu Lande und im engen Lebenskreise viel über Dritte spricht. Erscheint Ihnen das nicht als eine Beschränkung oder wie man es sonst nennen mag?«

Der Doctor merkte wohl, daß Erich nicht auf das Thema eingehen wollte, aber er erwiderte:

»Der ergiebigste Stoff ist die Gattung Mensch, und der unerschöpfliche in dieser Gattung ist die Spielart Weib. Ich rede indeß mehr von mir, ich habe an dieser Frau eine neue Spielart kennen gelernt. Sie kannten Frau Bella früher nicht?«

»Nur flüchtig,« ließ sich Erich widerwillig vernehmen.

»Aber ich kannte sie. Sie hat eine Nothehe geschlossen wie viele Andere, und ich nehme ihr das gar nicht übel. Ich bin auch anderer Meinung als die meisten Menschen. Die Gräfin ist in der That bescheiden auf ihre Talente, denn sie ist stolz auf ihren Heroismus; sie hat, ich weiß das, dem Grafen vor der Verlobung gesagt, sie sei nicht bedeutend genug für ihn, seiner nicht würdig. Intellectuell war das aufrichtige, nur im Ausdruck übertriebene Bescheidenheit. Sie hat Talente, aber keine Seele, sie hat lauter Zuspeise, keine feste Kost. Sittlich war dieses Bekenntniß volle Wahrheit, für sie ist die Sittlichkeit nur Convenienz.«

Erich schaute betroffen auf und der Doctor fuhr fort:

»Ich meine die Sittlichkeit der großen Welt, die nur die äußere Ehre als wesentlich betrachtet und nur diese bei einer Abweichung im Auge hat. Dem Grafen Clodwig aber ist alles Unreine und Unschöne von Natur zuwider, er würde es nicht üben, auch wenn nie ein Mensch davon wüßte.«

Der Doctor machte eine Pause; das Herz Erichs erbebte. Will ihm der Mann die Reinheit Clodwigs vor Augen halten, um ihm zu zeigen, wie unwürdig die leiseste Regung wäre, einen solchen Mann zu kränken und zu hintergehen?

Der Doctor fuhr fort:

»Es kann keine schönere Ehre geben, als der Freund Clodwigs zu sein. Ich liebe die Aristokratie nicht, ja ich hasse sie, aber in Graf Clodwig ist eine edle Weise, die sich vielleicht nur ausbilden kann, wenn sie von Geschlecht zu Geschlecht gehegt wird und nicht wie bei uns Bürgerlichen erobert werden muß. Bei Clodwig ist eine beständige gleichmäßige Art von Luftheizung, nirgends eine lodernde Flamme, aber immer wohlige Wärme. – Sie sehen, ich habe von Ihnen gelernt, Bilder zu machen,« warf er scherzend dazwischen und nahm wieder neu auf: »Graf Clodwig und Herr Sonnenkamp betrachten ganz das Gleiche als das höchste Gut.«

»Und das ist?«

»Ruhe. Freilich, die Ruhe, die Herr Sonnenkamp will, ist eine ganz andere als die des Grafen. Gräfin Bella aber braucht Unruhe, sie kann ohne sie nicht leben. Sie ist ein wahrer Tugenddrache; sie muß jede Woche oder mindestens jeden Monat einen reinen Ruf verschlingen, oder noch besser ein Schuldbeladenes katzenartig zerreißen; sie beißt wie wohl dressirte Jagdhunde am liebsten nach den Augen eines armen Häsleins, dann ist sie gesättigt und äußerst zuvorkommend und thut Niemand etwas. Sie spricht sehr gut von Diesem und Jenem, so lange es ihnen schlecht geht; wenn die Menschen gedemüthigt sind, begnadigt sie dieselben gern; sobald ein Mensch krank ist, wird sie menschenfreundlich gegen ihn, so lange er aber gesund ist, hat er nur Härte von ihr zu erwarten. Daß sie schönes volles Haar hat, freut sie nicht so sehr, als daß sie sagen kann: diese oder jene hat so und so viel Pfund falsches Haar. Sie ist glücklich, sagen zu können, diese oder jene Frau ist scrophulös, denn die Pranckens allein sind gesunde Menschen. Und wenn sie etwas behauptet, so geht sie nie davon ab; es ist ihr lieber, daß ihr Mann, daß die ganze Welt unlogisch ist, als daß sie Unrecht hat; Unrecht darf Bella von Wolfsgarten nie gehabt haben. Sie hat nie ein unpassendes Kleid getragen, nie ein Wort gesagt, das nicht in Stein gegraben werden durfte. Und das nennt sie Charakter! nennt sie Stärke! Mag die Logik der ganzen Welt darüber zum Teufel gehen. Sie kann den gesprächlichen Eiertanz sehr gut ausführen. Haben Sie schon ein zierliches Brieflein von ihr bekommen? Sie versteht auch auf dem Papiere voll biegsamer Anmuth zu tanzen.«

Erich fuhr sich mit der Hand über die Stirn, er begriff nicht, daß er das Alles hörte. Der Doctor warf eine halb angerauchte Cigarre weg und fuhr fort:

»Die böse Welt wünscht, und leider könnte es nicht geschehen, ohne Clodwig ins Herz zu treffen, daß dieser Tugenddrache einmal seinen unheiligen Georg finde; aber das müßte ein Mann sein, der, wie mans nennt, Glück bei den Frauen machen will, nicht einer, dem die Worte Liebe, Seelengröße, höheres Streben ernst sind, und der sie nicht zum Deckmantel für andere Zwecke mißbraucht.«

Erich wußte nicht, was er sagen sollte; er fühlte, daß er zitterte. Der Doctor zog an einer Schnur, der Radschuh legte sich unter das Rad am Wagen, man fuhr den Berg herab, der Wagen knirschte und zischte und man schaute hinein in die Tiefe, wo unten über Felsen ein kleiner Bach dahinrauschte. Als man wieder im Thal dahinfuhr, begann der Doctor:

»Wenn ich sage, die böse Welt, so war das nicht blos eine Redensart; ich muß Ihnen nur noch erklären, welches die neue Spielart ist, die ich an Frau Bella kennen gelernt habe. Es gab und gibt viele Frauen, die, in Wahrheit oder eingebildet, höchst unglücklich sind oder sich höchst unglücklich fühlen, weil sie gar so unbedeutende Männer haben – und sie selber sind doch so große, unverstandene, ätherische Seelen – und ihre Gatten lieben die Pferde, die Hunde und was sonst noch. Die neue Spielart aber, die Frau Bella repräsentirt, ist die: sie ist unglücklich, weil ihr Mann so bedeutend ist. Hätte sie eine jener wohlexercirten Gliederpuppen, die dazu da sind, eine Hofuniform auszufüllen, sie könnte unglücklich sein, könnte sich als schönes blüthengeschmücktes Opfer betrachten, geduldsam entsagen und sich beweinen, aber immer wachsen der höchsten Empfindung zu. Nun aber wird sie neben einem solchen Manne immer gehässiger und geringer; er beleidigt sie, weil er sie in Schatten stellt, ja sogar oft ihr halbes Denken tadelt, wenn auch nur durch Emporziehen der Brauen. Und eigentlich . . . ich glaube, sie gesteht es sich selber nicht . . . haßt sie ihren Mann, denn er macht aus ihrem bloßen Spielen mit dem Geist strengen Ernst; er zwingt sie, Unklarheiten und Albernheiten zu erkennen. Dafür wird er aber auch genugsam gestraft. Mir ist die Sage von den Harpyen klar geworden. Die neuen Harpyen beschmutzen jeden höheren Gedanken, daß er ungenießbar und ekelhaft sei, und so muß nun Clodwig um das einfache tägliche Brod des Geistes kämpfen und ringen. Wissen Sie, was aber nun das Gefährlichste ist bei Frau Bella?«

»Ich weiß gar nichts mehr, ich kann mir nicht denken, welche Steigerung Sie noch vorhaben.«

»Eine ganz einfache. In der Kirche nennt man es Teufel, was aber jetzt als ein sehr geschmeidiger, edler und aufopfernder Dämon erscheint; er kommt und sagt: Sieh, Du bist der Freund dieser Frau, sie hat so viel Vertrauen, so viel Güte zu Dir, benütze das nun, ihr die rechte Stimmung zu geben; Du mußt sie lehren, ihren Mann gerecht zu würdigen und wie er verdient, verehrt zu werden. Dieser sophistische Dämon scheint nur so fein, ist aber in der That der plumpste von allen, denn noch nie würdigte ein Eheweib ihren Gatten durch fremde Einsprache. Es gibt eine letzte Lebenskraft und eine letzte Liebeskraft, die nur aus dem Menschen selbst kommen kann, und wo die nicht ist, da hilft nichts und redete man mit Engelszungen. Die Alten haben es als die größte Heldenthat des Theseus gepriesen, daß er die Medusa besiegte: sie ist die giftige Schönheit. In der alten Zeit versteinerte sie, in der neuen verweichlicht sie die Männer. Ich habe einen besondern Haß auf Frau Bella, und wissen Sie warum? Sie macht mich zum Heuchler, so oft ich nach Wolfsgarten komme; ich sollte nicht so höflich gegen sie sein und es entschuldigt mich nicht, daß ich es bin, weil ich Graf Clodwig liebe. Kein Mensch hat mich so schlecht gemacht als sie, bei ihr heuchle ich und empfinde solche Zerstörungswuth, wie ich sie gar nicht geglaubt hätte. Sie ist eine Quacksalberin. Wenn ich eine Medicin verordne, so hat sie immer voraus gewußt, was ich verordnen werde; medicinisch hab' ich es ihr nun ziemlich abgewöhnt, aber sie ist es noch mehr geistig. Da hat sie Hausmittelchen und Redensarten aufgeschnappt, daß man meint, sie wäre in Alles eingedrungen, aber der Kern ihres Wesens ist Respectlosigkeit, keckes Dreinreden, denn Alles ist für sie Schwindel, und sie hat auch keinen Respect vor sich selbst, denn sie weiß, sie ist auch Schwindel; sie will an allem Wissen theilnehmen und ist doch gleichgültig gegen alles Wissen; sie unterhält Andere und langweilt sich dabei. Ein tiefer Zug in ihrer Seele ist Undankbarkeit. Mag ihr werden, was da wolle, sie bleibt undankbar. Wollen Sie den geraden Gegensatz zu Bella, so nenne ich Ihnen den Major, der ist dankbar für Alles, selbst für die Luft, die er athmet. Der Major, das alte Kind, glaubt noch nicht an die Gemeinheit der Menschen; wenn der leibhaftige Teufel zu ihm käme, er fände das Gute an ihm heraus. Bella ist grundlos. Ein Mann bösen Gemüthes hat immer noch Kräfte und Thätigkeiten für die Welt; wenn eine Frau bösen Gemüthes ist, ist sie ganz bös' und nur bös'. Wissen Sie, wer zu Frau Bella paßte?«

»Ich weiß gar nichts mehr,« rief Erich verzweifelt, es war ihm, als wäre er gefesselt.

»Der einzige Mensch, der zu ihr paßt, der diese ganze Menagerie, die sich Bella nennt, demüthigen und beherrschen könnte, das wäre Herr Sonnenkamp, und im Geheimen haben sie auch eine tiefe Sympathie für einander.«

Erich fühlte sich erleichtert, da er lachen konnte; aber der Doctor nahm wieder auf:

»Junger Freund, ich bin ein Ketzer, ich glaube, so böse als eine Frau kann ein Mann nie sein und auch so heuchlerisch nicht. Für das Letzte sind sie aber nicht verantwortlich, denn es wird ihnen von Kindheit an ja immer gesagt: thut nur so, die Welt will den Schein. Die Hauptsache aber ist, sie haben keine Humanität, sie gehen nicht den Gründen nach, aus denen die Dinge geworden sind, Alles ist für sie fertig gesteckt und genäht wie ein Hut oder eine Mantille bei der Putzmacherin; und andererseits stehen sie noch unter dem Bann des Thierischen, sie kennen die volle Mitfreude nicht und Medisance ist die verfeinerte Mordgier; in der ganzen Thierwelt ist das Weibchen immer das grausamste.«

Erich saß still und ließ Alles an sich hinreden, und als man jetzt am Ziele angekommen war, stieg der Doctor aus, er blies wieder vor sich; er glühte im ganzen Gesichte.

»Ich habe mir's einmal leicht gemacht,« sagte er, »ich würge schon lange daran. Ich danke Ihnen, daß Sie mich so geduldig angehört. Junger Freund,« – und er legte zutraulich die Hand auf die Schulter Erichs – »ich bin auch grimmig auf die Poeten, die uns aus Furcht, den Weibern zu mißfallen, die geistreiche Paradefrau aufgeputzt haben. Wenn ich über Frau Bella zu viel gesagt habe – es ist möglich – bitte, behalten Sie, was ohne Uebertreibung wahr ist und bleibt und was ich zu jeder Stunde vertrete.«

Erich nahm sein Pferd am Zügel, aber er stieg nicht auf, er ging still und gedankenvoll dahin; es that ihm weh, daß über Bella so gesprochen wurde und daß er sie nicht besser vertheidigt hatte.

Zu Roland wendete sich seine Seele und in ihm sprach es: Ich war doch auch eitel, ich freute mich, zu glänzen, von einer schönen Frau gelobt zu werden, mit ihrem warmen Handschuh einen leichten Schlag auf die Finger zu bekommen. Das war kein Mann, der sagen durfte, ich will in Reinheit einen Menschen erziehen.

Mit befreiter Seele schritt er des Weges weiter und kam auf der Villa an.

Ein Telegramm war da, daß die Familie heute in der Residenz übernachte.

Erich war allein.

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