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Das Landhaus am Rhein / Band II

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band II - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band II
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band II
pages1-324
created20060723
sendergerd.bouillon
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Drittes Capitel.

Während die Familie Sonnenkamp in der Residenz war, ritt Erich nach Wolfsgarten. Er hatte jeden verrätherischen Gedanken in sich niedergekämpft, er dachte einzig daran, daß er verpflichtet sei, die Freundschaft, die Bella ihm zugewendet, dahin zu lenken, daß er ihr die Hoheit ihres Gatten klar mache. Das wollte er. Frisch und muthig ritt er dahin.

Er traf Clodwig allein. Bella war mit einem fremden Besuch ausgeritten. Clodwig freute sich, mit Erich einmal ganz allein zu sein, der ihn bei früheren Besuchen so oft dem Knaben überlassen hatte und mit Bella gegangen war. Er berichtete, daß der Sohn eines Freundes, der als russischer Gesandter in Neapel gelebt, zu ihm gekommen sei, um ernste Studien in der Landwirthschaft zu machen. Der junge Fürst habe sich, wie Alle seines Gleichen, im Pariser Strudel umhergetrieben, aber es sei ein edler Kern in ihm und eine Willenskraft, die das Beste hoffen lasse. Die große Thatsache, daß der Kaiser von Rußland die Leibeigenschaft aufgehoben, bewirke zugleich eine noch größere moralische und ökonomische; die Herren müßten nun aus Gutsbesitzern einsichtige und selbstthätige Landwirthe werden. Es sei bei den Russen ein Eifer der Aufopferung und Hingebung für das niedere Volk, und das ergreife oft Weltlinge so mächtig, daß es erscheine, wie die Umkehr jener heilig Gesprochenen, die, aus tollen Gelagen kommend, plötzlich ihrer sittlichen Aufgabe inne wurden.

»Es gibt keine so bildungsbegierige Aristokratie, als die russische,« sagte Clodwig, »leider aber sind die Männer eifrig und ideell begeistert ein Jahr lang oder zwei, dann werden sie leicht lässig; sie haben viel Nachahmungstalent, sie haben noch zu erproben, wie lange es vorhält und ob sie etwas Neues hervorbringen. Vielleicht ist die Aufhebung der Leibeigenschaft ein großer sittlicher Wendepunkt.«

Erich hob hervor, wie es ein glorreiches Zeichen des neuen freien Geistes sei, daß nicht die Kirche, deren Beruf es hätte sein sollen, das bewirkt habe, sondern die reine Humanität, die kein kirchliches Gepräge hat.

Die beiden Männer waren noch in weitgehenden Erörterungen über die Macht des Geistes und Clodwig eben in der Darlegung, wie es ihm oft die Seele peinige, daß die rohe Gewalt mehr über den Geist vermöge, als man sich gestehen wolle, da trat Bella ein. Ihr Antlitz glühte, als Erich sie grüßte, und der junge Mann von eleganter, aber etwas ermüdeter Erscheinung, begrüßte Erich sehr zuvorkommend; er freute sich, daß Erich so geläufig französisch spreche, da er im Deutschen sich nur unbehülflich ausdrücke; er setzte sofort hinzu, daß man Erich die französische Abstammung anmerke, in seiner Aussprache läge etwas, was nur das französische Organ vermöge.

Nachdem man sich auf kurze Zeit zurückgezogen, versammelte man sich wieder im Gartensaal.

Clodwig mußte dem Russen dringend ans Herz gelegt haben, daß er sich Erich anschließe, denn der junge Mann sagte alsbald zu demselben:

»Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mich etwas von Ihnen lernen lassen wollten.«

Er sagte das mit einer gewissen kindlichen Unterwürfigkeit und so vertrauensvoll, daß Erich ihm die Hand darreichte, indem er erwiderte:

»Ich werde gewiß auch von Ihnen lernen können.«

»Außer Whist, das ich sehr gut spiele, wie man mir allgemein sagt, glaube ich nicht, daß etwas von mir zu lernen ist,« antwortete der Russe lachend.

Als ein Mann, der sich alsbald zur Kenntniß der Landesproducte an die Producenten wendet, fügte er hinzu:

»Wie ich höre, ist die Philosophie in Deutschland aus der Mode gekommen; können Sie mir vielleicht einen Grund dafür sagen?«

Erich, der es ablehnen mußte, hierüber genaue Auskunft geben zu können, meinte, daß vielleicht die Philosophie als Wissenschaft minder hervortrete, daß sie aber Methode aller Wissenschaften geworden sei.

Bella legte den Kopf zurück und schaute in den blauen Himmel. Die Männer werden jetzt Dinge verhandeln, die sie eigentlich in Rücksicht auf die Frau auf eine andere Zeit verschieben sollten, aber sie will geduldig sein und zuhören.

Der Fürst war in Fragen unermüdlich; er wollte wissen, welches jetzt die bestimmenden Geister in Deutschland seien, und da Erich erwiderte, daß sich unsere Epoche an keine einzelnen Namen knüpft, fragte er weiter, woher es käme, daß es an hervorragenden Häuptern fehle. Erich suchte darzuthun, daß in der Zusammenfassung des Geisteslebens unsere Zeit keiner vergangenen an Größe nachstehe, daß aber das Auszeichnende heute und vielleicht für immer keinem einzelnen Ausgezeichneten zukäme.

Bella hörte noch immer still zu, sie wiegte den zusammengelegten Fächer in der Hand, als wäre es ein Pfeilbündel, sie legte den Fächer aus einander und zupfte an den einzelnen Stäben, als wären es Pfeile, die sie lockern und losschnellen müßte.

Endlich hielt sie es an der Zeit, nicht mehr still zuzuhören.

»Herr Hauptmann,« fragte sie, »warum scheeren Sie alle Zeitgenossen über einen Kamm?«

Da nicht geantwortet wurde, fuhr sie fort:

»Ich möchte weiter fragen: Schaffen bevorzugte Naturen nicht neue Gesetze in der moralischen, der intellectuellen, der politischen, wie in der ästhetischen Welt?«

Erich erwiderte sehr ernst:

»Das ist das Elend, das der Jesuitismus in der Kirche wie die Frivolität der Weltlinge gleichmäßig zu verantworten hat. Man erkennt bestimmten Naturen und bestimmte Naturen erkennen sich selbst eine Berechtigung und Ausnahmsstellung zu, bei denen die Menschen-Gesellschaft nicht bestehen könnte. Was man bevorzugte Natur nennt, das gibt mehr Verpflichtungen, aber keine über das Maß des Allgemeinen hinausgehende Berechtigung. Vor Gott und der ewigen Sittlichkeit sind wir Alle gleich, das hat das Christenthum erschöpfend ausgedrückt im Worte, daß wir Alle Kinder Gottes sind. Nun aber hat die Kirche Indulgenzen, hat der Staat Majorate, und möchte eine Sophistik moralische Ausnahmsberechtigungen schaffen.

»Sie sprechen sehr gut,« sagte der Fürst zu Erich.

Erich suchte den Blick Bella's, aber sie sah nicht auf, sie hatte die Lippen zusammengepreßt, denn sie dachte: Will er mir die Lehre geben, daß Niemand sich eine Ausnahms-Moral zuerkennen darf? Also darum der weltgeschichtliche Packzug? Sie wollte gleichgültig sein über den Ausspruch Erichs, aber sie vermochte es nicht; sie sah auf, ihr Auge ruhte schmerzlich auf ihm.

Als man im Garten spazieren ging, fragte der Fürst, der seinen Arm in den Erichs gelegt hatte, ob er Herrn Weidmann kenne, in dessen Haus ihn Graf Clodwig senden wolle.

Erich sagte, daß er ihn nur flüchtig gesehen habe, daß aber der Mann allgemein verehrt sei.

»Wenn Sie einen Freund Ihnen gleich wüßten,« sagte der Fürst und drückte den Arm Erichs an sich, »wenn Sie einen Mann wüßten, der mein Begleiter, mein Lehrer sein wollte, ich könnte ihm eine Sicherung für sein ganzes Leben verschaffen, oder . . . Sie entschuldigen die Frage . . . würden Sie vielleicht selbst . . .?«

Erich dankte, er empfahl indeß nachdrücklich den Candidaten Knopf, der bereits Lehrer auf Mattenheim war.

Bella trat zu ihnen und Erich ging mit gemischten Empfindungen neben den Beiden. Er hatte so viel darüber nachgesonnen, wie er mit Bella von jener Grenzlinie der Freundschaft, die alle Gefahren in sich schloß, zurücklenken konnte; nun war sein Grübeln unnöthig, sein Platz war bereits besetzt. Innerlich ereiferte er sich doch über das zutrauliche Benehmen Bella's gegen den Russen, und ein seltsames Gewirre von Gefühlen entstand in seiner Seele. Sollte es ihn freuen, daß er hier nur eine Kokette vor sich habe, die bald mit diesem, bald mit jenem tändle? Oder that Bella nur so, damit ihr zutrauliches Benehmen gegen ihn nicht auffällig erscheine, indem sie das Gleiche auch gegen Andere aufrecht erhielt?

Der Doctor kam; er brachte immer eine ganz neue Tonart. Er faßte Bella, Erich und den Russen rasch und scharf ins Auge, ihm schien Alles klar.

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