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Das Landhaus am Rhein / Band II

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band II - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band II
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band II
pages1-324
created20060723
sendergerd.bouillon
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Zweites Capitel.

Kaum zwei Wochen waren vorüber, als die Stetigkeit des Unterrichts wieder unterbrochen wurde. Frau Ceres, die sonst immer theilnahmlos und still war, erwähnte oft, daß sie der Frau Cabinetsräthin versprochen habe, ihr bald Roland zu bringen.

Es wurde nun eine Ausfahrt nach der Residenz beschlossen. Erich wurde nicht aufgefordert, mitzureisen. Man fuhr in zwei Wagen; in dem einen saßen Frau Ceres, Fräulein Perini und Roland, in dem andern Sonnenkamp und Prancken. Die Reitpferde waren vorausgeschickt.

Prancken gab zuerst seine Freude kund, daß Sonnenkamp sich der Kirche freundlich erwiesen; er hatte seinerseits bereits vorgearbeitet, daß die am Hofe viel geltende höhere Geistlichkeit in der Ausführung des Planes mitarbeite. Eine kleine Gewissensregung fühlte Prancken, daß er seine innere Umwandlung und seinen häufigen Verkehr mit dem Kirchenfürsten als ein Stück Diplomatie ausnützte, aber er war doch weltlich eitel genug, die innere Erleuchtung, deren er sich im Geheimen rühmte, vor der Welt als einen Schmuck der Klugheit gelten zu lassen und zunächst vor Sonnenkamp. Er freute sich, daß man auf so leichte Weise mit der Geheimen Cabinetsräthin in Beziehung getreten sei; bei der Frau ließ sich mit äußern Mitteln wirken, mit welchen man bei dem Gatten behutsam, wenn nicht gar unmöglich ankommen konnte.

Man fuhr an einer schönen Villa vorüber, wo alle Fensterladen geschlossen waren, und Prancken deutete darauf hin, daß Herr Sonnenkamp diese Villa kaufen müsse, um sie für eine geringfügige Summe an die Cabinetsräthin zu verkaufen, die, wie er wußte, ein lang gehegtes Verlangen nach einem solchen Besitzthum hatte. Sonnenkamp war einverstanden in der Voraussetzung, daß das Ziel erreicht würde. Prancken fügte hinzu, daß dies einer der Hebel sei, aber freilich noch nicht alle.

Die Beiden waren allein, aber seltsamerweise nannten sie das Vorhaben nicht bei Namen, bis endlich Sonnenkamp sagte, die Cabinetsräthin habe ihm mitgetheilt, daß der Weinhändler geadelt würde; er möchte wünschen, daß diese Erhebung ihm vorher zu Theil würde, er glaube eher ein Recht darauf zu haben, obgleich er seine Tochter nicht einem dem Tode verfallenen, sondern dem frischesten Leben angehörenden Edelmanne zur Gattin geben wolle.

Prancken lächelte sehr geschmeichelt, entgegnete aber, daß der Vorgang mit dem Weinhändler – man könne dies durchaus nicht Vorrang nennen – eher förderlich sei; die Adelserhebung stehe alsdann nicht so vereinzelt da.

»Sie haben es schwerer als der Weinhändler,« setzte er hinzu, »denn im Hause des Weinhändlers wohnte der Kirchenfürst bei seiner letzten Rundreise. Der Weinhändler hat die mächtige Kirchenpartei für sich, während Sie, ich wollte sagen Wir, eigentlich keine Partei haben. Um so besser, der Sieg ist unser allein.«

Man kam in der Residenz an.

Die Cabinetsräthin war hocherfreut und sagte zu Prancken, den sie beständig als Haupt der Gesellschaft anredete, wie glücklich sie sei, in einer Bade-Bekanntschaft eine neue Freundschaft gewonnen zu haben.

Nicht ohne Geschick wußte Prancken anzubringen, daß Sonnenkamp ein nachbarliches Landhaus ankaufe, um es zu einer mäßigen Summe abzugeben, wenn er damit edle Freunde als Nachbarn ansiedeln könne.

Die Cabinetsräthin kannte das Haus; es hatte ehedem Befreundeten angehört und sie war zuweilen dort zum Besuche gewesen. Sie pries die Menschen glücklich, die in einem solchen Besitzthum sich heimlich ansiedeln und liebe Nachbarn haben; sie erzählte, daß sie ihrem Manne gesagt habe, es sei eine Schande für den Staat, daß ein Mann wie Herr Sonnenkamp noch keinen Orden besitze.

So vorbereitet ging nun Prancken mit seinem Plane heraus und die Cabinetsräthin fügte hinzu, daß es der Gesellschaft nur erwünscht sein könne, einen Mann von solcher Bedeutung wie Herr Sonnenkamp in den höheren Stand aufzunehmen. Sonnenkamp that sehr bescheiden und schüchtern; ein Mädchen, das einen Liebesantrag erhält, den es erwartet hatte, konnte nicht scheuer zu Boden sehen.

Man rückte die Rollstühle näher zusammen, als ob man sich jetzt erst sagen dürfe, daß man im vollsten Vertrauen zu einander stehe; die Cabinetsräthin bat, man möge ihrem Manne zunächst noch nichts mittheilen, sie werde Alles schon entsprechend einleiten; es wäre indeß gut, wenn auch von anderer Seite mitgewirkt würde, besonders wenn Graf Wolfsgarten die Sache bei Hofe anrege, dann sei es ein Leichtes, ihm in die Hand zu arbeiten.

Prancken hob nachdrücklich hervor, wie überaus befreundet Clodwig mit Herrn Sonnenkamp sei, aber man müsse die Sache sehr zart und fein betreiben, und das könne nur eine Frau von der bekannten Umsicht wie die Cabinetsräthin.

Sonnenkamp bestand darauf, daß er nicht um den Adel bitte, er müsse ihm geboten werden; erbitten oder eigentlich erkaufen könnte er den Adel bei einem auswärtigen Fürsten, er lege aber wesentlich Bedeutung darauf, daß der Fürst seines neuen Vaterlandes und die Gesellschaft dieses Landes ihn ehre; die Freunde sollten für ihn das veranlassen. Er freute sich an der Delicatesse, mit der die Cabinetsräthin die Sache behandelte; seine Mienen sagten: das ist doch einmal eine neue Art.

Er streichelte durch die Luft hin, als streichelte er ein zartes Katzenfell.

»Sind auch Weinberge bei dem Landhaus?« fragte plötzlich die Cabinetsräthin.

»Ja, so viel ich weiß, drei Morgen und von der besten Lage,« erwiderte Prancken.

Er gab Sonnenkamp zu verstehen, daß man das natürlich dazu kaufe.

Sonnenkamp verlor auf einmal den Charakter der Bescheidenheit und Verschämtheit; jetzt ging's an sein Geld, jetzt war er der Herr. Er wollte der Frau sagen, daß er nur Zug um Zug zu handeln sich einlasse; erst nachdem er das Adelsdiplom erhalten, solle sie das Landhaus erhalten mit den Weinbergen dazu, aber er bezwang sich, vor Prancken das kundzugeben, und es schien auch nicht nöthig, schon jetzt damit hervorzutreten. Die Leute sollten nur einstweilen die Sache betreiben und sich dadurch binden. Wenn es darauf ankommt, ist er Manns genug, sich nicht übertölpeln zu lassen. Es war ein siegessicheres Lächeln in seinen Mienen.

Der Cabinetsrath trat ein. Er begrüßte Sonnenkamp mit formvoller Höflichkeit und dankte für die Aufmerksamkeiten, die man seiner Frau in Vichy erwiesen hatte.

Man ging in den Saal, wo Roland mit einem Sohne des Cabinetsraths, der Cadett war, sich aufhielt, und bald war Roland, dessen Schönheit jedes Auge erglänzen machte, der Mittelpunkt der Gruppe. Der Cabinetsrath sagte, wie es allgemein belobt wurde, daß man einen kenntnißreichen, allerdings etwas excentrischen Mann wie Herrn Dournay, zum Erzieher genommen. Als Roland auf die an ihn gestellte Frage sagte, daß er Officier werden wolle, ermahnte der Cabinetsrath, daß er möglichst bald in die Cadettenschule eintrete.

Leise sagte Prancken zur Cabinetsräthin, er billige durchaus die Maßnahme des Herrn Sonnenkamp, Roland erst als Adeligen eintreten zu lassen; denn es würde sich überaus seltsam machen, wenn der Jüngling in der Cadettenschule ein Adeliger würde; er habe dann viel Neckereien der Kameraden zu ertragen.

Der Cabinetsrath sprach vom Aufbau der Ruine und von der Gartenkunst Sonnenkamps und wie höchsten Orts schon mehrfach in rühmlicher Weise davon die Rede gewesen.

Sonnenkamp bat um die Erlaubniß, zuweilen etwas von seinen Producten an die fürstliche Tafel schicken zu dürfen, besonders schöne Bananen, die gerade jetzt sehr gut gediehen wären; Prancken hob die Geschicklichkeit hervor, wie Herr Sonnenkamp neun Monate des Jahres frische Trauben auf die Tafel bringen könne.

Der Cabinetsrath erwiderte, daß diese Freundlichkeit sicherlich willkommen sei; er selbst aber könne darin nichts bestimmen, der Hofmarschall, der ja ein Vetter des Herrn von Prancken wäre, werde das Anerbieten des Herrn Sonnenkamp gewiß annehmen.

Prancken nahm Herrn Sonnenkamp mit zum Hofmarschall. Roland ritt mit dem Cadetten aus. Frau Ceres blieb bei der Cabinetsräthin und diese that sehr betroffen, da Frau Ceres in sie drang, das Korallenband, das sie trug und das die Cabinetsräthin sehr bewundert hatte, von ihr anzunehmen.

Die Cabinetsräthin mußte willfahren, aber sie bat Frau Ceres, dies als Zeichen geheimer und inniger Freundschaft gelten zu lassen, von dem Niemand etwas erfahre. Sie betheuerte wiederholt, daß sie ohne Eigennutz für ihre Freunde wirke; sie war überzeugt, daß Frau Ceres mit im Plane war, sie durch Geschenke zu gewinnen.

Frau Ceres sah sie verwundert an, sie kam sich wieder entsetzlich einfältig vor; diese Frau sprach von Dingen, die sie gar nicht begriff.

Als die Cabinetsräthin eine Ausfahrt nach einem Vergnügungsorte vorschlug, stimmte Prancken nachdrücklich bei; denn es war von Bedeutung, daß Frau Ceres mit der Cabinetsräthin, Sonnenkamp und Prancken mit dem Cabinetsrath im offenen Wagen durch die Residenz nach dem Vergnügungsorte fuhren, wo sich heute die auserlesenste Gesellschaft befand; diese sollte die Verbindung Sonnenkamps mit ihm und dem Cabinetsrath sofort als Thatsache erkennen.

Auf dieser Fahrt hatte die Cabinetsräthin einen Gedanken, der so gutmüthig als gescheidt war; sie gewann eine Adjutantin und half einer armen Frau. Mit erbarmungsvollem Tone sprach sie von der Mutter Erichs, die in überschwenglicher Weise ihre Stellung einer sogenannten idealen Liebe geopfert habe. Das Einverständniß zwischen der Frau Cabinetsräthin und Prancken war bereits so weit gediehen, daß sie nichts ohne seine Zustimmung that; ein leises Nicken Pranckens bezeigte ihr, daß sie weiter gehen dürfe. Sie forderte nun Herrn Sonnenkamp auf, etwas für die Mutter Erichs zu thun, ja sie wo möglich ins Haus zu nehmen. Auch Tante Claudine wurde im höchsten Grade belobt.

Die Cabinetsräthin war sich klar, daß die nahe Beziehung zum Hause Sonnenkamps sich viel leichter pflegen ließ, wenn die Professorin und die Tante da wären; man näherte sich dann gewissermaßen ihnen und nicht diesem Manne, man war sogar verpflichtet, sich den hochangesehenen Frauen nahe zu halten, um ihnen ihre abhängige Stellung zu erleichtern; das fügte sich dann Alles so leicht, wenn man das Landhaus – natürlich waren mehrere Morgen Weinberge dabei – bewohnte.

So mischten sich die Beweggründe, und die Mischung war gut und belebend.

Sonnenkamp lächelte wohlgefällig, aber innerlich sagte er sich: diese Adelskette hängt noch fester zusammen, als eine Diebesbande, und sie sind jetzt auch eine Diebesbande, denn der arme Adel will sich von mir aufsteifen lassen.

Er stimmte der Cabinetsräthin sehr freundlich bei, innerlich aber dachte er:

Du hast das Landgut noch nicht.

Man fuhr an dem Landsitze des Prinzen vorüber, der vor Kurzem aus Amerika zurückgekehrt war. Hier war Alles wohlbestellt und geordnet. In dem kleinen Pavillon, der in einem Gehölz am Wege angebaut war, stand ein gedeckter Tisch; Lakaien warteten in der Nähe.

Aus einem öffentlichen Garten auf der Anhöhe, wo die Garde-Officiere ein Sommerfest veranstaltet hatten, tönte Militärmusik, und kaum hatte das eine Musikchor ein Stück gespielt, als ein zweites von der andern Seite begann. In der Mitte des Gartens unter einem großen Zelte saßen die Officiere an einem langen Tische; daneben an kleinen Tischen unter den Bäumen, an denen bunte Lampen hingen, die Honoratioren der Residenz mit ihren Frauen und Töchtern in hellen sommerlichen Kleidern.

Es erregte Aufsehen, als die beiden Wagen Sonnenkamps mit den schönen Pferden vorfuhren. Prancken ordnete schnell Alles und seine Gesellschaft nahm an einem der besten Tische Platz; viele Augengläser richteten sich nach ihnen; Prancken war bald bei den Kameraden und schüttelte da und dort die Hand, er gesellte sich aber schnell wieder zu Sonnenkamp und seiner Gesellschaft.

Die Cabinetsräthin hing sich an den Arm Sonnenkamps und war überaus freundlich; Prancken hatte Frau Ceres am Arm. Roland war mit dem Cadetten am Scheibenstand, wo man mit Bolzen schoß; er traf immer ins Schwarze.

Herr Sonnenkamp wurde dem General vorgestellt, der auf die Einladung Sonnenkamps versprach, ihn bald zu besuchen. Prancken sagte, er bringe einen Rekruten und zeigte auf Roland.

Der Abend brach herein, die bunten Lampen wurden angezündet. Da knallten Böllerschüsse, Fanfaren tönten, Hoch wurde gerufen: der Prinz war von seinem Landsitze zum Gastmahle der Garde-Officiere gekommen. Beide Musikchöre spielten nun »Heil Dir im Siegerkranz« und Alles war voll Leben; am glücklichsten aber war vielleicht Sonnenkamp, denn er wurde dem Prinzen vorgestellt, der freilich nur einige nichtssagende Worte an ihn richtete. Aber alle Welt hatte doch gesehen, daß er mit ihm sprach und eine sehr freundliche Verbeugung machte.

Höchst befriedigt fuhr man wieder nach der Residenz zurück. Die bunten Lampen leuchteten und die Musik tönte noch in der Erinnerung.

Am nächsten Morgen stand in der Zeitung, daß gestern Abend die Garde-Cürassiere ein Jahresfest auf der Rudolphshöhe feierten. Se. Hoheit der Prinz Leonhard habe das Fest mit Seiner Gegenwart beehrt; unter den anwesenden Gästen sei Herr Sonnenkamp von Villa Eden mit seiner Familie besonders bemerkt worden.

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