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Das Landhaus am Rhein / Band II

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band II - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band II
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band II
pages1-324
created20060723
sendergerd.bouillon
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Sechstes Buch.

Erstes Capitel.

Wie ein Herrscher, der in sein Schloß zurückkehrt, wo vor Kurzem eine Meuterei ausgebrochen, so kehrte Herr Sonnenkamp nach der Villa zurück. Jeder Tritt in seinem Hause, jeder Blick auf einen Diener sagte: Ich bin wieder da und damit Ordnung und Macht.

Erich gestand, daß er sich eine Fahrlässigkeit habe zu Schulden kommen lassen, und Sonnenkamp schien seine Lust daran zu haben, ihn zu demüthigen. Sonnenkamp herrschte gern über Andere. Er wünschte, daß man ihm unterwürfig sei; wo er sah, daß dies nicht gelinge, ließ es ihm keine Ruhe, bis er den Andern zerbrochen hatte, erst dann richtete er ihn gern wieder auf, denn nun war er seiner Herrschaft gewiß. Dieser selbstsichere Hauptmann-Doctor hatte eine Haltung eingenommen, die ihm nicht zustand; nun war er gebeugt und hatte dankbar zu sein für alle Güte und Freundlichkeit. Sonnenkamp ahnte nicht, wie gern und warum sich Erich demüthige, er fand in dieser Unterwürfigkeit nur einen Sieg seiner Kraft, während Erich sich gestand, daß er, durch den anmuthsvollen Zauber Bella's befangen, die strenge Wachsamkeit verloren hatte, welche seine Pflicht war.

Sonnenkamp übersah bald, daß der Diebstahl nicht von besonderer Bedeutung war. Mit einer gewissen Schadenfreude sagte er:

»Die Schurken haben den Dolch mit den Edelsteinen gestohlen, die Spitze ist vergiftet, wer sich daran ritzt, ist verloren.«

Erich konnte kaum vorbringen, daß der Dolch bereits bei den Gerichten sei, denn es durchfuhr ihn der Schreck: Warum hält sich der Mann einen vergifteten Dolch?

Prancken und der Pfarrer stellten sich bald ein, und Sonnenkamp erklärte sofort, daß er die goldenen und silbernen Schalen, wenn man sie wieder erlange, der Kirche stifte. Wie unwillig setzte er hinzu:

»Ich will sie nicht mehr im Hause haben; Sie, Herr Pfarrer, werden ihnen eine Weihe geben.«

Als Erich von der tiefen Wirkung berichtete, die das Ereigniß auf Roland gemacht, sagte Sonnenkamp:

»Mein sehr verehrter Herr Hauptmann! Ich gebe mich nicht mit Sentimentalitäten ab. Gradaus gestanden, es ist mir lieb, daß Roland schon früh die als gemüthlich gepriesenen niedern Menschen kennen lernt und einsieht, daß da nichts ist, als geheime Verschwörung gegen die Besitzenden, die nur auf die günstige Gelegenheit wartet, loszubrechen oder vielmehr einzubrechen.«

Sonnenkamp war frisch und belebt, es ärgerte ihn nur, daß in der Umgegend so viel Gerede über die Sache sei und man bei Gerichtsgängen viel schöne Zeit verlieren müsse. Frau Ceres sprach kein Wort vom Diebstahl, es schien fast, daß sie nichts davon wisse; sie freute sich nur, wie Roland in dieser Zeit gewachsen sei. Zu Erich sagte sie, sie hätte im Bade eine Freundin seiner Mutter gesehen, die eben so vornehm als liebenswürdig sei.

Schon am zweiten Abend nach der Rückkunft Sonnenkamps und seiner Familie kamen Bella und Clodwig nach der Villa. Erich war erfreut, den Freund zu begrüßen, aber er war scheu gegen Bella; sie sagte ihm unter dem vorgehaltenen Fächer leise:

»Wir sind gekommen, Sie gegen diesen wilden Mann zu decken; er soll sehen, daß Sie zu uns gehören, und jetzt lassen Sie Alles und kommen Sie zu uns.«

Erich konnte nur mit einer stillen Verbeugung danken.

Bella sah, wie Clodwig verzagt bei Sonnenkamp stand; der feine, zierliche Mann hatte immer eine neue Furchtsamkeit, sobald er der herkulischen Erscheinung Sonnenkamps gegenüberstand. Bella half scherzend aus der Verlegenheit, indem sie sagte:

»Herr Sonnenkamp, Sie haben doch schon viel im Leben gesehen, haben Sie schon einmal Diebe kennen gelernt, die offen gestehen, daß sie stehlen wollen?«

Sonnenkamp sah auf.

Bella rief lachend:

»Wir sind diese Diebe am hellen Tage.«

Zu Clodwig gewendet, fuhr sie fort:

»Sprich nun Du, lieber Clodwig.«

Clodwig brachte zaghaft vor, daß er wünsche, Erich möge zu ihm kommen. Ein scharfer Blick Sonnenkamps fiel auf Bella, er hatte den Zeigefinger der linken Hand erhoben, er wollte Bella mit lächelndem Drohen sagen: Ich verstehe Dich – aber er legte den Finger an den Mund und sagte:

»Es freut mich, daß unser Herr Erich so hoch in Gnade und Gunst steht.«

Erich war von der eigenthümlichen Betonung des Wortes »unser« seltsam betroffen; und jetzt streckte ihm Sonnenkamp die Hand entgegen und sagte:

»Nicht wahr, Sie bleiben bei uns?«

Erich bejahte.

Mit großer Beflissenheit erzählte nun Clodwig vom Besuche bei der Mutter Erichs. Er wollte offenbar Herrn Sonnenkamp zeigen, daß ein Mann vom Stande und Range Erichs sich nicht wegen einer Fahrlässigkeit unterjochen lassen dürfe.

Sonnenkamp pfiff unhörbar vor sich hin, es schien ein Plan in ihm zu reifen. Auch Clodwig also hielt die Professorin hoch? Gut, der Mann soll überrascht werden. Die Professorin soll Villa Eden besuchen und was weiter folgt, wird sich zeigen; Clodwig und die Professorin sollen, ohne daß sie es wissen, ihm verhelfen, auf immer in die vornehme Gesellschaft einzutreten.

Ein Plan, den er längst gehegt und mit ruhiger Ausdauer verfolgt, war auf der Sommerreise neu gefördert worden. Die Cabinetsräthin, deren Bekanntschaft man im Bade gemacht, hatte ihn geradezu gefragt, warum er sich nicht in die vornehme Gesellschaft aufnehmen lasse; sie hatte die Adelserhebung als leicht zu erringen dargestellt, zumal wenn man ihren Mann, der der Vertraute des Fürsten war, dazu gewinne. Sonnenkamp wollte nicht um die Standeserhöhung nachsuchen, sondern wünschte, daß sie ihm angeboten würde. Dazu sollte nun die neue Beziehung angewendet werden.

Wieder gelang es Bella, eine Weile mit Erich allein zu sein, und sie sagte, wie sie sich freue, daß ihr auch einmal eine Intrigue gelungen; sie habe gewußt, daß Herr Sonnenkamp Erich nicht entlasse, aber sie habe auch gewußt, daß er ihn wegen der Fahrlässigkeit demüthigen werde, darum habe sie Clodwig veranlaßt, sofort hierher zu kommen.

»Haben Sie einen Blick des Herrn Sonnenkamp bemerkt?« fragte sie leise. »Dieser Mann glaubt, unsere Freundschaft wäre etwas mehr als Freundschaft; Sie mißverstehen mich also nicht, wenn ich Sie manchmal vor den Augen dieses Mannes absichtlich vernachlässige?« –

Es traf die Nachricht ein, daß der Reitknecht, den Sonnenkamp kurz vor seiner Abreise entlassen hatte, weil er ihn für einen Spion Pranckens hielt, in der Hauptstadt verhaftet worden sei, als er eben einem Trödler eine große silberne Schale zum Kauf anbot. Roland brachte Erich diese Nachricht, und so mußte man jede Stunde gewärtig sein, von der schwebenden Untersuchung in allem Denken und Sein unterbrochen zu werden.

Was sollte inmitten dieser Gemüthsbelastung aller Unterricht? Was konnte jetzt haften? Erich dachte daran, mit Roland fleißiger auf die Jagd zu gehen, er sollte sich zerstreuen, neuen Lebensmuth und frischen Blick durch Aufmerksamkeit auf andere Dinge gewinnen. Aber er wendete sich gerade nach der entgegengesetzten Seite; nicht Zerstreuung, sondern Vertiefung sollte Roland helfen. Wie glücklich war er daher, als Roland sagte:

»Wir wollen alles Andere vergessen, wir wollen ruhig fortarbeiten.«

Der Jüngling hatte einen Lerntrieb gewonnen, der ihn die besten Freuden im Studium gewinnen ließ, auch in Erich war eine neue Belebung, es war die eines Geretteten, eines sich selbst Rettenden.

Wenn er an die Tage auf Wolfsgarten dachte, an das Spielen und Tändeln mit Allem, was das Menschenherz erfüllt, erschrak er. Er hatte mit seinem ganzen Besitzthum, das er in emsiger Arbeit sich erworben, eine leichtfertige Vergeudung gemacht; er hatte mit Bella, mit der Gattin Clodwigs, eine unter dem Ausspruche großer Gedanken verhüllte Tändelei sich gestattet, er nannte es geradezu Liebelei; er erschien sich selbst wie ein Tempelräuber, und klein, unendlich klein war dagegen, was arme Menschen gethan hatten.

Was er für sich selber nur schwer errungen, vielleicht gar nicht vermocht hätte, das gelang ihm jetzt aus Pflicht für einen Andern; er versenkte sich in die Erkenntniß und Alles erschien durchsichtiger und klarer. Wie ein geübter Schwimmer sich der heranstürmenden hohen Wellen freut, untertaucht, wieder ans Licht dringt und mit kräftigem Arme die Fluthen theilt, so versenkte sich Erich in die Wissenschaft, und freudig hob es ihm das Herz, wenn die großen Wellen heranbrausten; da verschwindet alles kleinliche Bangen und Zagen und alles Kämpfen mit sich selbst.

Roland bat Erich, mit ihm in das Haus des Krischers zu gehen, um zu sehen, wie es der Frau und den Kindern erginge. Er erzählte, daß er dem Sohne des Krischers begegnet sei, der als Küfer im Dienste des Weingrafen stand; er habe ihm die Hand reichen und sagen wollen, daß der Sohn ja nichts dafür könne, wenn der Vater etwas gethan, und er habe es ja gewiß nicht gethan. Der Küfer aber habe ihm die Hand verweigert, ihn nur starr angesehen, seinen Hammer aus dem Schurzfell genommen, habe damit hin und her gespielt und sei endlich davon gegangen.

Erich ging mit Roland nach dem Hause des Krischers; die Vögel in den Käfigen sangen, und vor Allem die Schwarzamsel hörte nicht auf mit ihrem »Freut Euch des Lebens.« Die Hunde sprangen lustig umher. Die Frau war abgehärmt und verwahrlost, sie jammerte und erzählte, sie habe sofort nach der Verhaftung ihres Mannes alle Vögel hinausfliegen lassen wollen, aber ihr Sohn, der Küfer, bestehe darauf, daß Alles bleibe, bis der Vater wieder käme, denn er würde sicher bald frei; der Siebenpfeifer habe das Amt des Krischers einstweilen theilweise übernommen, den Nachtdienst habe oftmals der Küfer, der doch am Tage so scharf arbeiten müsse. Es solle Alles in Ordnung bleiben, damit ihr Mann wieder in seinen Dienst treten könne.

Erich wollte der Frau eine Summe einhändigen, aber sie erklärte, sie nehme nichts; ihr Sohn, der Küfer, habe verboten, daß etwas aus dem Hause Sonnenkamps angenommen werde.

Als man nach der Villa zurückkehrte, sagte Roland:

»Wenn nun der Krischer unschuldig ist, wie ich glaube, so ist doch entsetzlich, daß ihn für die Qual und die Schande, die er tragen mußte, Niemand entschädigen kann.«

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