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Das Landhaus am Rhein / Band II

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band II - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band II
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band II
pages1-324
created20060723
sendergerd.bouillon
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Neunzehntes Capitel.

Villa Eden war bisher von einem abschreckenden Zauber umgeben. Neid und Furcht hatten die Meinung verbreitet, daß es mit den Menschen darin nicht geheuer sei; mit Herrn Sonnenkamp nicht, der sich viel zeigte, mit Frau Ceres nicht, die sich selten zeigte. Die Warnungstafeln an den Mauern mit der Androhung von Selbstschuß und Fußangeln hatten in den Gedanken der Menschen eine furchtsame Scheu erweckt; man sagte, Herr Sonnenkamp habe die Spitzen der Angeln mit einem Gifte bestrichen, gegen das es keine Heilung gebe. Die Diener des Hauses hatten etwas von der Zurückhaltung ihrer Herrschaft, sie ließen sich selten mit Anderen ein und man grüßte sie kaum. Nun aber war es durch den Diebstahl, als ob der geheimnißvolle Drache, der – man wußte nicht wie und wo – über der Villa lauerte, nichts als eine Vogelscheuche war; der Verputz des schönen weißen Hauses war plötzlich wie abgerissen, die blinkenden Scheiben erblindet, alle Schlösser wie abgesprungen.

Die Leute an den Wegen und in den Dörfern, durch die man kam, schauten zu Erich, Roland und Prancken auf, die rasch dahinfuhren, und nickten ihnen zu. Nur wenige lüfteten die Mütze in Verlegenheit, denn Alle wollten eigentlich sagen: Mit Eurer Heimlichkeit ist es vorbei, jetzt kommen die Gerichte und sehen einmal nach, was bei Euch vorgeht.

Die Drei kamen auf der Villa an; sie fanden hier Alles zerstört und unruhig.

Der Castellan trat sofort mit der Behauptung hervor, der Einbruch könne nur von Bewohnern des Hauses verübt worden sein, Alles sei gut verschlossen gewesen, auch habe kein Hund gebellt; die Diebe müßten also im Hause genau bekannt und den Hunden vertraut gewesen sein.

Der Landrichter war bereits da.

Das Arbeitszimmer Sonnenkamps war erbrochen, werthvolle Dinge, darunter ein Dolch mit Edelsteinen im Griffe, waren entwendet. Die Diebe hatten sich auch an dem feuerfesten Geldschranke versucht, aber vergebens. Aus dem Speisezimmer waren große silberne und goldene Schalen, die auf dem Büffet gestanden, verschwunden, auch die goldene Uhr Rolands, die er bei der Abreise nach Wolfsgarten auf dem Tische vor seinem Bette hatte liegen lassen. Das Kopfkissen Rolands fand man auf der Mauer, wo aufrecht stehende Glasscherben jedes Uebersteigen hindern sollten; nun aber war damit eine weiche, jede Verletzung abhaltende Unterlage bereitet worden.

Zweierlei Fußspuren zeigten sich im Park und an der Rückseite des Glashauses. Da, wo die Gartenerde bereitet wurde, mußten die Diebe gestrauchelt haben, denn an einem großen Erdhaufen war deutlich der Eindruck eines menschlichen Körpers sichtbar. Hier standen auch ein Paar alte Stiefel des Erdmännchens. Man nahm sie weg und verglich sie mit den Fußspuren im Garten; sie paßten genau. Das gab ein Anzeichen. Nicolas kam eben des Weges daher, um an seine Arbeit zu gehen; er hörte verwundert, was geschehen. Man ließ ihn ruhig weiter arbeiten.

Der Landrichter und sein Actuar, der Bürgermeister des Dorfes und einige angesehene Männer versammelten sich im Balconzimmer; man rieth hin und her. Roland stand bei Seite und starrte auf das Kopfkissen seines Bettes, das den Dieben zum Uebersteigen der Mauer gedient hatte. Blassen Antlitzes hörte er, wie man überall umhertastete, bei diesem, bei jenem Menschen Verdachtsgründe zu finden.

Das Erdmännchen kam zu den Versammelten und sagte, es seien ihm auch ein Paar Stiefel gestohlen worden. Sofort erwiderte der Landrichter:

»Ja wohl, in Deinen Stiefeln ist gestohlen worden.«

Nicolas schaute blöde drein, als verstünde er nicht, was gemeint sei.

Der Landrichter ließ ihn verhaften. Er jammerte, daß immer unschuldige Menschen in Verdacht kämen, und Roland bat, man solle ihn frei lassen.

»Wer mich anrührt, den erwürge ich!« rief Nicolas; er schien ein ganz anderer Mensch.

Der Richter gab zwei Männern einen Wink, schnell waren dem Erdmännchen die Hände auf den Rücken gebunden.

Erich führte Roland hinweg. Wozu sollte er so in das Nachtgebiet des Menschenlebens hineinschauen?

Glücklicherweise kam jetzt der Major; Erich bat ihn, bei Roland zu bleiben, und der Major sagte:

»Junge, da kannst Du was lernen; man kann Dir Alles stehlen, aber was Du im Kopfe hast und das Herz am rechten Fleck, das kann man Dir nicht stehlen.«

Der Landrichter ließ die Diener kommen und verhörte sie, wer in der letzten Zeit die Villa besucht habe. Sie bezeichneten Viele, aber der Castellan sagte:

»Der Herr Hauptmann hat den Krischer herumgeführt, und der Krischer hat, wie er fortgegangen ist, zu mir gesagt: Du hütest dem reichen Mann sein Geld und Gut und es wäre besser, man risse die Thüren auf und zerstreute Alles, was da drin ist, in die weite Welt.«

Erich konnte nicht bestreiten, daß der Krischer sich Alles genau angesehen und verworrene Reden über Reich und Arm geführt habe; er glaubte sich indeß für die Ehrlichkeit desselben verbürgen zu dürfen.

Der Richter antwortete nicht darauf, sondern schickte zwei Gerichtsdiener nach dem Hause des Krischers, um dort Haussuchung zu halten . . .

Der Krischer lächelte und zuckte die Achseln, als er hörte, was man vorhatte.

Man fand nichts; auffällig war nur, daß in einer Hundehütte ein an die Kette gelegter Hund beständig bellte.

»Thu einmal den Hund von der Kette,« sagte ein Gerichtsdiener zum Krischer, der, leise mit den Lippen murmelnd, ihnen durch alle Räume und den Hof gefolgt war.

»Warum?«

»Weil ich's haben will, und thust Du's nicht sofort, so schieß ich den Hund nieder!«

Der Krischer löste den Hund von der Kette, das Hundehäuschen wurde untersucht und im Stroh fand sich die Uhr Rolands und der mit Edelsteinen besetzte Dolch. Der Krischer betheuerte seine Unschuld, aber er wurde sofort gefesselt und verhaftet.

Auf dem Wege von seinem Hause bis zur Villa hob er oft die Ketten empor, wie wenn er den Feldern, den Weinbergen und dem Himmel zeigen wollte: Seht her, so gehe ich!

Es wurde ein Protokoll über die gestohlenen Sachen aufgenommen, die man bezeichnen konnte. Roland wurde herbeigerufen und mußte zum ersten Mal seinen Namen unter einen gerichtlichen Akt setzen. Erich stand dabei und sagte zum Major:

»Es läßt sich nicht ermessen, welch einen Eindruck dies auf den Jüngling machen muß.«

»Das schadet ihm nichts,« erwiderte der Major. »Fräulein Milch sagte: Ein junges Herz und ein junger Magen verdauen schnell.«

Fräulein Milch hatte es diesmal doch nicht getroffen, denn als der Krischer gekettet davon geführt wurde, schrie Roland jammervoll auf.

Es ergab sich eine weitere Spur. Der Reitknecht, der im Solde Pranckens dessen Spion gewesen, war entlassen worden; man hatte ihn aber in den letzten Tagen in der Gegend gesehen und er hatte beim Krischer übernachtet. Sofort wurden nach allen Seiten hin Telegramme ausgesendet, um den muthmaßlichen Dieb zu verhaften. Auch an Sonnenkamp ward ein Telegramm gerichtet.

Der Pfarrer stellte sich ein. Mit Milde beklagte er das Geschehene, und ermahnte Erich, sich die Sache nicht so sehr zu Herzen gehen zu lassen, da er, aus dem wissenschaftlichen Leben kommend, die Verdorbenheit der Menschen nicht genug kenne.

Der Pfarrer konnte nicht ahnen, warum Erich so bedrückt war.

Das Gericht und seine Diener hatten die Villa verlassen, auch Prancken war davon geritten. Roland schaute beständig furchtsam umher, wie wenn ihm ein Gespenst erschienen wäre. Ueber die Treppen waren verbrecherische Menschen geschritten, an diesen Thüren hatten sie ihre Instrumente versucht; es war eine Entweihung über das Haus und alles Besitzthum gekommen, auch über das, was nicht zu rauben war.

Roland bat, daß Erich ihn keine Minute verlasse, es sei ihm so bang.

Es wurde Nacht, Roland lag im Bette und klagte zu Erich, er könne keine Ruhe mehr finden, wo Diebeshände ihm das Kopfkissen geraubt hatten. Er richtete sich auf und sagte:

»Ich möchte wissen, was Franklin bei solch einem Diebstahl gedacht und gethan hätte.«

»Ich glaube es zu wissen,« entgegnete Erich. »Er hätte die Diebe der Schärfe des Gesetzes anheimgegeben, aber er hätte festgehalten, daß man sich von der Schlechtigkeit Einzelner seinen Glauben an die Güte der Menschen nicht stehlen lassen dürfe. Wem Diebe das anthun könnten, dem hätten sie mehr genommen, als was sich mit Händen greifen läßt.«

Als Roland schlief, stand Erich noch vor seinem Bette und betrachtete ihn nachdenklich. Er wurde abgerufen, der Landrichter schickte ein Telegramm, das von Sonnenkamp angekommen war. Er zeigte kurz an, daß er sofort aus dem Seebade heimreise.

Lange schaute Erich hinaus über den Strom und die rebenbepflanzten Berge. Er war tief erschüttert. Das Ereigniß konnte auf Roland nicht so tief wirken, wie auf ihn, denn mit einer Gewalt, die mächtiger war, als jedes Denken, sah er sich von einem Abgrunde zurückgerissen. Er schaute ins Weite und in sich faßte er einen festen Vorsatz.

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