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Das Landhaus am Rhein / Band II

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band II - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band II
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band II
pages1-324
created20060723
sendergerd.bouillon
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Sechzehntes Capitel.

Der Besuch kam. Prancken ritt neben dem Wagen her, in welchem Clodwig und Bella saßen; auf dem Rücksitze des Wagens stand ein großer mit Papier überzogener Rahmen und ein feiner, mit eingelegter Arbeit versehener Kasten, der die Stifte enthielt.

Erich hatte ein gutes Zimmer nach Norden ausgesucht und bald wurde die Zeichnung begonnen.

Clodwig blieb zugegen; das Bild Rolands wurde nur im Umrisse angelegt; er wurde entlassen und ging mit Prancken nach den Ställen.

»Sie haben ein so ernstes Gesicht, wie ich Sie noch nie gesehen,« sagte Clodwig zu Erich, und in der That waren die Mienen Erichs sorgenvoll, da er Prancken jetzt mit Roland allein wußte.

Was ist alle Erziehung, alle feste Leitung, wenn man keinen Augenblick sicher ist, wie Fremde einwirken? Man muß sich getrösten, daß nicht ein einzelner Mensch einen andern erzieht, sondern die ganze Welt erzieht an einem einzigen Menschen.

Erich konnte indeß nicht ahnen, was Prancken mit seinem Zöglinge vorhatte.

Prancken benahm sich im Hause als natürlicher Stellvertreter Sonnenkamps oder auch als Sohn des Hauses. Er ließ die Pferde herausführen, musterte die Gartenarbeit und lobte die Dienerschaft.

Im Parke fragte er dann Roland, ob er oft an Manna schreibe. Roland bejahte.

Prancken erzählte nun, daß er ein schneeweißes ungarisches Pferd für Manna zureite, er setzte hinzu:

»Sie können das schreiben oder auch nicht.«

Er wußte, daß Roland eine freigestellte Mittheilung nicht vergessen würde, und nun gar, wenn von einem schneeweißen Pferde mit blaßrothen Nüstern die Rede war.

»Hat es schon einen Namen?« fragte Roland.

»Nein, Manna soll ihm den Namen geben.«

Prancken lächelte; er merkte, daß diese Mittheilung am meisten bei Roland haftete.

Roland wurde abgerufen, man bedurfte seiner zur weiteren Anlegung der Skizze. Als diese in den ersten Umrissen fertig war, machte man eine Pause.

Prancken ersuchte Erich, ihn auf einem Gange durch den Park zu begleiten, und in freundschaftlich betonter Weise ging er nun in eine Erörterung über die Erziehung Rolands ein. Hier zum ersten Male hörte Erich von der strengkirchlichen Gesinnung Pranckens. Er war überrascht. Geschieht das, um die im Kloster erzogene reiche Erbin um so sicherer zu gewinnen?

»Ich halte es für meine Pflicht und Sie werden das würdigen,« sagte Prancken, »ich muß Ihnen eine vertrauliche Mittheilung machen.«

»Wenn ich etwas thun kann, so fühle ich mich durch Ihr Vertrauen geehrt; kann ich aber nichts leisten, so belastet mich eine vertrauliche Mittheilung in unnöthiger Weise.«

Prancken fuhr in leichterem Tone fort:

»Sie wissen, daß Herr Sonnenkamp . . .«

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche. Weiß Herr Sonnenkamp, daß Sie mir eine vertrauliche Mittheilung machen?«

»Aber Herr!« fuhr Prancken auf. »Doch nein, ich achte diese Rücksichtnahme auf Ihre Stellung. Ich glaube Ihnen sagen zu dürfen, daß ich der Sohn dieses Hauses bin. Fräulein Sonnenkamp ist so viel als meine Braut.«

»Wenn Fräulein Sonnenkamp dem Bruder gleicht, kann man Ihnen von Herzen gratuliren. Darf ich fragen, warum Sie mich mit dieser Mittheilung beehren?«

Innerlich immer empörter und äußerlich immer geschmeidiger wurde Prancken, er lächelte sehr verbindlich und sagte:

»Ich habe mich in Ihnen nicht getäuscht . . .«

Er antwortete indeß nicht auf die Frage nach dem Grunde der Mittheilung, und es war auch kaum Zeit, denn Roland rief Erich, er möge zur Sitzung kommen.

»Man sollte glauben, zwischen der Pause und jetzt wären zehn Jahre verstrichen, um so viel älter sehen Sie aus,« sagte Bella zu Erich.

Erich fühlte das im Grunde so Unwahre in seinem Verhältniß zu Prancken; sie waren sich Beide des Gegensatzes bewußt; sie hätten Feinde sein sollen oder gleichgültig an einander vorübergehen, und doch reizte wieder etwas und ließ Beide sich überreden, daß es anders sei.

Hätte man beständig den Muth der Wahrhaftigkeit und ließe sich nicht trotz innern Widerspruchs in dauernde Beziehungen, in Verpflichtungen ein, immer mit der geheimen Beschwichtigung: es wird sich doch gut gestalten, die Sache ist nicht so streng zu nehmen – Vieles wäre anders auf der Welt, viel Elend nicht da.

Die Strafe eines auf Unwahrheit gegründeten Verhältnisses ist, daß es fortwährend Unwahrheit verlangt, offen vor sich bekannte oder in Selbsttäuschung verhüllte; schließlich macht sich dann die Lüge zur Tugend und verwandelt allen Urgrund, löst den Gegensatz auf, der noch in der ehrlichen Natur war, und spricht: Du mußt die Treue bewahren, ihr waret Freunde so lange Zeit, Du hast so viel von ihm empfangen oder ihm geleistet – es wäre Auflösung Deines Lebens, Du müßtest ein Stück aus demselben austilgen, wenn ihr einander verließet; nein, jetzt erst müßt ihr recht zusammenhalten.

Und so wächst die Lüge und vergiftet das Leben.

Wohl ist es wahr, es gibt keinen Teufel, ihr könnt ihn nicht so sehen, daß er unter das Militärmaß zu stellen wäre, aber dicht neben jener göttlichen Idee, die im letzten Grunde nichts als die Wahrheit ist, wohnt die Lüge und weiß Gestalt und Sprache des Nachbarn anzunehmen.

Das Alles wühlte in der Seele Erichs, während er da saß und seine Figur zeichnen ließ.

Bella erklärte, daß sie bei diesem Gesichtsausdrucke ihn nicht weiter zeichne; sie brach heute ab.

Am Abende fuhr man im Kahn auf dem Rhein und Roland verkündete, wie schön Erich singen könne, aber Erich ließ sich nicht bewegen, einen Gesang laut werden zu lassen. Er wurde viel geneckt, daß er beim Musikfeste gesungen habe, Prancken that das in freundschaftlichem Tone, aber doch in bissiger Weise.

Als es Nacht geworden und im duftigen Park die Leuchtkäfer hin und her schwirrten, ging Erich neben Bella, während Clodwig im Balconzimmer saß und ein Album mit großen photographischen Ansichten von Rom durchblätterte, oft über manches Blatt weg sah und alte Erinnerungen walten ließ.

Roland ging mit Prancken, sie sprachen von Manna; Prancken wußte ihm geschickt einzuprägen, wie er von ihm schreiben solle. Manchmal kamen sie auch an Bella und Erich vorüber, und Prancken sah staunend, daß Erich Bella am Arme führte.

Bella und Erich sprachen leise. Wie die Leuchtkäfer durch die Luft, so flogen leicht hingeworfene Witzworte in dem Gespräche hin und her; Manches wurde aber auch tiefer erörtert. Wenn Prancken und Roland an ihnen vorübergingen, hielten sie zuweilen inne.

Bella sprach wieder von ihrem guten Manne – sie nannte ihn immer ihren guten Mann – und wie Erich nicht nur sich mit ihm verständige, sondern, wenn man so sagen dürfe, verherzliche.

»Sie schaffen neue Worte,« entgegnete Erich, da Bella den von ihr gefundenen Ausdruck vergnüglich wiederholte, als hätte sie eine neue Coiffüre erfunden, die ihr zu Gesichte stand.

Erich war pedantisch genug, wieder auf das eigentliche Thema zurückzulenken. Er sagte mit warmen Worten, welch ein Glück es sei, Schönheit und Friede nicht blos als Ideale zu kennen, sondern ihnen im wirklichen Leben zu begegnen, ihnen die Hand zu reichen und ins ruhig glänzende Auge zu schauen.

»Sie sind ein guter Mensch, Sie haben so ehrliche Augen und ich glaube, daß Sie in der That ehrlich sind,« sagte Bella, that ihren Handschuh aus und schlug damit leise auf die Hand Erichs.

»Es ist kein Verdienst, ehrlich zu sein, ich wollte, ich hätte das Talent, unehrlich . . . ich meine nicht positiv unehrlich, sondern etwas mehr zurückhaltend sein zu können.«

Bella ging in das Glück einer ehrlichen Natur ein; es lag eine Bewegtheit darin, wie sie erzählte, daß sie schon früh ein glänzendes Schicksal hätte gewinnen können, wenn sie nur ein klein wenig Liebe zu heucheln verstanden hätte. Erich wußte nicht, was er erwidern sollte, und das war eine jener Pausen, die Prancken, der mit Roland vorüberging, wohl bemerkte. Bella fuhr fort davon zu sprechen, welch ein Glück es sei, etwas zur Conservirung eines Menschen zu thun; der Eine thue es für einen Menschen im Aufgang seines Lebens, der Andere für einen Menschen im Niedergang seines Lebens, und die Opferung, still und unerkannt, lohne sich im Bewußtsein, daß man diene.

Bella löste ihren Arm aus dem Erichs und sagte stillstehend:

»Haben Sie nicht auch oft an einem glücklichen Tage, in einer glücklichen Stunde wie jetzt das Gefühl, daß Sie meinen, das, was man jetzt lebt, ist doch nicht das wirkliche Leben? es ist nur ein Rüsten, ein Vorbereiten, ein Warten, es muß etwas kommen, etwas ganz andres, wo . . . was . . . man kann es nicht fassen . . . es muß irgendwo ein Genius sein, dem man es zu erzählen, zu berichten hat, für den man es nur eigentlich erlebt. Man weiß, daß dieses Verlangen sich nie erfüllt, und man hofft es doch immer wieder.«

Erich entgegnete, daß dieses unnennbare Etwas in unserem Gemüthe die geheime Quelle aller Kunst sei und Bella besonders müsse ja das in der Musik finden.

Bei einer Biegung des Weges fügte es sich leicht, daß Erich mit Roland und Prancken mit seiner Schwester ging. Roland hatte offenbar kein rechtes Wohlgefallen an der Unterhaltung mit Prancken gefunden, er kehrte jetzt zu Erich zurück, er fühlte sich nur bei ihm daheim.

Sie wollten Clodwig aufsuchen, und es war Erich fast lieb, daß Clodwig sich schon zur Ruhe begeben hatte.

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