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Das Landhaus am Rhein / Band II

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band II - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band II
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band II
pages1-324
created20060723
sendergerd.bouillon
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Dreizehntes Capitel.

Wieder flossen die Tage ruhig dahin in Arbeit und Feierlust. Eines Tages kam der Krischer und bat, Roland solle sein Versprechen halten und ihm einmal die ganze Villa zeigen.

»Warum wollt Ihr das?« fragte Erich.

»Ich möchte auch einmal sehen, was die Reichen Alles haben.«

Es war ein schelmischer Blick, der aus den Augen des Krischers hervorschoß. Erich gab Roland die Erlaubniß, ihm Alles zu zeigen. Er wollte anfangs einen Diener mitschicken, aber er ging doch lieber selbst mit, er hatte eine gewisse Furcht vor dem Krischer; er ließ ihn nicht gern allein mit Roland. Er fühlte, daß die Art, wie der Krischer beständig den Unterschied von Reich und Arm hervorhob, Roland die Gedanken verwirren konnte.

Nun wanderten sie durch alle Stockwerke, und der Krischer, der kaum aufzutreten wagte, sagte immer:

»Ja, ja, das kann man Alles für Geld haben! Was man doch nicht Alles aus dem Geld machen kann.«

Im großen Musiksaale stand er auf der Tribüne und rief zu Erich und Roland hinab:

»Herr Hauptmann, darf ich etwas fragen?«

»Wenn ich's beantworten kann, warum nicht?«

»Sagen Sie mir ehrlich und aufrichtig: was würden Sie thun, wenn Sie – Sie sind ja ein freisinniger Mann und ein Menschenfreund – was würden Sie thun, wenn Sie im Besitze dieses Hauses und so vieler Millionen wären?«

Die Stimme des Krischers tönte laut und hallte wider in dem großen Saale.

»Was würden Sie thun?« fragte der Krischer noch einmal. »Wissen Sie keine Antwort?«

»Ich habe nicht nöthig, Euch eine zu geben.«

»Gut, gut; weiß schon Alles.«

Er kam von der Tribüne herab und sagte:

»Ich bin, wie Sie wissen, Feldhüter; da wandere ich nun die Nächte hindurch und es ist, wie wenn mir's ein böser Geist angethan hätte. Ich muß immer denken, was würdest denn Du thun, wenn Du die vielen Millionen hättest?«

»Was würden Sie thun?« fragte Erich. »Wissen Sie selbst nichts?«

»Wenn ich viel Geld hätte,« erwiderte der Krischer schelmisch lächelnd, »prügelte ich zuerst den Domänenrath windelweich und wenn's tausend Gulden kostete; er ist's werth.«

»Aber dann?«

»Ja dann . . . dann weiß ich nichts mehr.«

Erich sah auf Roland. Die Naivetät des Reichthums, wie es Knopf genannt hatte, schien zerstört, unvorbereitet und zur Unzeit aufgerüttelt; das konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden, und doch war Roland noch nicht reif, den Ausweg zu finden.

Erich sagte zu Roland in englischer Sprache, es sei nicht möglich, einem ungebildeten Geiste die entsprechende Antwort zu geben.

»Hat er denn ungebildet gefragt?« entgegnete Roland in derselben Sprache.

Erich erwiderte nichts.

Der Krischer setzte seinen Hut auf und ging davon.

Es war nicht möglich, an diesem Tage die Aufmerksamkeit Rolands auf irgend etwas zu fesseln.

Spät in der Nacht, als Erich sich bereits zur Ruhe begeben, hörte er Roland im Bibliothekzimmer, er holte etwas.

Erich ließ ihn gewähren; dann ging auch er nach der Bibliothek und sah, daß Roland sich die Bibel geholt hatte. Er las wol jetzt jene Stelle vom reichen Jüngling; der Keim, der bisher geschlummert hatte, ging auf.

Draußen in der Natur wachsen die Knospen still und eine wilde Gewitternacht läßt sie auf Einmal aufbrechen.

Am Morgen in aller Frühe trat Roland bei Erich ein und sagte:

»Ich habe eine Bitte.«

»Sprich, wenn ich sie gewähren kann.«

»Du kannst. Laß uns heute alle Bücher vergessen, komm mit auf die Burg.«

»Jetzt?«

»Ja. Ich habe mir's vorgesetzt, ich will selbst erleben, wie es ist. Laß mir's nur einen einzigen Tag.«

»Was denn?«

»Ich will arbeiten wie die Maurerlehrlinge droben an der Burg, ich will nichts essen als was sie essen und will auf und nieder tragen wie sie.«

Erich ging mit Roland nach der Burg, unterwegs aber sagte er:

»Roland, Dein Wille ist gut, aber nun überlege: Du übernimmst nicht die gleiche Arbeit, wie die dort; Du übernimmst weit schwerere, Du bist sie nicht gewohnt; dieser eine Tag wird Dir zehnfach mühseliger als ihnen, denn Du kommst aus ganz andern Verhältnissen. Was ihnen Gewohnheit, ist Dir neu und eine doppelte Last, und dazu bist Du ihnen nicht gleich, denn Du kommst aus einem Bette, wie die dort es nicht kennen, Du hast zartgepflegte Hände – es ist eine ganz ungleiche Kraft, die Du einsetzest. So lernst Du nicht, wie es den Armen zu Muthe, die nichts haben als ihre eingeborne Kraft, um damit das Leben zu fristen.«

Roland stand still und es klang etwas aus dem, was er in der Nacht gelesen, denn er fragte mit zitternder Stimme:

»Was soll ich denn thun, daß ich das Leben meiner Mitmenschen in mir gewinne?«

Erich war betroffen von Ton und Fügung dieser Worte; er konnte Roland nicht sagen, wie glücklich er sich fühlte. Denn er war in diesem Augenblicke sicher, eine Seele, die das in sich getragen und gehegt, kann nie mehr verloren gehen, kann die Gemeinschaft und Gleichverpflichtung der Menschen nie verlieren. Er bezwang sich indeß, das kundzugeben, und sagte:

»Lieber Roland – die Welt ist ein großer Zusammenhang von Arbeit, nicht Jedem ist das Gleiche auferlegt; aber Jedem ist auferlegt, daß er sich als Bruder seiner Mitmenschen fühle. Was wir thun können, ist nur, bereit zu sein, uns bereit machen, daß, so oft der Ruf unserer Mitmenschen an uns ergeht, wir ihnen handreichend zur Seite stehen. Die Arbeit, die Du einst haben wirst, ist anders als die Jener, die die Steine tragen und den Mörtel; Deine Arbeit ist größer und beseligender.«

Am Vorsprunge des Berges, wo man hinausschaut weit in die Lande, saßen Erich und Roland bei einander; der Thymian umduftete sie und ein Athem der Wonne zog durch die Lüfte. Die Natur war so in sich gesättigt, stetig. Und die Menschen!

Roland legte sich zurück und schaute in den Himmel hinein, Erich saß gedankenvoll, die wilde Frage des Krischers hatte ihn neu bewegt. Da draußen liegen die Felder, die Weinberge. Wessen sind sie? Es stehen Marksteine in der Erde als Scheidepunkte von Mein und Dein, Keiner darf die Grenze des Andern überschreiten, in sein Bereich eindringen; das sind die zerstreuten, sich vor dem Geiste zu einem Tempel zusammenfügenden Steine am großen Tempel der Gesetzes-Ordnung, der die Menschheit schützt. Wo sind die Marksteine für das bewegliche Leben? . . . Da drunten fährt der Schiffer, stemmt das Ruder ein, dort wandert der Winzer und harkt den Boden auf, daß die Wurzeln den Regen auffangen, der Vogel fliegt über den Strom, die Menschen rudern und graben und hämmern, die Thiere fliegen und schleichen, sich zu nähren. Da kommt die Versuchung zum Menschen und spricht: Laß Andere für Dich arbeiten, nähre Dich von ihrem Schweiße, ihre Knochen sind Dein; sieh nicht hin auf sie, nimm Gold für ihre Mühe; Gold weint nicht, Gold klagt nicht, es schimmert nur; wenn Du Gold hast, kannst Du singen und tanzen, fahren auf Menschenköpfen, auf zerknickten Armen; sei nicht blöde, die Welt ist ein Raubfeld, Jeder nimmt, was er erraffen kann. So spricht die Versuchung. Wer setzt hier die Grenze – wer? wo?

Roland neben Erich mußte ganz andern Gedanken nachgegangen sein, denn er richtete sich auf und sagte:

»Ich möchte wissen, wie es war, als Amerika zuerst entdeckt wurde.«

Erich legte dem Jünglinge dar, welche Umwälzung in den Gemüthern die großen Cultur-Eröffnungen des sechzehnten Jahrhunderts gemacht. Da stand ein Mann auf in einem kleinen deutschen Städtchen und bewies: die Erde, auf der wir leben, ist kein fester Punkt, sie dreht sich beständig um ihre Achse und im Sonnenkreis. Die ganze Betrachtung der Menschheit durch Jahrtausende war auf Einmal geändert. Nun wandelt man auf dieser Kugel, die wir Erde nennen, man meißelt und baut, fährt und schifft dahin auf einer Kugel, die sich beständig dreht. Wie das Herz der Menschheit das zuerst erfuhr, mußte ein Schauer es durchbeben, es gab keinen Himmel mehr; was man so nennt, ist nichts als die fest gefugte zahllose Reihe der Gestirne, die sich bewegen, anziehen und abstoßen. Es gab keinen da oben sitzenden Weltkönig mehr. Und ein anderer Mann kam und sagte: Auch auf Erden gibt es keinen Mann, der, auf seinem Throne sitzend, den ewigen Geist in sich faßt, um zu lehren und zu bestimmen, was die Menschen glauben und hoffen sollen. Kirchentrennung trat ein und riß die gebildete Welt auseinander.

Und wieder ein anderer Mann setzte sich mit seinen Genossen auf das Schiff, segelte nach Westen und entdeckte eine neue Welt. Im Hause, das wir bewohnen, ward auf einmal ein großer Raum aufgethan, drin Menschen lebten, zu denen bis jetzt keine Kunde von unserm Thun gelangt war; Pflanzen und Thiere und unermeßliche Wälder und Ströme sind da, von denen die Weisen und Propheten der Vorzeit nichts wußten.

Was Copernicus, was Luther und Columbus gemeinsam in derselben Zeit neu aufschlossen, mußte eine Umwandlung in den Gemüthern hervorbringen, mit dem sich nichts in unserer Zeit vergleichen läßt. »Dächten wir uns,« ließ sich Erich verleiten, hinzuzufügen, »könnten wir uns denken, daß heute Jemand im Stande wäre, alles Privateigenthum der Welt aufzuheben, so daß Niemand mehr etwas für sich besitze – die Umwälzung könnte nicht größer sein in den Gemüthern, als sie damals war.«

Erich hielt ein. Er fragte sich, ob er dem Jüngling nicht Ideen und Ausblicke gegeben, die er noch nicht fassen konnte.

Das stille Hinausdenken der Beiden ins Ungemessene wurde unterbrochen, denn der Baumeister kam und verkündete, daß man ein Römergrab gefunden. Erich ging mit Roland, und dieses Ausgraben eines lange dahin geschwundenen Menschen machte einen erschütternden Eindruck auf Roland.

Eine künftige Zeit findet das Gerippe eines Menschen und sie fragt nur: Sind Reste des Alterthums, alten Gewerbfleißes dabei? Was ist das Leben!

Erich sprach seine Freude über diesen Fund aus, der Graf Clodwig beglücken wird. Jetzt lenkte auch Roland sein Denken hierauf und alles Grübeln schien vergessen. Die Jugend wird ganz hineingesenkt in einen neu anstürmenden Gedanken, aber es kommt ein anderer, der frühere ist verdeckt und verschwunden.

Roland wollte auch eine Sammlung anlegen und Erich bestärkte ihn darin. Er konnte darauf hinweisen, daß hier ein Besitzthum ist, das eigentlich den reinen Gedanken des Besitzthums darstellt; solche geschichtliche Funde gehören nicht dem, der sie sein Eigen nennt, sie gehören der Welt, die eine Kenntniß der Vergangenheit draus bildet; Niemand hat sie für sich allein. Das ist der von aller materiellen Schwere erlöste Besitz; in dieser Weise müßte man alles Eigenthum der Welt anschauen können . . .

Still kehrten Erich und Roland nach der Villa zurück.

Es gibt oft Zufälle, die wie ein Anruf erscheinen. Man hatte auf der Burg von Clodwig gesprochen, und als man auf die Villa zurückkam, war eine Nachricht von demselben da, daß er mit seiner Gattin aus dem Bade zurückgekehrt sei und andern Tages Roland und Erich besuchen werde.

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