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Das Landhaus am Rhein / Band II

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band II - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band II
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band II
pages1-324
created20060723
sendergerd.bouillon
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Fünftes Capitel.

Die Eltern kamen zu Manna in die Zelle. Manna trat ihnen ruhig entgegen.

Sie reichte dem Vater die Hand; ihre Hand zuckte, da sie den Ring am Daumen des Vaters fühlte. Dann warf sie sich der Mutter an die Brust und küßte sie.

»Verzeiht mir,« rief sie, »verzeiht mir! Haltet mich nicht für unkindlich, aber ich muß – nein, ich will. Ich danke Euch, daß Ihr mir meine Bitte gewährt.«

»Ja wohl, wir thun Dir keinen Zwang an,« sagte die Mutter, und Sonnenkamp, der noch nicht beigestimmt hatte, mußte willfahren.

Das Antlitz Manna's wurde erheitert, sie freute sich über das gute Aussehen der Eltern und sagte, daß sie täglich für sie bete, und der Himmel erhöre ihr Gebet. Manna hatte einen Ton der Stimme, der Sonnenkamp so zu bewegen schien, daß er die Hand aufs Herz legte.

Als Manna nach Roland fragte, sagte Sonnenkamp mit einer Miene, wie wenn er zu einem Kranken spräche, der eben erst genesen, Roland sei im Park, sie solle doch mit hinabkommen und die Damen und Herrn von Prancken begrüßen.

Als der Vater diesen Namen nannte, ging ein leises Schauern durch Manna, sie sagte indeß in schneller Fassung:

»Ich will Niemand sehen als Euch und Roland.«

Eine dienende Schwester wurde nach Roland geschickt. Unterdessen erklärte Manna, daß sie dem Gesetze gemäß noch ein Jahr in die Welt zurückkehre und dann – sie zögerte eine Weile, bis sie fortfuhr – wenn ihr jetziger Entschluß noch feststehe, den Schleier nehme.

»Ich fasse es nicht! Ich ertrage es nicht!« rief Sonnenkamp laut. »Ceres, betheure ihr nochmals, daß das Wort, das Du über mich ausgesprochen, Dir nur vom Zorne eingegeben war.«

Frau Ceres schwieg und Manna bat den Vater, ruhiger zu sein, man spreche hier im Kloster nicht so laut . . .

Roland, nach dem man lange gesucht hatte, schrak auf und taumelte zurück, als er plötzlich von einer schwarzen Gestalt geweckt sich in der Kirche fand.

Er wurde zu Manna gebracht. Mit Innigkeit umschlang er die Schwester. Er konnte vor Heftigkeit nicht reden.

»Nicht so ungestüm,« beschwichtigte das Mädchen. »Ei, was bist Du für ein kräftiger Bursch geworden!«

»Und du so groß. Ach! Komm mit heim! Es ist so schön daheim. Nicht wahr, die Nonnen nennen sich Schwestern? Aber zu Dir kann doch Niemand Schwester sagen als ich. Komm mit uns heim!«

Durcheinander, manchmal vom heiligen Antonius, manchmal von Erich erzählte Roland, welch einen trefflichen Mann er zum Lehrer und Freund habe, und als Manna erklärte, daß sie erst im Frühling nach Hause käme, schloß Roland:

»Du kannst Dir Herrn Dournay ganz gut vorstellen. Wenn Du in die Kirche kommst, sieh Dir den heiligen Antonius an, der dort abgebildet ist, gerade so sieht er aus, gerade so gut. Aber er kann auch streng sein, er ist Artillerie-Officier gewesen.«

Der Vater erklärte und auch die Mutter stimmte bei, Manna solle ungehindert wieder ins Kloster zurückkehren dürfen, sie solle nur mit den Eltern in den nächsten Tagen die Badereise machen.

Manna war nicht zu bewegen, auf diesen Vorschlag einzugehen.

Der wundersame zum Herzen dringende Ton ihrer Stimme hatte etwas Bewältigendes, und als sie jetzt darlegte, wie sie hoffe, in Allem klar und fest zu werden und dem Leben Stand zu halten, traten Thränen in die Augen der Mutter. Der Vater aber starrte sie verwundert an, er sah indeß kaum sein Kind, er wußte kaum, wo er war.

Auch er hatte seinen Vater einst verlassen.

Er hörte eine Stimme, die er vor vielen, vielen Jahren schon einmal gehört, und wie er so drein schaute, sah er sein Kind nicht, die Umgebung nicht, er sah nichts als einen verwahrlosten Grabhügel auf dem Kirchhofe eines polnischen Dorfes. Er fuhr sich mit der breiten Hand über das ganze Gesicht, und wie erwachend blickte er jetzt auf und hörte noch, wie sein Kind wiederholte:

»Ich werde dem Leben Stand halten.«

Jetzt erneuerte er seine Bitte, Manna möge doch in den Park kommen, die Freunde zu begrüßen, sie dürfe dieselben nicht beleidigen; aber Manna beharrte dabei, ihre Zelle nicht zu verlassen.

Sie hatte eine dienende Schwester gebeten, daß sie Heimchen hole; das Kind kam und schaute die Fremden verwundert an. Manna zeigte dem Kinde die Ihrigen. Das Kind schmiegte sich an Roland und sagte:

»Ich mag Dich, ich mag Dich.«

Es war so zutraulich mit Roland, als ob es von je mit ihm gespielt hätte.

»Willst Du auch mein Bruder sein?« fragte das Kind.

Die Eltern und Roland verließen die Zelle, Manna blieb mit Heimchen allein.

Auf der Treppe sah Sonnenkamp seitwärts nach seiner Frau und sein Blick sagte: Das hast Du mir gethan! Du hast das Kind meinem Herzen entwendet.

Frau Ceres zuckte nur mit den Achseln. Roland sah sie starr an; da ist etwas, was er sich nicht erklären kann.

Die Eltern und der Knabe kamen in den Park. Mit großer Unbefangenheit berichtete Sonnenkamp, er habe, um keine Unterbrechung in den Unterricht zu bringen, seiner Tochter gestattet, noch bis zu Ostern im Kloster zu verbleiben. Prancken warf einen seltsamen Blick auf Sonnenkamp.

Der Abend brach bereits an; als man in den Kahn stieg, rief Roland zum Kloster hinaus:

»Gute Nacht, Manna!«

Manna hatte den Ruf gehört, sie hatte den Davonziehenden nachgeschaut, dann warf sie sich auf die Kniee und betete lange.

Als man am jenseitigen Ufer anlangte, hörte man vom Kloster her den Chor der Mädchenstimmen singen.

»Das mag dem schön klingen, der kein Kind dabei hat,« sagte Sonnenkamp vor sich hin.

Im großen Gasthofe war ein Drängen und Treiben, als ob ein Fürst mit seinem Gefolge angekommen wäre, denn Sonnenkamp liebte es, bisweilen mit seinem Reichthum zu prunken. Der große Garten war festlich beleuchtet; Manna sah das vom Fenster aus und sie bedeckte die Augen mit beiden Händen.

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