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Das Landhaus am Rhein / Band II

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band II - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band II
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band II
pages1-324
created20060723
sendergerd.bouillon
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Viertes Buch.

Erstes Capitel.

Die Sperlinge auf den Erlen und Weiden am Ufer der Klosterinsel zwitscherten und schetterten lärmend durcheinander; sie mußten sich wunderviel zu sagen haben, was sie heut erlebt, und wer weiß, ob ein Heute für sie nicht ein viel größerer Zeitraum als für uns. Ein von Erfahrung Aufgeblähter – es konnte aber auch ein Weibchen sein, denn er trug bereits das unterschiedslose Alterskleid – saß ruhig in der Ecke eines Astes, bequemlich an den Stamm gelehnt; er berichtete mit nachschmatzendem Behagen, wie herrlich das gewesen drüben im Gasthofsgarten am Ufer unter den kurz gehaltenen schattigen Linden. Da hatten die Kellner lange versäumt, die Reste eines englischen Frühstücks wegzuräumen, und da gab's Kuchen – leider waren die Stücke zu groß – Eier und Honig und Zucker die Menge; es war ein Schmaus ohne Gleichen. Er behauptete, die echte Lebensfreude beginne erst dann, wenn man von allem Andern nichts mehr wissen wolle und nur Freude an Essen und Trinken habe. Das verstünde freilich erst das reifere Alter.

Andere wollten nichts von dem satten Prahlhans wissen, und es gab eine zuchtlose Debatte, ob Salatsamen oder junger Kappis nicht viel besser wären, als alle Menschennahrung. Ein junger Schelm umflatterte eine junge Schelmin und berichtete ihr: hinten am Hause des Fergen hinge ein strotzendes Säckchen voll Hanfsamen am Dachfenster; wenn man nur die Naht ein Bischen aufzutrennen verstünde, könnte man den Leckerbissen allmälig verspeisen, aber man müsse es geheim halten, sonst kämen die Anderen auch, und Hanfsamen wäre doch anerkannt das höchste Gut, was diese Erdkugel zu bieten vermag. Der Schelm behauptete, daß der zierliche Schnabel der Schelmin gerade fein genug sei, um die Naht aufzutrennen; niederträchtig boshaft sei es aber von den Menschen, just die besten Leckerbissen gebunden und verschlossen in die freie Luft zu hängen.

Ein spät Hinzufliegender verkündete, daß die Scheuche, die im Feld stehe, nur ein Stock mit drüber gehängten Kleidern sei.

»Die dummen Menschen meinen, wir seien noch so dumm, an Vogelscheuchen zu glauben,« lachte er und schlug die Flügel auf und nieder vor Staunen und Erbarmen über die Einfalt.

Es war ein toller Lärm auf den Erlen und Weiden und fast ebenso toll war er auf der großen Wiese, wo die Mädchen aus dem Kloster einander haschten, durcheinander plauderten, kicherten, neckten und lachten.

Abseits von den lärmenden Genossinnen und manchmal unter den Erlenbäumen dahinwandelnd, wo es so lustig zuging, schritt ein Mädchen von schlanker Gestalt und von biegsam zierlicher Erscheinung, mit dunklem schwarzem Haar und leuchtenden Augen, neben einer Frau in Ordenstracht, einer hohen herrischen Gestalt, aus deren Mienen ruhige und entschiedene Kraft sprach. Ihre Lippen waren so zusammengepreßt, daß der Mund nur als schmaler rother Streif erschien. Die ganze Stirn war mit einem weißen Tuch bedeckt und so hatte das Gesicht mit den großen Augen, schmalen Brauen, scharfer Nase, dem feinen zusammengepreßten Munde, dazu das scharfe, aber nicht unschöne Kinn etwas Herrschvolles und Unbewegtes.

»Würdige Mutter,« begann das Mädchen, »Sie haben den Brief von Fräulein Perini gelesen?«

Die Nonne – es war die Oberin – wendete nur ein wenig das Antlitz; sie schien zu erwarten, daß das Mädchen – es war Hermanna Sonnenkamp – weiter spreche. Da Manna indeß schwieg, sagte die Oberin:

»Herr von Prancken wird also zum Besuch kommen. Er ist ein Mann aus gutem Hause und von guter Sitte, scheint ein Weltling, ist es aber eigentlich nicht. Freilich hat er noch die Ungeduld derer draußen; ich vertraue indeß, daß er jede Werbung unterläßt, so lange Du noch hier unser Kind bist, daß heißt, das Kind des Herrn.«

Sie sprach sehr gemessen und hielt jetzt an.

»Laß uns hier weggehen, der Vogellärm da oben läßt ja kaum das eigene Wort hören.«

Sie gingen an dem inmitten der Insel liegenden Kirchhof vorüber nach dem Wäldchen zu einer kleinen Felsenpartie, von den Kindern die Schweiz der Insel genannt; dort setzten sie sich nieder und die Oberin fuhr fort:

»Von Dir, mein Kind, bin ich gewiß, daß Du in schicklicher Weise jedes nach Liebesbekenntniß oder Werbung zielende Wort des Herrn von Prancken ablenken wirst.«

»Sie wissen, würdige Mutter,« entgegnete Manna – sie hatte eine herzbewegende Stimme – »Sie wissen, daß ich gelobt habe, den Schleier zu nehmen.«

»Ich weiß und weiß es auch nicht. Was Du jetzt sagst oder bestimmst, ist für uns wie ein in den Sand geschriebenes Wort, das der Wind und die Fußtritte der Menschen verwischen. Du mußt zuerst wieder hinaus in die Welt, Du mußt die Welt überwunden haben, ehe Du ihr entsagst. Ja, mein Kind! Die ganze Welt muß Dir erscheinen wie Deine Puppen, von denen Du mir erzählt: vergessen, nichtig, todt . . . ein Kinderspiel, kaum denkbar, daß man je so viel Aufmerksamkeit, so viel Liebe daran vergeuden konnte.«

Stille war es geraume Zeit, man hörte nichts als den Sang der Nachtigall im Busche, und auf dem Strome hin flogen in Schaaren die Raben und sangen – die Menschen nennen es krächzen – und schwangen sich ihrer Heimat auf dem Felsenberge zu.

»Mein Kind,« begann die Oberin nach einer Weile, »heut ist der Todestag meiner Mutter, ich habe für ihre Seele, die in der Ewigkeit, gebetet, heut wie damals. Als sie starb, was die Menschen Sterben nennen, was aber nur ein Geborenwerden ist, hat mein Gelübde es mir versagt, an ihrem Todtenbette zu stehen; es kostete mir kaum einen Kampf, denn ob meine Eltern noch draußen in der Welt oder dort oben in der andern, das ist uns gleich. Sieh, die Welle färbt sich jetzt im Abendroth, da stehen nun die Menschen draußen auf Bergen und am Ufer und sprechen voll Entzücken über die Natur, diesen neuen Götzen, den sie sich gemacht, denn sie sind Kinder der Natur; wir aber sollen Gottes Kinder sein, vor dessen Auge die ganze Natur nichtig erscheint, ob so, ob so gefärbt, ob blühend oder im Schnee.«

»Ich glaube, ich fasse das,« stimmte Manna bei; die Oberin fuhr fort:

»Es ist ein Großes, die Welt zu überwinden, sie von sich zu stoßen, ohne je eine Secunde nach ihr zu verlangen, und dafür die ewige Glückseligkeit zu empfangen noch während wir im Leibe wandeln. Ja, mein Kind« – sie legte beide Hände auf das Haupt Manna's: »ich möchte Dir die Kraft geben, meine Kraft . . . nein, nicht die meine, die mir von Gott verliehene . . . Du sollst schwer und redlich mit der Welt gekämpft, Du sollst ausgerungen haben, bevor Du zu uns in den Vorhof des Himmels eintrittst für dieses zeitliche Leben.«

Manna hatte die Augen geschlossen und in ihrem Innern war der einzige Wunsch, daß eine überirdische Gewalt kommen und sie hinwegheben möge über Alles. Als sie aufschaute und die wundersame Pracht des Abendhimmels, den violetten Duft der Berge und den rothglühenden Strom sah, blinzte ihr Auge, und ihre Hand machte eine abwehrende Bewegung, wie wenn sie sagen wollte: ich will Dich nicht, Du sollst für mich untergesunken sein; Du bist nichts als eine Puppe, eine leblose, an die wir unsere Liebe verschwenden.

Mit zitternder Stimme bekannte nun Manna, wie sie sich im Innersten zerrissen und verworfen vorkäme; sie habe vor wenigen Tagen die Botschaft des verkündenden Engels gesungen und gesprochen, und dabei hätten schwarze Dämone sie innerlich zerwühlt. Den ganzen Tag habe sie gebetet, daß sie würdig sein möge, solche Botschaft zu verkünden; und da sei ihr in der Dämmerung ein Mann erschienen, und ihr Auge habe mit Wohlgefallen auf ihm geruht; es sei der Versucher gewesen, der ihr nahe gekommen, und die Gestalt habe sie in ihre Träume verfolgt. Sie sei mitten in der Nacht aufgestanden und habe geweint und zu Gott gebetet, er möge sie doch nicht in Sünde und Abfall versinken lassen. Sie verachte die Erscheinung, sie hasse sie; aber die Erscheinung weiche nicht von ihr. Sie bitte nun, daß ihr eine Buße auferlegt werde; es möge ihr gestattet sein, drei Tage zu fasten.

Die Oberin tröstete mild und sagte, sie solle sich nicht solche Vorwürfe machen, denn diese Selbstpeinigung steigere ihre Phantasie und ihre Empfindung. Zur Zeit, wenn der Flieder blüht und die Nachtigall singt, werde ein siebzehnjähriges Mädchen leicht von Träumen heimgesucht; Manna solle über diese Träume nicht weinen, sondern sie nur verspotten.

Manna küßte der Oberin die Hände.

Es war Nacht geworden. Die Sperlinge waren verstummt, die lärmenden Kinder ins Haus zurückgekehrt, nur die Nachtigall sang fort und fort im Gebüsch. Manna kehrte, von der Oberin an der Hand geführt, in das Kloster zurück. Sie ging nach dem großen Schlafsaal, nahm Weihwasser und besprengte sich. In ihrem Bette betete sie noch lange still, und mit gefalteten Händen schlief sie ein.

Der Strom rauschte zu Thal und rauschte an der Villa vorüber, wo Roland mit trotzig aufgeworfener Lippe schlief; er rauschte an dem Städtchen vorüber, wo Erich im Hause des Doctors hin und her gesonnen; er rauschte am Gasthof vorüber, wo Prancken im Fenster liegend nach dem Kloster hinüberschaute.

Der Mond glitzerte auf dem Strom, hüben und drüben sangen die Nachtigallen und in den Häusern schliefen die Tausende von Menschen und vergaßen Leid und Freud, bis der Tag wieder erwacht.

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