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Das Landhaus am Rhein / Band II

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band II - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band II
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band II
pages1-324
created20060723
sendergerd.bouillon
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Fünfzehntes Capitel.

Roland saß bei der Tante im Erker vor einem großen Buche; es waren Umrißzeichnungen griechischer Sculptur.

Jetzt schaute der Knabe auf und rief:

»Vater, denke Dir, Herr Erich muß die ganze schöne Bibliothek seines Vaters verkaufen; da ist kein Blatt, das nicht von seinem Vater beschrieben ist, und das soll nun in fremde Hände kommen.«

»Es wäre mir lieb,« sagte Sonnenkamp, sich an die Tante wendend, »wenn Sie mit meinem Sohn einen Spaziergang machen wollten; ich habe mit der Frau Professorin zu sprechen.«

Roland ging mit der Tante davon.

Sonnenkamp fragte nun die Professorin, ob es wahr sei, was der Knabe gesprochen.

Die Professorin bejahte mit dem Zusatze, daß die Gefahr vorüber sei, denn Graf Wolfsgarten habe das nöthige Geld geschickt.

Als Sonnenkamp den Namen und die Summe hörte, sagte er, er gestatte Niemand das Recht, Erich in Geldsachen auszuhelfen; er beanspruche das für sich, auch wenn Erich sich ihm entziehe.

Er stand vor dem Blumentisch, der wohlgepflegt und geordnet, mit einer künstlichen Vorrichtung schön pyramidalisch aufgebaut war. Er lenkte das Gespräch auf die Botanik, Erich hatte ihm ja erzählt, daß die Mutter davon Kenntniß habe. Nicht ohne Geschick und Theilnahme wußte er dann das Gespräch auf die Vergangenheit der Professorin zu lenken. Er fragte, ob die Professorin nicht Lust hätte, einmal an den Rhein zu kommen.

Sie erwiderte, daß sie dies wohl möchte, besonders wünschte sie, noch einmal eine Jugendfreundin zu sehen, die Oberin im Inselkloster sei und der Erziehungsanstalt vorstehe.

»Sie stehen der Oberin so nahe?« sagte Sonnenkamp, es ging etwas in ihm vor, was er sich noch nicht klar machen konnte, aber er prägte sich diese Beziehung zu späterer Benützung ein.

Die Professorin berichtete nun von ihrem Leben als Hofdame:

»Ich hatte nicht nur das Glück und die Ehre, die vielfachen Wohlthätigkeits-Anstalten, deren Protectorin die Fürstin war, mit ihr und noch öfter in ihrem Namen und Auftrage zu besuchen und zu beaufsichtigen; weit wichtiger, oft sehr traurig, aber mit der größten Herzerquickung gesegnet war mein Beruf, diejenigen zu besuchen oder Forschungen über sie anzustellen, die sich mit Bitten um Unterstützung, oft in herzzerreißendem Hülferuf an die Fürstin wendeten. Der größte Theil der Briefe war mir zur Berichterstattung und Beantwortung übergeben. Das war ein schweres, aber auch gesegnetes und erhebendes Amt.«

Als die Frau so sprach und dabei die zarte feine Hand aufs Herz legte, leuchtete ihr Antlitz.

»Dürfte ich Ihnen, edle Frau, einen Ersatz bieten, wenn Sie sich dazu bestimmen ließen, in unserer Nähe zu leben?«

Die Frau sah ihn groß an und er fuhr fort:

»Ich bin kein Fürst, aber ich bin vielleicht nicht weniger mit Bettelbriefen überfluthet.«

Sonnenkamp versetzte die Frau im Geiste sofort in seine schönen Gemächer, wo sie die Honneurs des Hauses machte.

Roland hatte während des Gesprächs an der Hand der Tante das Zimmer verlassen; jetzt trat er mit Erich und dem Major ein, er hielt einen großen Brief mit einem Siegel des Cultusministeriums in der Hand und sagte:

»Bitte, Tante, laß mich reden.«

Alle staunten über das Aussehen des Knaben, der, den Brief erhebend, nun zu Erich gewendet, erklärte:

»Die Tante hat mir vertraut, daß hier Dein Anstellungsdecret sein kann. Du sollst Director werden zur Erhaltung der schönen Statuen des Alterthums. Erich! Erz und Marmor bedürfen Deiner nicht, und wenn Du dort sein wirst unter den Figuren, wird's Dich frieren und mich wird's frieren immer und ewig, wenn Du mich verlässest. Erich, thue es nicht. Bleib bei mir, ich will bei Dir bleiben. Verlaß mich nicht . . . verlaß mich nicht!«

Erich ging auf Roland zu, reichte ihm die Hand und sagte:

»Ich bleibe bei Dir, komme was da wolle.«

Das Schreiben wurde geöffnet, es enthielt den Ausdruck des Bedauerns, daß die Stelle bereits an einen jungen Mann von Adel vergeben sei.

Sonnenkamp bat, daß man ihm das Schreiben überlasse, er brauche es vielleicht als Document gegen die Feinde Erichs, die ihm die Abneigung des Hofes andichteten. Und nun verlangte er, daß Mutter und Tante sofort mit nach Villa Eden übersiedelten; aber Erich verneinte entschieden. Er für sich habe zugesagt, aber Mutter und Tante dürften nicht vor dem Herbste kommen; er müsse sich zuerst mit Roland allein in die Verhältnisse des Hauses eingefügt haben.

Niemand war glücklicher, daß sich Alles so gut gewendet hatte, als der Major. Man wollte noch heut abreisen. Der Major versprach, daß er und Fräulein Milch der Mutter und Tante in Allem helfen wollten, wenn sie später übersiedelten; es ging nicht anders, Fräulein Milch mußte in Allem erwähnt werden. Nun bat er um eine Stunde Urlaub, er habe hier in der Universitätsstadt Freunde zu besuchen, die er persönlich noch nicht kenne.

Als der Major weggegangen war, sagte Sonnenkamp in wohlwollendem Gönnertone, der Major habe wol Brüder Freimaurer zu besuchen. Auch Erich sagte, daß er gehen müsse, um von einem Manne Abschied zu nehmen.

Er ging zu Professor Einsiedel.

Der Professor war immer gleichmäßig zu freundlicher Ansprache bereit, aber auch stets gleichmäßig ärgerlich, wenn man vergaß, in welcher Stunde er sein Collegium las, und kam man etwa eine halbe Stunde vorher, konnte er sehr zornig sein. Sein Zorn bestand darin, daß er sagte:

»Aber lieber Freund! Wie können Sie das vergessen, Sie wissen ja, daß ich um zwei Uhr lese und jetzt mit Niemand sprechen kann. Nein, ich muß sehr bitten . . . sehr . . . sehr . . . bitte, merken Sie sich doch, wann ich lese.«

Und dabei drückte er die Hand mit großer Güte.

Als Erich sagte, daß es nichts nütze, wenn er sich das auch für später merke, denn er reise heute ab, ließ sich Einsiedel die Stunde angeben, wann der Zug abgeht; er käme vielleicht noch zu ihm, er verspreche es nicht gewiß, denn wenn er es versprochen habe, störe es ihn in seinem Vortrag.

Erich ging davon.

Der Professor begleitete ihn bis zur Thür, zog sein schwarzes Käppchen ab und entschuldigte sich, daß er ihm nicht das Geleite die Treppe hinab gebe. Mit den Worten: »Ich bitte sehr . . . sehr . . . ich lese um zwei Uhr,« kehrte er in seine Stube zurück. Erich wußte sicher, daß der Professor ihn noch besuchen werde.

Als man am Bahnhofe zur Abreise bereit stand, erschien auch Professor Einsiedel; das war sehr viel, denn das schmächtige Männchen hatte seine Tagesordnung unterbrochen.

Erich stellte ihm den Major und Sonnenkamp vor. Sonnenkamp hatte kein rechtes Wort für ihn und auch der Major konnte trotz seiner Menschenliebe die Wendung nicht finden, mit der er sich freundlich gegen diese zarte, gebrechliche Erscheinung benehmen sollte, da ihm Erich den Mann als seinen Lehrer und Meister vorstellte. Roland dagegen faßte in herzlicher Freude die zarte Kinderhand des Männchens und sagte:

»Sie sind mein Großlehrer; Herr Dournay wird ja mein Lehrer und Sie sind sein Lehrer, und wenn Sie einen Hund haben wollen, schicke ich Ihnen einen.«

Professor Einsiedel dankte für das Geschenk des Hundes und sagte, er liebe es nicht, im Geräusche Abschied zu nehmen, er sage daher Lebewohl, bevor der Zug ankomme.

Erich schaute dem Männchen nach, wie es davon ging und sich die Kinderhand an dem Rock rieb, die Roland wol etwas zu stark gedrückt hatte.

Der Zug brauste heran. Der Abschied war rasch; Roland küßte Mutter und Tante wiederholt und Sonnenkamp küßte der Mutter die Hand.

Im Wagen neigte sich der Major zu Erich und sagte ihm leise ins Ohr:

»Ich habe auch etwas von Ihrem Vater erfahren.«

»Was denn?«

»Es ist gut für Sie und für mich. Ihr in die ewige Heimat eingegangener Vater gehörte auch zu unserem Bruderbunde. Sie haben das Recht und ich habe die Pflicht, Ihnen Beistand zu leisten.«

Und nun erzählte der Major die Schrecken der Extrafahrt; das Knattern hätte gar keinen Tact mehr gehabt, es wäre nur ein einziges Brummen gewesen. Er wußte das sehr deutlich nachzuahmen und behauptete, so sei noch Niemand gefahren und so werde vielleicht Niemand mehr fahren, so lange Europa mit Eisen beschlagen sei, denn Herr Sonnenkamp habe amerikanisch geheizt.

Auf der nächsten Station nahm er Erich bei Seite und fragte, ob er ein Festes in Bezug auf Gehalt und Entschädigung nach Entlassung und eine Pension nach Vollendung der Erziehung ausgemacht habe. Erich behandelte diese Angelegenheit leichthin und der Major gab ihm zu verstehen, daß er Vollmacht gehabt, ihm jede Forderung zu bewilligen. Er ermahnte Erich, jetzt, da das Eisen noch glühend, es zu schmieden. Erich aber schien gar nicht darauf einzugehen, der Major ließ ab und murmelte lächelnd vor sich hin:

»Da sagt nun Fräulein Milch immer, ich sei unpraktisch; und da ist ein Mann, der so viel gelernt hat und sich siebenmal zu drehen und zu wenden weiß, ehe ich Einmal aufstehe, und der ist weit weniger praktisch als ich.«

Der Major war fast froh, daß Erich so unpraktisch sei, er konnte es ja dann Fräulein Milch erzählen.

An der vorletzten Station löste man den Brillantring ein und Erich sagte zu Roland:

»Laß den Ring Deinem Vater, ich wünsche, daß Du fortan keinen Ring mehr trägst.«

Roland gab seinem Vater den Ring und der Major brummte in sich hinein:

»Der hat ihn! Der hat ihn auf Trense und Cantare!«

Es war Abend geworden, als man an dem rebenumrankten Häuschen vorüberfuhr. Mit glänzendem Gesicht nickte Roland Erich zu, ihm das Häuschen zeigend; er sprach kein Wort. Man fuhr in Villa Eden ein; ein Luftstrom von Rosenduft kam den Fahrenden entgegen.

»Wir haben ihn!« rief der Architekt vom Burgbau dem Major, als er ausstieg, zu.

»Wen denn?«

»Wir haben den Brunnen auf der Burg gefunden.«

»Und wir haben den da auch!« rief der Major, auf Erich deutend . . .

Von diesem Tage an begann der Major viele seiner Geschichten mit den Worten:

»Das war damals, als ich mit Herrn Sonnenkamp im Extrazug fuhr.«

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