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Das Landhaus am Rhein / Band II

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band II - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band II
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band II
pages1-324
created20060723
sendergerd.bouillon
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Elftes Capitel.

In der Nacht brachen die Blüthen auf im Garten und in der Seele des Jünglings.

Zu Erich! sprach Roland, aber kein Ton wurde laut, er sprach es nur sich. Die Nacht war sternenhell, am Himmel stand der abnehmende Mond, er leuchtete mild und Roland war von einem Frohgefühl durchdrungen, daß er oft die Arme ausbreitete, als müsse er auffliegen können. Er ging eilig, als würde er verfolgt; er hörte Schritte hinter sich, er hielt an; es war sein eigener Schritt gewesen.

In der Ferne zeigte sich eine Gruppe stillstehender Männer, die auf ihn zu warten schienen. Er kam näher; es waren Holzpfähle, die zur Einhegung eines Weinberges dienten. Er mäßigte seinen Schritt; er wollte singen, aber er fürchtete, sich durch einen Laut zu verrathen. Auf einer Anhöhe stand er still; er hörte weit drunten auf dem Strome einen Schleppdampfer keuchen, sah die Lichter auf den Mastbäumen der angehängten Schiffe, die Lichter bewegten sich so wundersam fort; Roland zählte sie, es waren sieben.

»Die dort wachen auch,« sprach er laut vor sich hin, und zum ersten Mal ging ihm auf, daß Menschen zu ihrem Lebensunterhalt die Nacht durchwachen und arbeiten müssen, die dort bei der Maschine im Schleppschiff und die Steuerleute und die Schiffer auf den angehängten großen Kähnen.

Warum ist das? Was drängt die Menschen?

Unwillig schüttelte er den Kopf. Was ficht das ihn an?

Er wanderte weiter auf der Hochebene und stieg einen Berg hinter derselben hinan. Er freute sich kindisch, daß sein Schatten mit ihm ging. Er hielt sich stets in Mitte der Straße, die Gräben an den Wegen hatten etwas unheimlich Lauerndes; er sah befremdet nach den Schatten, den die Bäume im Mondesschein warfen, er freute sich, wo es wieder hell und licht war. Nahte er sich einem Dorfe, fühlte er sich geborgen, obgleich Alles schlief; man ist doch unter Menschen. Man hatte ihm stets gesagt: in der Nacht wandeln auf allen Straßen Diebe und Mörder und suchen zu rauben und zu tödten. Was hatte er bei sich, das sie ihm rauben konnten? Seine Uhr an der Kette. Er that sie heraus, er wollte sie verstecken.

»Schäme Dich,« sagte er plötzlich laut. Er war inne geworden, wie er sich im Grunde der Seele fürchte; das wollte er nicht. Mit herausfordernder Kühnheit dachte er sich vielmehr Gefahren aus, die er bestehen wolle; er freute sich ihrer und rief:

»Kommt nur! ich bin dabei und der Satan auch! Nicht wahr, Satan? Sie sollen nur kommen,« schmeichelte er dem Hunde. Der Hund sprang an ihm empor.

Er kam durch ein Dorf, Alles schlief, da und dort bellte ein Hund, der die Nähe des fremden Hundes witterte. Roland gebot Satan zu schweigen; der Hund gehorchte. Der Knabe erkannte das Dorf, hier war er ja am Sonntag mit dem Doctor und Erich gewesen, hier war das Haus, wo der Mann gestorben, auf der andern Seite war der Turnplatz, wo er mit Erich geturnt hatte. Endlich kam er an das Haus des Siebenpfeifers, da schlief jetzt das ganze Orchester. Eine Weile stand er still, ob er nicht einen aus dem Hause wecken, mitnehmen oder zu seinem Vater schicken solle. Er verwarf Beides und ging weiter.

Die Nacht war still, nur bisweilen hörte er noch von Ferne das Bellen eines Hundes wie aus dem Schlafe. Ein Bach rieselte am Wege, das tönte so wundersam, der Bach ging eine Weile wie plaudernd mit, bald aber verlor er sich und wieder war Alles still. Er kam durch eine Schlucht, wo es von hohen Bäumen hüben und drüben so dunkel war, daß er den Weg zu seinen Füßen nicht sah; ruhig sich fassend ging er vorwärts und dachte sich, wie schön das am hellen Tage sein müsse. Er kam aus der Schlucht hervor und freute sich wieder des offenen Weges. Ueber dem Sattel eines Berges erschien ein Stern, so groß, so glänzend, der Stern stieg immer höher und glänzte so funkelnd. Ob wol Manna diesen Stern kennt?

Im ersten Hause eines Dorfes war Licht; er hielt an. Er hörte sprechen. Drinnen klagte und jammerte die Frau, daß morgen die einzige Kuh verkauft werden solle. Schnell entschlossen legte Roland mehrere Goldstücke auf das Fenstersims der niedern Stube, pochte an die Scheiben und rief:

»Ihr Leute, es liegt Geld für die Kuh auf dem Sims.«

Athemlos rannte er davon, eine Angst befiel ihn, als wäre er ein Dieb; erst draußen vor dem Dorfe hielt er an, sich in einen Graben niederduckend. Er wußte nicht, warum er davon gerannt war. Wie er nun so sich niederduckte und aufhorchte, ob die Beschenkten ihm nachfolgten, kicherte er in sich hinein, wie ein Geist thun müßte, der umwandelt, das Leid der Menschen heilt und sich dem Dank entzieht. Es kam Niemand. Rüstig schritt er weiter, und beseligt im Gedanken dessen, was er gethan, dachte er sich aus, wie es wäre, wenn man mit viel Geld ungesehen so in der Welt umherwandelte und wo man hinkäme, Alles glücklich machte.

Als er jetzt den Blick wieder auf die Straße heftete, sah er auf dem Felde am Wege einen abenteuerlich aussehenden Mann stehen, der eine Waffe geradezu auf ihn gerichtet hielt. Bebend stand er still und forderte den Mann auf zu sagen, was er wolle; der Mann rührte sich nicht. Er hetzte den Hund nach ihm, der Hund kam zurück und schüttelte den Kopf. Roland trat auf die Erscheinung zu und lachte und zitterte zugleich; die Erscheinung war nichts als eine Vogelscheuche.

Ein schwer knarrendes Fuhrwerk kam auf der Straße heran, näher und näher. Es war ein seltsames Schettern und Klappern, wie der Wagen auf den Achsen sich hin und her bewegte und die Räder, Steine zermalmend, knarrten. Roland glaubte bestimmt unterscheiden zu können, daß der Wagen nur zwei Räder habe und mit Einem Pferde bespannt sei. Er hielt an, um das genau herauszubringen; dann aber hörte er wieder verschiedenen Hufschlag. Er stellte sich hinter einen Baum und wartete das Herannahen des Wagens ab, er sah, daß zwei Pferde der Länge nach vor einen in der That nur zweiräderigen Wagen gespannt waren; der Fuhrmann ging pfeifend und mit der Peitsche knallend neben her. Als der Wagen vorüber, wanderte Roland, eine Strecke sich entfernt haltend, dem Fuhrwerke nach. Eine Bangigkeit hatte den jugendlichen Wanderer in der Nacht ergriffen, jetzt wußte er sich in der Nähe eines wachenden Menschen; wenn eine Gefahr drohte, konnte er ihn anrufen.

Er erschrak, als er plötzlich nichts mehr von dem Fuhrwerk hörte; der Fuhrmann hatte Halt machen müssen, um das Weggeld zu bezahlen. Als es nun wieder knarrte, war Roland wohlgemuther. Am ersten Hause des nächsten Dorfes hielt der Wagen an. Der Hausknecht, der auf den Fuhrmann gewartet zu haben schien, war nicht wenig erstaunt, beim Scheine der Laterne, mit der er herauskam, auch einen schönen Knaben mit funkelnden Augen zu erblicken.

»He! Wer ist denn das?« rief der Hausknecht und brachte vor Staunen und Schreck den Mund nicht mehr zusammen, denn der große Hund umschnüffelte die Beine des Hausknechts, stellte sich dann vor den Erschreckten, zeigte seine gesunden Zähne und blinzelte nach seinem Herrn zurück, nur auf den Anruf wartend: »Faß ihn!«

Roland befahl dem Hunde, zurückzutreten. Seine Stimme mußte etwas haben, das dem Fuhrmann und dem Hausknecht Respect einflößte.

Sie fragten, ob er auch einen Schoppen trinken wolle; Roland bejahte. Und so saß er nun bei dem einsamen Oellicht mit dem Fuhrmann hinter dem Tische und stieß mit ihm an. Der Hausknecht war neugierig; schmunzelnd auf Rolands feine Hand deutend, sagte er:

»Das ist ein schöner Fingerring; da ist ja ein Stein drin, der glänzt! Der ist wol viel werth? Thu mir einen Gefallen! Du, schenk mir den Ring.«

Der Wirth in der Kammer, der das gehört hatte, kam, gespensterhaft anzuschauen, nur mit Hemd und Unterkleidern angethan, auch herbei. Roland wurde nun gefragt, wer er sei, woher er käme, wohin er wolle. Er gab ausweichenden Bescheid.

Der Fuhrmann machte sich wieder davon, Roland ging neben her und vernahm, daß auf dem Wagen frische irdene Krüge waren, die nach einem nahen Heilbrunnen gebracht wurden, um dann in die weite Welt bis nach Holland hinunter zu gehen. Für den Fuhrmann war Holland das Ende der Welt. Roland staunte, als er erfuhr, wie vielerlei Thätigkeit erforderlich ist, bis das auf seinem elterlichen Tisch gewohnte Mineralwasser getrunken wird.

Roland wurde viel ausgefragt, er antwortete nur befangen. Der Fuhrmann sagte ihm, er sei ein ehrlicher Kerl, Alles, was er auf dem Leibe trage, sei schwer verdient und er möchte eher hungern und betteln, als daß er unrecht Gut besäße. Er ermahnte Roland, wenn er etwas gethan habe, wofür er Strafe befürchte – wenn er vielleicht den Ring gestohlen – möge er lieber zurückkehren und Alles wieder gut machen. Roland beruhigte den Mann.

Der Weg führte durch einen kleinen Wald von schönen Eichen. Man hörte das Schreien der Nachteule, es klang wie neckisches Lachen.

»Gottlob, daß Du bei mir bist,« sagte der Fuhrmann; »hast Du auch das Lachen gehört?«

»Das ist kein Lachen, das ist ein Nachtvogel gewesen.«

»Ja, Nachtvogel – der Lachgeist ist's.«

»Der Lachgeist? Wer ist denn das?«

»Ja, meine Mutter hat ihn einmal am hellen Tag gehört, wie sie noch ein ganz klein Mädchen gewesen ist. Da sind einmal die Kinder hinaus in den Wald, um zu eicheln. Du weißt wol, man schüttelt die Eicheln und legt ein Tuch unter den Baum und da sammelt man die Eicheln; das ist das beste Schweinefutter. Nun sind die Kinder im Walde an einem schönen Mittag im Herbst, die Buben steigen auf den Baum und schütteln die Eicheln, daß es nur so prasselt. Da hören sie im Dickicht plötzlich lautes Lachen. Was ist das? – O, sagt meine Mutter, das ist ein Geist. – Was? sagt da ein kecker Bub, wenn es ein Geist ist, so will ich auch einmal einen sehen. – Er geht ins Dickicht hinein, und da sitzt ein winzig klein Männchen auf einem Baumstumpf, sein Kopf ist fast größer als der ganze Leib, es ist ganz grau und hat einen langen grauen Bart. Und der Bub fragt: Bist Du's, der so gelacht hat? – Freilich, sagt das Männchen und lacht noch einmal, gerade so wie vorher. Ihr habt die Eicheln geschüttelt, aber eine ist unter das Tuch gefallen tief ins Moos hinein, die findet ihr nicht, und aus der Eichel wird ein Baum wachsen und wenn er groß genug ist, wird man ihn umhauen und aus dem einen Theil der Bretter wird man eine Wiege machen und aus dem andern eine Thür, und in die Wiege wird man ein Kind legen, und wenn das Kind zum ersten Mal wird die Thür aufmachen können, bin ich erlöst. So lang muß ich noch umgehen, weil ich ein Waldfrevler gewesen und von unrecht Gut gelebt habe. – Das Männchen lacht noch einmal und verschwindet im Baumstumpf. Seitdem hört man's noch manchmal, gesehen hat man's aber nicht mehr. Alle kennen die Eiche im Walde, aber Niemand rührt sie an.«

Roland glaubte nicht an das Märchen, aber er hörte doch, wie der Fuhrmann ihm fort und fort erklärte, unrecht Gut sei schwer abzuwälzen.

Allmälig begann es zu dämmern. Der Fuhrmann setzte sich auf den Wagen und machte sich ein Lager zurecht, es sei jetzt Tag und da könne er ein wenig schlafen. Roland reichte dem Fuhrmann die Hand und sagte Lebewohl.

Auf einem Steinhaufen am Wege saß der Knabe und starrte vor sich hin und hörte, wie allmälig das Knattern und Knarren des Fuhrwerks in der Ferne austönte. Er sah wie im Traume den Fuhrmann an seinem Bestimmungsorte ankommen, er sah ihn im Schuppen auf dem Heubündel liegen, das er nachher seinen Pferden vorwarf.

Noch nie war Roland so allein gewesen, ohne Geleit und im Bewußtsein, daß Niemand ihn anrufe.

Die Sonne war aufgegangen, er ertrug den Glanz nicht; er schaute nieder.

Er verfolgte den Weg eines kleinen Käfers, der hurtig am Boden kroch und einen Halm hinaufkletterte.

Unfaßbare Gedanken regten sich in dem jungen Geiste. Welch eine unendliche Fülle von Sein ist die Welt! In den Hecken der eben aufgebrochenen wilden Rosen am Wege, an deren Dornen und Blättern Thautropfen hingen, saßen regungslos Käser und Fliegen aller Art und große Hummeln flogen summend von einem offenen Blumenkelche zum andern. Hier hatten Käfer, Schmetterlinge, Fliegen und Spinnen übernachtet und Schnecken mit ihren Häusern auf dem Rücken wohnten still an den Zweigen.

Er sah eine Feldmaus in ihrem Loche, sie blieb zuerst am Rande liegen, lauschend, schauend, die Kiefer bewegend, endlich schlüpfte sie heraus und verschwand schnell unter den Rasen in ein ander Loch. Ein bunter Käfer rannte in der Morgenfrühe eilig über den Feldweg; er fürchtete die offene Straße, erst im Dickicht des Getreides fühlte er sich sicher. Ein Hase lief dahin. Satan sprang ihm nach, Roland griff an die Seite, ob er nicht seine Flinte bei sich habe.

Wie auftauchend aus einem Strome sich überstürzender Eindrücke stand er auf. Den Blick auf den Weg geheftet, ging er weiter; sein Schritt war zögernd, denn in ihm sprach es:

»Kehre zurück zu Vater und Mutter!«

Aber ein Bangen vor dem Vater überfiel ihn, und die Kraft seines Vorsatzes erwachte aufs Neue. Plötzlich rief er laut:

»Erich!«

»Erich!« tönte es wieder in vielfältigem Echo, und wie von den Bergen neu aufgerufen, wandelte Roland weiter. Es war ihm, als wandelte er nicht, sondern als würde er gehoben und getragen. Die durchwachte Nacht, der genossene Wein, Alles, was er erlebt, wogte traumhaft durcheinander und ihm war, als müßte er jetzt etwas finden, was noch Niemand auf der Welt vor ihm gefunden: ein Unnennbares, ein Unfaßbares, ein Wunder. Er schaute um, ob es sich nicht zeige; es muß etwas kommen, was ihm sagt: Auf Dich habe ich gewartet; bist Du endlich da? Und wie er jetzt umschaute, bemerkte er, daß der Hund ihn verlassen hatte. Dort war der nahe Wald, der Hund war gewiß wieder einem Hasen oder wilden Kaninchen nachgelaufen. Roland pfiff, er wollte laut rufen: »Satan!« aber er brachte jetzt das Wort nicht heraus. Er rief den alten Namen: »Greif!«– Der Hund kam fröhlich daher, die Zunge hing aus dem Maule, er war naß vom Thau des Kornfelds, durch das er gerannt war. Roland hatte Mühe, den Hund abzuwehren, der ganz glücklich schien, daß er seinen alten Namen wieder hatte; er schaute verständnißvoll auf, während er schnell athmete.

»Ja, Greif heißt Du!« rief ihm Roland zu. »Jetzt zurück!« Der Hund folgte ihm auf dem Fuße.

Als nun die Straße durch den Wald führte, legte sich Roland im Moose unter einer Tanne nieder; über ihm sangen die Vögel und rief der Kuckuck. Greif saß neben ihm, schaute ihn zufrieden an und schien zu billigen, daß Roland sich Ruhe gönnte. Roland that ihm das Maul auseinander und freute sich der prächtigen Zähne, dann sagte er – der eigene Hunger mochte ihn daran erinnern:

»Im nächsten Orte, wo ein Fleischer ist, bekommst Du eine Wurst.«

Greif leckte sich mit der Zunge die Lefzen, sprang, wie wenn er die Worte verstanden hätte, im Kreise herum, jagte die Raben auf, die schon so früh ihre Nahrung im Felde suchten, und bellte in die höher steigende Sonne hinein.

Der ermüdete Knabe schlief bald ein; Greif setzte sich neben ihn, aber er kannte seine Pflicht, er legte sich nicht nieder; er blieb sitzen und verscheuchte sich den Schlaf. Nur manchmal blinzelte er, als ob es ihm schwer würde, die müden Augen offen zu halten; dann aber schüttelte er den Kopf und hielt getreulich Wache bei seinem Herrn.

Plötzlich erwachte Roland. Er hörte eine Kindesstimme.

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