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Das Landhaus am Rhein / Band II

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band II - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band II
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band II
pages1-324
created20060723
sendergerd.bouillon
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Neuntes Capitel.

Wie ein Mann, der aus blendend erleuchtetem Gesellschaftssaale in sein Studirzimmer zur einsamen Lampe zurückkehrt, unwillkürlich sein Auge reibt, denn es hat sich an eine größere Masse von Licht gewöhnt, so kehrte Erich nach der Heimat zurück.

Das Gefahrvolle des Reichthums liegt nicht nur darin, daß er den Besitzer, sondern auch darin, daß er den Besitzlosen verderben kann. Die Sprache hat es noch nicht vollkommen deckend ausgedrückt, wenn sie diesen Unmuth und die Unruhe in der Seele Mißgunst, Neid und Scheelsucht nennt; es ist Keins von Alledem, es ist vielmehr die Pein der Frage: warum bist Du nicht auch reich? Nein, das verlangst Du nicht; aber warum bist Du nicht mindestens sorglos gestellt? Die Kämpfe des menschlichen Daseins sind hart genug, warum noch dazu dieses Ringen mit der gemeinen Noth?

Das Härteste, was die Wahrnehmung des Reichthums dem Besitzlosen anthun kann, ist, daß sie ihm Unlust an der Arbeit, Verdrossenheit, Bewußtsein der Knechtschaft einflößt, ja noch mehr, daß sie alles Thun fraglich erscheinen läßt. Was hilft alles Dichten und Trachten, aller Aufbau von großen Gedanken, so lange es noch Menschen neben Dir gibt, die mit Dir diese Erde bewohnen und darben müssen!

Die Ameise am Wege ist sicherer bedacht, es gibt keine Nachbar-Ameise, die schwelgt, während die andere hungert. Was ist alles Arbeiten, so lange dieser Unhold der Noth noch unter uns wandelt! Hat eine Weltweisheit, eine Glaubenslehre siegende Macht der Wahrheit, die diesen Unhold nicht zu tilgen vermag?

Erich fuhr heimwärts, er träumte am hellen Tage jenen unruhigen Traum unserer Zeit, der vom Locomotivgeklapper begleitet ist.

Er kam in der Universitätsstadt an; die Hügel ringsum, die ihm ehedem so frei und schön erschienen, und wo er allein und mit dem Vater gewandelt, stellten sich ihm jetzt so klein und gedrückt und der Strom so dürftig dar. Sein Auge hatte Größeres, Freieres gesehen, ein anderer Maßstab hatte sich in seiner Betrachtungsweise festgesetzt.

Er sah die alten Gestalten am Bahnhofe. Der Universitätssimpel, den jede kleinere Universität hat, grinste ihn an und hieß den Herrn Doctor willkommen; Studenten mit bunten Mützen vergnügten sich, mit ihren Stöcken Quarten in die Luft zu schlagen und mit ihren Hunden zu spielen. – Alles erschien ihm wie ein vergessener Traum. Und wie? War es nicht ehedem sein höchster Wunsch, hier zu leben und zu lehren?

Er ging durch das Städtchen; nirgends dem Auge ein wohlgefälliger Anblick, Alles eng, winkelig, verhockt. Er kam ins elterliche Haus; die enge hölzerne Treppe erschien ihm so steil. Er trat in die Wohnstube; Niemand war da. Mutter und Tante waren ausgegangen. Er ging in das Bibliothekzimmer des Vaters; da standen die Bücher, die bis jetzt Niemand in ihrer Ordnung zu stören gewagt hatte, größtentheils auf dem Boden, und ein langer hagerer Mann, der über die Brille wegsah, die ihm auf der Nasenspitze saß, betrachtete Erich fragend.

Erich gab sich zu erkennen; der Mann nahm seine Brille in die Hand und nannte sich als einen wohlbekannten Antiquar der Hauptstadt, der gekommen, die Bibliothek zu kaufen.

So war also die Hoffnung der Mutter zu nichte, dachte Erich. Er sagte dem Antiquar, wie werthvoll die Bemerkungen seines Vaters seien, die sich fast auf jeder Seite der Bücher fänden.

Der Antiquar zuckte die Achseln und entgegnete, daß diese Bemerkungen werthlos, ja eher eine Entwerthung seien. Hätte der Vater ein großes Werk geschrieben, das seinen Namen berühmt gemacht, so wären die Anmerkungen von Bedeutung; nun aber sei alles Eingeschriebene, wenn auch an sich von Werth, für den Antiquar entschieden eine Entwerthung.

Erich traten Thränen in die Augen.

Die ganze Lebensarbeit seines Vaters sollte eine verlorene sein! Da war kein Blatt, auf dem nicht das Auge des Entschlafenen geruht, da waren seine Gedanken daheim, seine Empfindungen und sein reiches Wissen, und das nun in alle Welt verschleudert, verachtet und vielleicht doch von einem Fremden ausgebeutet!

Erich schalt sich, daß er nicht sofort und entschieden die Stelle bei Sonnenkamp angenommen; er hätte es erwirken und dann auch eine namhafte Summe aufnehmen können.

Mit Trauer sah er auf einen Stoß geschriebener Hefte und Blätter und eingelegter Drucksachen, die der Vater sein Lebenlang zusammengetragen und ausgearbeitet hatte.

Der Vater Erichs hatte ein Buch schreiben wollen unter dem Titel: »Echte Menschen in der Geschichte,« er war gestorben, ehe es zur Ausführung kam. Viele treffliche Notizen, ja einzelne Abschnitte lagen ausgearbeitet, aber es war kaum etwas zu benutzen. Manche Betrachtungen waren bruchstückweise in verschiedener Fassung da. Alle einschlagenden Wissenschaften und die entlegensten Thatsachen der Geschichte waren herbeigezogen, aber der leitende und verbindende Gedanke war verschwunden mit dem Manne, der nun in der Erde ruht.

Der erste, größere Theil sollte jene Züge sammeln, die zerstreut im Laufe der Zeiten das rein Menschliche, wie es in Wirklichkeit erschienen war, darstellen; der zweite Theil sollte eine exacte Lehre geben von den Vorgängen des Seelenlebens, die so genau bestimmt werden sollten, wie die Vorgänge in der äußeren Natur. Von da aus sollte der Punkt bezeichnet werden, wo das Genie, das scheinbare Wunder im Geistesleben, den Grund zu neuen Thatsachen bildet. So wenigstens hatte Erich sich's gedacht, als er die hinterlassenen Papiere zu ordnen suchte.

Er ging nach der Stube zurück; sie erschien ihm mit altem Hausrath überfüllt und drückend; die neu erkannte Armuth warf einen dunkeln Schleier aus alle Umgebungen.

Jetzt faßte er sich, denn er hörte Mutter und Tante zurückkehren.

Die Mutter umhalste ihn in voller Freude des Wiedersehens. Er erzählte von seiner Reise und erschrak, da sie sagte, sie hätte es ganz in der Ordnung gefunden, wenn er sofort die Stelle bei Sonnenkamp angenommen, denn in der Lage, in der man jetzt sei, erscheine dies als ein doppeltes Glück.

Erich sah, daß die Mutter, die nie hatte gebeugt werden können, jetzt gebeugt und zaghaft war.

Sie hatte der verwittweten Fürstin, deren Lieblingshofdame sie vordem gewesen, eine Darstellung ihrer Verhältnisse gegeben. Sie hatte der hohen Frau ihr ganzes Herz ausgeschüttet und sie, die nie um etwas gebeten, wünschte nur eine entsprechende Summe, um die Bibliothek ihres Mannes, die ein Familienheiligthum und für ihren Sohn von großer Bedeutung sei, nicht verkaufen zu müssen.

Die Fürstin hatte durch ihren Secretär mit einigen wohlstylisirten, theilnehmenden Wendungen antworten lassen. Eine kleine Summe, die nicht entfernt ausreichte, war dem Briefe beigelegt.

Die Mutter wollte das Geld wieder zurückschicken, aber man durfte die hohen Herrschaften nicht beleidigen, ja man mußte noch unterthänigst danken, um eine nutzlose Huld nicht zu verscherzen.

Erich beruhigte sie, daß binnen Kurzem die Bibliothek gesichert sein solle.

Er ging sofort auf sein Zimmer und schrieb einen Brief an den Grafen Wolfsgarten.

Nun erst kam er dazu, ausführlich von der Reise zu erzählen. Die Mutter hörte ihm ruhig zu; nur als von Bella die Rede war, sagte sie:

»Bella Prancken ist eine unberechenbare Frau.«

Die alten Pläne wurden neu erörtert. Erich wollte eine Erziehungsanstalt errichten. Mutter und Tante waren sehr geeignet, ihn darin zu unterstützen, sie hatten viele Verbindungen mit den besten Familien des Landes; nur konnte man noch nicht einig werden, ob man ein Mädchen- oder ein Knaben-Institut errichten solle. Erich war für das letztere, die Mutter aber wollte, daß er noch einige Jahre eine wissenschaftliche Reise mache, um dann durch ein großes Werk einen Ruf zu erlangen und nicht den kleinen mühseligen Weg zu gehen. Sie und die Tante wollten indeß in der Hauptstadt so viel erwerben, daß Erich sorglos leben könnte.

Vorerst kam man überein, nichts zu beschließen, denn ein Brief des Herrn Sonnenkamp mußte abgewartet werden.

Erich besuchte seinen alten Lehrer und Freund, den Professor Einsiedel. Er war ein voller Priester der Wissenschaft, ein Mann, der beständig und ausschließlich im reinen Denken und Erforschen für Bereicherung der Erkenntnißwelt lebte, ganz allein für sich, mäßig, geregelt, ohne irgend eine Leidenschaft, überaus bescheiden in Speise und Trank, aber immer lächelnd, immer heiter, immer getragen von etwas, was eben neu aufgeschlossen ist, immer allseitig umherblickend ins weite Reich des Denkens.

Bei jeder wissenschaftlichen Frage, mit der Erich zu Professor Einsiedel kam, erhielt er sofort Aufschluß, Bezeichnung der Quellen, ja mit der größten Selbstlosigkeit gab er eigene mühsame Aufzeichnungen Jedem hin. Es war ihm gleich, ob er selber mit seinem Namen das gab, oder ob es von einem Andern mit fremdem Namen ausging; wenn es nur da war und wirkte.

Professor Einsiedel war mit Erichs Vater nahe befreundet gewesen und bedauerte stets, daß dieser, der das Beste und Vollendete gewollt, das Gute und nothwendig Abzuschließende nicht geleistet habe. Wir müssen, war sein Grundsatz, damit fürlieb nehmen, ein Einzelnes, einen kleinen Beitrag gegeben zu haben; das reiht sich dann in das große Ganze ein. Wir schaffen nie etwas, das uns voll befriedigt, zu dem wir nichts mehr nachzutragen hätten. Nur von Gott heißt es bei der Schöpfungsgeschichte, daß er zu dem, was er geschaffen, sagen konnte: er sah, daß es gut war. Daß das Gewordene dem Gedachten, die That der Idee vollkommen entspreche, steht nur dem absoluten Geiste zu; der endliche Geist bleibt immer unter der Idee dessen, was er zu können glaubte und sollte.

Im Zimmer des Professors war ein Bild von Rembrandt, ein kleiner Kupferstich, der fast wie ein Porträt des Professors selber war. Da ist dargestellt, wie Faust in der Schlafmütze den Zauberkreis anstarrt, der sich selbst beleuchtet. Faust ist ein altes vertrocknetes Männchen, des verjüngenden Zaubertrankes wohl bedürftig. Professor Einsiedel hatte keinen solchen Zaubertrank, aber er trank jeden Tag neue Erquickung aus Schriften der classischen Welt.

Als ihn nun Erich besuchte, um sich von ihm Rath zu holen, fand er den guten alten Professor in einer ungewöhnlichen Verfassung. Der Professor bedauerte, daß Erich sich nicht gänzlich der Wissenschaft widme, gestand aber auch zu, daß die Natur Erichs zu einer praktischen, persönlichen Wirksamkeit geeignet sei.

Erich wollte nicht warten, sondern selbstthätig etwas schaffen; er reiste am nächsten Tage nach der Hauptstadt, denn er hatte gehört, daß ein älterer Mann, der ein angesehenes Erziehungs-Institut für Knaben leitete, von demselben zurücktreten und es in gute Hände geben wolle.

Er kam nach der Residenz, wo er Jahre lang als Officier wohlangesehen gelebt hatte. Manche Kameraden in Uniform schienen ihn nicht mehr zu kennen, Andere besannen sich, als er vorüber war, und riefen zurück: »Ah, Sie sind's? Guten Morgen!« und gingen weiter.

Beim Director der Erziehungsanstalt fand er gute Aufnahme und die Bedingungen waren in der Hauptsache annehmbar. Er sollte aber alte Einrichtungen und die bisherigen Lehrkräfte annehmen; das machte ihn bedenklich. Ohne zu einem festen Abschlusse gekommen zu sein, verließ er das Institutsgebäude.

Als er wieder über die Straße ging, traf er einen alten Freund des Vaters, den jetzigen Cultusminister, der ihn anhielt, sich nach seiner Mutter und nach seinen Verhältnissen erkundigte und ihm die Stelle als Custos beim Antikencabinet anbot mit der Zusicherung, daß er in kurzer Zeit zum Director aufsteigen solle.

Eben als Erich vom Minister wegging, kam der Kamerad, der in seine Stelle als Hauptmann eingerückt war, von der Parade; er nahm Erich mit auf das Militärcasino. Dort war viel davon die Rede, daß Otto von Prancken eine Creolin mit vielen Millionen heiraten würde; Erich fand es nicht nöthig, zu sagen, daß Manna keine Creolin sei und daß er überhaupt von der Sache etwas wisse.

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