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Das Landhaus am Rhein / Band I

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band I - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band I
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band I
pages1-286
created20060719
sendergerd.bouillon
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Achtes Capitel.

Otto von Prancken ging mit seiner Schwester Bella im Garten auf und ab und erklärte, daß er Erich an Herrn Sonnenkamp empfohlen habe, dies aber bereits entschieden bereue.

Bella, die immer gereizt war, wenn sie sich für die bürgerliche Gesellschaft geopfert hatte, wendete nun ihren Aerger gegen den Bruder, der ihr einen Mann als ebenbürtigen Gast zugeführt habe, der doch eigentlich ein Diener war oder werden wollte und nun gar bei Herr Sonnenkamp. Mit schadenfroher Lust setzte sie dann hinzu, daß Otto sich wol am kühnen Ueberspringen der Hindernisse freuen müsse, da er einen Mann von so bezaubernder Persönlichkeit, wie dieser Doctor – sie sagte das Wort wie eine Degradation gegen Hauptmann – in das Haus empfehle. Es sei einfache Methode, daß sich die Tochter des Hauses in den Hofmeister des Bruders verliebe.

»Herr Dournay,« schloß sie, »ist eine sehr gewinnende Erscheinung, nicht blos, weil er ein ungewöhnlich schöner Mann ist, noch mehr zieht eine gewisse träumerische Offenherzigkeit und Biederkeit an. Mag das nun wahr oder gemacht sein, wirksam ist es jedenfalls, und nun gar einem siebzehnjährigen Klosterkind gegenüber.«

Mit gutem Humor erwiderte Otto, daß er seiner Schwester eine minder alltägliche Phantasie zugetraut habe; überdies sei Erich ein anerkannter Weiberfeind, der von Allem, was weiblich genannt wird, nichts liebe als die Idee. Dennoch sprach Prancken seinen Vorsatz aus, am anderen Morgen, bevor Erich nach der Villa gehe, Herrn Sonnenkamp zu besuchen und ihm vertraulich mitzutheilen, daß er widerwillig habe eine Empfehlung geben müssen. Er wolle Herrn Sonnenkamp rathen, den Bewerber in guter Manier abzuweisen, denn man könne ja mit Fug und Recht sagen, daß Erich den Knaben mit Freiheits-Ideen anstecken würde; ja man könnte noch weiter gehen und Herrn Sonnenkamp mittheilen, daß die Aufnahme Erichs mißfällig bei Hofe angesehen würde. Dieser letzte Grund mußte Alles schlagen. Prancken hatte ja selbst mit daran gearbeitet, daß eine Geltung in den Hofkreisen für Herrn Sonnenkamp das Höchste war, was er zu erstreben hatte.

Bella verwarf diesen Plan; sie fand eine Lust darin, den Bruder zu stacheln; gerade einem solchen Mitbewerber gegenüber Sieger zu sein, werde ihn neu beleben. Ueberdies wäre es vielleicht gut, der Dame Perini gegenüber, deren clericales Ziel doch Niemand vollständig erforsche, einen Mann zu haben, der die Weltlichkeit vertritt und den man sich durch Dank verpflichtet hat. Ja noch mehr: würde sich, wie unzweifelhaft, ein ständiger, geheimer Krieg zwischen Signora Perini und diesem höchst zuversichtlichen Dournay etabliren, so habe man in allen Fällen das Schiedsrichteramt und die Entscheidung.

Bella vergaß den Aerger über die kalte Küche, da sich ihr ein durchsichtiges Gewebe von Intriguen aufthat, die angenehm unterhielten und zum Ziele führten. Sie war die Vertraute des Fräulein Perini, Otto sollte der Vertraute Erichs bleiben, und so hatte man das Haus Sonnenkamp in der Hand; denn es sei kein Zweifel, daß Erich großen Einfluß gewinnen könne.

Otto sträubte sich gegen die ihm zuertheilte Rolle, aber sie wurde ihm nicht abgenommen.

Eine Katze, die, still und beharrlich den Athem anhaltend, vor einem Mauseloch sitzt, läßt sich nicht wegbringen; sie weiß, die Maus kommt heraus, sie knappert schon und dann gibt's einen guten Fang. Bella hatte ein Mittel, ihren Bruder zu dem zu bestimmen, was sie wollte; sie durfte ihm nur vorhalten, wie unwiderstehlich er sei und daß er das Selbstvertrauen, das ihm ehedem so schön stand, wieder gewinnen müsse. Otto schien beruhigt; er war es noch nicht ganz, er redete sich aber ein, daß er es noch werde. Ueberdies war dieser Dournay doch ein armer Mann, dem man helfen mußte, und er hatte heute die plötzliche Kundgebung seiner Lebensstellung mit vielem Anstand hingenommen und gutes Benehmen bewahrt.

Nach geraumer Weile sagte Bella:

»Wenn Du mit Deiner Mittheilung über die Stellung des Doctor Dournay eine Absicht hattest, und Du hattest sie . . .«

»Allerdings.«

»Dann hättest Du nicht so brüsk dreinfahren dürfen. Du konntest vertraulich Diesem und Jenem die Sache mittheilen, das wirkte sicherer und stellte Dich nicht bloß.«

Prancken mußte bekennen, daß seine Schwester Recht habe, und jetzt, da Bella Recht hatte, verfolgte sie ihren Sieg über die Grenze des Berechtigten. Sie wollte nun sofort in Allem Recht haben und fügte hinzu, daß Clodwig durch die zufahrende Weise Otto's eine Gelegenheit gegeben worden, seine Bissigkeiten gegen den Adel vorzubringen, und Herr Dournay als ein Verfolgter werde nun sein besondrer Günstling; denn Clodwig liebe die Menschen, denen Unrecht geschehen. An Allem dem sei nun Otto schuld. Eine Weile herrschte stumme Verdrossenheit und Mißstimmung zwischen den Beiden . . .

Während Bruder und Schwester draußen im Garten umhergingen, saß Erich beim Grafen Clodwig in dessen Arbeitszimmer, das von einer zweiarmigen Lampe beleuchtet war. Sie saßen einander gegenüber in Lehnsesseln an der Langseite des Schreibtisches.

»Ich bedaure,« begann Clodwig, »daß der Arzt so spät gekommen; er ist herb, aber eine Kernnatur. Ich glaube, Sie werden sich mit ihm befreunden.«

Erich schwieg und Clodwig fuhr fort:

»Ich weiß nicht, warum mein Schwager in seiner Weise Ihr Vorhaben so plötzlich der Gesellschaft kundgegeben hat. Es wird nun viel besprochen und ein gewisser naiver Duft Ihres schönen Vorhabens ist damit weggewischt.«

Erich entgegnete, daß wir darauf gefaßt sein müssen, ein stilles Vorhaben vorzeitig in die scharfe Luft der Außenwelt versetzt zu sehen.

Clodwig betrachtete ihn mit wohlgefälligem Blick und nahm wieder auf:

»Ich habe heute an Ihnen oder vielmehr durch Sie eine Erfahrung erneuert. Die Menschen halten den Privatdienst für eine Degradirung, ohne zu bedenken, daß es nicht darauf ankommt, wem man dient, sondern nur in welchem Geist man dient. Ich dien', ist der Wappenspruch meiner Ahnen.«

Der alte Herr hielt inne; Erich wußte nicht, ob er eine Pause mache oder eine Erwiderung erwarte; Clodwig fuhr aber bald fort:

»Man findet es höchst ehrenvoll, wenn ein höherer Officier oder Staatsbeamter die Erziehung eines Prinzen übernimmt; ist es aber minder ehrenvoll, die Erziehung von dreißig Banernknaben zu übernehmen oder auch, wie Sie, sich der Leitung dieses reichen Jünglings zu widmen?«

»Ich habe Dienen nie und nirgends für entwürdigend gehalten. Ich war freiwillig in Dienst getreten bei der Direction des Zuchthauses.«

Clodwig sah den Sprechenden mit großen Augen an, dann sagte er: »Wollen Sie mir möglichst genau erzählen, wie Sie zu dem geworden, was Sie sind?«

»Von ganzer Seele; und ich will mir die Ehre, daß ich so zu Ihnen sprechen darf, damit verdienen, daß ich nicht bescheiden bin. Ich will zu Ihnen sprechen wie zu mir selbst.«

Clodwig drückte auf eine Klingel, die auf dem Tische stand; ein Diener trat ein.

»Robert, welche Zimmer hat der Herr Hauptmann?«

»Das braune, g'rad über dem Schlafzimmer des Herrn Grafen.«

»Geben Sie dem Herrn Hauptmann die Erkerzimmer oben.«

»Verzeihen, Herr Graf, es stehen noch Sachen vom Prinzen Leonhard darin.«

»Thut nichts. Und noch Eins; ich will nicht gestört sein, bis ich wieder klingle.«

Der Diener entfernte sich. Clodwig setzte sich etwas tiefer in den Stuhl und legte sich eine rothe Plüschdecke über die Knie; dann sagte er:

»Wenn ich die Augen schließe, glauben Sie ja nicht, daß ich schlafe.«

Es war etwas zutraulich Herablassendes, aber fern von aller gönnerhaften Vornehmigkeit, vielmehr sprach sich eine herzliche Innigkeit darin aus, wie Clodwig nun Erich bat, unumwunden zu berichten.

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