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Das Landhaus am Rhein / Band I

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band I - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band I
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band I
pages1-286
created20060719
sendergerd.bouillon
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Drittes Capitel.

»Das ist der Rhein! Kaum hat man sich die Willkommhand gereicht, so heißt es: Laß uns trinken! Es muß der Strom vor Euren Augen sein, der Euch beständig die Lust nach Flüssigem erregt.«

So sagte Erich zu dem jungen Mann gleichen Alters, der ihm gegenüber saß und seine Hand mit dem stramm zugeknöpften Handschuh auf den Kopf eines braunen Hühnerhundes gelegt hatte.

»Nun bitte; hier ist die Weinkarte. Welchen Jahrgang und welches Gewächs? Trinken wir neuen, der noch lustig ist und sich nicht zur Ruhe gesetzt hat?«

»Ja, jungen Wein, und von dem Berge hier, drauf der Sonnenschein so wohlig ruht.«

Prancken befahl in knapper militärischer Betonung dem wartenden Kellner:

»Eine Flasche Auslese!«

Der Wein kam, er floß golden in die blinkenden Gläser; die beiden Männer stießen an und tranken. Sie saßen in der Rebenlaube am Ufer, dort wo die Landschaft sich weit ausdehnt und der Blick sich erlabend dahinstreift über grünende Inseln im Strom, über hellblinkende Wohnorte, über Wald, Berge und Rebengelände und prächtige Landhäuser.

Die Triebwellen des Dampfschiffes hatten sich geglättet; die Kähne am Ufer waren wieder ruhig, hüben und drüben dröhnten die Bahnzüge nur von ferne; auf dem glatten Strom, in dem sich da und dort weiße Wolken vom Himmel abspiegelten, blinkten die Strahlen der Mittagssonne, und im blühenden Fliederbusch bei der Laube schlug die Nachtigall.

Otto von Prancken hatte in der Ueberraschung sich vielleicht zutraulicher gegen Erich benommen als erforderlich war; nun, da Erich ihn mit Sie ansprach, während sie sich früher Du genannt hatten, nickte er zufrieden. Prancken zog den Handschuh rasch aus, reichte Erich nochmals die Hand und sagte:

»Sie sind wol auf einer Vergnügungsreise?«

»Sie wissen vielleicht noch nicht, daß vor zwei Monaten mein Vater gestorben?«

»Doch, doch . . . und ich bleibe unserm guten Professor ewig dankbar; das Bischen, was ich in der Cadettenschule gelernt habe – es ist freilich wenig genug – verdanke ich ihm ausschließlich. Ach, welche Geduld und welchen unablässigen Eifer hatte Ihr guter Vater! Stoßen Sie mit an auf sein Andenken!«

Die Gläser klangen.

»Wenn ich einmal gestorben bin,« sagte Erich bewegten Tones, »so wünsche ich, daß auch mein Sohn so mit einem Genossen beim Wein am hellen Mittag mein gedächte.«

»Ach, sterben!« entgegnete Prancken. »Sehen Sie, dort hat man gerade mitten in die Weinberge hinein den Friedhof verlegt. Man sollte gar nicht ans Sterben denken und nun wird man immer daran erinnert.«

Erich erwiderte nichts, er starrte nur hinüber und hörte, wie jetzt eben der Kukuk vom Kirchhof aus rief.

»Sind Sie Landwirth?« fragte er, wie sich aufraffend.

»Provisorisch. Ich habe auf unbestimmte Zeit den Lieutenantsrock ausgezogen und mir das Piedestal hoher Wasserstiefel erkoren.«

Während Prancken dies sprach, nahm er eine Taschenbürste heraus und glättete sein untadelhaft gescheiteltes, etwas dünnes Haar.

Eine kurze Weile saßen die Beiden lautlos da und sahen einander scharf musternd an. Zwei linkische Menschen, die sich unbehilflich gegenüber stehen, bringen sich gegenseitig in Verlegenheit; zwei Gewandte, die ihre Gewandtheit kennen, sind wie zwei Fechter, von denen Jeder zuerst Haltung und Waffenführung des Andern kennen und deßhalb keinen Ausfall und keinen Hieb machen will.

Prancken beugte sich über sein Glas, roch die Blume des Weins und sagte endlich halb lächelnd:

»Sie werden nun auch von Ihren weiland communistischen Ansichten bekehrt sein.«

»Communistisch? Das ist eine bequeme Bannformel. Ich wünschte, ich könnte Communist sein; ich wünschte, daß ich den Communismus für eine gestaltungsfähige Form der Gesellschaft halten könnte, was er doch nie und nimmer werden kann. Wir müssen auf anderem Wege daran arbeiten, unser Dasein von der Barbarei zu befreien, daß unsere Mitmenschen, gleichberechtigt wie wir, an den gemeinsten Bedürfnissen Noth leiden. Wir trinken hier in Ruhe den Wein des Berges, darauf jetzt dort arme gedrückte Menschen sich abmühen, die kaum je einen Tropfen dieses Weines kosten.«

»Wir haben heute Feiertag und da arbeitet Niemand,« erwiderte Prancken und lachte laut auf.

Erich ging gerne auf die scherzhafte Wendung ein, er war reif genug, um nicht einen Widerspruch der Principien persönlich besiegen zu wollen. Das Gespräch kam in freundliche Gebiete und floß ruhig hin in Erinnerung an die Knabenzeit und an das Garnisonsleben. Erich hatte mit den Gardeofficieren in kameradschaftlicher Weise verkehrt; er stand in einer besondern Ehrenhaltung, durch sein zurückgezogenes, den Studien gewidmetes Leben; aber bei aller Charakterstrenge war er harmlos im Verkehr und seine Freudigkeit am Leben schien, oberflächlich betrachtet, sich nicht in Widerspruch zu setzen mit dem wilden Treiben um ihn her.

Die beiden Männer gingen in leichter Wechselrede im Garten auf und ab.

In der steifen Haltung des Halses, in der Art, wie sie beim Gehen die Arme bewegten, erkannte man die beiden jungen Männer als Soldaten; aber das Stramme war bei Erich durch eine gewisse Geschmeidigkeit gemildert. Prancken war elegant, Erich edel und zart; Prancken hatte in jedem Ton und jeder Bewegung etwas verbindlich Einnehmendes, Erziehung und Natur hatten ihm eine Weltgefälligkeit verliehen, sein Benehmen hatte etwas Läßliches und dabei doch Gemessenes; Erich hatte nicht minder sichere Formen, aber dabei Ungezwungenheit und Würde. Seine Stimme war ein schöner, kräftiger Bariton, während die Pranckens tenorartig war. Auch in der Art des Sprechens ließ sich die Verschiedenheit der beiden jungen Männer erkennen. Erich sprach jedes Wort ganz voll, er gab jedem Buchstaben sein Tonrecht; Prancken dagegen sprach als wären ihm Vocale und Consonanten zu viel, als müßte er jede Anstrengung der Sprachorgane vermeiden; die Worte fielen ihm sozusagen von den Lippen und doch sprach er gern und mit sehr gewählten Spitzen. Prancken hatte jene gewaltsame Tonart des kurzen Galopps, der der fürstlichen Leibgarde eigen war; in jeder gewöhnlichen Aeußerung war etwas Rasselndes, Lärmendes, als ob man mit dem Wehrgehänge hantire und beständig aus einer Gesellschaft zur Vertilgung verschiedener Flaschen Sect käme oder sich dorthin begebe.

Erich hatte nun geraume Zeit in ernstem Studium in einer geschlossenen, fast klösterlich stillen Häuslichkeit gelebt, so daß ihm dieses ganze Behaben wieder neu und auffällig war.

»Herr Baron,« unterbrach der hinzutretende Kellner, der eine Flasche hieländischen moussirenden Weines brachte, »Ihr Kutscher läßt fragen, ob er ausspannen soll?«

»Nein!« lautete die Antwort, und während er die Flasche im Eiskübel umhertrieb, fuhr er zu Erich fort:

»Ich will mir die kurze Freude dieser Begegnung mit Ihnen nicht stören lassen. Ach, Sie glauben nicht, wie entsetzlich langweilig die hochgepriesene Poesie der Landwirthschaft ist!«

Aus der entkorkten Flasche einschenkend, rief er lachend:

»Compost, und noch einmal Compost ist die Parole! Der Olymp ist ein Composthaufen und der darüber thronende Gott heißt Jupiter Ammoniak!«

Prancken sagte dies leichthin scherzend, dann trank er und drehte sich vergnüglich mit beiden Händen die Spitzen seines Schnurrbartes.

Erich lenkte zurück auf die Schönheit des rheinischen Lebens, aber auch hier fiel Prancken ein:

»Wenn nur einmal Jemand käme und dem lügnerischen Loreleiern von der Schönheit des rheinischen Lebens die Schminke wegätzte! Da sprechen die Poeten allzeit vom thauduftigen Morgen, und wir hatten heute einen Höhenrauch, als ob den Engeln im Himmel die Milch von ihrem Kaffee ins Feuer gelaufen wäre.«

Erich lachte über den Einfall und am Glase nippend, sagte er:

»Aber die Lust des Weines!«

»Jawol,« fiel Prancken ein, »das Trinken üben die hieländischen Schoppenstecher, aber ohne alle Poesie, wie ein Geschäft. Da sitzen sie stundenlang beisammen, es ist immer dieselbe Gesellschaft; sie haben dasselbe halb Dutzend Anekdoten in Garnison und tauschen ein verjährtes Witzwort aus. Dann gehen sie heim mit rothem Kopf und mit Taumel in den Füßen und brüllen ein Lied, und das nennt man rheinische Fröhlichkeit. Das einzige Lustige dieser gemachten Rheinlüge ist noch die Straußwirthschaft.«

»Was ist denn das?«

»Da hat der ehrsame Pfahlbürger ein Fäßchen eigen Gewächs einliegen, das er nicht allein austrinken kann und mag. Nun steckt er einen grünen Strauß an seinem Hause aus, und die urdeutsche Familienstube mit gemüthlich grünem Kachelofen und grauer Katze unter der Bank wird zur Wirthsstube. Ist man in der Schmiedgasse fertig, geht's in die Hafengasse, in die Kirchgasse, die Salzgasse und in die Capuzinergasse. Die Bürger trinken einander hilfreich ihren Wein ab; das ist noch das einzig Schöne.«

»So wollen wir uns des Weines freuen,« entgegnete Erich. »Sehen Sie, wie die Sonne das edle Getränk, dem sie so hold zugelächelt und das sie so mühsam gezeitigt, noch einmal verklärt.«

Mit einer Hast, die seinem sonst so ruhigen Wesen fremd schien, leerte er das Glas.

»Ich habe es immer gedacht,« entgegnete Prancken, »in Ihnen steckt ein Dichter. Ach, ich beneide Sie; ich möchte die Kraft haben, ein satyrisches Gedicht zu schreiben, so gepfeffert, daß sich die ganze Welt die Zunge dran verbrennte.«

Erich lächelte und erwiderte, daß er auch einmal geglaubt habe, er sei zum Dichter berufen; er habe indeß erkannt, daß es ein Irrthum war, und sei nun entschlossen, sich in einem thätigen Lebensberufe zu versuchen.

»Ja,« sagte er und zog das Zeitungsblatt aus der Tasche, »Sie können mir vielleicht einen lebenentscheidenden Dienst leisten.«

»Mit Freuden, wenn es nicht gegen . . .«

»Beruhigen Sie sich, es hat nichts mit principiellen oder gar politischen Dingen zu thun. Sie könnten vielleicht als Freiwerber für mich auftreten.«

»Also verliebt? Der schöne Erich Dournay, der Adonis der Garnison, bedarf eines Freiwerbers?«

»Nichts von dem. Es handelt sich nur um eine Hauslehrerstelle. Sehen Sie die Zeitung, hier steht's: Ich suche für meinen fünfzehnjährigen Sohn einen Mann von wissenschaftlicher Bildung und weltmännischen Formen, der Unterricht und Leitung für eine höhere Stellung zu übernehmen geneigt ist. Honorar nach Vereinbarung. Bei Abschluß der Erziehung lebenslängliche Jahresrente. Adresse und Zeugnisse abzugeben Bahnstation *** am Rhein.«

»Ich kenne diese Anzeige, habe ja selber daran mitgearbeitet. Ich gestehe indeß, daß wir bei der Wahl des Ausdrucks »weltmännische Formen« an etwas Besonderes dachten.«

»War damit vielleicht ein Adeliger gemeint?«

»Allerdings. Es handelt sich darum, daß ein Erzieher in einem bürgerlichen Hause und besonders einem eigenwilligen Zögling gegenüber eine unantastbare Ehrenstellung bewahrt.«

»Gewiß, das ist durchaus angemessen und vortheilhaft. Vielleicht habe ich indessen statt des Barons einen Titel einzusetzen, der ein Rechtstitel für den Erzieher ist; seit wenigen Tagen heiße ich Doctor!«

Prancken nickte glückwünschend, aber schnell setzte er hinzu:

»Und daß Sie mit Hauptmannsrang den Dienst quittirten, vergessen Sie ganz? Ich gestehe, daß ich gerade die militärische Befähigung in dem Aufrufe ausdrücklich betonen wollte. Aber nein, Sie taugen nicht zum Bärenführer. Der Junge ist unbändig und tückisch wie eine amerikanische Rothhaut und weiß für jeden Charakter die Skalp-Locke zu finden, an der er ihn faßt und skalpirt; er hat das schon bei einem Halbdutzend Pädagogen erprobt.«

»Vielleicht wäre dann der Versuch um so anreizender; vielleicht ist der Knabe nur was man verzogen nennt, und solche Kinder sind nicht so schwer zurecht zu führen.«

»Und wissen Sie, daß Massa Sonnenkamp Besitzer von vielen Millionen ist, und der Golderbe das weiß?«

»Das hindert nicht, reizt vielleicht nur noch mehr zum Versuch.«

»Gut. Ich bringe Sie selbst zu dem mysteriösen Mann; ich habe das Glück, mich seiner besonderen Gunst zu erfreuen. Doch nein . . . besser, Sie fahren mit mir auf das Gut meines Schwagers; Sie müssen sich ja noch meiner Schwester Bella erinnern?«

»Wol, und ich nehme Ihre Gastfreundschaft an. Nur bitte ich, Herrn Sonnenkamp – mir ist, als hätte ich den Namen schon einmal gehört . . . doch immerhin – von meiner Ankunft zu benachrichtigen und mich dann allein bei ihm eintreten zu lassen.«

Prancken warf einen fragenden Blick auf Erich, und dieser fuhr fort:

»Ich weiß Ihre freundliche Bereitwilligkeit wohl zu schätzen, aber Sie wissen, daß ein Fremder, der als Dritter eingeführt ist, sich nicht so leicht und frei geben kann, wie sich das in einem Zwiegespräche findet.«

Prancken zog ein Taschenbuch heraus, und hielt den Silberstift eine kurze Weile an die Lippen gedrückt. Er erwog, ob er recht thue, Erich zu empfehlen, ob es nicht besser wäre, ihn sofort zu beseitigen und einen Mann, der sich ganz als seine Creatur erkannte, dafür zu setzen. Aber Erich wird dann selbst einen Versuch machen und vielleicht, ja höchst wahrscheinlich die Stelle gewinnen; da wäre es doch besser, ihn durch Dank gebunden zu haben. Und mitten in diese Erwägungen mischte sich auch eine Regung von Gutmüthigkeit.

Er schrieb sofort auf eine Karte an Herr Sonnenkamp, dieser möge kein Engagement eingehen, da ein gelehrter vormaliger Artillerie-Officier zur Erlangung der Stelle bei ihm erscheinen würde. Behutsam vermied er einstweilen jede nähere freundschaftliche Beziehung.

Die Karte wurde sofort abgeschickt. Als Prancken das Gummiband an seinem Taschenbuche wieder zuschnellte, ließ er es noch mehrmals auf- und niederspielen, bis er das Taschenbuch wieder einsteckte.

Er war nachdenklich geworden.

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