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Das Landhaus am Rhein / Band I

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band I - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band I
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band I
pages1-286
created20060719
sendergerd.bouillon
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Neuntes Capitel.

Wie zufällig fügte es sich, daß Erich und Bella mit einander gingen. Sie machte einen leisen Versuch nach zwei Seiten hin, indem sie sagte, sie bewundere Erich, wie er ihren guten Mann so intim verstehe, denn es sei nicht so leicht, als es den Anschein habe, mit ihm zu leben. Sie sprach sehr überschwänglich von Clodwig und wie glücklich sie sei, etwas zur Conservirung einer erhabenen Seele zu thun und dabei gar keinen Anspruch für sich zu erheben; es sei so schön, sich zu opfern, still, unerkannt und ungenannt zu dienen. Sie bat Erich, ihr recht beizustehen, Clodwig seinen Lebensabend vollauf glücklich zu machen; sie hatte dabei einen Herzton, der nicht zu verkennen war.

Erich sprach sein Bedenken aus, ob es wohlgethan sei, eine so friedsame Existenz durch Einführung eines Dritten zu stören.

Bella sah ihn durchdringend an, ihr Fächer entfiel ihr, und als Erich ihn aufhob, reichte sie ihm die Hand zum Dank.

Mit vielem Geschick, ja fast mit Zierlichkeit und doch mit eigenthümlicher Bewegung, wobei ihre Brust sich hob und senkte, pries sie das Glück, sich einem edlen Menschen zu widmen und einen Freund zu haben, von dem man ganz verstanden werde.

Erich schwieg.

Bella war bisher noch unentschieden gewesen, ob sie die Aufnahme Erichs in ihr Haus begünstigen oder verhindern sollte.

Jetzt war sie entschieden.

Dieser Mann war in jeder Weise unbequem; huldigte er ihr, so war das peinlich und beunruhigend, blieb er zurückhaltend, so war er beständig ein Gegenstand der Reizung.

Es war nicht so leicht zu bestimmen, ob Bella ihren Gatten liebte, das aber war unbezweifelbar, sie war eifersüchtig auf Jeden, dem er eine Freundlichkeit zuwendete; er sprach lieber und ausführlicher mit Anderen als mit ihr. Daß sie ihn durch Widerspruch, durch beständigen Gegensatz in sich zurück gescheucht hatte, das fiel ihr nicht ein, oder sie läugnete es ab. Alle Menschen, sogar Herr Sonnenkamp, waren entzückt von ihrer Frische, ihrem Muthwillen und ihrem Geiste. Warum war es Clodwig nicht oder doch nicht allzeit?

Zur Strafe und damit er zur Besinnung käme, sollte er Niemand haben, dem er sich anschließen und aussprechen konnte.

»Da kommt er!« rief Bella plötzlich. »Er hat die Eigenheit, keinen Stock zu nehmen, und doch bedürfte er dessen; er hat noch vor Kurzem einen Anfall von Schwindel gehabt.«

Sie ging ihrem Manne entgegen. Unter einer schönen Ceder, wo zierliche Sitze angebracht waren, ließ Clodwig sich nieder; Erich und Bella standen vor ihm, Bella stützte die eine Hand an den Stuhl ihres Gatten. Und nun legte Clodwig den ganzen Plan dar.

Mit bewegter Stimme sprach Erich seinen Dank aus und wie es ihn freue, daß ihm etwas so Lockendes geboten sei; wie er sich aber da verpflichtet fühle, wo sein Herz entschieden habe. In der Erziehung Rolands sei ihm eine große, schwere Aufgabe gestellt, und daß ihm nun ein anderes so lockendes Leben geboten werde, befestige ihm die Zuversicht, daß er das Rechte gewählt, das Pflichtmäßige.

Eine Weile senkte Clodwig den Blick, Bella nahm die Hand vom Stuhl und richtete sich auf. Als Erich seine Freude an Roland schilderte, den geheimnißvoll beglückenden Zug zu demselben, ja sogar zu seinen Fehlern, da lächelte Clodwig in die Zweige hinein.

»Dort geht der Doctor,« rief er; »wollen Sie einen Dritten zur Entscheidung nehmen?«

»Die Entscheidung,« entgegnete Erich,« »so schwer sie mir auch wird, kann nur ich allein geben.«

Mühsam sich erhebend, sagte Clodwig:

»Junger Freund, geben Sie mir Ihren Arm.«

Er stand auf und führte sich an Erich, sein Arm ruhte schwer und zitternd in dem Erichs.

»Ich weiß nicht,« sagte er, »ich meine, ich wäre gar nicht der Mann, der schon so viel erlebt hat; ich mache heut eine bittere Erfahrung. Ist es das Alter, das mir die Entsagung so schwer macht? Ich habe es doch gelernt. Ja, ja, man wird kindisch . . . ein Kind kann nicht entsagen.«

Er lehnte sich fester an Erich, der im Innersten zitterte, da er den edlen Mann so erschüttert sah.

Hastig die Hand aus Erichs Arm lösend, fuhr Clodwig fort:

»Junger Freund, wenn ich sterbe, dann . . .«

Kaum hatte er das Wort gesagt, als er umsank; Erich fing ihn noch mit den Armen auf. Ein Schrei von Bella, ein Herzueilen des Arztes, ein Niederbeugen Erichs, Clodwig aufnehmen und ihn in den Armen tragen wie ein Kind, das Alles war die That eines Augenblicks.

Clodwig wurde in den Saal gebracht und dort auf ein Sopha niedergelegt. Bella jammerte laut, der Arzt beruhigte sie. Er wendete belebende Mittel an, mit denen er den Kranken schnell wieder zur Besinnung brachte; er bat Bella und Erich, das Zimmer zu verlassen, nachdem Clodwig einige Worte gesprochen hatte.

Bella klagte Erich, daß Doctor Richard ihren Mann nicht verstehe; sie hatte bittere Worte, und es ließ sich nicht entscheiden, haßte sie nur den Doctor oder die ganze medicinische Wissenschaft, die sich so geheimnißvoll hielt.

Der Doctor kam bald wieder und erklärte, daß es nur ein höchst unbedeutender Anfall gewesen; Clodwig bitte, daß Erich bei ihm eintrete.

Erich ging in den Saal.

Clodwig saß aufrecht, er reichte Erich die Hand und sagte mit verklärtem Lächeln:

»Ich muß doch meinen Satz vollenden. Ich wollte sagen: wenn ich sterbe, dann wünsche ich, daß Sie bei mir sein möchten. Aber beruhigen Sie sich, das hat noch gute Zeit. So, jetzt setzen Sie sich zu mir. Wo ist meine Frau?«

Erich ging, sie hereinzurufen. Sie kam mit dem Arzte und Sonnenkamp.

Der Arzt gestattete nicht nur, sondern wünschte ausdrücklich, daß Bella und Clodwig sofort nach Wolfsgarten zurückkehren. Sonnenkamp sprach den Wunsch aus, daß die edlen Gäste bei ihm blieben.

»Erlauben Sie, daß Herr Dournay uns begleite?« fragte Clodwig.

Sonnenkamp stutzte, aber sich schnell fassend erwiderte er:

»Ich habe dem Herr Hauptmann nichts zu erlauben, aber wenn Sie zur Abreise entschlossen sind, möchte ich ihn bitten, Sie zu begleiten mit dem Versprechen, daß er wieder zu uns zurückkehre.«

»Und Sie begleiten uns auch!« bat Clodwig den Arzt. Auch dieser willigte ein.

So fuhren sie nun durch die linde Frühlingsnacht dahin, es wurde wenig gesprochen.

Erich und der Arzt übernachteten auf Wolfsgarten. Der Arzt schickte sich schon am frühen Morgen zur Abreise an, er weckte Erich, der noch fest schlief, und sagte:

»Herr Doctor, bleiben Sie heute noch hier, aber nicht länger.«

Erich sah ihn mit großen Augen an.

»Haben Sie mich verstanden?«

»Ja.«

»Nun so leben Sie wohl.«

Wieder war Erich einen ganzen Tag auf Wolfsgarten. Clodwig war so heiter und klar als je, Bella hatte ein scheues, fast furchtsames Benehmen gegen Erich.

Am Abend kam Sonnenkamp mit Roland angefahren. Erich kehrte mit ihnen nach Villa Eden zurück und alles Blut stieg ihm ins Antlitz, da Sonnenkamp, ihn scharf fixirend, sagte:

»Gräfin Bella wird eine schöne Wittwe.«

Am Abende des nächsten Tages fand sich der Arzt wieder auf Villa Eden ein, er war nochmals auf Wolfsgarten gewesen und brachte guten Bericht. Er nahm Erich beiseite und sagte:

»Sie haben mir vertraut, daß Sie eine Entscheidung bei Herrn Sonnenkamp jetzt persönlich weder erwarten, noch annehmen; ich billige das, Sie werden beiderseits in der Entfernung klar. Und so rathe ich Ihnen, verlassen Sie das Haus; jede Stunde, die Sie länger bleiben, ist ein Verderben für Sie.

»Mein Verderben?«

Der Arzt lächelte und sagte:

»Ja, junger Freund, diese Darstellung Ihres Wesens . . .« Er machte eine Pause und fuhr dann fort: »Kein Mensch erscheint eine Woche lang auf Parade, ohne Schädigung davonzutragen. Sie müssen fort! Sie haben genug geprüft und sind genug geprüft worden. – Kommen Sie mit mir, Sie übernachten bei mir, kehren morgen zu Ihrer Mutter zurück und warten dort ruhig das Weitere ab.«

»Aber Roland?« fragte Erich. »Wie lasse ich den Knaben zurück? Sein Herz hat sich mir zugewendet wie das meine ihm.«

»Gut, sehr gut. So soll er warten, sich nach Ihnen sehnen; er soll lernen, daß die Reichen nicht Alles gleich haben können. Er soll um Sie werben, wenn es doch sein muß. Lassen Sie in dieser Stunde mich für Sie handeln.«

»Hier meine Hand, ich reise mit Ihnen!« erwiderte Erich.

Im Hause war Alles voll Staunen, da es plötzlich hieß, Erich reise ab, und kaum war eine Stunde vorüber, als er mit dem Arzte in den Wagen stieg.

Erich war froh, daß der Abschied von Roland ein übereilter war. Der Knabe konnte nicht begreifen, was vorging; er konnte vor Bewegung nicht sprechen. Als Erich schon im Wagen des Doctors saß, kam Roland mit einem seiner jungen Hunde und legte ihn auf den Schoß Erichs; der Doctor aber gab den Hund zurück mit dem Bedeuten, er könne ihn jetzt nicht mitnehmen, der Hund sei noch zu jung, man möge ihn bei der Mutter lassen, er wolle später dafür sorgen, daß Erich ihn bekäme.

Roland schaute den Davonfahrenden lange nach.

In der Seele des Knaben wirrte sich Alles durcheinander, was er in den wenigen Tagen seit Erichs Anwesenheit erlebt hatte; im elterlichen Hause verwaist, in der Fremde erschien er sich. Er faßte den jungen Hund an der Genickhaut und wollte ihn von sich schleudern, aber der Hund winselte so erbarmungswürdig, und plötzlich drückte er ihn an die Brust und sagte:

»Sei ruhig, es geschieht dir nichts. Ich winsle nicht, jetzt winsle du auch nicht. Er hat uns Beide nicht gewollt.«

Roland brachte den Hund zurück und die Hündin schien sehr erfreut, ihren Sprößling wiederzusehen.

»Ich gehe auch zu meiner Mutter,« sagte Roland. Er mußte sich aber erst anmelden lassen.

Sie ließ ihn vor sich kommen, und als der Knabe seiner Mutter klagte, daß Erich so plötzlich davongegangen, sagte sie:

»Das ist recht; ich habe es ihm gerathen.«

»Du? . . . Warum?«

»Mit Deinem dummen Warum? Man kann Dir nicht ewig auf Dein Warum antworten.«

Roland ward still.

Er wollte zum Vater, aber dieser war mit dem Major nach der Burg gefahren.

Verlassen und einsam stand er im Hofe; endlich ging er wieder in den Stall, saß bei seinen Hunden und sah ihrem possierlichen Treiben zu; dann ging er zu seinem Pferde und stand an dessen Hals gelehnt lange still. Durch die Seele des Knaben zogen, im Wirbel sich bewegend, wunderliche Gedanken: Das Pferd, die Hunde sind Dein. Nur was man kauft, was man besitzt, hat man zu eigen . . .

Rasch wie ein Blitz dahinfährt, kaum gesehen auch schon verschwunden, erwachte in der Seele des Knaben die Vorstellung, daß es von Mensch zu Mensch keinen andern Besitz gibt als die Liebe.

Der Knabe ließ sein Pferd satteln und ritt denselben Weg, den Erich und der Doctor gefahren waren.

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