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Das Landhaus am Rhein / Band I

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band I - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band I
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band I
pages1-286
created20060719
sendergerd.bouillon
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Achtes Capitel.

Der Major kam, er war sehr erfreut, Clodwig und Bella hier zu treffen; jedes freundliche Benehmen der Menschen war ihm ein Labsal, es bestätigte seine Behauptung, daß alle Menschen unendlich gut seien. Er war Clodwig und Bella dankbar, als ob sie ihm etwas erzeigt hätten. Erich reichte er die Hand wie einem Sohne, und jetzt sagte er ihm mit einem Tone, wie ein Kind, das genascht hat, er habe sich verführen lassen. Er habe einmal genau erforschen wollen, ob die Arbeiter auf der Burg sich auch gut nähren, er habe von ihren Speisen versucht und unversehens habe es ihm so gut geschmeckt, daß er sich ganz satt gegessen.

Erich tröstete, daß die feinen Speisen doch vielleicht noch Unterkommen fänden.

Der Major nickte; er sagte zu Joseph nur das kurze Wort:

»Allasch!«

Joseph verstand. Auf einem Seitentische schenkte er aus einer von kleinen Gläschen umkreisten Flasche ein; der Major trank den Appetit reizenden Trank.

»Das ist ein Quartiermacher,« nickte er dann zu Erich. Sein ganzes Gesicht lachte, als Erich erwiderte:

»Der Geist befiehlt der gemeinen Masse, Platz zu machen.«

Frau Ceres kam nicht zu Tische. Kaum hatte man sich gesetzt, als der Arzt abgerufen wurde; er stand sofort auf.

Die Tafel schien gestört, denn der Arzt, der sicher und frisch die Unterhaltung geführt, hatte durch seine Entfernung eine Lücke gemacht. Wie man äußerlich zusammenrücken mußte, um diese Lücke nicht sichtbar werden zu lassen, so schien man auch innerlich erst wieder neu zusammenrücken zu müssen.

»Herr Sonnenkamp,« begann der Major, und wurde wieder wie immer blutroth im Gesichte, da er vor vielen Menschen zu sprechen hatte . . . »Herr Sonnenkamp, in der Zeitung steht, daß Sie bald viel Besuch bekommen.«

»Ich? In der Zeitung?«

»Ja. Es ist gerade nicht so gesagt, aber ich meine so. Da heißt es, daß bei dem kostspieligen Leben in Amerika jetzt eine Auswanderung vor sich gehe und viele Familien aus der neuen Welt nach Europa kommen, weil sich's bei uns billiger und schöner lebt.«

Der Major trank nach dieser Rede mit großem Behagen ein Glas seines Lieblingsburgunders auf einen Zug.

Leichthin entgegnete Sonnenkamp, daß sich vielleicht dadurch ein ähnliches Vorurtheil gegen die Amerikaner festsetze, wie solches gegen die reisenden Engländer besteht.

In das Antlitz Sonnenkamps trat indeß ein Freudenglanz, da Clodwig sagte, wie er nur billigen könne, daß Herr Sonnenkamp sich hier staatlich heimisch mache; denn Amerika bringe uns eine neue Art verderblicher Weltbürger: da wandern Deutsche nach Amerika aus, erwerben sich Besitzthümer und kommen nach Jahren mit Familie wieder nach Deutschland zurück und sagen sich und ihren Kindern mit einem gewissen selbstgefälligen Stolze: uns geht Gemeinde und Staat hier nichts an.

Bella hatte die Art – und da sie dieselbe hatte, mußte es gute Lebensart sein – sobald sie nicht das Gespräch lenkte, führte sie sogar im kleinen Kreise, wo es doch störend auffiel, ein Zwiegespräch mit ihrem Nachbar und ließ ihn nicht in den allgemeinen Strom der Unterhaltung entweichen. So hielt sie sich heute an Fräulein Perini im lebhaften italienischen Zwiegespräch.

Sonnenkamp nahm die Darlegung Clodwigs sehr freundlich auf.

Er machte sich lustig über das Gerede, weßhalb er die Burg wieder aufbaue. Da sage man, er wolle in Bädekers Reisehandbuch stehen, damit die Leute an schönen Sommertagen, wenn sie stromauf und stromab fahren, sich das Schloß zeigen und gelangweilte Engländer mit dem Finger auf der Zeile ihres Buches offenen Mundes eine Weile dreingaffen; ihn aber bestimme zunächst ein ästhetisches Interesse. Er wolle durch Ausbau der Burg für die Aussicht aus seinem Arbeitszimmer einen harmonischen Abschluß gewinnen, sodann aber möchte er etwas zur Schönheit des deutschen Vaterlandes beitragen.

Es hatte immer einen sonderbaren Beigeschmack, wenn Sonnenkamp die Worte »deutsches Vaterland« aussprach; man hätte etwas wie ingrimmigen Haß darin finden können, und doch klang es mehr mitleidsvoll und barmherzig. Sonnenkamp wußte, daß Clodwig vor Allem ein Patriot war, und er schlug gern diese Saite an. Erich schaute auf Roland, ob dieser wohl die Heuchelei erkenne, denn noch am Sonntag hatte ja Sonnenkamp bei Gelegenheit des Gesprächs über die Wahlen so fremd und verächtlich gesprochen; aber die Mienen Rolands waren ruhig.

Clodwig bat nochmals, daß man jede Spur römischer Alterthümer ihm melden möge. Sonnenkamp versprach's bereitwillig und verbreitete sich weiter über eine Seltsamkeit, die man ihm andichte – und doch hatte sie ihm Niemand angedichtet, vielmehr hatte er selbst in Gemeinschaft mit Prancken die Sage verbreitet – daß er den Namen des Schlosses, dessen Geschlecht längst ausgestorben, auf sich übertragen lassen wolle. Leichthin sprach er davon, daß man das Wappen derer von Lichtenburg, das er gerne über der Pforte des neu erbauten Schlosses wieder anbringen möchte, nicht genau kenne. Clodwig, der bei all seinem Freisinn einen gewissen Stolz darein setzte, die Genealogie aller Fürsten- und Adelsgeschlechter und deren Wappen zu kennen, behauptete, das Wappen der Lichtenburg bestehe in einem Mohrenkopf auf blauem Grund im linken Felde und einer Wage im rechten. Das Geschlecht habe in den Kreuzzügen sich hervorgethan und dann ein höheres Richteramt im Reiche bekleidet.

Sonnenkamp lächelte sehr freundlich, fast grinsend, und bat, daß der Herr Graf ihm sobald als möglich eine Zeichnung zukommen lasse.

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