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Das Landhaus am Rhein / Band I

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band I - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band I
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band I
pages1-286
created20060719
sendergerd.bouillon
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Siebentes Capitel.

Herr Sonnenkamp bot Bella den Arm, sie drehte den Kopf langsam und willfahrte, Clodwig sollte sehen, welch ein Opfer sie bringe; ihre Hand ruhte leicht im Arme Sonnenkamps; auf den ersten Treppenstufen blieb sie stehen, denn an einem im Freiland erzogenen Rosenstocke war bereits eine aufgeblühte Centifolie in voller Pracht.

Herr Sonnenkamp eilte, dieselbe für sie abzubrechen, und indem er sie darbot, sagte er:

»Diese Rose ist nicht Ihre Schwester. Die Herren Dichter machen viel Rosenlügen.«

Bella sah ihn fragend an und er erklärte, daß die Centifolie, wenn sie geblüht habe, sich ein Jahr ausruhe, Bella aber –

Sie ließ ihn nicht ausreden und dankte sehr verbindlich, sie that, als ob sie den dargebotenen Arm nicht mehr bemerkte. Man ging sofort nach den Gewächshäusern. Joseph, der immer wie gerufen zu rechter Zeit sich sehen ließ, erhielt von seinem Herrn den Auftrag, Fräulein Perini und Frau Ceres die Ankunft des Besuches zu melden.

Bella ließ sich von Sonnenkamp noch mehr von der Eigensinnigkeit der Centifolie erzählen, die durch keine Kunst im December zum Blühen gebracht werden könne, alle anderen Blumen ließen sich verzögern und treiben, nur die Centifolie widerstrebe der Menschengewalt.

Bella hörte die Mittheilungen Sonnenkamps mit großer Aufmerksamkeit an.

Der Doctor war zu Frau Ceres gerufen worden, aber als diese vernahm, welche Gäste angekommen seien, erklärte sie sich sofort wieder gesund; sie war verschlagen genug, dem Doctor zu betheuern, daß seine bloße Anwesenheit sie gesund mache. Doctor Richard verstand.

Unterdeß hatte Clodwig zu Erich gesagt:

»Sie bleiben nicht hier. Ich lasse Sie nicht.«

Er stieß die Worte kurz und hastig heraus wie ein längst Vorbereitetes, das man im Augenblick der Kundgebung bedrängt und tonlos vorbringt.

Roland kam eben mit dem Feldstuhl und Zeichenbrett den Berg herab, Bella grüßte ihn schon von ferne überaus freundlich.

»Wie schön er ist!« sagte sie zu den Umstehenden. »Wer dies Bild festhalten könnte, wie der Knabe daher kommt! Verwandelt man Feldstuhl und Mappe in Speer und Schild, so hat man ein Bild aus der griechischen Welt.«

Bella bemerkte den Blick Erichs und sie sagte zu ihm:

»Ja, Herr Doctor, ich habe einem Künstler in der Residenz einmal den Plan gegeben, eine Scene zu malen, wie ich Roland sah: er war über den Weg gesprungen und hatte einem auf dem Steinhaufen sitzenden Straßenbettler eine Gabe in den Hut geworfen, und wie er nun über die Straße zurücksprang, so schlank, so behend, jede Muskel gespannt und das Gesicht von der Wohlthätigkeit her so glückselig überstrahlt – es war ein unvergeßlicher Anblick.«

Clodwig sah zur Erde; Bella wußte wahrscheinlich nicht mehr, daß nicht sie, sondern daß er Roland so gesehen und einem Künstler den Vorschlag gemacht hatte.

Roland trat näher und Bella sagte: »Wenn der Herr Hauptmann bei uns bleibt, müssen Sie uns auch oft besuchen, lieber Roland.«

Sonnenkamp wußte nicht, was das bedeuten sollte, aber Roland schien sofort die Gefahr aufzugehen, daß ihm Erich entzogen würde. Und jetzt wurde Erich klar, was man mit ihm vorhatte, jetzt erst verstand er, was durch die Ankunft Sonnenkamps beim Wagen unterbrochen wurde.

Man warf nur einen kurzen Blick in die Gewächshäuser, denn Bella sagte, wenn es draußen grüne und blühe, hätten die Pflanzengefängnisse für sie etwas Beklemmendes.

Fräulein Perini erschien bald mit der Nachricht, daß Frau Ceres die Gäste empfangen wolle.

Bella und Fräulein Perini hatten sich von den Männern getrennt, sie hatten viel mit einander zu sprechen und natürlich war Erich der erste Gegenstand.

»Wie urtheilen Sie über Herr Dournay?« fragte Bella.

»Ich habe kein Urtheil über ihn.«

»Warum?«

»Ich bin nicht unbefangen, er gehört nicht zu unserer Kirche.«

»Denken Sie sich ihn von unserer Kirche, wie würden Sie ihn dann betrachten?«

»Er ist gar nicht so zu denken. So könnte kein Mann sein, der sich unter das göttliche Gesetz beugt. Herr Baron von Prancken sagt: der Mann kutschirt auf einem unsichtbaren Katheder in der Welt umher.«

Beide Frauen lachten.

Bella wußte genug. Sehr behutsam suchte sie Fräulein Perini darin zu bestärken, ihren Einfluß gegen die Aufnahme eines auf seine Glaubenslosigkeit stolzen Mannes geltend zu machen. Fräulein Perini hielt ihr Kreuz mit der linken Hand und schaute etwas schelmisch nach Bella. Also die Gräfin will ihn nicht hier haben. Macht sie vielleicht eine feine Intrigue gegen ihren Mann, ihn in ihr eigen Haus zu bringen? Nicht ohne Schadenfreude wies sie darauf hin, daß Herr von Prancken, der Alles das veranlaßt habe, auch die entsprechende Lösung geben müsse. Bella gab zu verstehen, daß Erich vielleicht auch nach anderer Seite hin unbequem sei; und hier zum dritten Male wurde das Wort laut, daß Erich ein gefährlicher Mensch sei. Fräulein Perini hatte es ausgesprochen, sie hatte damit sowohl Prancken als Bella im Auge, denn die besondere Aufregung Bella's war ihrem ruhig scharfen Blicke nicht entgangen.

Schnell, und um zu verbergen, daß sie richtig gezielt habe, setzte sie indeß hinzu, daß ein Mann wie Otto von Pranken gewiß Niemand zu fürchten habe. Sie sprach mit theilnahmvollem Eifer über die Reise Pranckens; diese sei vielleicht eine Unvorsichtigkeit, aber man müsse schließlich das stürmisch jugendliche Herz walten lassen und es brächte oft besser als jede Bedachtsamkeit und Besonnenheit die nothwendige Entscheidung. Nur sehr andeutend sprach Fräulein Perini und ebenso andeutend erwiderte Bella, daß sie ein gegen die Gesellschaftsordnung anstrebendes Begehren Pranckens zwar mißbillige, solches aber, wenn auch mit Aengstlichkeit, doch gewähren lasse.

Nochmals kehrte das Gespräch auf Erich zurück und Bella war jetzt überaus wohlwollend. Sie hatte Mitleid mit der alten Mutter Erichs und behauptete, er kehre einen Stolz heraus, um damit die dienende Abhängigkeit zu verdecken. Ein Höherziehen der Augenlider ließ eine leise Verletzung Fräulein Perini's bemerken und rasch setzte Bella hinzu, daß nur eigentlich fromme Naturen sich von der Abhängigkeit nicht bedrückt fühlen; denn sie seien an sich höher gestellt, ja, durch die Frömmigkeit gleichgestellt einem Jeglichen.

Fräulein Perini lächelte; sie verstand, mit welcher Gunst sie von Bella behandelt wurde, und es hätte nicht eines freundschaftlichen Händedrucks bedurft, um ihr solches zu Gemüthe zu führen.

Ein Diener kam und meldete, daß Frau Ceres die gnädige Gräfin im Balconsaale erwarte, sie dürfe nach Vorschrift des Arztes noch nicht wagen, ins Freie zu gehen.

Fräulein Perini geleitete Bella bis an die Freitreppe. Als sie dort eine sehr höfliche Verbeugung machte, faßte Bella ihre beiden Hände mit offenbarer Herzlichkeit und sagte, solch eine Freundin wie Fräulein Perini wünsche sie sich zum täglichen Umgange. Sie bat dringend, ihr recht bald die Ehre eines Besuches zu geben.

Nachdem Bella rauschend davongegangen, krallte Fräulein Perini ihre kleinen Hände wie eine Katze, die still gelauert und etwas erhascht hat; höhnisch erweiterte sich ihr Auge, das sonst immer so verhüllt war.

»Ihr seid Alle betrogen!« sprach ihr kleiner Mund fast laut . . .

Frau Ceres klagte über beständiges Leiden und Bella tröstete, daß sie ja alles nur zu Wünschende und noch dazu so herrliche Kinder habe. Sie wußte nicht, was sie mehr rühmen sollte, das bezaubernde Wesen Rolands oder das Manna's.

Bella kam selten in das Haus Sonnenkamps, aber wenn sie dahin kam, wurde sie stets von einer Leidenschaft befallen, die vielleicht vorzugsweise eine Frauenleidenschaft ist. Sie lebte doch aus Wolfsgarten in einer Fülle, die nichts zu wünschen übrig ließ, aber sobald sie durch das Gitter von Villa Eden einfuhr, kam ein Dämon über sie, und der Dämon hieß: Neid – Neid über diese von Ueberfluß strotzende, nicht mit morschem Trödel sich schleppende, sondern ganz neu geschaffene Existenz. Wenn sie an Frau Ceres dachte, flimmerte es ihr stets stechend vor den Augen, denn sie sah dabei den wunderbaren Brillantschmuck der Frau Ceres, wie solchen selbst die regierende Fürstin nicht besaß.

Jetzt war sie überaus holdselig und herablassend gegen Frau Ceres, und sie gefiel sich in dieser Herablassung. Alles können diese Menschen kaufen, aber einen erhabenen, historisch glänzenden Namen nicht. Gelingt auch das Vorhaben Otto's, es ist doch nur ein Zudecken der Niedrigkeit mit einem neuen Firniß, der immer bittet: berühre mich nicht, sonst löse ich mich ab.

Auch hier war Erich vornehmlich Gegenstand des Gesprächs und Bella drückte die Rose an ihren Mund, um ihr Lachen zu verbergen, da Frau Ceres sagte:

»Ich möchte den Herrn Hauptmann für mich haben.«

»Für Sie?«

»Ja. Aber ich glaube, ich kann nichts mehr lernen, ich bin zu alt und zu dumm . . . Er hat mich gar nichts lernen lassen.«

Bella bestritt diese Bescheidenheit sehr eifrig. War Frau Ceres nicht schön und jung? Man könnte sie ja für die Schwester Rolands halten. War sie nicht klug und von feiner Haltung? Frau Ceres lächelte, sie schien zu glauben, daß dies Alles wahr sei. Nun aber bat Bella, sich beurlauben zu dürfen, da sie die zarte Organisation der Frau Sonnenkamp schonen wolle.

Frau Ceres sah bei diesen Worten zagend um, sie wußte nicht, ob das ein Lob oder ein Tadel ist. Bella verabschiedete sich und küßte Frau Ceres auf die Stirn.

Herr Sonnenkamp hatte den Grafen und Erich verlassen; er hatte noch vieles im Hause anzuordnen, auch waren Briefe und Depeschen eingetroffen, die sofortige Beantwortung erheischten. Er schickte nach dem Major, daß er ebenfalls zu Tische käme, und gab den Auftrag, wenn er nicht zu Hause sei, möge man ihn auf der Burg aufsuchen.

Clodwig war mit Roland und Erich gegangen, und ohne daß sie es wußten, waren die beiden Männer bald in ein Gespräch gerathen, wobei sie Rolands ganz vergaßen. Dieser saß stumm da und schaute bald den Einen, bald den Andern an; er verstand nicht, was sie sprachen, aber er mochte fühlen, wie wohl es ihnen dabei war, und als endlich Clodwig sich auf sein Zimmer zurückzog, faßte Roland die Hand Erichs und rief:

»Ich will auch lernen, ich will auch studiren, Alles, was Du willst; ich will auch so sein wie Du und Graf Clodwig.«

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