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Das Landhaus am Rhein / Band I

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band I - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band I
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band I
pages1-286
created20060719
sendergerd.bouillon
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Sechstes Capitel.

Am Tage als Erich Schloß Wolfsgarten verlassen hatte, fand sich ein Gast dort ein; es war der Sohn des vornehmen Weinhändlers, des sogenannten Weingrafen. Er kam jede Woche einmal, um mit dem Grafen Schach zu spielen. Er war ein junger Mann verlebten Wesens, der nicht wußte, was er in der Welt anfangen sollte; am Geschäfte des Vaters hatte er keine Freude, Geld hatte er genug, auch hatte er mancherlei gelernt: er musicirte, er zeichnete, er hatte verschiedene Talente, aber keines beherrschte ihn. Alles war ihm überdrüssig, die Neige Lebenslust, die man noch mit Anstand zu genießen hatte, erschien ihm welk und schal. Warum auch in einen bestimmt abgegrenzten Beruf sich begeben? Er war im Verwaltungsrathe mehrerer Eisenbahnen; eine Zeit lang hatte es ihn vergnügt, da anzuordnen und zu regieren, von den Unterbeamten in strammer Haltung angehört und ehrerbietig begrüßt zu werden; aber auch das ward ihm lästig. Reisen bot auch nichts mehr, man hatte beständig eine Ueberfracht von Langerweile mitzuschleppen. Er sah verdrossen in die Welt hinein, sie hat nichts für ihn und er hat nichts in ihr zu thun. Ein einziges Talent hatte er ausgebildet und das war das Schachspiel. Da auch Clodwig große Freude daran hatte, so kam er jede Woche einmal nach Wolfsgarten und spielte mit Clodwig; es gab ihm das zugleich ein besonderes Ansehen.

Er hatte auch einen großen Ruf bei allen Menschen der Umgegend, die sich gleich ihm rühmen konnten, Wüstlinge zu sein und vor der Welt als Schönthuer zu erscheinen. Er besaß eine geheime Sammlung von Bildern in allen Formen und von allem Material, und man mußte ihm sehr nahe stehen, wenn man sich rühmen konnte, sie bis auf die letzten gesehen zu haben. Natürlich war der Weincavalier vor der Welt ein höchst anständiger Mann; noch nie hatte ihn Jemand betrunken gesehen. In Gesellschaft der Bürgerlichen benahm er sich als der Herablassende, der noch so edel ist, mit diesen kleinen Leuten in Verkehr zu bleiben; man ist das der alten Kameradschaft schuldig.

Landrichters Lina war nicht so einfältig wie die Mutter immer sagte, denn sie behauptete, der Weincavalier sei jenes verwandelte Männlein aus dem Märchen, das ausgeht, um das Gruseln zu lernen.

Jedes Jahr frischte sich natürlich der Weincavalier in Toilette und Anekdoten und in Allem, was innere und äußere Mode erheischt, wieder durch einen längeren Aufenthalt in Paris auf. Er sprach nicht wie sein Vater von seinem Freunde dem Gesandten * *, dem Minister * * und dem Fürsten * *, aber er ließ erkennen, daß er mit den berühmtesten Mitgliedern des Jockeyclubs in unzertrennlicher Gemeinschaft lebte.

Der Weincavalier hatte sonst noch einen kleinen Reiz darin gefunden, sich zu schönen Höflichkeiten gegen die tugendsame Frau Bella zusammenzunehmen, heut aber sah sie ihn immer an, wie wenn er gar nicht da wäre, als ob sie nicht entfernt hörte, was er sagte. Auch der Graf war zerstreut und abwesend, er verlor heute überraschend schnell alle Partien, denn er sah den Partner oft verwundert an, da er auf demselben Stuhle saß, den Erich inne gehabt.

Dem Weincavalier erschien eine neue Hülfe, aber auch diese war heute wirkungslos. Ein wohlbeleibter, mit höchster Sorgfalt gekleideter Mann traf auf Wolfsgarten ein; es war ein ehemals berühmter Bassist, der eine reiche Wittwe aus der nahen Handelsstadt geheiratet und sich hier in der schönen Gegend angesiedelt hatte. Sonst war er Bella willkommen, denn er sang mit dem Reste seiner Stimme noch immer sehr wohlgefällig. Als er bemerkte, daß er heute nicht wie sonst begrüßt wurde, sagte er, daß er nur zufällig vorspreche. Das ärgerte Bella um so mehr; sie liebte es nicht, daß man Wolfsgarten als zufälligen Besuchspunkt ansah. Als der Weincavalier und der Bassist endlich davon gegangen waren, athmeten Bella und Clodwig neu auf.

Mit geschlossener Lippe und unruhigem Auge, das etwas zu suchen schien, ging Clodwig durch Haus und Park. Bella wußte ihn endlich zum Reden zu bringen und Clodwig gestand, daß sich ihm ein Ideal seines Lebens zeige, daß er aber nicht den Muth habe, es zu erfüllen. Er machte eine Pause, denn er hoffte, daß Bella ihm sagen würde, was er wünsche, aber Bella schwieg. Mit einem großen Umwege erklärte er nun, daß er Erich nicht in die abhängige Stellung eintreten lassen dürfe, er solle eine Zeitlang auf Wolfsgarten wohnen und dann eine wissenschaftliche Reise machen.

Die Oberlippe Bella's pulsirte und sie sagte.

»Der Hauptmann . . .« sie wollte sagen: der Hauptmann in Goethe's Wahlverwandtschaften, und über diesen Gedanken hinwegstolpernd fuhr sie fort: »Der Hauptmann . . . ich meine, der Doctor dürfte sich gewiß glücklich schätzen. Aber – wir können ja offen sprechen. Ich habe das Glück eines unantastbaren Namens, und wir fragen nicht, was die Leute sagen . . . Glaubst Du aber nicht, daß dieser junge Mann . . . uns manchmal . . . wie soll ich sagen . . .«

»Geniren würde?« fiel Clodwig ein und widerlegte das Bedenken mit dem Vorhalte, wie es eine Unterjochung der Guten wäre, wenn diese ein Schönes unterlassen müßten, weil die Schlimmen unter trügerischem Scheine eben das Schlimme thun.

Nun redete Bella ihrem Manne zu, daß er sofort einen Boten an Erich schicke, damit er sich nicht binde. Clodwig drückte ihr die Hand und mit einem selten bemerkten elastischen Schritte ging er in sein Arbeitszimmer. Dort schrieb er, aber er kam bald zu Bella und sagte: er könne nicht schreiben, das Einfachste sei, man lasse anspannen und fahre selbst nach Villa Eden.

Clodwig vermied sonst jede unmittelbare Beziehung zu Sonnenkamp und dessen Haus, soweit es bei der nahen Freundschaft seines Schwagers möglich war, heute aber war davon keine Rede.

Frau Bella ließ während der Fahrt oftmals den Schleier über ihr Gesicht fallen und hob ihn wieder in die Höhe; sie war sehr unruhig, denn sie bedachte Vielerlei.

Es ist eine unbegreifliche Laune, ein Spiel . . . nicht der Leidenschaft, . . . wie konnte Bella von sich so etwas bekennen? Es ist das Spiel eines Dämons! Dieser junge Mann mußte eine verwirrende Zaubermacht haben! Bella haßte ihn, denn er hatte ihren Mann aus seiner Ruhe gebracht und versuchte es nun auch mit ihr; er ängstigte sie. Das sollte er büßen! Sie richtete sich stolz auf; sie war entschlossen, gerade durch ihre Mitreise den kindischen, überschwänglichen Plan ihres Gatten zu zerstören, und wenn Erich ihren Widerspruch nicht merkt, offen mit ihm sprechen und ihn dadurch zur Ablehnung bewegen.

In diesen Gedanken schaute sie wieder fröhlich drein und Clodwig, der dies bemerkte, sprach davon, wie man die Zimmer für Erich einrichte, und gab die neue Hausordnung. Er werde auch die Mutter Erichs zum Besuch einladen. Es war ein Glück, daß Bella sie von früherher kannte und hoch verehrte. Clodwig erzählte, daß die Dournays eigentlich von Adel seien, sie hießen Dournay de Saint Mort und hätten den Adel nur bei Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich abgelegt; er würde, falls Erich eine standesgemäße Heirat machen wolle, dafür sorgen, daß sein Adel wieder erneuert werde, ja, er könne vielleicht noch mehr für ihn thun.

Es überraschte Bella immer wieder, daß ihr Mann die Dinge so ernst nahm. Sie hatte ihn nicht betrogen, als sie in jenem Winter vor der Verlobung sich als reife, den tieferen Ernst des Lebens erkennende Natur dargestellt hatte, als sie eine Theilnahme zeigte an den Kunstgebilden des classischen Alterthums, an Wissenschaften und allen höheren Anliegen des Lebens; sie hatte ihn nicht getäuscht, denn sie hatte nie anders gedacht, als daß alle Menschen diese Dinge als Gegenstände der Conversation, als Nippsachen betrachteten. Und was die Aufmerksamkeit für die Culturgeschichte der Vergangenheit und Gegenwart betraf, auch das schien ihr nach stillschweigendem Uebereinkommen nur ein feiner Zeitvertreib.

Mit Schrecken gewahrte sie immer wieder, daß für ihren Mann die großen Gedanken in der That sein Leben ausmachten, daß er sich betrübte und erfreute bei allen Vorkommnissen des Weltlebens, als wären das Familienereignisse – ja, daß er sogar religiös war. Er sprach nicht wie sie vom lieben Gott, aber er konnte anbetend und ergriffen vor jedem Zeichen der ewigen göttlichen Ordnung stehen, und wo sich ein Widerspruch, ein Räthsel kundgab, war er bis zu einer gewissen Krankhaftigkeit fieberisch aufgeregt.

Bella gestand sich kaum, daß ihr das Alles entsetzlich pedantisch, predigerhaft und professorenmäßig erschien; sie hatte nicht gewußt, daß sie statt eines Lebemannes einen pedantischen Professor geheiratet. Aber, eingestanden oder nicht, diese ganze Pflege eines sogenannten höheren Interesses war ihr langweilig. Alles spielt doch nur seine Rolle im Leben, wer wird Ernst daraus machen? Das mögen die armen Teufel von Gelehrten und Weltbeglückern thun, aber nicht ein Mann von höherer Stellung. Jetzt zeigte sich also wieder, daß Clodwig ein geordnetes, freilich langweilig, aber still und ehrenhaft dahinfließendes Leben plötzlich durch Hereinziehen eines fremden Menschen stören konnte.

Es war schwarze Verleumdung, wenn man Bella nachsagte, daß sie den Grafen geheiratet habe in der Hoffnung, bald eine reiche, anziehende Wittwe zu sein. Der alte Oberststallmeister hatte nur für eine gute Verschreibung gesorgt und vom Erträgniß des großen Gutes legte man jährlich eine ansehnliche Summe zurück, die den Majoratserben von der Seitenlinie nicht zufiel. Es war, wie gesagt, schwarze Verleumdung, daß Bella mit Wittwenhoffnung vor den Altar getreten sei, aber zu ihrem Schrecken – sie vergrub es in sich, so oft sie dessen inne wurde – sah sie sich vor der Zeit altern an der Seite des Mannes, der den Jahren nach ihr Vater sein konnte.

Und wer weiß, wie viel Geld Clodwig auf diesen abenteuerlichen Dournay verwenden wird, der in keinem Berufe aushält und dazu noch mißliebig am Hofe ist. Das Schlimmste aber ist, daß dieser junge Mann ihr den Gatten noch ganz entziehen wird. Sie werden mit einander studiren, Ausgrabungen machen und derweil wirst Du allein sitzen, Du, das jugendlich frische Herz, das so edel, so treu, so selbstvergessen sich der Pflege des alten Mannes gewidmet hat!

Bella war tief ingrimmig auf Erich.

Der Wagen rollte weiter. Erich hörte sich anrufen und wurde von den Beiden herzlich begrüßt. Er mußte sich in den Wagen setzen und ein Blick Clodwigs auf seine Frau sagte ihr: Hast Du je ein edleres Menschenbild gesehen?

Erich wurde gefragt, ob er bereits die Stelle fest angenommen, und als er verneinte, reichte ihm Clodwig die Hand.

Man konnte nicht weiter sprechen, denn so eben kam Herr Sonnenkamp auf seinem Rappen daher getrabt. Er war hoch erfreut, solche Gäste zu begrüßen; nur war er verwundert, Erich so vertraulich hier zu sehen. Er ritt neben dem Kutschenschlag her und mit großer Ehrerbietung hieß er die Gäste auf der Villa willkommen.

Kaum war man abgestiegen, als noch ein Wagen in den Hof fuhr; der Doctor stieg aus.

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