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Das Landhaus am Rhein / Band I

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band I - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band I
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band I
pages1-286
created20060719
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Fünftes Capitel.

Der Major wohnte im schön gelegenen Weinbergshause eines reichen Weinhändlers aus der Festung, oder, wie man eigentlich sagen müßte, eines Bundesbruders, denn der Mittelpunkt vom Leben des Majors ruhte in der Freimaurerei.

Die eine Seite des Hauses, in dessen Nebengebäude der Major wohnte, ging nach der Landstraße, die andere hatte den Ausblick über den Strom und die jenseitigen Berge. Der Major hielt sich streng in sein Häuschen und sein besonders abgegrenztes und mit einer Laube versehenes Gärtchen. Er beaufsichtigte das größere Wohnhaus und den Garten wie ein Schloßaufseher, ließ sich aber auch die vielen Monate, während welcher das große Haus und der große Garten leer standen, nicht einmal vorübergehend darin nieder.

Erich traf den Major in dem kleinen Gärtchen an seinem Hause, er rauchte eine lange Pfeife und las in der Zeitung, vor ihm stand noch eine Tasse mit kaltem Kaffee. Ihm gegenüber saß eine säuberliche alte Dame mit einer großen weißen Haube und stopfte Strümpfe; sie erhob sich sofort, als Erich eintrat. Der Major nahm die Pfeife aus dem Mund und legte die Hand an die Soldatenmütze.

»Fräulein Milch, dies ist mein Kamerad, Herr Doctor Dournay, Hauptmann außer Dienst.«

Fräulein Milch verbeugte sich, nahm ihren Korb mit Strümpfen und ging nach dem Hause.

»Sie ist gescheidt und gut, immer zufrieden und heiteren Sinnes, Sie werden sie schon näher kennen lernen,« sagte der Major hinter ihr drein. »Und eine Menschenkennerin ist sie, größer hat's noch keine gegeben, sie sieht die Menschen durch und durch . . . Setzen Sie sich, Kamerad, Sie kommen zu meiner besten Stunde. Sehen Sie, so lebe ich . . . Ich habe doch eigentlich nichts zu thun . . . aber ich stehe früh auf . . . das verlängert das Leben . . . und dann gewinne ich jeden Tag einen Sieg über einen trägen, weichlichen Gesellen, er muß sich kalt abwaschen und dann muß er einen Gang machen; er will oft nicht, aber er muß . . . Und, da komme ich heim und wenn ich so Morgens da sitze . . . liegt mein weißes Tuch auf dem Tisch, vor mir steht in feinem Geschirr Kaffee, guter Rahm, Semmel . . . Butter esse ich nicht . . . ich schenke mir ein, trinke, tunke ein, das knarft so gut . . . ich kann noch gut beißen . . . dann steck' ich zur zweiten Tasse meine Pfeife an und rauche so in die Weltgeschichte hinein, wie sie mir die Zeitung täglich bringt . . . ich habe noch gute Augen, ich lese ohne Brille, treffe noch die Scheibe und höre auch noch Alles deutlich, mein Kreuz ist noch gut, ich gehe noch aufrecht wie ein Rekrut . . . Und sehen Sie, Kamerad . . . ich bin der reichste Mann in der Welt . . . und dann habe ich jeden Mittag meine gute Suppe . . . so gut kocht Niemand in der Welt Suppe wie sie . . . mein Stück schönen guten Braten, meinen Schoppen Wein, meinen Kaffee . . . mit vier Bohnen macht sie den Kaffee besser als eine Andere mit einem Pfund . . . und doch ist mir's schon tausendmal vorgekommen, daß ich dem Burschen, der da sitzt, den Marsch gemacht hab': Du bist der undankbarste Bursch von der Welt, daß Du manchmal ärgerlich bist und Dir das und das wünschest, was Du nicht hast. Sieh doch einmal her, wie Alles so fein und nett, das gute Brod, der gute Stuhl, die gute Pfeife und so viel gute Ruhe; Du bist der glücklichste Mensch von der Welt, daß Du das hast . . . Ja, liebster Kamerad! Sie . . . Sie sollen ja grundgelehrt sein . . . Sehen Sie . . . ich bin nicht studirt, habe nichts gelernt, bin Tambour gewesen . . . werd's Ihnen schon noch einmal erzählen . . . Ja, Kamerad . . . was hab' ich sagen wollen? So ist's! . . . Sie wissen tausendmal mehr als ich, aber Eins können Sie doch von mir lernen. Lassen Sie sich das Leben besser bekommen! Jetzt ist die Stunde, jetzt seien Sie froh, jetzt lassen Sie sich's schmecken; diese Stunde kommt nicht wieder. Nur nicht immer auf morgen denken! . . . nehmen Sie einmal einen tiefen Athemzug, Kamerad . . . Nun, was ist das für eine Lust? Gibt's eine bessere? . . . Und dazu haben wir unsere guten, sauberen Kleider an! . . . Ach, danken Sie doch dem da oben . . . Ja Kamerad, hätte ich Jemand gehabt, der mir das in Ihrem Alter gesagt hätte, wie ich Ihnen jetzt . . . Remdem! . . . Doch ich bin ein alter Plauderer . . . Brav, daß Sie mich besuchen! . . . Also wie geht's? Wollen Sie wirklich unsern Jungen im Feuer exerciren? Ich glaube, Sie sind der Mann dazu, Sie werden ihn formiren . . . Sie wissen, Kamerad, was formiren ist . . . Das kann nur ein Soldat. Der Soldat allein kann den Menschen schulen. Nur strenges Regiment! . . . Ich garantire, der wird gut . . . der wird gut . . . Fräulein Milch hat's auch immer gesagt: der wird gut, wenn er nur in die rechten Hände kommt. Die Schulmeister sind alle nichts nutz; Herr Knopf war ganz brav, seelengut, aber er hatte die Zügel nicht fest. Jetzt ist's gewonnen! . . . Ich danke Ihnen, daß Sie zu mir gekommen. Wenn ich Ihnen helfen kann, denken Sie daran, wir sind Kameraden. Ist besonders gut, daß Sie Soldat gewesen, habe immer einen gewünscht . . . Fräulein Milch kann mir's bezeugen . . . hab's hundertmal gesagt, nur ein Soldat! . . . Jetzt machen wir aus Roland einen Soldaten, einen Kernsoldaten, er hat Courage, fehlt ihm nur der Appell!«

»Ich möchte,« entgegnete Erich, »wenn ich die Stelle antrete . . .«

»Wenn? Ist kein Zweifel mehr, das sage Ich . . . Remdem . . . Gelte auch was. Aber entschuldigen Sie, will nichts mehr reden . . . Sie wollten was sagen, Kamerad.«

»Roland soll vor Allem ein gebildeter, umsichtiger und guter Mensch werden, was sich dann als sein Beruf herausstellt . . .«

»Ganz recht, ganz recht . . . rechtschaffen gesprochen . . . so ist's gut . . . hat mir viele Sorge gemacht, der Junge! Wie närrisch sind doch die Menschen, die sich Millionen wünschen, und wenn sie sie haben – mehr als sich satt essen und acht Stunden schlafen kann Niemand. Die Hauptsache ist« – und der Major dämpfte seine Stimme und hob die Hand in die Höhe – »die Hauptsache ist: der Mensch muß zur Natur zurückkehren; das ist das Ganze, was der Welt fehlt . . . sie muß zur Natur zurückkehren.«

Erich fragte den Major nicht, was er unter diesem Satze verstehe. Der Major liebte diesen Satz, er wendete ihn immer an und ließ dann Jeden selbst suchen, was darunter zu verstehen sei.

»Zur Natur zurückkehren, damit ist Alles gesagt,« wiederholte er.

Nach einer Weile begann er wieder:

»Ja, was wollt' ich noch fragen? . . . Sagen Sie mir, Sie hatten wol auch viel zu leiden im Soldatenstand, weil Sie ein Bürgerlicher . . . nicht von Adel waren?«

Erich wies auf die Artillerie hin und der Major sagte stotternd:

»Freilich, freilich . . . Sie, wissenschaftlich gebildeter Mann, haben das weniger erlebt. Ich habe meinen Abschied gefordert. Ich erzähl' Ihnen das schon noch.«

Erich erwähnte, daß er beim Pfarrer gewesen war, und der Major sagte:

»Ist ein Ehrenmann, aber ich lasse nichts bei den Geistlichen arbeiten. Wir sprechen nicht davon, brauche aber kein Hehl daraus zu machen, ich bin Freimaurer.«

Erich nickte und der Major fuhr fort:

»Was Gutes an mir ist, hat da seine Heimat; wir werden noch mehr darüber sprechen . . . ich will Sie einführen. O, wie wird sich Herr Weidmann freuen, Sie kennen zu lernen!«

Und wieder war's beim Erwähnen von Weidmanns, als gedenke man einer schönen Aussicht auf dem höchsten Berge der Landschaft. Der Major fuhr fort:

»Nun aber die Geistlichen. Sehen Sie« – und er rückte seinen Stuhl etwas näher – »sehen Sie, meine Trommel, da ist Alles drin . . . Sehen Sie, ich war Tambour . . . Ja, lächeln Sie nur . . . sehen Sie, da sagt die ganze Welt, solch eine Trommel macht bloß Lärm, und ich sage Ihnen, es liegt eine Musik drin, so schön . . . ich will Niemand zu nahe treten . . . so schön wie Alles . . . Da sag' ich nun . . . geben Sie wohl Acht . . . ich sage: ich streite nicht mit Euch, daß Ihr bloß Lärm hört, streitet Ihr aber auch nicht mit mir, daß ich etwas Anderes drin höre . . . Ich hab' so darüber nachgedacht: man wird mit Maschinen noch Alles machen, die Menschen sind gar klug, aber Trommel und Hornsignale wird doch keine Maschine machen können, dazu braucht man menschliche Hand und menschlichen Mund . . . ich bin nämlich Tambour gewesen . . . werd' Ihnen das schon noch erzählen. Sehen Sie . . . am Ton merk' ich's, was Einer für ein Herz hat, wenn er die Trommel schlägt. Wo Du, mein Bruder, nichts als Lärm und Unsinn hörst, da höre ich Musik und tiefen Verstand. Drum nur um Gotteswillen keinen Streit um die Religion, eine ist so wenig oder so viel nütze wie die andere, sie geben nur den Marsch an, die Hauptsache ist, wie der Mensch für sich marschirt, wie er sich exercirt hat und was für ein Herz er im Leib hat.«

Erich wurde aufgeheitert von der Absonderlichkeit des Mannes, in dem doch ein tiefer Ernst und eine sittliche Freiheit eigener Art war.

Seine Pfeife neben sich stellend, fragte der Major:

»Haben Sie einen Menschen auf der Welt, den Sie hassen, bei dessen Anblick sich Ihnen das Herz im Leibe umdreht?«

Erich verneinte und erzählte, daß sein Vater ihm schon früh tief eingeprägt habe, nichts schädige die eigene Seele so sehr als Haß, und schon um seiner selbst willen dürfe man keine solche Empfindung in sich einwurzeln lassen.

»Das ist mein Mann! das ist mein Mann!« rief der Major. »Jetzt sind wir fertig mit einander. Wer einen solchen Vater gehabt hat . . . Sie sind auch mein Mann!«

Er erzählte nun, daß im Städtchen ein Mensch sei, den er hasse; es sei der Steuercontroleur, der die St. Helena-Medaille trägt, die der neue Napoleon den Veteranen gegeben für die Heldenthaten, daß sie zur Unterdrückung ihres Vaterlandes mitgekämpft.

»Und denken Sie sich,« rief der Major, »hat sich der Mann mit der Helena-Medaille abmalen lassen; in seinem Staatszimmer hängt das Bild eingerahmt und drunter in einem besonderen Rahmen das vom französischen Minister unterzeichnete Diplom. Ich grüße den Mann nicht, danke seinem Gruß nicht, setze mich nicht an einen Tisch mit ihm; er hat eine andere Ehre als die meine. Und sagen Sie mir, muß es nicht etwas geben, womit man schlechte Menschen straft? Ich kann's nur damit thun, daß ich ihm meine Verachtung zeige . . . es wird mir eigentlich schwer, aber muß ich nicht?«

Groß schaute der alte Mann auf, als Erich ihm vorstellte, man dürfe auch nachsichtig gegen den Mann sein; Eitelkeit habe eine große Kraft der Verführung, und überdies hätten ja manche Regierungen es gerne gesehen, wenn ihre Beamten sich um die Helena-Medaille bewarben, und so sei der Mann, der im Staatsdienste stehe, nicht zu verurtheilen.

»Das ist brav! das ist brav!« schrie der Major und nickte nach seiner Gewohnheit mehrmals mit dem Kopfe. »Sie sind der rechte Erzieher! Ich bin alt, kenne viele Menschen, und sie mögen sagen, was sie wollen, ich habe noch keinen schlechten Menschen kennen gelernt, keinen wirklich schlechten. In der Hitze, in Dummheit und Hochmuth thun sie manchmal Unrechtes, aber lieber Gott! da hat man nur dem himmlischen Vater zu danken, daß man nicht auch so ist; wie vielmal hätt' ich so werden können. Ich dank' Ihnen . . . ich dank' Ihnen . . . Sie haben mir den Feind vom Halse . . . Ja wohl vom Halse . . . geschafft, da hat er immer gesessen, schwer und . . . Sehen Sie, da kommt just der Mann!«

Der Controleur kam am Garten vorüber, der Major ging mehrmals nickend gegen den Zaun; er hoffte vielleicht, daß der Mann zuerst grüßen sollte. Als dies aber nicht geschah, rief der Major plötzlich und mit einer Stimme, als ob ein Geschoß losgegangen wäre:

»Guten Morgen, Herr Controleur!«

Der Mann dankte und ging vorüber. Der alte Major aber war ganz glücklich und strich sich mehrmals mit der Hand übers Herz, als wäre da eine Last weggenommen.

Fräulein Milch schaute zum Fenster heraus und der Major bat sie, doch herunterzukommen, er habe ihr etwas sehr Gutes zu erzählen. Sie kam; sie sah noch säuberlicher aus als vorher, sie hatte eine hohe weiße Schürze, an der die Knitter des Bügeleisens noch zu sehen waren. Der Major verkündete ihr nun, daß der Controleur nicht so schuldig sei, er habe ja nur aus Gehorsam gegen die Regierung die Helena-Medaille angenommen.

Er zeigte Erich das Gärtchen und sagte, daß Fräulein Milch eine große Feindin der Schmetterlinge sei.

»Ja,« sagte er, »sie meint mit den fremden Blumen drunten bei Herrn Sonnenkamp entstehen fremde Schmetterlinge, die man sonst hier gar nicht gesehen hat. Kann das sein? Es hat mir noch kein Gelehrter darauf Antwort geben können, und wissen Sie warum? Ich habe noch keinen gefragt. Ja, lieber Kamerad, solch einem Gärtchen sieht man nicht an, wie viel Arbeit es braucht; im Umsehen wächst Unkraut und ist nicht mehr zu bewältigen.«

Sie gingen mit einander nach dem Hause und der Major zeigte seinem Gaste die Zimmer, in denen schmucklose Nettigkeit herrschte; dann sah er nach dem Barometer und sagte:

»Bleibt gut.«

Als er den vor dem Fenster angeschraubten Thermometer betrachtete, wischte er sich die Stirn, als ob er jetzt erst wisse, wie heiß es sei.

Ein Schuß tönte aus der Ferne. Der Major wies Erich nach der Richtung, woher der Schall kam, und sagte:

»Ich hör' hier die Schießübungen aus der Festung. Ich finde, daß die gezogenen Kanonen denselben Ton haben wie die glatten. Ach, Kamerad, Sie müssen mich in der neuen Kriegskunst unterrichten, ich verstehe nichts mehr davon, aber wenn ich da drunten schießen hör', da wird der Soldat in mir wach.«

Nun bat er Fräulein Milch, eine Flasche Wein zu bringen und zwar vom besten. Fräulein Milch schien das schon vorbereitet zu haben, sie brachte Flasche und Gläser sofort herbei, winkte aber dem Major mit den Augen; er verstand und sagte:

»Seien Sie ohne Sorge, ich weiß wohl, daß ich des Morgens nichts trinken darf. Bitte, Herr Hauptmann, geben Sie mir Ihren Korkzieher, ich halte Sie für einen rechten Mann und ein rechter Mann hat einen Korkzieher in der Tasche.«

Lächelnd reichte Erich sein Messer hin, das mit einem Korkzieher versehen war.

Während der Major die Flasche anbohrte, sagte er:

»Und ein Zweites kann ein rechter Mann auch: Pfeifen! Kamerad, seien sie so gut und pfeifen Sie einmal.«

Erich konnte vor Lachen den Mund nicht spitzen. Die Flasche war entkorkt und die Beiden stießen auf gute Kameradschaft an. Dann sagte der Major:

»Uns ist's vielleicht hier glücklicher zu Muthe als unserm Freund Sonnenkamp in seiner großen Villa. Aber, Herr Hauptmann, ich sage wieder, ein Elephant ist glücklich und eine Fliege ist auch glücklich; der Elephant hat nur einen größern Rüssel als die Fliege.«

Der Major lachte, daß er sich schüttelte, und vom Lachen angesteckt, lachte auch Erich, und so oft sie sich wieder ansahen, fingen sie Beide von Neuem an zu lachen.

»Sie erklären mir das Sprüchwort,« rief Erich, »daß man die Mücke für einen Elephanten ansehen kann, und in der That ist's zutreffend: nicht die Größe, nicht das Maß, sondern der Organismus ist das Leben.«

»Recht so . . . recht so!« rief der Major. »Fräulein Milch, kommen Sie doch einmal herein.«

Fräulein Milch, die hinausgegangen war, trat ein und der Major fuhr fort:

»Bitte, Herr Hauptmann, sagen Sie das noch einmal von dem Organismus. Das ist so eine Sache für Fräulein Milch, denn sehen Sie, die studirt viel mehr, als sie sich's merken läßt. Bitte, Kamerad, nochmals das vom Organismus! Ich kann's nicht so gut geben!«

Erich erklärte nochmals das Gleichniß.

Fräulein Milch empfahl Erich den Schullehrer des Dorfes, der ein ausgezeichneter Schönschreiber sei, zur Beihilfe, und der Major rief lachend:

»Ja, Kamerad, Fräulein Milch ist die lebendige Rangliste; fragen Sie bei ihr an, wenn Sie über Jemand Auskunft haben wollen. Und lassen Sie sich um Gotteswillen von der Gräfin Wolfsgarten keine Medicin geben, Fräulein Milch versteht Alles viel besser . . . und Blutegel setzen kann kein Mensch so gut wie sie.«

Erich sah die Verlegenheit der guten Alten, er lobte ihren Garten und die schönen Blumen und Blattpflanzen, die vor dem Fenster standen. Der Major behauptete, sie verstände die Gärtnerei vielleicht besser als Herr Sonnenkamp, und wenn man noch dazu schreiben könnte, mit wie wenig Mitteln sie das gepflanzt und erhalten, bekäme sie den ersten Preis auf der Ausstellung und nicht die Herren mit ihren großen Treibhäusern.

Ablenkend sagte Fräulein Milch zu Erich, es sei hart für Roland, daß er nicht das rechte Vergnügen habe.

»Nicht das rechte Vergnügen?« lachte der Major. »Da hört einmal an!«

»Ja,« setzte Fräulein Milch hinzu, und die Bänder und Maschen an ihrer Haube nickten beistimmend mit, »er hat lauter Vergnügen, die Geld kosten, aber das sind nicht die rechten; und wer durch die Welt blos spazieren fährt, wer nichts darin zu thun hat, der sucht das Vergnügen vergebens.«

In diesem Augenblicke ward ein geheimer Vertrauensbund geschlossen, ein Verständniß zwischen Erich und Fräulein Milch.

Von Beiden bis zur Hausthüre geleitet, verließ Erich das Haus. Als man die Thür öffnete, sprang ein braun- und weißgefleckter Hühnerhund an den Major herauf.

»So?« rief der Major scheltend und liebkosend dem Hunde zu. »Ei! wo ist sie wieder gewesen, sie Landläuferin? Wer weiß wo? und derweil haben wir einen Gast im Hause . . . Du lernst, so alt du bist, keinen Anstand und keine Ordnung. Schäm' dich . . . schäm' dich!«

So sprach der Major zu seinem Hunde, der in der ganzen Gegend wohlbekannten Laadi; er hielt sich eine Hündin, weil mit einer Hündin die Hunde in den Dörfern niemals raufen.

Als der Major und Erich den Garten verließen, sagte der Major:

»Sehen Sie einmal diese zwei Wachposten, die kurz gehaltenen Eschenbäume an. Seit mehreren Jahren habe ich's beobachtet, der da links steht, hat immer um zehn bis elf Tage früher Blätter bekommen, als der da rechts. Nun trat einmal unversehens wieder Frost ein und da welkten die Blätter ab und er kümmerte den ganzen Sommer nur so hin; seitdem ist er gescheidt, er läßt den andern zuerst Blätter kriegen und kommt dann nach. Sollte man nicht glauben, daß so ein Baum auch Verstand hat? Ja, lieber Kamerad, es ist Alles viel weiser eingerichtet in der Welt, als wir wissen, und, sehen Sie, ich bin doch pensionirt und habe nichts zu thun, aber ich habe so viel im Auge zu halten, daß der Tag oft zu kurz ist. Nun leben Sie wohl und denken Sie, daß Sie auch bei uns daheim sind.«

Als Erich die Abschiedshand reichte, sagte der Major:

»Ich danke Ihnen. Ich hab' jetzt einen Menschen mehr, den ich lieb haben kann, und das ist doch das Beste; das nährt und erhält jung und gesund.«

Schon war Erich mehrere Schritte fortgegangen, als der Major ihm nachrief, er möge anhalten. Er kam und sagte:

»Ja, wegen Herrn Sonnenkamp noch . . . Lassen Sie sich nicht irre machen, Kamerad. Die profanen Menschen machen aus einem Glücklichen einen Götzen oder zerren an ihm herum. Herr Sonnenkamp ist ein etwas rauhrindiger Mann, aber im Kern gut; und was die Vergangenheit angeht, wer kann seine ganze Vergangenheit loben? welcher Mensch kann das? Ich wenigstens nicht und ich weiß auch keinen Andern. Ich bin nie schlecht gewesen und habe doch nicht immer so gelebt, wie ich jetzt wünschen möchte. Aber genug, Sie sind ja gescheidter als ich.«

»Ich verstehe das vollkommen,« erwiderte Erich; »das amerikanische Leben scheint mir bei allem Kirchengehen ein in höherem Sinne sonntagsloses Dasein; da ist beständiges Arbeiten und Trachten nach Geldverdienen, nach sonst nichts. Wenn das nun Menschen Jahrzehnte lang getrieben, verlieren sie die Fähigkeit, wieder das Höhere in sich zu gewinnen; sie reden sich ein, wenn sie nur genug hätten – ach, wer nach Geld strebt, bekommt nie genug! – sie reden sich ein, dann wollten sie sich dem Edleren widmen. Wenn das nur dann noch möglich wäre! Herr Sonnenkamp nun hat sich doch noch ein Ruheleben geschaffen . . .«

»Recht so . . . recht so,« bestätigte der Major, »er hat sich als Goldsucher viel im Schlamm herumtreiben müssen, bis er zu dem großen Besitzthum gekommen ist . . . Ja, ja, ich bin ruhig . . . Sie sind gescheidter als ich.«

Mit heiterem Sinn kehrte Erich auf den Weg nach der Villa zurück. Plötzlich hörte er einen Wagen daherrasseln, Clodwig und Bella riefen ihn an.

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