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Das Landhaus am Rhein / Band I

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band I - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band I
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band I
pages1-286
created20060719
sendergerd.bouillon
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Zwölftes Capitel.

Prancken ging mit der Reitgerte fuchtelnd im Hofe auf und ab, sein Reitpferd stand gesattelt. Mit anmuthiger Behendigkeit eilte er auf Sonnenkamp zu und sagte, daß er sich verabschieden müsse. Es war ein höflich neckischer Ton zwischen den Beiden. Als Sonnenkamp sagte, Prancken überrasche ihn mit seiner Abreise, erwiderte dieser, er sei überzeugt, dadurch in Consonanz mit seinem Freunde Sonnenkamp zu stehen; denn nichts sei widerwärtiger und mache das Leben so welk, als das beständige Bereden und Durchsprechen; er schieße den Hasen und überlasse die Herrichtung den gelehrten Kochkünstlern.

Prancken brachte das mit dem gewohnten rasselnden Tone vor und drehte dabei die Spitzen seines blonden Schnurrbarts. Von Erich nahm er sehr kühl Abschied und sagte, er hoffe ihn bei der Rückkehr von einer kleinen Reise noch hier zu treffen.

»Sollten Sie indeß bereits abgereist sein, so haben Sie die Gewogenheit, mich der gnädigen« – er machte eine Pause und sagte dann – »der Frau Professorin, Ihrer Mutter, zu empfehlen.«

Er hatte den einen Handschuh ausgezogen, als er Sonnenkamp Lebewohl sagte, jetzt zog er ihn wieder an und reichte auch Erich die Hand. Erich war es nicht unlieb, daß sich Prancken in ein kühleres Verhältniß zu ihm stellte; vielleicht konnten sie hiebei friedlicher und unabhängiger neben einander gehen.

Prancken rief Sonnenkamp nochmals bei Seite und sagte, er habe ihm allerdings den jungen Gelehrten empfohlen – er betonte das Wort »jungen Gelehrten« mit eigenthümlich vornehmer Kälte – er bitte indeß, nicht darauf hin abzuschließen, sondern selbst genau zu prüfen.

»Herr Baron,« erwiderte Sonnenkamp, »ich bin Kaufmann« – er machte eine lauernde Pause, ehe er fortfuhr – »ich weiß also, was Referenzen sind . . . Ich erkläre Ihnen, Sie sind von aller Verantwortung frei, und was die Prüfung anbetrifft . . . Herr Baron, ich bin Kaufmann« – wieder die lauernde Pause – »der junge Mann ist der Verkäufer und ein Verkäufer muß sich immer mehr kennen lassen als der Käufer und nun gar hier, wo der Verkäufer zugleich die Waare ist.«

Prancken lächelte und nannte das die feinste Diplomatie. Er machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand und sagte, es wäre am besten, Erich ohne Weiteres wieder fort zu schicken; er ging nach seinem Pferde, sprang behend in den Sattel. Sonnenkamp rief ihm noch zu, er möge nachsehen, ob die Magnolia im Klosterhofe gut gediehen sei. Sofort zum Galopp ansprengend, ritt Prancken davon.

Sonnenkamp fragte Erich, ob er nicht glaube, daß nur ein Mann, der von Jugend an sich der Adelsbevorzugung bewußt sei, dieses souveräne freie Spiel mit dem Leben gewinnen könne. Erich erwiderte, daß dem bürgerlichen Manne keine wirkliche Schönheit des Lebens verschlossen sei.

Auch Sonnenkamp ward sein Reitpferd vorgeführt; alsbald stieg er auf und ritt davon.

Erich suchte Roland auf und fand ihn bei seinen Hunden. Der Knabe wollte, Erich solle sich sofort einen der jungen Hunde auswählen.

»Und denke Dir,« setzte er hinzu, »eine Taglöhnerin berichtet mir eben, daß das Erdmännchen vom Satan einen Schaden davongetragen habe. Geschieht dem einfältigen Menschen ganz recht; warum übernimmt er etwas, wenn er zu ungeschickt dazu ist?«

Erich sagte, wie grausam es sei, einen Menschen als Puppe zu betrachten und sich nicht um ihn zu kümmern, wenn man damit gespielt hat. Roland warf den Kopf unwillig zurück.

Schweigend stand er neben Erich und bat endlich, auch mit ihm auszureiten. Sie ritten nach dem Dorfe, Roland aber ließ sich nicht bewegen, zu dem Erdmännchen zu gehen; Erich ging allein, er fand das Männchen ächzend auf dem Bette liegen. Als er in das Haus des Krischers zurück kam, traf er Roland nicht; er war mit Satan in den Wald auf die Höhe gegangen.

Der Krischer grüßte Erich mit weniger Unterwürfigkeit; er rückte wol die Mütze, aber nur um sie etwas schief aufzusetzen, und näherte sich ihm in jener oberrheinisch vertraulichen Weise, wobei es immer ist, als ob man mit einem Glase anklinge und sich gütlich thue.

»Herr Hauptmann, haben Sie abgemacht?« fragte er.

»Nein.«

»Darf ich Ihnen noch was sagen?«

»Warum nicht?«

»Es kommt drauf an, wie man's ansieht. Der dort drunten« – er wies mit dem Daumen nach der Villa zurück – »der kauft noch die ganzen Rheinlande. Aber sehen Sie da den Fuchshund –«

»Halt!« fiel Erich ins Wort und erklärte mit Entschiedenheit, daß der Krischer kein Recht habe, so zu ihm und von einem Andern zu sprechen.

Der Krischer rauchte hastiger aus seiner Napoleonspfeife, dann sagte er:

»Ja, ja, Sie sind der, der den da drunten an der Gurgel packen kann, und ich sehe, ich bin nicht gescheidt genug für Sie. Sie wollen mir keinen Dank schulden; ich will keinen und auch keinen Lohn!«

Er murmelte vor sich hin, daß Alles, was den Reichen nahekomme, sich verderben lasse.

Roland kam aus dem Walde zurück. Erich erwartete, er werde nach dem Erdmännchen fragen. Der Knabe schwieg und schweigsam ritten die Beiden wieder zurück.

Erich ließ sich bei Herrn Sonnenkamp melden und erklärte, daß er nun in ein festes Verhältniß zu Roland eintreten müsse.

»Sie finden also auch, daß Roland ein vortrefflicher Junge ist?«

»Er hat viel Bestimmtheit und – ich weiß wohl, daß ein Vater das nur schwer anhören mag, aber nach Ihren eingehenden Fragen von gestern darf ich erwarten, daß Sie Freiheit genug besitzen –«

»Gewiß, gewiß; sprechen Sie nur offen.«

»Ich finde eine gewisse Hartherzigkeit und eine bei solcher Jugend überraschende Theilnahmlosigkeit für das rein Menschliche,« fuhr Erich fort und erzählte, wie Roland sich gegen das Erdmännchen benommen hatte.

Ein Lächeln zuckte durch die Mienen Sonnenkamps, der nun fragte:

»Und Sie sind der Zuversicht, ein verdorbenes Gemüth zu veredeln?«

»Bitte, ich habe nicht von einem verdorbenen Gemüth gesprochen; ich möchte vielmehr sagen, Roland befindet sich jetzt auch im Mutiren der Geistesstimme und da läßt sich die bleibende Tonlage nicht ermessen, aber Behutsamkeit in der Einwirkung ist um so nöthiger.«

»Und was halten Sie von den Talenten Rolands?«

»So weit ich bis jetzt sehen kann, bemerke ich nichts, was über das gewöhnliche Maß hinausgeht; er hat natürlichen Verstand, leichte Fassungsgabe, aber Festhalten – das ist sehr fraglich. Ich bin über diese Constitution des Geistes noch nicht klar; ist sie nicht zu verbessern, so fürchte ich, wird Roland nicht glücklich, weil er an nichts anhaltende Freude gewinnt und Lust und Pflicht der Fortsetzung empfindet. Doch das sind vielleicht Grübeleien.«

»Nein, nein, Sie haben Recht, ich habe kein Vertrauen zum Charakter meines Sohnes; er lebt stets auf kurze Sicht. Eine Sache, für die er etwas thun soll und deren Erfolg erst später erscheint, ist ihm langweilig und überdrüssig.«

»Das ist Kinderart.«

»Aber solche Kinder werden nie strenge Männer. Darum wollte ich, daß Roland die Pflanzen liebte; da müßte er lernen, daß es etwas gibt, das zu keiner Zeit vernachlässigt und vergessen werden darf.«

»Es freut mich,« entgegnete Erich, »daß Sie mich hier auf die tiefsten Punkte bringen. Zunächst also, daß ein Reicher und der Sohn eines Reichen ganz ähnlich wie der Fürst und ein fürstliches Kind immer nur dienende Freunde hat. Ich bin wider meinen Willen der Vergnügungskamerad Rolands geworden, da wird nun der nachfolgende Ernst abstoßend wirken.«

»Ließen sich denn Vergnügen und Ernst nicht vereinigen?«

»Ich hoffe das. Man muß aber auch den Ernst bekennen.«

Erich schwieg und Sonnenkamp fragte:

»Sie haben noch ein Zweites?«

»Allerdings. Das Andere liegt darin, dessen ich auch bereits erwähnt. Roland muß einen festen Punkt gewinnen, eine stetige, heimische Verbindung mit den Dingen der Außenwelt. Wer keine Jugenderinnerungen, keine tiefe Anhänglichkeit an ein Bestehendes hat, dem ist die Quelle der Gemüthsinnigkeit abgesperrt. Was die Seele im Tiefsten speist und tränkt, was man vielleicht die Muttermilch des Geistes nennen dürfte, das sind tiefe, anhängliche Jugenderinnerungen.«

Sonnenkamp zuckte bei diesen Worten, und Erich setzte hinzu:

»Die Heimatlosigkeit schädigt die Seele Ihres Sohnes.«

»Heimatlosigkeit? Verstand ich recht? Heimatlosigkeit?«

»Ja. Das innere Leben des Kindes bedarf der Angewöhnung. Ein einziges Festes in der Seele macht auch die Seele fest. Wenn ich sagte, daß der Mensch ein Ziel haben müsse, so muß er auch einen festen Ausgangspunkt haben, und das ist die Heimat. Sie sagten mir, daß Roland an nichts rechte Freude habe. Kommt das nicht davon, weil der Knabe heimatlos, ein Kind der Gasthöfe, nirgends eine Einwurzelung, noch mehr, keine festen Anschauungen, keine Bilder hat, in die er sich eingelebt, wohin seine Phantasie immer wieder zurückkehrt? Er hat, wie er mir erzählte, im Colosseum zu Rom, im Louvre zu Paris, im Hydepark zu London und am Genfersee gespielt und nun überhaupt, in Europa lebend, doch immer im stolzen Bewußtsein seines Amerikanerthums, gibt das nicht eine Unruhe in die Seele, die kein Gedeihen aufkommen läßt.«

»Ich sehe,« entgegnete Sonnenkamp und lehnte den Kopf zurück, »Sie gehören doch auch zu den eingeheimsten Deutschen, die durch die ganze Welt in Wirklichkeit und in Gedanken rennen und sich dabei immer höchst selbstgefällig streicheln: Ach, ich bin so gemüthlich, das habt Ihr Alle nicht. – Pah! ich sage Ihnen, wenn ich meinem Kinde etwas Gutes gebe, so glaube ich, ist es besonders das, daß es die Sentimentalität der sogenannten heimatlichen Eingesessenheit nicht hat.«

»Eben darum,« fiel Erich ein, »mußte ich Sie auch fragen, ob Roland sich als Deutscher oder Amerikaner fühlen soll.«

Sonnenkamp hörte kaum darauf, er fuhr fort:

»Der Pfiff der Locomotive verscheucht all das frühere so gehätschelte Heimweh. Wir sind in der That Weltbürger und gerade das ist das Große, noch nie Dagewesene des Amerikanismus, daß keine nationale Beschränkung oder gar ein Pfahlbürgerthum die Seele beengt. Das Heimatsgefühl ist ein altes Uebel und ein Vorurtheil. Roland soll ein freier Mensch werden!«

Erich war still. Erst nach geraumer Weile sagte er:

»Es ist vielleicht nicht gut, daß wir uns ins Allgemeine begeben. Ich wollte nur sagen, so wenig eine Reise ein inneres Vergnügen schafft, wenn man kein Ziel hat, das man erreichen, keinen Zweck, den man unterwegs pflegen will, so wenig kann ein Leben, das auf kein bestimmtes Thun und Erkennen hinzielt, die Ruhe des Daseins geben.«

»Ich ehre und schätze Ihren großen Ernst,« versetzte Sonnenkamp und entschuldigte sich, daß er jetzt diese Erörterung abbrechen müsse.

Erich verließ die Arbeitsstube Sonnenkamps und ging zu Roland. Er fand den Knaben damit beschäftigt, ein Stück halb rohen Fleisches zu kauen und das Gekaute dem neu abgerichteten Hunde Satan zum Fressen zu geben; das sollte nach der Angabe des Krischers den Hund unzertrennlich von ihm machen. Eine Weile sah Erich zu, dann ersuchte er Roland, den Hund fortzuschicken, denn er habe ihm etwas zu erzählen.

»Kann denn der Hund nicht dabei sein?«

Erich antwortete nicht, er sah, daß er zuerst die Concurrenz mit den Hunden zu beseitigen habe. Als er nun nochmals einen auffordernden Blick auf Roland wendete, sagte dieser: »Komm, Satan, wart' hier vor der Thür!« und sich zurückwendend, sprach er:

»So, nun erzähle.«

Erich erfaßte die Hand Rolands und legte ihm dar, daß er gekommen sei, um sein Erzieher zu werden. Roland stemmte sein schönes Haupt auf die leicht geballte linke Hand und starrte den Redenden mit seinen großen unstet brennenden Augen an.

»Das wußte ich,« sagte er endlich.

»Und wer hat Dir's gesagt?«

»Der Krischer und Joseph.«

»Und warum hast Du mir nichts davon kundgegeben?«

Roland ließ sich zu keiner Antwort herbei, er wendete nur einmal den Blick, da Erich hinzusetzte, daß er dem Vater nicht habe vorgreifen wollen und daß er selber zuerst habe prüfen müssen, ob er sich für dieses Haus eigne. Noch immer schwieg Roland. Der Hund kratzte an der Thür, Roland schaute nach derselben, aber er wagte nicht, sie zu öffnen. Erich that's. Der Hund sprang herein und schmiegte sich an Roland, dann ging er auch zu Erich und leckte ihm die Hände; es war, als sei er ein geheimer Bote, ein stiller und vielsagender zwischen den Beiden.

»Er hat Dich auch gern!« rief Roland in kindischer Lust, sprang auf und warf sich an die Brust des Mannes, und dieser hielt ihn fest umschlungen; der Hund bellte, wie wenn er sprechen müßte.

»Wir wollen treu zusammenhalten,« rief Erich, den Knaben von sich loslassend; »ich hatte einen Bruder in Deinem Alter, Du sollst mein junger Bruder sein.«

Roland hielt stumm die rechte Hand Erichs in seinen beiden Händen.

»Nun laß uns gleich frisch und munter unser Leben anfangen.«

»Ja,« entgegnete Roland, »wir wollen Satan aus dem Wasser apportiren lassen, er kann's prächtig.«

»Nein, Roland, wir wollen arbeiten. Laß einmal sehen, was hast Du denn eigentlich gelernt?«

Erich hatte wohl bemerkt, daß Roland, der in Anderem mangelhaften Wissens war, in der Geographie ziemlich gute Kenntnisse hatte. Er prüfte ihn daher und Roland war glücklich, genaue Antworten geben zu können. Allmälig gingen sie in andere Wissensgegenstände über und da sah es wüst aus, das Latein vor Allem haßte Roland mit einer persönlichen Feindschaft.

»Wir wollen mit Ruhe das Nöthige lernen,« tröstete ihn Erich, »dann aber wollen wir reiten, fahren, schießen, fischen und im Kahne rudern.«

Diese Aussicht erheiterte den Knaben sehr, und als jetzt die Glocke vom Thurme schlug, sagte er plötzlich:

»In einer Stunde ist Herr von Prancken bei Manna. Ich will auch so gut reiten, fechten und schießen lernen, wie Herr von Prancken. Ich habe Herrn von Prancken einen Brief an Manna mitgegeben.«

»In welcher Sprache schreibst Du?«

»Englisch« . . .

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