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Das Landhaus am Rhein / Band I

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band I - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band I
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band I
pages1-286
created20060719
sendergerd.bouillon
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Neuntes Capitel.

Auf Gras und Blumen schimmerte der Morgenthau; die Vögel sangen lustig, als Erich durch den Park wanderte. Ueberall zeigte sich ein wohlordnender und sorgfältiger Geist.

Zwei Frauen trugen Gartenerde aus einem im Rhein liegenden Kahn ans Land; Erich hörte, wie sie mit einander plauderten.

»Gott sei Dank, der uns den Mann geschickt;« sagte die Eine. »da braucht Niemand in der Gegend mehr Noth zu leiden, wer arbeiten mag.«

»Ja,« rief die Andere, »und da sind die Menschen noch so schlecht und sagen dem Manne nach, ich weiß nicht was.«

»Was denn?«

»Er sei ein Schneider gewesen.«

Erich mußte an sich halten, um nicht laut aufzulachen. Eine dritte Frau mit etwas kropfiger Stimme sagte:

»Ei was, Schneider – ein Seeräuber ist er gewesen und hat dem Sultan in Afrika ein goldenes Schiff gestohlen.«

»Und wenn's auch wäre,« sagte die Andere, »die Menschenfresser haben Gold genug und sind noch Heiden dazu, und der Herr Sonnenkamp thut Gutes mit dem Golde.«

Erich ging weiter. Von einer Anhöhe sah er, wie das Haus und die Nebengebäude mit Park und Garten schön in Einklang gesetzt waren; in der Nähe des Hauptgebäudes waren nur Bäume von dunklem Laub, Linden, Ulmen und Rüstern, welche die helle Architektur des in gutem Renaissance-Styl gebauten Hauses um so glänzender hervortreten ließen. Die Laubengänge führten allmälig wie überleitend zum festgefügten Wohnhause, und dieses selbst schien nicht in die Naturumgebung hineingebaut, sondern aus ihr herausgebildet; die steinernen Säulengänge, die Rasen, die Bäume, die Erhöhungen leiteten auf das Haus hin; Alles stimmte zusammen. Das Ganze war ein Meisterwerk der ländlichen Baukunst, ein Stück Naturpoesie nach dem reinen Gesetze der Kunst; alles Menschenwerk sah so frisch aus, als ob es eben erst aus der Hand des Arbeiters hervorgegangen, und man sah jedem Gitterstabe an, welche Sorgfalt auf Jegliches verwendet wurde.

Als Erich aus dem Dickicht der Bäume an den Teich kam, trat ihm Herr Sonnenkamp entgegen. Er sah fremd aus in der grauen, mit Schnüren besetzten kurzen Plüschjacke; er freute sich, Erich schon wach zu finden, und erbot sich, ihm die ganze Anlage zu zeigen.

Zunächst machte er auf einen großen Busch Pampasgrases aus den Prairien aufmerksam, und indem er eine eigene Wurfbewegung machte, erzählte er, wie er manchen Büffel mit dem Lasso eingefangen.

Dann führte er Erich auf eine mit schönen Platanen besetzte Anhöhe, die er als die Achse des Ganzen bezeichnete. Er rühmte sich dieser schönen, wohlgedeihenden Bäume, indem er hinzufügte, daß man im schattenlosen Weinlande besonders auf tiefschattige Plätze für heiße Sommertage bedacht sein müsse.

»Sehen Sie,« erklärte er, »ich habe die Schönheit meiner Anlagen auf fremden Boden gerückt; dort drüben auf der Höhe ist eine Baumgruppe, die habe ich erhalten und geordnet, Wege hergerichtet, neue Anpflanzungen gemacht, um ruhige Aussicht zu gewinnen. Ich habe mein Haus nicht zur Ansicht für Andere, ich habe es zur Aussicht für mich gebaut. Das Bauernhaus da drüben ist nach meinem Plan gemacht, ich habe natürlich dazu beisteuern müssen. Die Deckpflanzung dort ist zur Maskirung des grellen Steinbruchs; den zierlichen Kirchthurm oben im Bergdorfe, den habe ich gebaut. Man hat mir dafür sehr viel Rühmliches nachgesagt, ja sogar mir frommen Weihrauchduft gemacht – Ihnen kann ich's gestehen, es war mir nur darum zu thun, einen schönen Ausblick zu gewinnen. Ich muß die ganze Gegend in neue Stimmung bringen; das ist mühsam. Sehen Sie, jetzt baut mir ein Korbmacher drüben ein Haus mit dem entsetzlichen rothen Ziegeldach, das verletzt mir das Auge. Ich konnte dem Burschen nicht beikommen. Er will mir das Haus zu hohem Preise verkaufen . . . aber was soll ich damit? er mag es ja nur behalten und sich meinen Anordnungen fügen.«

Es lag eine Siegeslust in der Art, wie Sonnenkamp sprach, und Erich mußte an ein Wort von Bella denken, daß der Mann ein Eroberer sei; ein solcher will unterwerfen, die Welt nach seinem persönlichen Geschmack und nach seiner persönlichen Lust ordnen und zurechtrücken. Die Dörfer, die Kirchen, die Berge, die Wälder sind ihm nur Aussichtspunkte, zu denen er sich in einen beliebten Gesichtswinkel stellt.

Nun führte Herr Sonnenkamp seinen Gast durch den Park und erklärte ihm, wie er durch Anlegung von Höhen und Tiefen das Terrain in Bewegung gesetzt, wie er aber auch manches Gegebene nur hervorzuheben und in rechte Wirkung zu bringen hatte; er zeigte die sorgfältige Vertheilung von Licht und Schatten; hier und dort hatte er eine Gruppe, ein kleines Wäldchen von der gleichen Baumart gepflanzt, die er dann nicht jäh und in scharfem Contraste, sondern allmälig, wie es die Natur von selbst thut, in gemischte Zusammenstellung übergehen ließ.

Erich hatte das richtige Verständniß. Ein Park müsse als gebildete Natur erscheinen, und je mehr man es verstehe, die bildende Menschenhand und den ordnenden Menschengeist zu verbergen und alles wie eine Naivetät erscheinen zu lassen, um so reiner erscheine dann auch hier die Kunst.

Sonnenkamp zeigte sich auch in der Geschichte der Gartenkunst wohl bewandert, er besprach mit Erich, wie sich im Laufe der Zeiten das Gartenideal vielfach verändert habe und daß Lucullus der erste römische Gartenkünstler gewesen, denn nur der Reichthum kann eine große Bodenfläche zu einem sogenannten unproduktiven Park machen.

Ein kleiner Bach, der vom Berge herabkam und in den Strom mündete, war mit großer Geschicklichkeit so verwendet, daß er manchmal verschwand, manchmal wie überraschend wieder erschien.

In der Anordnung der Ruheplätze zeigte sich eine besondere Sinnigkeit. Da war unter einer einzeln stehenden Hänge-Esche, die ein ganz rundes Schattendach bildete, ein zierlicher Sitz für einen einzelnen Menschen angebracht. Der Stuhl aber war umgestürzt und an den Baum gelehnt.

»Dies ist der Lieblingsplatz meiner Tochter,« sagte Sonnenkamp.

»Und Sie haben den Stuhl wol umgelehnt, damit Niemand sich hier niederlasse, bis Ihr Kind wiederkommt?«

»Nein,« erwiderte Sonnenkamp, »das ist zufällig.«

Die Beiden gingen weiter; Erich sah kaum die vielen, schönen, bequemen Bänke und hörte kaum, wie Sonnenkamp ihm erklärte, daß er solche nicht immer an den nackten Weg, sondern hinter Strauchwerk stelle, so daß hier wohlbereitete Waldeinsamkeit geboten werde.

Unter einer schönen Rüster war ein Tisch mit zwei einander gegenüberstehenden Sitzen. Sonnenkamp erklärte, daß dieser Platz »die Schule« genannt wird, denn hier erhielt Roland bisweilen Unterricht. Erich bemerkte, daß er es kaum für angemessen halte, im Freien sitzend zu unterrichten; was man im Gehen lehre, sei natürlich, aber der eigentliche feste Unterricht, der die geschlossene Sammlung des Geistes verlange, fordere auch einen geschlossenen Raum, in dem sich die Stimme nicht verflüchtige.

Sonnenkamp schwieg. Er gab noch keine Entscheidung, ob er Erich die Stelle übertrage.

Lange standen sie vor einer Gruppe von Laub- und Nadelbäumen. Der Morgenwind spielte im Laubwerk der Balsampappel und die weißen Blätter erschienen wie ein in freier Luft schwebender klarer See mit leisen Kräuselwellen.

Sonnenkamp erzählte, daß der Teich mit Springbrunnen und daneben auf einer kleinen Anhöhe die Rosenlaube nach einem Traum der Frau Ceres geordnet sei, und er fügte hinzu:

»Das war noch zur Zeit, als ich in unsrer Ansiedlung hier sehr glücklich war und Alles eine gleichmäßige, gesunde Stimmung hatte.«

Erich hielt an. Sollte er Herrn Sonnenkamp von der gestrigen Unterredung mit Frau Ceres erzählen? Auch Sonnenkamp stand still und sagte mit einem eigenthümlichen Blasen, wie wenn er leise und behutsam in ein Feuer bliese:

»Meine Frau hat oft wunderliche Launen; wenn man ihr nicht widerspricht, vergißt sie wieder, was sie gewollt hat.

Mit einer ungewöhnlichen Hast fuhr er fort:

»Jetzt kommen Sie, nun will ich Ihnen meine ganze Eitelkeit zeigen. Aber noch eine Frage. Sie sind Philosoph . . . ist es nicht grausam, daß wir Alles dies verlassen müssen, daß wir wissen, wir müssen sterben, und dies Alles grünt und blüht weiter, und der es gepflanzt und der die Mittel dazu erobert, ist nicht mehr da und verwes't?«

»Wozu solchen Gedanken nachhängen?«

»Sie haben Recht, daß Sie mir diese Antwort geben. Man muß das nicht fragen, denn Niemand weiß eine Antwort. Aber das Andere. Ich wünsche, daß Roland das rechte Verständniß für diese Schöpfung habe und sie weiter bilde, denn ein solcher Garten ist nicht wie eine Skulptur und überhaupt wie das Gebilde eines Künstlers; jene stehen fest und fertig, dieses aber wächst und muß immer neu gebildet werden. Und warum soll uns nicht gegeben sein, das, was wir errungen, geschaffen und gebildet, mit Sicherheit auf unsere Nachkommen zu vererben, ohne Furcht, daß fremde Menschen einmal Alles ihr Eigen nennen und verwüsten?«

»Wenn Sie glauben,« erwiderte Erich, »daß ich auf Ihre erste Frage keine Antwort weiß, so muß ich sagen, daß ich die zweite Frage nicht verstehe.«

»Gut, gut, wir sprechen noch darüber oder sprechen auch gar nicht mehr,« brach Sonnenkamp ab.

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