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Das Landhaus am Rhein / Band I

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band I - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band I
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band I
pages1-286
created20060719
sendergerd.bouillon
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Achtes Capitel.

Während Erich mit dem Vater im Garten war, saß Roland mit dem Krischer bei den jungen Hunden. Der Krischer fragte, ob es bereits fest sei mit dem Hauptmann. Roland verstand nicht, was er wollte; der Krischer lachte in sich hinein, er kann sich noch einen doppelten Vortheil verschaffen.

»Was krieg' ich von Ihnen,« fragte er mit verschmitzt lauerndem Blick, »wenn ich mache, daß der Hauptmann bei Ihnen bleibt als Kamerad und Lehrer? – Hu!« unterbrach er sich, »Sie machen ja ein Gesicht wie die Hunde, wenn ihnen zum ersten Mal die Augen aufgehen. – Nun reden Sie – was krieg' ich?«

Roland antwortete nicht.

Jetzt kam auch Joseph in den Stall. Er schilderte die Eltern Erichs als wahre Heilige und zuletzt schloß er:

»Sie können stolz sein, Herr Roland, der Vater Erichs hat den Prinzen erzogen und der Sohn erzieht nun Sie.«

Noch immer konnte Roland nicht antworten. Er ging davon und sah den Vater und Erich beisammen sitzen, er zürnte auf Erich. Warum hat er denn nicht gleich gesagt, wer er ist? Aber schnell überwand er das wieder. Zutraulich schmiegte er sich an Erich und sein Blick sagte: Ich weiß, wer Du bist.

Erich verstand diesen Blick nicht.

»Jetzt haben Dich die Andern genug gehabt, jetzt geh' mit mir,« bat Roland.

Er geleitete Erich auf sein Zimmer, er schien nur zu warten, daß Erich sprechen würde, dieser aber hätte den Knaben gern gebeten, ihn allein zu lassen. Wie eine schwere Last legte es sich ihm auf die Seele, daß, wer sich in Dienstbarkeit begibt, vor Allem aber, wer den Anschluß einer jungen Seele aufgenommen, die er bilden, halten und führen soll, kein Leben für sich hat, nicht müde sein, nicht sagen darf: jetzt laß mich mir. Er muß immer bereit, immer gewärtig, immer für einen Andern da sein.

Roland war traurig, da er das müde Antlitz Erichs sah.

Ein Diener kam und meldete, daß die Wagen zur Ausfahrt angespannt wären.

Erich erschrak. Was ist denn das für ein Leben? Im Garten lustwandeln, ausreiten, ausfahren, essen, dann wieder ausfahren, sich vergnügen – wie soll man da ein inneres Leben wahren und zusammenhalten? Wie soll es da möglich sein, eine junge Seele in einer bestimmten Richtung, einer stetig sich fortentwickelnden Stimmung zu erhalten?

Er ging mit Roland in den Hof und bat, ihn von der Ausfahrt zu befreien, er habe das Verlangen, einige Stunden allein zu sein.

Herr Sonnenkamp sagte, daß er seinen Gästen keinerlei Zwang auferlege; Prancken und Fräulein Perini wechselten schnelle Blicke, in denen eine Schadenfreude zu liegen schien, daß Erich durch Eigenwilligkeit sich eine Blöße gab.

Roland sagte, er wolle zu Hause bei Erich bleiben, aber Prancken entgegnete mit triumphirendem Ton:

»Herr Dournay will allein sein, und wenn Sie bei ihm bleiben, lieber Roland, ist der Herr ja nicht allein.«

Er sagte das Wort »der Herr« mit einem eigenthümlich schnarrenden Tone.

Man ließ nun den zweiten Wagen zurück. Fräulein Perini, Prancken und Roland stiegen ein. Sonnenkamp setzte sich auf den Bock; er lenkte gern selbst vier Pferde vom Bock.

Frau Ceres war ebenfalls zurückgeblieben. Erich sah die Gesellschaft davonfahren, dann kehrte er in sein Zimmer zurück.

Ein Gefühl vor Allem kräftigte ihm die Seele und machte ihm das Herz frei: er war der Wahrhaftigkeit treu geblieben – und so soll es immerdar sein. Die Wahrhaftigkeit ist jene Mutter Erde, auf der feststehend der ringende Geist nicht zu besiegen und niederzuwerfen ist.

Ein Diener trat ein und meldete: Frau Ceres wünsche ihn zu sprechen.

Die Sonne war untergegangen, ein glühender Duft lag weit hinaus auf Thal und Strom und über den Bergen, als Erich mit dem Diener ging und vom Hausflur hinausschaute ins Weite.

Er wurde durch mehrere Gemächer geführt. Im letzten, in dem eine brennende Ampel von mattem Glase hing, hörte er eine Stimme, die rief:

»Ich danke Ihnen. – Setzen Sie sich.«

Er sah Frau Ceres auf einem Divan liegen, vor ihr stand ein großer Lehnstuhl.

»Ich bin Ihnen zulieb zu Hause geblieben,« begann Frau Ceres; sie hatte eine zarte ängstliche Stimme.

Erich wußte nicht, was er antworten sollte. Plötzlich richtete sie sich auf und fragte:

»Sie kennen meine Tochter?«

»Nein.«

»Nicht ich bin die Veranlassung, daß sie Nonne wird – nein, nicht ich –glauben Sie das ja nicht!« Und sich wieder in die Kissen zurücklegend, fuhr Frau Ceres fort:

»Bleiben Sie nicht bei uns, Herr Hauptmann – ich warne Sie. Ich habe gar nichts gelernt – er hat mich nichts lernen lassen – aber bleiben Sie nicht bei uns, wenn Sie sonst in der Welt unterzukommen wissen. Warum wollen Sie denn in dies Haus eintreten?«

»Weil ich glaubte, Ihrem Sohne ein guter Führer werden zu können.«

»Ich bin nicht gelehrt – ich verstehe Sie nicht,« erwiderte Frau Ceres. »Aber Sie haben eine Stimme und Worte – ich möchte Sie immer hören, wenn ich auch nicht verstehe, was Sie sagen. Sie lassen ihn doch nichts wissen, daß ich Sie habe rufen lassen?«

»Ihn? Wen?« wollte Erich fragen, Frau Ceres aber richtete sich wieder hastig auf und sagte:

»Bleiben Sie nicht. Er kann entsetzlich sein. Niemand weiß es, Niemand kann es denken. Er ist ein gefährlicher Mann! Haben Sie mich auch lieb?«

Erich zitterte. Was soll das sein?

»Ach, ich weiß nicht, was ich sage,« fuhr Frau Ceres wieder fort. »Er hat Recht – ich habe nur halben Verstand. Warum habe ich Sie doch rufen lassen? Ja, jetzt weiß ich's. Erzählen Sie mir von Ihrer Mutter. Ist sie in der That eine so gelehrte und vornehme Dame? Sie sind gewiß ein guter Sohn . . . Roland ist unordentlich im Essen, die Amme hat ihn verdorben. Aber er ist gut . . . Alle sind gut.«

Frau Ceres sagte die Worte bald hastig, bald schläfrig. Erich kam nicht dazu, sie über das Widersprechende und Räthselhafte zu fragen. Er sagte nur, wie er alle Zuversicht habe, daß Roland ein tüchtiger Mann werde, an dem die Mutter Freude erlebe, und er schilderte ihr eine Zukunft in warmen Worten.

Frau Ceres schluchzte, dann sagte sie:

»Ich danke Ihnen – ich danke Ihnen!«

Sie streckte Erich die feine weiße Hand entgegen und rief dabei:

»Ich danke Ihnen! Das hat er mit all seinem Geld nicht machen können, daß ich wieder weinen kann. O, wie wohl das thut! Bleiben Sie bei uns. Er kann nicht weinen – Sie sagen ihm nichts. Ich möchte auch eine Mutter haben. Bleiben Sie bei uns. Ich danke Ihnen – Jetzt gehen Sie – gehen Sie – ehe er zurückkommt. Gehen Sie. Gute Nacht!«

Erich war auf sein Zimmer zurückgekehrt. Was er erlebt hatte, erschien ihm wie ein Traum; das geheimnißvolle Wesen, mit dem auf Wolfsgarten vom Hause Sonnenkamp gesprochen worden, bestätigte sich immer mehr. Hier waren Räthsel der seltsamsten Art.

Zu der Liebe Erichs für Roland kam nun noch Mitleid. Hier waltete ein schweres häusliches Verhältniß, unter dem der Knabe viel gelitten haben mußte. Erich wollte der jungen Seele nach Kräften beistehen.

Er sollte indeß nicht lange allein sein, denn der Kammerdiener Joseph kam zu ihm und erzählte über Alles im Hause, während Erich einzig an Roland denkend ihm kaum zuhörte.

Joseph war auf der Universität als Heinrich XXXII. Billardjunge gewesen, denn alle Billardjungen mußten Heinrich heißen. Er war dann Kellner im Bernerhofe zu Bern, wo Sonnenkamp, der fast zwei Sommer lang dort gewohnt und den ganzen ersten Stock – die besten Zimmer der Welt, wie sie Joseph nannte – innehatte, ihn kennen lernte und in Dienst nahm. Die Dienerschaft im Hause war eine Menagerie aus aller Herren Ländern. Der Ober-Kutscher war ein Deutscher, der erste Reitknecht ein Engländer, der Koch ein Franzose, das erste Kammermädchen eine durchtriebene Böhmin, Fräulein Perini eine italienische Französin aus Nizza. Herr Sonnenkamp war sehr streng, die Gärtner durften im Parke nicht rauchen und kein Reitknecht durfte im Stalle pfeifen, denn alle Pferde waren an den Pfiff des Herrn gewöhnt und durften nicht gestört werden. Uebrigens hatte Herr Sonnenkamp es besonders gern, wenn seine Diener nicht wie Diener aussahen; erst seit Kurzem hatte er der Frau nachgegeben, daß man für Einige Livree anschaffte. Die Diener durften nur wenig sprechen, es sind ganz bestimmte Worte, die Herr Sonnenkamp Jedem sagt, und Jeder zu erwidern hat, dabei aber sind Alle gut gehalten. Bis vor Kurzem habe Herr Sonnenkamp auch einen Verwalter gehabt, der die Bücher und Correspondenzen führte. Gegen Frau Ceres sei Herr Sonnenkamp besonders nachgiebig und geduldig und Niemand wisse eigentlich recht, sei die Frau bei Verstand oder nicht.

Zum Schluß erzählte Joseph nicht ohne Selbstbefriedigung, daß er den Ruhm von Erichs Eltern bereits in der Gesindestube verbreitet habe, denn es sei gut, wenn die Leute wüßten, woher man sei, da hätten sie weit mehr Respect. Die eigentliche Herrschaft im Hause sei und bleibe indeß Madame Perini; sie sei zwar ein Fräulein, die gnädige Frau nenne sie aber stets Madame.

»Der Krischer hat Recht,« setzte Joseph hinzu, »Fräulein Perini ist eine Frau von sieben Katzenkraft und da kann man noch einen Marder dreingeben. Ach unser Fräulein! wenn die nur wieder da wäre. Und sie wird Frau von Prancken! Ach, die ist schön! – Eigentlich nicht schön, aber gar lieb und anmuthig; früher war sie so lustig, kein Pferd ihr zu wild, kein Sturm auf dem Rhein zu heftig, und gejagt hat sie wie ein Wilddieb. Aber jetzt ist sie nur traurig . . . immer traurig . . . arg traurig.«

Wie zerrissene Klänge, die sich allmälig zu einer Weise zusammenfügen, dachte Erich an Alles, was er nun von der Tochter des Hauses gehört. Und war das nicht das Mädchen, das ihm vorgestern im Kloster begegnete? Unwillkürlich setzte sich ihm ein ganzes Lebensbild zusammen. Da ist ein Kind ins Kloster geschickt, fern von aller Welt, von allem Menschenverkehr. Es wird aus dem Kloster geholt und man sagt ihm: Du bist die Baronin Prancken! und sie ist glücklich mit dem schönen und heitern Mann und alle Herrlichkeiten der Welt sind ihr durch ihn geschenkt, als wenn er das Alles gemacht hätte, und es kann wol sein, daß sie nicht weiß, was sie an ihrem Manne hat, ja – es wird ein Glück sein, wenn sie es nicht weiß.

Joseph ging.

Erich saß allein in seiner Stube; kein Laut regte sich; er war so müde, denn das war ein Tag von einer Anspannung und einem Kraftaufwande zur Bewältigung ganz neuer Verhältnisse, daß man meinen mußte, es ließe sich nicht in die kurze Spanne Zeit drängen.

Was hatte er nicht heute Alles erlebt! Daß er droben bei Clodwig gewesen und Römerfunde betrachtet, schien wie ein Ereigniß, das Jahre zurückliegt; er hatte heute alle Gründe des Denkens aufgewühlt, er hatte heute zum ersten Mal das Brod der Dienstbarkeit genossen und das Gefühl der halben Freundschaft, des halben Undanks, das Räthselhafte in Sonnenkamp, in Roland, in Fräulein Perini und Frau Ceres, daß Frau Ceres ihn hatte rufen lassen und er nun das wirre Geheimniß bewahren sollte . . . das Bild der Tochter des Hauses – Erich warf alle Nebengedanken von sich und dachte an Roland allein.

Er richtete sich gewaltsam auf. Die soldatische Uebung half ihm. Da heißt es: auf dem Posten stehen, umsichtig Alles ins Auge fassen und nicht müde werden!

In der Ferne auf dem Bahnhofe hörte er jetzt eine zur Ruhe gestellte Locomotive zischen. Das kollerte und polterte und schnaubte wie ein Ungeheuer der Fabelwelt. Diese Maschine hat heut auf und ab Wagenreihen gezogen, drinnen hundertfältiges Menschenleben sich auf eine Weile niedergelassen, und jetzt wird sie zur Ruhe gestellt, darf vom Dampf sich auskühlen. Erich lächelte vor sich hin, da er dachte, daß er selber fast eine solche Locomotive sei, die jetzt zum Erkalten gebracht würde, um am andern Morgen wieder frisch geheizt zu werden.

Noch als Erich sich zur Ruhe begeben wollte, kam Roland und erzählte, daß Prancken zu Manna ins Kloster reise; dann fragte er Erich, ob er ihm nichts mitzutheilen habe.

Erich verneinte und der Knabe sah traurig aus, als er gute Nacht sagte.

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