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Das Landhaus am Rhein / Band I

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band I - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band I
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band I
pages1-286
created20060719
sendergerd.bouillon
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Sechstes Capitel.

Als Erich und Roland von ihrem Ritt zurückkehrten, hörten sie, daß Herr von Prancken angekommen sei. Auch der Koffer Erichs war bereits auf dessen Zimmer gebracht. Der Kammerdiener Joseph stellte sich Erich als Sohn des Anatomie-Dieners aus der Universität vor, er erzählte, daß der Vater Erichs ihm eine französische Grammatik geschenkt habe, aus welcher er in den Pausen als Billardjunge des akademischen Casino auswendig lernte.

Joseph half Erich bei seiner Einrichtung und gab ihm dabei Nachricht von der Ordnung des Hauses, wozu nun zunächst gehörte, daß man sich vor der Mittagstafel, die als ein Höhepunkt des Tages angesehen wurde, festlich gekleidet im Sommer im Pleasurground und im Frühling in Nizza einfand. So wurde nämlich ein gewölbter an der Terrasse gelegener Gang genannt, wo die Sonne am kräftigsten wirkte.

Erich legte die Uniform ab, und als er in den gewölbten Gang kam, traf er Prancken im Auf- und Niedergehen mit Fräulein Perini. Prancken näherte sich ihm mit einem verbindlichen Lächeln, das ebenso schnell in seinem Gesichte erschien als es schnell verschwand. Im Bewußtsein seines Ranges und seiner gesellschaftlichen Stellung konnte er eine Höflichkeit an den Tag legen, in der man sogar einen gewissen Gemüthston wahrnehmen mochte. Bei einer Biegung gesellte er sich wieder zu Fräulein Perini und setzte Spaziergang und Gespräch mit ihr fort.

Jetzt kam Roland daher, der sich ebenfalls umgekleidet hatte; es war dem Knaben auffallend, nun Erich in bürgerlicher Kleidung zu sehen.

»Heißt Deine Schwester Manna?« fragte Erich.

»Ja, eigentlich Hermanna, aber sie wird immer Manna genannt. Hast Du etwas von ihr gehört?«

Erich konnte nicht erwidern, daß von Prancken und Fräulein Perini der Name oft genannt war, denn eben kam Herr Sonnenkamp in schwarzem Gesellschaftsanzuge, weißer Halsbinde und tadellosen gelben Handschuhen. Er grüßte ermunternd nach allen Seiten. Nie war Herr Sonnenkamp heiterer, nie elastischer als in der Viertelstunde vor der Mittagstafel.

Man ging nach dem Speisesaale, einem kühlen, viereckigen, gewölbten Gemache, das von Oberlicht beleuchtet war. Die geschnitzten eichenen Möbel waren hier äußerst kräftig. Ein großes mit schönen alten Becken und venezianischen Gläsern geziertes Büffet zeigte reichen Silbervorrath. In der ganzen Gegend war aber die Fabel verbreitet, daß Herr Sonnenkamp nur von goldenen Tellern speise.

Nach einer Weile wurden die Flügelthüren geöffnet, zwei Diener in der kaffeebraunen Livree des Hauses standen wie Wachen hüben und drüben an den Pfosten und Frau Ceres schritt herein wie eine Fürstin. Auf der Schwelle verbeugte sie sich, allerdings etwas steif. Prancken ging ihr entgegen und führte sie zu Tische.

Für jeden Gast stand ein Diener bereit, der den Stuhl hinrückte, während man sich zum Setzen niederließ. Fräulein Perini stand hinter ihrem Stuhl, stemmte die Arme auf die Lehne, hielt das Perlmutterkreuz mit gefalteten Händen, betete, machte das Zeichen des Kreuzes und setzte sich. Der Kammerdiener Joseph, der abseits bei dem mit Flaschen besetzten Tische stand, hatte nur das Amt eines Mundschenks und er hatte ein scharfes Auge für leere Gläser, die er alsbald füllte.

Frau Ceres behielt während des Essens ihre buttergelben Handschuhe an. Sie wartete bei jedem Gericht, bis Herr Sonnenkamp sagte:

»So genieße doch etwas, liebes Kind – ich bitte.«

In der Art, wie er sie aufforderte, war ein doppelter, schwer zu bestimmender Ton; es klang manchmal wie Zuruf und Augenwink eines Thierbändigers, der einem gezähmten Wild gestattet, die vor ihm liegende Speise zu verzehren; es klang aber auch, wie wenn man ein trotziges Kind bittet. Frau Ceres aß nur etwas Geflügel und Süßigkeiten.

Prancken benahm sich bei Tische als der anerkannte Ehrengast, der die Verpflichtung hat, sich dem Wirthe gefällig und mittheilsam zu erweisen. Er erzählte vom Mannheimer Pferdemarkte, von welchem er heute früh mit dem Genossen zurückgekehrt war; er hatte zum herbstlichen Wettrennen eine Schimmelstute gekauft, die er mit freundlichem Erbieten Herrn Sonnenkamp überlassen wollte. Er wußte aber auch Frau Ceres zu unterhalten. Sie hatte eine besondere Abneigung gegen die Familie des Weincavaliers, die sich sehr zurückhaltend gegen das Haus Sonnenkamp benahm. Nun erzählte er einige lächerliche Großthuereien des Weincavaliers, dem er sich doch angeschlossen hatte. Daneben verstand er auch die Redeweise verschiedener Menschen nachzuahmen und Zierlichkeiten vorzubringen, die in das müde Antlitz der Frau Ceres eine Spannung, ja oft ein Lächeln brachten.

Die Unterhaltung wurde in italienischer Sprache geführt, die Prancken ziemlich gut zu sprechen verstand, die aber Erich nicht geläufig war.

Frau Ceres mochte es für ihre Pflicht halten, den Fremden nicht ganz unbeachtet zu lassen; sie fragte ihn in englischer Sprache, ob er noch Eltern habe.

Mit ersichtlicher Gönnerschaft übernahm es Prancken, den Vater Erichs und die Mutter zu schildern; er that dies mit besonderer Freundlichkeit und verweilte mit Nachdruck dabei, daß Erichs Mutter eine Dame von altem Adel sei.

»Dem Namen nach sind Sie eigentlich ein Franzose?« fragte Fräulein Perini.

Erich wiederholte, daß seine Vorfahren vor zwei Jahrhunderten in Deutschland eingewandert seien; er fühle sich vollkommen als Deutscher und freue sich, von den Hugenotten abzustammen.

»Was ist denn Hugenotten? – Ach ja, das wird ja gesungen!« rief Frau Ceres, sich kindisch freuend, daß sie das wußte.

Die Tischgenossen mußten an sich halten, um nicht laut zu lachen.

»Warum heißt man sie eigentlich Hugenotten? fragte Roland, und Erich erwiderte:

»Einige meinen, die Bezeichnung stamme daher, weil sie im Geheimbunde ihre religiösen Zusammenkünfte bei Tours nur um Mitternacht halten durften, wo der Geist König Hugo's umgehen sollte; Andere sind der Ansicht, daß es ein deutsches Wort ist, Eidgenosse heißt, und nur von den Franzosen in Hugenotte verwandelt wurde.«

»Sie scheinen stolz darauf zu sein, von den Hugenotten abzustammen?« fragte Sonnenkamp.

»Ich möchte stolz nicht als das eigentliche Wort wählen,« entgegnete Erich. »Ein tyrannischer König vertrieb die Hugenotten aus Frankreich und sie wurden wie die Juden zu lebendigen Bestandtheilen verschiedener Völkerschaften . . .«

»Es ist sehr bescheiden von Ihnen,« unterbrach Prancken, »daß Sie die Hugenotten, die meist vornehme Geschlechter waren, mit den Juden in Parallele setzen.«

»Ob meine Vorfahren vornehm waren, betrachte ich als gleichgültig,« entgegnete Erich, »sie widmeten sich bürgerlichen Gewerben, und meine Ahnen zunächst sind Goldschmiede gewesen. Die Vergleichung mit den Juden aber muß ich doch aufrecht halten. Jede um ihres Glaubens willen in die Fremde vertriebene und zerstreute Genossenschaft ist darauf hingewiesen, über aller Nationalität immer die Einheit der Menschheit im Auge zu halten und mit aller Kraft gegen jeden Fanatismus und jede Ausschließlichkeit zu wirken. Es gibt keine allein selig machende Religion und keine allein menschlich schön machende Nationalität.«

Prancken und Fräulein Perini sahen einander verwundert an, Frau Ceres wußte nicht, was das Alles zu bedeuten habe, und Sonnenkamp schüttelte den Kopf über den Gast, der mit Gewaltsamkeit in das leichte Tischgespräch hinein seine weltgeschichtlichen Ideen mengte.

»Sie müssen mir das einmal näher auseinandersetzen,« suchte er abzulenken.

Roland fragte:

»Ludwig der Vierzehnte, der Deine Ahnen vertrieben hat, ist das derselbe, der auch die Burgen hier am Rhein zerstörte?«

»Allerdings.«

Das Tischgespräch schien von einem Punkte, der es schwerfällig machte, nicht wegzukommen, aber es wurde plötzlich abgelenkt, denn eine scharfgewürzte Speise wurde aufgetragen. Roland wollte davon essen, der Vater wehrte es ihm. Die Mutter dagegen rief plötzlich mit heftigem Tone:

»So laß ihn doch genießen, was er mag!«

Ein Blick aus Erichs Augen traf Roland, und der Knabe legte den Bissen, den er eben zum Munde führen wollte, nieder und sagte:

»Ich will es doch lieber lassen.«

Die Tafel wurde aufgehoben. Fräulein Perini betete wieder leise. Alles stand still, die Diener rückten schnell die Stühle hinter den Aufgestandenen weg und man ging nach der Veranda, um den Kaffee einzunehmen.

Frau Ceres gab einem schneeweißen Papagei ein Biscuit und der Papagei rief: »God bless you, massa!« Dann ließ sie sich in einen Lehnsessel nieder, Prancken setzte sich auf ein niederes Tabouret, er saß ihr fast zu Füßen.

Fräulein Perini wählte einen Platz, der nahe genug war, um, wenn es gewünscht wurde, an dem Gespräche theilzunehmen, und doch wieder entfernt genug, um Frau Ceres mit Prancken allein reden zu lassen.

Sonnenkamp winkte Erich, mit in den Garten zu gehen. Roland schloß sich ungeheißen an.

Ein Diener kam und meldete, daß der Feldhüter Klaus bei den neugebornen Hunden sei, der junge Herr werde gebeten, auch dahin zu kommen.

»Ich erlaube Dir, daß Du hingehst,« sagte der Vater.

»Ich möchte aber lieber bei Euch bleiben,« erwiderte Roland.

Es lag etwas kindlich Anschmiegendes in Ton und Geberde und er faßte dabei die Hand Erichs.

»Wenn Dein Vater sagt, Du darfst gehen, so sollst Du gehen,« sagte Erich.

Roland ging mit zögernden Schritten.

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