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Das Landhaus am Rhein / Band I

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band I - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band I
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band I
pages1-286
created20060719
sendergerd.bouillon
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Zweites Capitel.

Der Knabe stand regungslos, die Armbrust noch erhoben, und schaute staunend auf den Reiter, der kunstgerecht sein Pferd parirte.

»Warst Du es, der den Pfeil abgeschossen?« rief Erich dem Knaben zu.

»Ja, ich.«

»Sehr unvorsichtig, so über die Straße wegzuschießen! Ich habe den Pfeil glücklich aufgefangen, Du hättest damit einen Menschen treffen können.«

Erich stieg ab. Der Knabe ließ die Armbrust sinken und ging, beide Hände ausstreckend, auf Erich zu; vor ihm stehend hielt er an, sein Angesicht glühte.

»Es soll nie wieder geschehen,« sagte er.

»Ich glaube Dir.« Weiter setzte Erich kein Wort hinzu.

Der Knabe athmete auf.

Erich hatte viel von der Schönheit Rolands gehört und doch war er jetzt überrascht von diesem Bilde anziehenden Reizes.

»Es ist mir lieb, daß ich Dir zuerst begegne. Du bist doch der Sohn des Hauses, Du heißest Roland?«

»Roland Franklin Sonnenkamp. Und Du?«

»Erich Dournay.«

Der Knabe stutzte, er glaubte den Namen jüngst gehört zu haben, aber er wußte es nicht genau.

»Sie sind Artilleriehauptmann,« sagte er auf die Uniform deutend.

»Ich war's. Du kennst also die Uniformen?«

»Ja, und Herr von Prancken nennt mich Sie.«

»Ich denke, wir bleiben beim Du, wie wir begonnen, und zwar gegenseitig,« erwiderte Erich und reichte dem Knaben die Hand. Die Hand des Knaben war kalt, alles Blut schien sich ihm zum Herzen gepreßt zu haben.

Jetzt fragte der Knabe:

»Das ist wie ein Reitpferd des Grafen Wolfsgarten?«

»Es ist das seine.«

»Iwan!« rief der Knabe.

Ein Stallknecht kam herbei und führte das Pferd in den Stall. Erich und Roland gingen nach. Aus einem Verschlage in der Nähe hörte man winseln.

»Du hast junge Bernhardinerhunde hier in der Nähe,« sagte Erich.

»Ja; kennst Du sie am Winseln?«

»Die Rasse erkenne ich nicht, ich sah solche Hunde vorn im Hofe; aber den Tönen nach sind diese Hunde noch blind und noch nicht acht Tage alt.«

Der Knabe sah Erich betroffen an, er öffnete den Verschlag und bat, nicht näher zu treten, da die Hündin sehr bissig sei, und jetzt eben saugten alle fünf Junge an ihr.

Erich trat doch näher; die Hündin sah ihn an und knurrte nicht.

Und wieder betrachtete Roland den Fremden.

»Du kannst mir gewiß auch sagen,« begann er, »warum die Hunde blind geboren werden.«

Erich antwortete, daß man sich allerlei Gründe denken könne, da auch andere Thiere mit schärfstem Sehorgan, wie Adler, Katzen, Geier blind geboren werden; wir müßten uns aber bescheiden und bekennen: das wissen wir nicht.

Ein Schauer ging durch die Gestalt des Knaben; Wesen und Ton Erichs schien eine unmittelbar ergreifende Wirkung zu üben.

»Wenn Du willst,« begann der Knabe wieder, »kannst Du auch einen meiner jungen Hunde haben. Zwei behalte ich, einen ziehe ich für meine Schwester Manna auf, den vierten bekommt Baron von Prancken und der fünfte ist für Dich.«

Freudestrahlenden Antlitzes betrachtete Erich den Knaben und sagte:

»Du kennst wol die Sitte der homerischen Zeit, daß man dem Gaste ein Ehrengeschenk zu bleibendem Gedenken gibt?«

»Ich weiß nichts von Homer.«

»Hat Dir keiner Deiner Lehrer davon gesagt?«

»Alle. Sie haben viel Rühmens davon gemacht, aber es ist langweilig.«

Erich lenkte zurück und fragte:

»Wer hilft Dir die Hunde aufziehen?«

»Ein Meister, der Jäger Klaus, man heißt ihn auch den Krischer; der wird sich freuen, wenn ich ihm sage, daß Du am Winseln erkannt hast, wie alt die Hunde sind.«

Erich ersuchte den Knaben, ihn zu seinem Vater zu führen.

Als sie den Stall verlassen wollten, bog sich ein Pony mit langer Mähne ganz herum und wieherte.

»Das ist mein Puck,« sagte der Knabe.

Er war offenbar froh, dem Fremden seine Herrlichkeiten zu zeigen, fast wie ein kleines Kind, das einem Vertrauten sein Spielzeug zur Bewunderung aufweist. Erich konnte nicht anders als das schöne Thier loben, das ihn mit großen, gutmüthig blöden Augen anschaute.

Er führte den Knaben an der Hand und sie gingen mit einander durch den großen Pflanzengarten.

»Kennst Du auch die Pflanzen?« fragte er.

»Nein, darin bin ich ganz unwissend.«

»Ich auch,« sagte der Knabe erfreut, daß Erich eine Unwissenheit eingestand, und daß diese gerade mit der seinen zusammentraf, schien die Beiden noch näher zu verbinden.

Sie kamen über einen Platz, wo Gartenerde gesäubert und hergerichtet wurde. Ein altes Männchen mit blöden und zugleich verschmitzten Augen arbeitete hier; es zog die Mütze ab und grüßte.

»Hast Du meinen Vater gesehen?« fragte Roland.

»Er ist dort!« erwiderte das Männchen und wies nach den Treibhäusern.

Die langen, aus mattblauem Glase bestehenden Treibhäuser zeigten sich. Eine Thür stand offen, man sah einen Springbrunnen in einem Bassin von grauem Marmor, darin Felsblöcke lagen, in allen Fugen von Wasserpflanzen besetzt. Die überwinternden Bäume standen theilweise noch hier, im Vordergrunde einige kranke, vielfach umwunden an Stamm und Aesten.

Man hörte eine Stimme.

»Dort im Kalt-Hause ist er,« sagte Roland.

Erich bat den Knaben, nun zurückzukehren, da er mit dem Vater allein zu sprechen habe.

In der Art, wie Erich ihn gehen hieß, lag solch eine widerspruchslose Bestimmung, daß der Knabe nicht wußte, wie ihm geschah. Als Erich weiter ging, stand der Knabe unbeweglich, dann aber wendete er sich, schnalzte mit den Fingern und pfiff vor sich hin.

Erich hielt einen Augenblick inne, sich sammelnd. Wenn dieser Knabe sein Blutsverwandter war? Wenn er hier dem verschollenen Oheim Alphons begegnete? Leisen bedächtigen Schrittes ging er weiter und trat in die Thüre des Kalt-Hauses.

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