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Das Landhaus am Rhein / Band I

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band I - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band I
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band I
pages1-286
created20060719
sendergerd.bouillon
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Zweites Buch.

Erstes Capitel.

Auf dem Strome schwimmen Schiffe auf und nieder, Bahnzüge rollen hüben und drüben und Menschen aller Lande und Lebensverhältnisse erquicken sich des Ausblickes.

Da, dort möchtest Du wohnen, denkt wol Mancher, Deine Tage verleben im gleichmäßigen Genusse der Natur und in freigesetzter Arbeit.

Die Ufer des Rheins erscheinen als wonnige Ruhstatt, und bieten doch Bewegtheit genug. Vor der Schwelle des Hauses liegt die große Straße des Weltverkehrs; aus der Einsamkeit läßt sich jede Stunde die Verbindung mit dem weltweiten Treiben gewinnen.

Da sind die hellen Städte und Dörfer am Ufer mit ihren Burgen und Weingeländen, und schön umhegte, wohlgepflegte Landsitze zeigen sich aller Orten und bilden eine fast ununterbrochene Kette.

Von Stadt zu Stadt, von Haus zu Haus ließe sich von Schicksalswendung mancher Bewohner erzählen, die mit frei entschlossener Kraft aus dem Strudel sich gerettet oder mit letzter Anstrengung noch das Ufer erreicht; nicht Wenige aber auch, die gewaltsam ans Ufer geworfen wurden.

Wer aus der Fremde unbekannt und beziehungslos sich hier ansiedelt, kann sicher sein, daß es ihm freisteht, entweder Nachbarlichkeit mit den Angesessenen zu pflegen, oder für sich zu bleiben; die Strömung des Fremdenverkehrs auf und nieder läßt dem Verbleibenden die Möglichkeit des Alleinseins.

Wessen ist das schöne Landhaus mit dem Thurme dort, das aus der Ferne sich anschaut wie ein weißer Schwan, der sich am Ufer im Grünen niederlegte?

Diese Frage wird aus den zu Berg und zu Thal fahrenden Schiffen oft ausgesprochen, und man hört bisweilen die Erwiderung:

Die Villa heißt Eden und ist auch ein wahres Eden, in das man freilich nur von Außen hineinsehen kann, denn Alles ist verschlossen und bewacht und längs der Gartenmauer sind Selbstschüsse und Fußangeln. Nur wenn der Besitzer verreist ist, haben die Diener die Erlaubniß, Haus und Park zu zeigen, und nehmen dann viel Geld ein. Man rühmt die Ställe mit den marmornen Krippen, die blüthenvollen Treibhäuser, die fein ausgedachte Schönheit der Hauseinrichtung, die Obstgärten und den Park. Der Besitzer ist ein reicher Amerikaner, er hat dieses Haus gebaut, den schattigen Park angelegt und die Wiese, die halb versumpft, zerrissen und ungeebnet sich bis an den Strom dehnte, in einen Obstgarten verwandelt, der die edelsten Früchte trägt, von einer Größe und Schönheit, wie man sie hierzulande noch nicht gekannt. Dort oben die Burgruine baut er wieder neu auf.

Und der Name des Mannes?

Sonnenkamp. Er hat fast nur fremde Diener, besucht wenig Menschen in der Umgegend und sieht selten Jemand als Gast. Er hat die schönsten Pferde, aber er, seine Frau und ihre Gesellschafterin fahren und reiten nur aus, um an einer beliebigen Stelle auf offener Straße wieder umzukehren . . . .

An diesem Morgen, als Erich nach der Villa ritt, wurde dort auf der Westseite von mehreren Dienern in Morgenlivree ein großer dicker Teppich auf den breiten Kiesplatz gelegt. In die Nähe einer vielfarbig schimmernden und stark duftenden Blumenpyramide wurde ein runder Tisch gestellt, eine grün-damastene Decke darüber gebreitet, dann eine große geschliffene Krystallvase mit künstlerisch geordneten Gräsern und Blumen darauf gesetzt und vier Gedecke aufgelegt.

Abseits neben einem Gebüsch blühenden Goldregens und verschiedenfarbigen Flieders wurde ein Tisch angebracht mit einer großen silbernen Theemaschine, die angezündet wurde. Zwei große Wiegenstühle wurden an schickliche Plätze gestellt.

Ein junger Mann, der nicht selbst Hand anlegte, stand dabei und schaute in die Landschaft hinaus, wo man über den Obstgarten und den Springbrunnen mit dem Teich, drin zwei Paar Schwäne schwammen, über Wiesen und gestutzte Kopfweiden den freien Ausblick stromabwärts genoß. Jetzt zog er den Blick aus der Ferne zurück, betrachtete die Anordnung, sagte: »Ist gut!« und entfernte sich mit den Dienern.

Die Theemaschine brodelte, die Stühle und Tische schienen auf die Gesellschaft zu warten.

Ein kecker Fink setzte sich auf die Lehne des einen Wiegenstuhles und pfiff dem Weibchen auf dem Baume zu: das sei eine prächtige Herrichtung, er wünsche nur, er könne das seinen Kindern auch einmal so bieten.

Der übermüthig vorwitzige junge Vater wurde indeß bald verscheucht; es nahten sich Schritte, der Fink flog auf, er wollte unvorsichtigerweise gerade über die Maschine wegfliegen, aber der Dampf schien ihn zu verbrühen, er machte eine Schnellwendung und flog ganz nahe, fast den Hut streifend, über den Kopf des Mannes hin, der jetzt daherkam.

Der Mann hinkte ein wenig auf dem rechten Bein, er wußte dies aber in Haltung zu verwandeln, und dieses Hinken gab seiner mächtig athletischen Gestalt eine Sänftigung, die den Eindruck der Ueberkraft abmilderte.

Er war ein großer, breitschultriger Mann im wohlgeordneten sommerlichen Anzuge, weißer Halsbinde, und einem nach englischer Weise aufrecht stehenden Hemdkragen. Der Mann schien Alles zu thun, um seine herkulische Gestalt zu mildern, zu verkleinern und zu sänftigen; die feinste Kleidung konnte zwar wenig, aber doch etwas helfen. Er trug einen radähnlichen breitkrämpigen Strohhut auf dem Kopfe, so daß aus einiger Entfernung von seinem beschatteten Antlitze nur wenig zu sehen war; ihm folgte der Kammerdiener, der vor einer Weile die Anordnung gutgeheißen hatte, mit einer großen Mappe. Der Mann im Strohhut setzte sich in einen der Wiegenstühle, der Diener stand mit der Mappe wartend vor ihm.

Der Sitzende that nun seinen Hut ab, den der Kammerdiener schnell empfing. Der Herr im Wiegenstuhl streichelte sich das glatt rasirte, stark ausgearbeitete Kinn mit einer breiten fleischigen Hand, an deren Daumen seltsamerweise ein Ring war, wie ein einfaches Kettenglied, ein goldener Reif, dessen Mitte von Eisen war.

Der Mann ist Herr Sonnenkamp. Er hatte ein röthlich durchschossenes Antlitz, eine breite Stirn, auf der eine Schicht ergrauter Haare wohlgeordnet war. Bräunliche Augenbrauen standen borstig auf, zwischen denen eine ungewöhnlich breite Fläche war, die den Brauen etwas gewaltsam Auseinandergerissenes gab. Wer dies sah, konnte das Antlitz nie mehr vergessen.

Die tiefliegenden wasserblauen Augen mochten auf Entschlossenheit und Verschlagenheit deuten; die breiten Backenknochen standen etwas hervor. Die Nase war groß, aber nicht ohne edle Form; der Mund aber war herrisch, trotzig aufgeworfen. Das ganze Gesicht hatte etwas Welkes, dem indeß der Charakter gebieterischer Energie nicht verloren gegangen war.

Der erste Eindruck war wol, daß man sich diesen Mann nicht gerade zum Feinde wünschte.

»Gib her,« sagte er jetzt, und holte einen Ring mit überaus kleinen Schlüsseln aus der Westentasche.

Der Kammerdiener hielt die Mappe sehr geschickt hin. Herr Sonnenkamp öffnete das Schloß, und Joseph reichte die darin befindlichen Briefe. Sonnenkamp ordnete sie schnell; die mit ausländischen Stempeln wurden besonders gelegt, ein großer Haufe inländischer Briefe daneben. Joseph legte nun Hut und Mappe auf den zweiten Wiegenstuhl und machte mit einer bereitgehaltenen Scheere zwei Winkelschnitte in jeden Brief.

Herr Sonnenkamp überflog die geöffneten schnell; von den inländischen betrachtete er nur einige nach Siegel und Adresse, dann that er allesammt in die Mappe und verschloß sie wieder.

Die beiden Flügelthüren zur Terrasse wurden geöffnet; Herr Sonnenkamp stand auf und nahm seinen breiten Strohhut vom Stuhl. Auf der Terrasse zeigten sich zwei Frauengestalten. Die eine, schlank, mit blassem, länglichem und leidensvollem Gesicht, trug eine Morgenhaube mit hochrothen Bändern und dazu einen brandrothen Shawl; die andere, eine zierlich kleine Gestalt mit eckigem, blutlosem Gesichte, braunen, durchdringenden Augen und kohlschwarzem, hart anliegendem Haupthaar – eines jener Gesichter, das offenbar nie jung gewesen, dem aber auch das vorschreitende Alter wenig anhaben konnte – war in schwarze Seide gekleidet, und trug ein großes perlmutternes Kreuz, das ganz eng um den Hals gebunden schien und auf der Brust flimmerte und glitzte.

Herr Sonnenkamp hatte die löbliche amerikanische Sitte, im eigenen Hause und gegen die Angehörigen voll sorgfältiger Höflichkeit und Ehrerbietung zu sein; er ging den beiden Damen bis an die Treppe entgegen, nickte der in Schwarz wohlwollend zu, reichte der Dame im rothen Shawl die Hand und fragte in englischer Sprache nach ihrem Befinden.

Die Dame – es ist Frau Ceres – schien nicht für nöthig zu halten, etwas zu erwidern. Sie ging nach ihrem Platze am Frühstückstisch; eine Kammerfrau legte ihr schnell eine Decke über die Knie und ein Diener schob ihr einen gepolsterten Schemel unter die Füße.

Die Dame in Schwarz – es ist Signora Borromäa Perini – ging zum Theetisch, ein Diener hielt die Theebüchse in der Hand; sie nahm das Nöthige heraus.

»Wo ist Roland?« fragte Frau Ceres mit müder Stimme.

»Er wird sogleich kommen,« erwiderte Sonnenkamp und winkte einem Diener, ihn zu holen.

Fräulein Perini reichte die erste Tasse der Frau Sonnenkamp, und dieser schien es zu viel, nur die Paar Tropfen Milch dazu zu gießen.

Herr Sonnenkamp bat:

»Genieße doch etwas, liebes Kind!«

Frau Ceres schlürfte einen Löffel voll, dann noch einen halben und sah sich gelangweilt um. Es schien ihr lästig, daß sie selbst schlucken mußte.

»Wo ist Roland?« fragte sie wieder. »Es ist unverzeihlich, daß er nicht Ordnung hält. Wie, Madame Perini, haben Sie nicht etwas gesagt?«

»Nein, gnädige Frau.«

In mildem, beschwichtigendem Tone sagte Herr Sonnenkamp, sie möge nur noch Geduld haben, für Roland sei nun endlich ein Hofmeister gefunden, der ihn an Ordnung gewöhnen werde. Er erzählte von der Karte, die ihm Otto von Prancken geschickt. Fräulein Perini ließ bei Nennung dieses Namens den Zwieback in den Thee fallen und fischte ihn nun wieder heraus, während Herr Sonnenkamp fortfuhr, daß er keinen Brief eines Bewerbers mehr lese, bis er den Empfohlenen des Herrn von Prancken kennen gelernt.

»Ist der Mann von Adel?« fragte Frau Ceres.

»Ich weiß nicht,« erwiderte Sonnenkamp, er wußte es aber recht wohl, »er ist Hauptmann.«

Frau Ceres sah nichtssagend drein; sie wollte abwarten, ob der Bewerber adelig sei.

Fräulein Perini mußte wissen, was Frau Ceres sagen wollte, sie sah sie lächelnd an, und gleichsam ihr den Mund leihend, bemerkte sie:

»Einen so vollendeten Cavalier wie den Baron von Prancken findet man selten, wenigstens in Deutschland; er hat fast noch mehr als Gräfin Bella . . .«

»Ich bitte,« unterbrach Herr Sonnenkamp, und sein Gesicht nahm einen Ausdruck an, wie wenn eine Bulldogge zärtlich sein will, »ich bitte, Niemand anders auf Kosten der Gräfin zu loben; die Damen finden Herrn von Prancken bezaubernd, ich meinerseits Gräfin Bella.«

Frau Ceres zuckte kaum merklich mit den Schultern und hielt den goldenen Löffel an die Lippen gepreßt.

»Wo aber nur Roland bleibt?« fuhr sie plötzlich auf und stieß auf den Schemel, daß der Tisch wankte und die Tassen auf demselben klirrten.

Der Diener kam und sagte, Roland wolle nichts genießen, sondern bei der Mara bleiben, die fünf Junge geworfen habe.

»So sag' ihm,« entgegnete Sonnenkamp, und sein Gesicht wurde dunkelroth bis hinauf zu der dünnen Haarschicht, »so sag' ihm, wenn er nicht sofort kommt, lasse ich in dieser Minute alle fünf Junge im Rhein ertränken!«

Der Diener eilte davon. Bald darauf erschien ein Knabe in blauen Sammt gekleidet; er war schlank gewachsen und die Formen seines Gesichts waren so auffallend schön und rein, als seien sie gemeißelt. Er nahm die Jockeymütze ab, und ein wohlgeordnetes, rings um die Stirn in dichte Locken gelegtes dunkelbraunes Haar zeigte sich. Sein Antlitz war blaß und die fein geschnittenen Lippen zitterten. Er hatte offenbar einen schweren Kampf gekämpft.

»Komm zu mir,« rief ihm die Mutter zu, »küsse mich, Roland. Du siehst so blaß aus, fehlt Dir etwas?

Der Knabe küßte die Mutter, schüttelte den Kopf verneinend und sagte mit einer zwischen Fistel und Männerton schwebenden Stimme:

»Ich bin so gesund wie meine jungen Hunde.«

Eine frische Röthe trat ihm in die Wangen und seine Lippen wurden purpurroth.

»Ich will Dich an dem Tage, an dem Du einen Hofmeister bekommen wirst, nicht strafen,« sagte Sonnenkamp, einem Blicke seiner Frau folgend.

»Ich? Wieder einen Hofmeister? Ich nehme keinen,« erwiderte der Knabe, »und wenn Du mir einen gibst, werde ich es ihm so machen, daß er bald wieder davongeht!«

Sonnenkamp lächelte. Dieser kühne Trotz des Knaben schien ihn eigentlich zu freuen.

Als jetzt Roland, der aller Speise hatte entsagen wollen, tüchtig aß, folgte die Mutter seinem Beispiele; in der Freude, daß es ihrem Sohne so wohl schmeckte, regte sich auch in ihr die Essenslust und Fräulein Perini konnte sich nicht enthalten, Roland zu bemerken:

»Sehen Sie, Herr Roland, schon um Ihrer lieben Mutter willen sollten Sie recht ordentlich zu den Mahlzeiten kommen; sie kann nur etwas genießen, wenn auch Sie genießen.«

Der Knabe sah Fräulein Perini seltsam an, er antwortete ihr nicht; es schien kein gutes Verhältniß zwischen dem Knaben und der Gesellschafterin der Mutter obzuwalten.

Fräulein Perini setzte indeß ihre Freundlichkeit gegen Roland fort und versprach, nach dem Frühstück mit ihm die jungen Hunde zu besuchen.

»Wissen Sie, warum die Hunde blind geboren werden?« fragte Roland.

»Weil das Gott so angeordnet hat.«

»Warum aber hat Gott das so angeordnet?«

Fräulein Perini sah verlegen drein, Herr Sonnenkamp half ihr, indem er sagte, wer immer Warum frage, werde nie fertig; Roland habe sich das Fragen angewöhnt, weil er nichts Rechtes lernen wolle.

Der Knabe sah zu Boden; eine Herbheit oder Stumpfheit, vielleicht auch beides zugleich, lag im Ausdrucke seines Gesichtes.

Frau Ceres verließ den Frühstückstisch, setzte sich in einen Wiegenstuhl und betrachtete ihre haselnußförmig gebildeten, mit durchsichtigen langen Spitzen versehenen Nägel.

Herr Sonnenkamp berichtete ihr, welch eine Anzahl von Briefen in deutscher, französischer und englischer Sprache er auf die öffentliche Aufforderung erhalten habe; die meisten Bewerber hätten auch ihre Photographien beigelegt und mit Recht; denn die persönliche Erscheinung sei von Bedeutung.

Frau Ceres hörte ihm zu wie Jemand, der schlafen will; sie schloß auch mehrmals die Augen. Als Sonnenkamp nun hinzufügte, wie in der Welt beständig ein Warten auf Erfüllung eines Schicksals sei, wobei Jeder glaube, daß ihm mit Geld geholfen würde, sah ihn Frau Ceres verwundert an; sie schien nicht zu begreifen, wie man leben und dabei nicht reich sein könne.

Fräulein Perini, die Gesellschafterin, war eine gute Vermittlung. Da Frau Ceres scheinbar oder in der That theilnahmlos beim Gespräche blieb, wußte sie dasselbe durch kurze Antworten und Aufmerksamkeiten in Gang zu halten. Sie sah dabei von der Stickerei, die sie vorgenommen, nur manchmal auf und warf einen Blick . . . sie hatte den Klosterblick, von unten auf, scheu, aber gütig . . . auf Herr Sonnenkamp. So konnte Frau Ceres hören, ohne sich eigentlich zu bethätigen.

Herr Sonnenkamp und Fräulein Perini standen in einem äußerst höflichen Verhältniß und sie schien Herr Sonnenkamp zur Uebung in der Höflichkeit zu dienen. Eigentlich hätte er sie schon lange gern weggeschickt, aber sie war ihm angeschmiedet wie der Rheumatismusring, den er am linken Daumen trug.

Durch Fräulein Perini war Frau Ceres immer versorgt. Sie war nie allein, hatte beständig eine Gesellschafterin und Begleiterin. Wenn man ausfuhr, ließ Herr Sonnenkamp Fräulein Perini immer neben seiner Frau sitzen und setzte sich rückwärts; er konnte sich ihrer nicht entledigen und es war daher am besten, wenn man höflich und scheinbar achtungsvoll gegen sie war. Ueberdies hatte sie mehrere treffliche Eigenschaften und ihre beste war: sie hatte gar keine Launen; sie war stets gleichmäßig, drängte sich nie vor, wurde sie aber aufgefordert, so hatte sie immer eine Ansicht, und in der Regel eine solche, die nicht störte. Noch nie war sie verletzt erschienen; berücksichtigte man sie nicht, so wußte sie sich so zu halten, als ob sie es gar nicht bemerkte; zog man sie ins Gespräch, war sie einnehmend, sogar witzig; sie war beständig für Andere bereit und sprach nie von sich selbst.

Jeden Morgen Sommers und Winters ging Fräulein Perini zur Kirche. Sie war allezeit aufgeräumt, wie jede Stunde zur Abreise bereit und wußte, wo Alles im Hause war und lag. Sie stickte viel und es gab bald stundenweit im Umkreise keine Kirche mehr, wo sich nicht eine von ihr gestickte Altardecke oder auch ein Theil des Paraments befand.

Auf Reisen war sie ohne Belästigung. Mit großer Leichtigkeit sprach sie die Sprachen des Continents, nur das Deutsche, behauptete sie, nie lernen zu können; Sonnenkamp war indeß überzeugt, daß sie es vollkommen verstand.

Gegen Roland hatte Fräulein Perini ein eigenthümlich kaltes Verhältniß; sie behandelte ihn als den jungen Herrn, nahm sich aber seiner weiter nicht an, ja sie hatte den Wunsch des Herrn Sonnenkamp, Roland Sprachunterricht zu geben, abgelehnt. Sie trat nie aus dem Kreise heraus, der ihr angewiesen schien; sie war Erzieherin Manna's gewesen, sie wurde Gesellschafterin der Frau Ceres, das war sie nun ganz und ausschließlich und das gab ihr eine sichere Ehrenstellung.

Je mehr Herr Sonnenkamp von dem Empfohlenen des Herrn von Prancken sprach, um so aufmerksamer schien Fräulein Perini zu werden, aber sie sprach kein bestimmtes Wort. Als Herr Sonnenkamp sie fragte, wie es ihr denn zu Muthe gewesen, als sie sich in Nizza zum ersten Mal der Familie vorstellen ließ, sagte sie:

»Ich hatte ja das Glück, von meinem edlen Vormund, dem Domprobst, Ihnen vorgestellt zu werden.«

Roland war ungeduldig, er winkte Fräulein Perini, sie solle nun mit ihm gehen, aber Herr Sonnenkamp ersuchte sie, bei der Mutter zu bleiben; er glaubte seinem Sohne eine gewisse Theilnahme an seiner Freude bezeugen zu müssen und begleitete ihn.

Nur Roland allein durfte sich der Hündin nähern. Als Herr Sonnenkamp es wagte, knurrte sie und fletschte die Zähne; er ging davon.

Roland holte seine Armbrust und schoß mit Pfeilen nach den Tauben und Sperlingen.

Plötzlich hielt der Knabe an. Ein Reiter sprengte vor das Thor, den Pfeil in der linken Hand emporhaltend.

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