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Das Landhaus am Rhein / Band I

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band I - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band I
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band I
pages1-286
created20060719
sendergerd.bouillon
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Neuntes Capitel.

Erich begann: »Ich bin 28 Jahre alt und wenn ich mein Leben überschaue, so ist es bisher nur ein Suchen gewesen. Ein einzelner Beruf läßt so viele Kräfte in uns unthätig, und doch muß eine Wahl getroffen worden, da schließlich in jeder Berufsart der ganze Mensch bestehen und wirken kann.

Ich bin der Sohn einer glücklichen Ehe, in einträchtigem Familienleben herangewachsen. Von meinem dritten Jahre an wurde ich in Gemeinschaft mit Prinz Leonhard erzogen. Es war ständig eine Widersacherei zwischen uns; die Ursache wurde mir erst später klar, als ein offener Bruch stattfand. Eine gewisse Heuchelei, die gar nicht in den Charakter der Kameradschaft taugte, hatte mich nach Außen gefügig und nach Innen unruhig und empfindlich gemacht. Gewiß widerspricht es auch dem Wesen der Kindheit, sich ununterbrochen ehrerbietig, gefällig und fügsam zeigen zu müssen.

Ich kam in das Cadetten-Institut und genoß dort eine besondere Ehre, weil ich der Kamerad des Prinzen gewesen. Mein Vater war hier zugleich mein Lehrer, und da lebte ich auch zwei Jahre mit Ihrem Herrn Schwager. Ich war kein besonders guter Schüler.

Einer der glücklichsten Tage meines Lebens war der, als ich zum ersten Mal die Epauletten trug; wie sehr der Beruf mich enttäuscht, sah ich daran, daß vielleicht der Tag, an welchem ich die Uniform ablegte, nicht minder glücklich war. Trotzdem empfinde ich noch einen Einfluß jener Zeit. Ich kann noch heut keine Batterie vorbeimarschiren sehen, ohne daß mir das Herz bebt.

Bald nachdem ich Lieutenant geworden, siedelten meine Eltern nach der Universitätsstadt über; ich war nun allein. Ein ganzes Jahr war ich in mir begnügt und heiter, wie Alles um mich her. Ich weiß noch heute die Stunde, an einem schönen hellen Herbstmittag, ich sehe noch den Baum, ich höre noch die Elster drauf, wo ich plötzlich mein Pferd anhielt und in mir fragte: Was thust Du denn auf der Welt? . . Dich und die Rekruten abrichten zur geschicktesten Tödtung deiner Mitmenschen . . .«

»Ist Ihnen die Soldatenschule nie als Männerschule und Wirkungskreis Ihres Lehrberufs erschienen?« fiel Clodwig bescheiden ein.

Erich war betroffen und verneinte; dann sich neu sammelnd nahm er wieder auf:

»Ich verscheuchte die schweren Gedanken, aber sie verließen mich nicht mehr. Ich war in mir und mit meinem Beruf zerfallen. Ich kann nicht sagen, wie unnütz ich mir in der Welt erschien; Alles welk, öde, leer. Es gab Tage, wo ich mich meines Kleides schämte, daß ich als gesunder, starker Mann müßig ging, wohlgekleidet war, und daß mein Pferd vielleicht den Hafer des armen Mannes frißt.«

»Das ist übertrieben,« schaltete Clodwig ein.

»Gewiß, ich erkenne es jetzt auch, aber damals im ersten Ansturm des Empfindens war es anders. Ich bat um Urlaub, um den wirklichen Krieg kennen zu lernen. Mein Commandeur, Prinz Leonhard, fragte mich bei den Schießübungen unversehens, in welchem Heere ich den Krieg mitmachen wolle, und noch ehe ich antworten konnte, setzte er scharf hinzu: »Sie würden wol lieber bei den Tscherkessen als bei den Russen stehen?« Mir war die Zunge gelähmt. Von da ab war mein Verhältniß nach Außen ebenso zerfallen, wie ich in mir war. Soll ich Ihnen die kleinen Plackereien aufzählen? Ich verdiente sie, denn in mir war nichts als Widerspruch, mein Thun erschien mir als eine einzige große Lüge. Ich war ein schlechter Soldat. Ich wollte das Räthsel des Daseins lösen und versenkte mich in das Studium der Philosophie. Eigentlich bin ich eine gesellige, mittheilsame Natur, und doch war mir das beständige Leben in der Kameradschaft unerträglich.

Zwei Jahre hielt ich es noch aus, dann forderte ich meinen Abschied. Ich wurde aus besonderer Rücksicht für meine Eltern mit Hauptmannsrang entlassen. Jetzt war ich frei! Ich war dennoch erschreckt, daß ich dies Leben zu verlassen hatte. Ich war weichlich geworden in der Absonderung. Das sollte sich nun ändern.

Ich war frei. Wunderlich, so in die weite Welt hinein zu fragen: Welt, was willst du von mir? Welt, was soll ich dir? Da liegen die tausend Thätigkeiten . . . welche soll ich erfassen? Ich war zu Allem bereit. Ich hatte eine schöne Singstimme und Viele glaubten, ich würde ausübender Künstler werden; ich erhielt sogar Anerbietungen. Wie ganz anders aber war meine Gemüthsverfassung! In mir brannte eine tiefe Sehnsucht, etwas Opfervolles für meine Mitmenschen zu leisten . . . Wäre ich ein Kirchengläubiger gewesen, ich glaube, ich wäre Missionär geworden.«

Clodwig öffnete das Auge und sah in das strahlende Auge Erichs. Eine kurze Pause entstand. Clodwig legte die Arme wieder auf der Brust übereinander, lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen. Erich fuhr fort:

»Als ich zum ersten Mal in Bürgerkleidung über die Straße ging, war mir's, als ginge ich entblößt vor den Augen der Menschen, wie man das oft so ängstlich träumt. Der Erste, der mir begegnete und mich starr ansah mit dem Ausdruck der Ungewißheit, ob er mich erkenne, war mein alter Hauptmann, der, in Civildienst übergetreten, Vorsteher des Männer-Zuchthauses war. Er erzählte mir, daß er hier sei, um einen Gehilfen zu suchen. Mein Entschluß war bald gefaßt. Ich wollte mich der Leitung und Hebung der gefallenen Mitmenschen widmen. Erst aus meinem neuen Beruf schrieb ich meinen Eltern. Mein Vater antwortete, daß er mein Streben wol anerkenne, aber mit Bestimmtheit voraussehe, daß ein gewisser Schönheitstrieb mir das Leben unter Verbrechern unmöglich machen würde. Er hatte Recht. Ich suchte die Neigung nach dem höheren Luxus des Daseins mit aller Macht zu unterdrücken, es gelang mir nicht; mir fehlt die Dosis Humor oder auch jener freie Standpunkt, der die Lebenserscheinungen wie naturwissenschaftliche Phänomene ansieht und behandelt . . . In meiner Hauptmanns-Uniform erlangte ich bei den Züchtlingen mehr Respect als in meiner Bürgerkleidung. Das Leben unter den Züchtlingen, die meist verhärtete, gedankenstumpfe Menschen oder abgefeimte Heuchler waren, wurde mir zur Hölle, und diese Hölle hatte noch eine Pein besonderer Art.

Ich hatte damals den schwergemuthen Grübelsinn, ich war in mich gekehrt und konnte doch die Welt nicht vergessen. Ja, es verfolgte mich immer, daß ich mir vorstellen mußte, was wol die Menschen über mein Thun und Lassen denken und sagen. Aus ihren Augen gesehen, erschien ich mir nun so zu sagen als idealistischer Vagabund. Das wollte ich nicht sein, und vor Allem sollten meine Feinde und Spötter den Triumph nicht haben, daß ich in Verwahrlosung und Unstetigkeit verkomme.

Ach, ich quälte mich unnöthig; denn wer hat Zeit, Lust und Trieb, dem Dasein eines Entschwundenen nachzugehen? Die Menschen bestatten Todte und gehen dann wieder ihrem Alltagsleben nach, und so auch bestatten sie Lebendige. Ich mache ihnen heute keinen Vorwurf mehr darüber; es muß so sein.

Mir ward klar, daß ich zu dem jetzt gewählten Berufe nicht geeignet war. Ich lebte noch zu sehr in mir, ich setzte mir alles Gewordene noch beständig um und suchte Gründe und Entstehung der Charaktere zu erforschen. Ich wollte mich damals noch nicht drein finden, daß Wesen und Handlungen der Menschen nicht so folgerecht sich entwickeln, als ich mir dachte. Dabei war ich noch zu leidenschaftlich und vor Allem von einer beständigen Sehnsucht nach dem Schönen beherrscht.

Ich dachte an Auswanderung in die neue Welt. Aber was war ich dort? Sollte ich mir so Mancherlei angeeignet haben, um ein Stück Urwald in ein Fruchtfeld zu verwandeln? Ich hatte allerdings noch einen besonderen Grund, der mich nach Amerika zog. Dorthin war der einzige Bruder meines Vaters gegangen und ganz verschollen. Früher hatte er eine Bijouteriefabrik gehabt. Er liebte die Schwester meiner Mutter, und als er mit einem Heiratsantrage etwas schroff abgewiesen wurde, verließ er Europa und ging in die neue Welt. Er lehnte jede Beziehung zu Heimat und Familie ab. Als ein Freund meines Vaters sich in Neuyork bei ihm einführte und zuletzt behutsam von uns erzählte, wies ihn der Oheim mit den heftigsten Ausdrücken aus dem Hause. Er wollte nichts mehr von uns und von Europa überhaupt wissen.

Ich bildete mir ein, daß ich den Oheim bekehren könnte, und Sie wissen ja, daß man in verzweifelter Lage gern vom Abenteuerlichsten eine Rettung erwartet.

Mein guter Vater half mir. Was er immer als meinen Beruf erkannt und wogegen ich nur, vom blendenden Soldatenstande angezogen, widerstrebt hatte, das war mir nun deutlich. Der Durst nach Einsamkeit erwachte in mir; mir war, als müßte ich einen Fleck Erde suchen, wo kein Ton in das Innenleben störend einzudringen vermag. Diese Einsamkeit, die doch alles Leben in sich schließt, brachte mir nun die Wissenschaft. Mein Vater half mir, indem er mir deutlich machte, daß meine Vergangenheit nicht verloren sei, sondern mir eine Besonderheit und neue Aufnahme gebe. Er kam und brachte mir ein Angebinde, das mir in die Wiege gelegt war; denn der Senat der Universität, an welcher mein Vater vor seiner Berufung als Erzieher des Prinzen docirt hatte, hatte mich bald nach meiner Geburt mit der Universitäts-Matrikel beschenkt, wie man einem neugebornen Prinzen eine Militär-Charge verleiht.«

Clodwig sah Erich lächelnd an und bat, daß er fortfahre.

»Ich habe nur noch wenig zu erzählen. Ich widmete mich dem Studium der Alterthums-Wissenschaft, und jener Trieb nach dem Schönen fand nun Befriedigung in der Aufnahme der classischen Welt. Seines Fleißes darf sich Jeder rühmen, sagt der Dichter. Ich habe redlich gearbeitet und hatte nun im Elternhause das Glück eines Kindes und als Mann die Freude des geistigen Wachsthums. Mein Vater hatte die Hoffnung, daß ein erfolgreiches Gelingen dessen, was er verfehlt hatte, mir beschieden sei; er gab mir das Erbe jener Ideen, die er weder in der Wissenschaft niederlegen, noch auf dem Lehrstuhl kundgeben konnte. Wenn es je ein glückliches, von ständiger Tempelweihe erfülltes Haus gab, so war es das meiner Eltern.

Da starb mein jüngerer Bruder. In wenigen Wochen wird es ein Jahr, seitdem wir ihn begraben; mein Vater, der überdies eine Kränkung in der Seele trug, konnte bei aller stoischen Kraft diesen Schlag nicht überwinden. Zwei Monate sind es her, daß auch er starb. Ich habe den Schmerz des Verwaisten niedergekämpft und meine Studien absolvirt. Vor einigen Tagen erhielt ich die Doctorwürde. Meine Mutter und ich, wir haben allerlei Pläne, noch ist nichts bestimmt. Ich habe nach meiner Mutter Rath diesen Ausflug nach dem Rhein gemacht, denn ich hatte übermäßig gearbeitet, und wir wollten uns nach meiner Rückkehr fest entschließen. Da traf ich Ihren Herrn Schwager und ich halte es für meine Pflicht, die dargebotene Gelegenheit nicht von mir zu weisen. Ich bin bereit, in den Privatdienst zu treten. Ich weiß, was ich unternehme, und meine, dafür ausgerüstet zu sein. Es gab eine Zeit, wo ich glaubte, nur in der Wirkung auf eine große Gemeinsamkeit Befriedigung finden zu können; jetzt würde ich mich begnügen, ein einziges Menschenkind zu erziehen, und noch dazu ein solches mit der einstiger Herrschaft über großes Besitzthum zum edelwirkenden, für seine große Aufgabe entsprechend vorbereiteten Menschen bilden zu helfen.

Ich bin zu Ende. Ich wünsche nicht, daß Jemand von mir besser denke, als ich verdiene, aber ich wünsche auch als das zu gelten, was ich zu sein glaube. Ich kann in einer gefährlichen Unwissenheit stehen, da ich ja nicht weiß, wie mich Andere ansehen; ich habe mich auch nur gegeben, wie ich mich im ehrlichen Bekenntniß vor mir selbst ansehe. Ich glaube, ein Lehrer zu sein. Was von künstlerischer Neigung und Befähigung in mir sein mag, will ich auf die Bildung eines Menschen anwenden. Ich habe Ihnen nach bestem Wissen mein ganzes Sein dargelegt; wo noch Lücken sein sollten, bitte ich mich zu fragen.«

Clodwig stand auf, trat rasch auf Erich zu und sagte:

»Ich reiche Ihnen nochmals die Hand. So lange diese Hand vom Leben bewegt ist, wird sie sich Ihnen nicht entziehen. Ich hatte Anderes mit Ihnen vor, ich kann es Ihnen jetzt nicht mehr sagen, ist auch nicht mehr nöthig. Doch genug. Gehen Sie ruhig und fest Ihrem Ziele entgegen; was ich zur Erreichung thun kann, haben Sie ein Recht zu beanspruchen. Hören Sie? Sie haben ein Recht auf mich in jeder Lebenslage, in jeder Weise. Gute Nacht, lieber junger Freund.«

Der Graf zog sich rasch, wie einer Rührung entfliehend, zurück.

Der Diener kam und geleitete Erich mit großer Ehrerbietung auf sein Zimmer.

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