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Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung

Theodor Birt: Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
authorTheodor Birt
year1928
firstpub1928
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
pages459
created20120812
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2. Unkultur.

Zu Anfang war das Feuer, dasselbe Feuer, das heute noch jene Kolben treibt und uns unsre Stuben erwärmt, sei es im Dauerbrenner oder im Dienste der Zentralheizung. Hören wir die Griechen selbst, deren Lebensbetrieb wir vor allem kennenlernen wollen.

Äschylus erzählt vom Prometheus, dem Titanen. Wider des höchsten Gottes Willen brachte er der Menschheit voll Mitleid aus der vulkanischen Insel Lemnos die erste Feuerflamme, und der Dichter wagt zu sagen: so wurde das Feuer der Lehrer aller Kunst; zuvor wußten die Menschen nichts von backsteingefügten Häusern, nichts von Zimmerei. Erdeingegraben wohnten sie, ameisengleich, zeitlos, zwecklos, ordnungslos ihr Leben usf.Aeschylus' Prometheus 110 und 411 f.

6 Lassen wir Prometheus beiseite; in jedem Fall sei der Mann gepriesen, der zuerst aus dem Feuerstein den Funken schlug,Der Schiffer macht sich abends Feuer mit dem λίϑος πυρσητόκος: Anthol. Pal. VI 90, 6. In der Odyssee geschieht es 16, 2. der zuerst zwei Hölzer aneinander rieb und quirlte, bis die Flamme hochschlug.Am liebsten nahm man Holz von Lorbeer und Epheu: s. »Alexander der Große«² S. 303, nach Theophrast. Die ganze Antike hat sich sogar mit dieser Art des Feuermachens begnügen müssen; man trug noch keine Zündhölzchen im Schächtelchen herum und hielt daher im Hausstand darauf, daß die Glut auf dem Herd nie ganz erlosch.

Aber wie? Hat nicht schon der kulturlose Wilde, die Rothäute im Urwald am Amazonenstrom, der Nigger oder der Malaie, ja schon der Urmensch, der, im Unterstand lebend, in der Höhle von Altamira Tierbilder an die Wand kreidete, das Feuer gekannt? Schon Homer belehrt uns eines Besseren; denn er erzählt uns das Märchen vom Cyklopen, dem Höhlenbewohner, der irgendwo unwirtlich an der Meeresküste haust.

Odysseus dringt neugierig in seine Höhle. Siehe da, der Cyklop ist Hirte. Nur Schafe und Ziegen hat er in seinen Hürden. Er lebt nicht von Brot, sondern nur von Milch, Molken und Käse. Der Boden des Raumes ist dreckig vom Schafsmist. Aber auch Fleischkost ist dem Cyklopen willkommen; er frißt des Odysseus Gefährten kannibalisch auf, und zwar roh und ungebraten. Nicht einmal einen Hund hat er, um sein Vieh zu hüten. Trotzdem aber hat er Feuer. Trockenes Holz schleppt er herbei, wirft es krachend zur Erde und macht Feuer. Erst als das geschehen, erkennt er den Odysseus und dessen arme Gefährten, da die Höhle zuvor stockdunkel war. Aber nicht nur Feuer; er hat auch schon Körbe, darin der Käse liegt, sogar Bütten, Kübel und Eimer. Es ist der Apparat, den auch jene wilden Völker kennen, die ich nannte. Körbe zu flechten, Gefäße aus Holz herzustellen, verstehen sie auch.

Also trotz des Feuers erschreckende Unkultur. Homer selbst hebt mit klugen Worten hervor, was dem cyklopischen Unhold und seinen Genossen fehlt. Er sagt: ihnen fehlt Gesetz 7 und Ratsversammlung des Volkes; jeder richtet da noch allein nach Willkür seine Weiber und Kinder, und niemand achtet den anderen.Odyssee 9, 112.

Treffender läßt sich, worauf es ankommt, nicht sagen. Vorbedingung der Kultur ist das Zusammenwohnen in Dörfern oder Städten, ist die Gemeindebildung, die über das bloße Familiensystem hinausgeht, ist ferner ein Volksrat, öffentliches Gerichtswesen und Gesetz und jene Gesittung, die sich damals am schönsten in der Gastfreundschaft darstellte.

Der rohe Patron, den Odysseus da überlistet und blendet, ist sogar noch ganz waffenlos; er tötet nur mit seinen Händen oder schleudert Steine. Aber auch wenn der Hirt zum Jäger wird und sich die Steinaxt und, was der Gipfel seines Könnens ist, sich Pfeil und Bogen herstellt, fehlt ihm zur Kultur immer noch die erste Bedingung.

Menschenkultur beruht auf Agrikultur. Der Ackerbau ist hier der Anfang aller Dinge, der Acker »das Euter«, das man melkt.Demeterhymnus 450 und so schon Ilias IX 141 und 283 οὖϑαρ ἀρούρης. Daher feierten die Griechen ihre holde Göttin Demeter, die in der Hand das Bund Ähren trägt; ja, schon von der vorgriechischen, pelasgischen Bevölkerung hatten sie das übernommen. Sie hieß die Mutter des Reichtums, des nimmer satten Säuglings, den sie an ihrem Busen nährt. So wie die Saaten im Saatfeld in Zeilen stehen, so gesellen sich jetzt auch die Bürger in Straßen. Die Ordnung der Masse beginnt, und es entsteht die Stadt und der Staat.Daher heißt Demeter ϑεσμοφόρος. Im angegebenen Sinne lesen wir bei Justin XVII 3, 13: durch Einführung einer Staatsverfassung wird das Leben eines rohen Volkes kultivierter (vita cultior), wir würden sagen: es wird dadurch zivilisiert. Daher das mystische eleusinische Fest: Windet zum Kranze die goldenen Ähren. Die Bezwingerin roher Sitten, die die Menschen vergesellschaftet, sie wird von den frommen Griechen ganz anders als Prometheus gefeiert. Der Warenmarkt entsteht; die Städte werden zu Zentren; der Landmann liefert in die Städte. Es kommt zum Austausch, zum Handel. Die Berufe sondern sich, um sich zu ergänzen. Ein organisiertes Volksleben ist entstanden. 8

 

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