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Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung

Theodor Birt: Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung - Kapitel 36
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
authorTheodor Birt
year1928
firstpub1928
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
pages459
created20120812
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2. Ankunft in Rom

Es ist schwer, sich in der Vorzeit zurechtzufinden. Versuchen wir es, einem griechischen Reisenden uns anzuschließen, der etwa im Jahre 30 oder 50 n. Chr. aus Ägypten ausfuhr, um sich einmal Italien und Rom anzusehen. Solcher Reisende konnte, ganz wie heute, in Brindisi (Brundisium) oder Neapel landen, aber auch in Tarent, Puzzuoli (Puteoli), Ostia oder Ravenna. Besonders die letztgenannten drei Häfen erfreuten sich kaiserlicher Fürsorge. Ravenna, das heute ganz versandet und gegen 8 Kilometer vom Strand des Adriatischen Meeres abgerückt liegt, war damals noch, vom Meer bespült, ein üppiger Seehafenplatz, eine Lagunenstadt wie heute Venedig, mit zahllosen Brücken, die Häuser auf Inseln leicht aus Holz gebaut, die Brücken voll Verkaufsbuden (wie der Rialto), der weite Hafen ein Standort für die kaiserliche Kriegsflotte von 250 Schiffen.

Hat der Seereisende Eile und hat er Geld, so benutzt er einen schmalen Schnellsegler, auch zum Rudern eingerichtet, eine Jacht in der Form einer Erbsenschote (Phaselus), wie ihn die Sportleute liebten. Auf keinen Fall aber sucht er die hohe See, sondern hält sich stets in Sicht der Küste.Aber Vorsicht war bei zu naher Küstenfahrt geboten; vgl. Horaz Ode II 10. Denn der Kompaß fehlte ja, und der Steuermann mußte Land sehen, um sich die Richtung zu sichern. Die Fahrt ist schön und eindrucksvoll. Frachtschiffe kommen auf und werden überholt, die da fest im Wasser gehen und breit gebaut und mit breitem Segelwerk gegen den Wind kreuzen. Sie bringen Korn aus Ägypten, Gewürze aus Berytos oder Cäsarea, Schinken aus Frankreich. Auf dem Hinterdeck gibt ein kajütenartiges Zelt Schatten; der hohe Gallion ist mit farbigem Bildwerk geschmückt; Wimpel flattern am Masttopp; Musik, Gelächter schallt zu uns herüber. Da tauchen aber auch Kriegsschiffe auf, ein ganzes Geschwader dreideckiger Galeeren: wie buntbemalt! Sie sind so rank, so schmal und flach, daß sie nur bei ebener See sich aus dem 250 Hafen wagen. Um so schneller fliegen sie dahin und gehorchen dem Steuerruder in den raschesten Wendungen. Jede Triere hat 300 bis 400 Ruderer, und ihre zweimal 200 Riemen schlagen wie Schwingen im Takt auf und nieder. Aus dem Schiffsvorderteil springt wie ein spitzer Unterkiefer ein eiserner langer Sporn vor, der das Wasser aufpflügt und bestimmt ist, das Gegnerschiff zu rammen. Lanzen und Schilde blitzen an Deck auf. Aber der Gegner fehlt. Denn es ist tiefster Friede zu See und Land, und es gibt nur ein Scheingefecht, wenn es nicht gilt, auf Seeräuber Jagd zu machen, die an den cilicischen Küsten des Mittelmeeres nicht aussterben.

Schon aber nähern wir uns Ostia, dem Hafen Roms. Die Kauffahrteischiffe mehren sich hier, die den römischen Reedern gehören. Wir sehen ganze Flotten. Denn Rom braucht Nahrung; allein aus Ägypten kommen im Jahr 175 Millionen Liter Weizen. Ein Gebrüll tönt herüber: denn auf einem der Lastschiffe befinden sich Löwen im Käfig, die in Afrika in Gruben gefangen sind und mit dem Schweif schlagen, hungrig und wild: sie sollen in den Tierhetzen der Arena Roms demnächst verwendet werden. Auf anderen Schiffen, die tief im Wasser liegen, werden Marmorblöcke, ganze monolithe Säulen, herangeschafft: Marmor aus Paros, Giallo antico aus Numidien, Porphyr aus Ägypten – sie sollen zu den kaiserlichen Bauten dienen, für die Paläste und Bäder der Vornehmen.

Durch Riesenbauten ist der Hafen Ostias, der sehr ungünstigen Lage zum Trotz, durch Kaiser Claudius glänzend hergestellt worden. In der Mitte der Einfahrt ragt der Leuchtturm, Pharos, auf einer Insel. Dazu große Molen und ein glänzender Kai mit Treppenwerk. Geschrei der Hafenarbeiter, die löschen, der Flößer, Sackträger, Kornmesser, Zimmerleute, Akzisebeamten! Ein Hämmern von den Werften her! Große Reihen von gewölbten Magazinen und Schuppen! Dazu Statuenschmuck, ein Dioskurentempel, 251 Vulkan- und Isistempel, aber auch Schmutz und Teergeruch; der Typus eines südländischen Seeplatzes.

Am Strand bei Ostia aber ziehen sich die uralten Salinen, die Salzwiesen hin. Das Meeressalz wird da in Lagunen durch Verdunstung gewonnen. Ostia und Rom blieben die Zentrale für den Salzhandel.

Der Reisende kann sich nun zu Schiff auf dem Tiberfluß von Ostia nach Rom, 16 Miglien landeinwärts, fahren lassen; Ochsen am Strand ziehen die Fahrzeuge hinauf. Aber es ist ratsamer, sich einen Wagen zu nehmen: Fuhrleute, cisiarii, bieten sich an. Zweirädrige Kabrioletts waren in Italien beliebt und sind es noch heute.

Und schon sind wir in Rom, und der Lärm des Seehafens wird durch den Lärm der Hauptstadt selbst übertäubt. Auf 1½ Millionen schätzt man Roms Einwohnerzahl. Der Reisende findet bei Gastfreunden Aufnahme, die ihn schon am Stadttor in Empfang nehmen und durch endlose Gassen zu Fuß nach Hause schleppen,a portu domum ire, Livius 35, 39, 14. mutmaßlich in den vierten, fünften Stock eines Mietshauses. Der Grieche findet in Rom zahllose Landsleute und braucht kein Wort Latein zu reden.

Derselbe Grieche war ein Bewunderer des Erfolges und hat daher stets mit abgöttischer Verehrung auf die Allmacht Roms geblickt. Aber der Anblick der Stadt selbst enttäuscht ihn. Ja, ihm blutet das Herz. In den Hallen, in den Tempelvorhöfen sieht er wundervolle Statuen. »Gestohlen und geraubt! Es sind ja unsere Werke,« so denkt er. Fulvius Nobilior führte im Triumph des Jahres 187 v. Chr. 285 Bronzestatuen und 230 Marmorbilder durch die Straßen usf. Auch heute noch sind wiederholt römische Lastschiffe aus jenen Zeiten, mit griechischen Kunstschätzen schwer befrachtet, am Grund des Mittelmeers wieder entdeckt worden, die einst im Sturm scheiterten und sanken und ihren Raub nicht ans Ziel brachten. Den Tauchern gelingt es heute sogar, die Kostbarkeiten aus der Tiefe zu heben; und es sind ganze Museen, die da ans Licht treten.Vgl. »Griechische Erinnerungen« S. 144. Auch an der Küste von Tunis auf der Höhe von Mahedia ging solches Schiff unter; es fanden sich darin bearbeitete Säulen, getrennt davon Kapitelle und Säulenfüße; Statuen; Statuenköpfe; Putten; marmorne Mischkrüge; ein bronzener Eros als Leuchter; bronzene Masken als Möbelbeschläge usf.

252 Rom ist die Krähe, die sich mit fremden Federn schmückt. Aber die Federn sind der Krähe festgewachsen für die Ewigkeit. In der Tat strömten alle besten griechischen Bildhauer jetzt in Rom zusammen und steigerten ihr Können im Dienst der alles überbietenden Ansprüche der Weltzentrale. Sie lieferten Kopien, aber auch immer noch Originalwerke auf Verlangen; dabei aber archaisierten sie schon vielfach als echte Epigonen oder verfielen in einen eklektischen Stil.

Aber die Straßen! wie häßlich! diese engen Quartiere! diese Winkelgassen! Fahrbar waren nur die Sacra via, die Nova via, die Via lata. Wie schön dagegen Alexandria, Antiochien, Prïene, Magnesia. Ein weites rechtwinkliges Straßennetz, breite schnurgerade Avenüen, die mit Kolonnaden das Häusermeer kühn und endlos durchschneiden – das war die Regel in den hellenistischen Städten. Im Häusergewirre Roms dagegen fehlt jede Linie, scheint jede Orientierung unmöglich (trotz des gewaltigen antiken Stadtplans, der uns in Trümmern erhalten ist), wenn man nicht einen Höhepunkt gewinnt. Vom Tempeldach auf dem Kapitol allerdings, da ließ sich Umschau halten, und man sah von da zu seinen Füßen zunächst genug des überwältigend Herrlichen: die ganze blendende Marmorpracht der erst neuerdings errichteten Tempel und Hallen. Denn Kaiser Augustus war es, der das trübe backsteinerne Rom in ein festlich marmornes Rom verwandelt hatte. Freilich steht alles zu eng. Um für das Cäsar-Forum mit dem Venus-Tempel, für das Augustus-Forum mit dem Marstempel Raum zu schaffen, sind da ganze Quartiere niedergelegt worden. In hohe Brandmauern sind die Fora eingezäunt.

Noch überraschender ist der Ausblick, wenn man vom Kapitol nach dem Vatikan und Monte Pincio (den Gärten des Pompejus) hinüberschaut: da hat man das flache »Marsfeld«, eine Vorstadt voll vornehmster Schmuckbauten, zu seinen Füßen. Seit 200 v. Chr. hatte hier außerhalb der Stadtmauer eine Siedlung begonnen mit Anlegung der 253 Flaminischen Straße, die heute der Korso heißt und zum Ponte Molle führt. Pompejus war hier als Bauherr mit dem Großartigsten vorangegangen; ich meine sein Theater, das 40 000 Menschen aufgenommen haben soll. Das augusteische Zeitalter stellte ebendahin das Pantheon mit den Bädern des Agrippa, die Theater des Marcellus und des Balbus; dazu wundervolle Bazare sowie das Mausoleum des Augustus, das von einem Lusthain und Volksgarten umgeben war.

Blickt man aber auf die Altstadt zurück, so geht für das Auge alle Ordnung und Planmäßigkeit in dem wüst romantischen Chaos von Dächern und Gängen verloren. Die bergige Lage Roms war daran schuld. Das wirkliche Ideal des altitalischen Städtebaus vergegenwärtigt uns am besten Turin (Augusta Taurinorum), eine Kolonie des Augustus; wer heute Turin betritt, muß sich erstaunen über dies Schachbrett von Häuserkarrees mit den breiten Straßen, die vollkommen geradlinig wie endlose Korridore Durchblick durch das ganze Stadtinnere gewähren. Es ist der antike Grundriß, auf dem Turin noch heute steht. Licht und Luft, danach verlangte der praktische Römer so gut wie der hellenistische Grieche. Der Plan ist dem Heerlager nachgebildet, ein weites Rechteck mit cardo und decumanus. Etwa 60 gleichgroße Häuserblöcke zu je 240 Fuß im Quadrat, das war es, was Augustus da in die Ebene stellte: gesund, aber reizlos und nüchtern. Ebenso hat sich der Plan der aufgegrabenen Stadt Thamugadi (Timgad) in Numidien erwiesen. Auch Lambaesis, Carnuntum sind im Anschluß an solche Heerlager entstanden, vor deren Toren sich in Baracken (canabae) die Marketender und Kleinhändler ansiedelten. Auf den sieben Hügeln Roms war nun aber solcher Stadtplan nicht durchführbar trotz aller Planierungsversuche. Dasselbe gilt von Pompeji.

Wer hat die Baupolizei in Händen? In der Zeit der freien Republik waren es die Censoren, die nicht nur die Einschätzung und das Steuerwesen verwalteten und den 254 Gemeindehaushalt regulierten, sondern auch das gesamte öffentliche Bauwesen beaufsichtigten sowie außerhalb der Stadt die Anlage der Heerstraßen oder Landstraßen in Auftrag gaben, während die Aufsicht über Tempel und Gassen den Aedilen oblag. Späterhin jedoch sind es die Kaiser selbst, die in Rom bauen, und zwar für eigene Rechnung, ohne auch nur den Senat zu fragen, anders als in der Residenz Berlin, wo jede erhebliche bauliche Neuerung zwar auch der Genehmigung des Königs bedurfte, aber doch vom Stadtrat beschlossen wurde. Unter den Kaisern funktionierten dabei Behörden, die sich Wegeaufseher (curatores viarum) und Aufseher über die öffentlichen Bauten (curatores aedium usf.) nannten.

Sodann die Warenzufuhr, die Märkte, der Kleinhandel am Ort. Man denke, was dazu gehörte, Rom zu ernähren. Große Lagerspeicher gab es an verschiedenen Stellen, vor allem am Aventin, für Salz, Korn, Wein, auch für Schreibpapier, das nur aus Ägypten kam. Die Schreibverhältnisse im Altertum waren schwierig. Fiel die Papyrusernte in Ägypten schlecht aus, so war der Papiermangel groß, und der Senat selbst sorgte für die Verteilung der vorhandenen Vorräte. Daher wurde so viel auf Wachs geschrieben. Wie sollte es in Rom ferner an Ochsenmarkt und Schweinemarkt, Fischmarkt und Gemüsemarkt fehlen? Für die gleichen Zwecke wurden dann aber auch besondere Markthallen erbaut, sogenannte Macella, wie wir eine in Pompeji hart am Forum kennenlernen: ein hochummauertes Areal, dessen Inneres zum Teil unter offenem Himmel, großenteils aber gedeckt ist; in der Mitte eine Rundhalle mit Gruben zum Schuppen der Fische; ringsum schattige Umgänge, darin sich hübsche Wandgemälde befinden, u. a. ein Fries, der Enten, Gänse, Fische, Kalekutten, gerupftes Geflügel, einen Hahn mit zusammengebundenen Füßen nett naturgetreu darstellt (die antike Malerei kannte schon den Reiz des Stillebens! Eier im Glas! Schweinsköpfe u. a. m.). Das waren die Waren, die man eben hier zu kaufen fand. Aber auch eine Fleischbank 255 fehlte nicht in demselben Komplex, sowie Geldwechslerstuben, damit, wer kleine Münze brauchte oder nur ausländisches Geld bei sich führte, sich sogleich wechseln lassen konnte. Und die Rechnungen, die Additionen und Subtraktionen, haben sich da in Pompeji direkt an die Kontorwände gekritzelt gefunden.

Die Aedilen aber waren es wiederum, die die Marktpolizei inne hatten und durch ihr dienendes Personal ausüben ließen. Gewichte und Maße der Händler wurden nachgeprüft, Normalgewichte und Hohlmaße waren in allen Städten öffentlich aufgestellt. Sie sind in Pompeji noch heute zu sehen.

Was aber ist eine Stadt ohne Wasser, Wasserzufuhr von außen? Denn sie will trinken, sie will sich reinigen. Auch dafür gab es eine besondere Wasserbehörde.

In den langen Regenzeiten des Winters stürzte durch die Gassen das Regenwasser. Es mußte ablaufen. Unter den Stadtmauern her wurde es durch Abzugskanäle aus der Stadt geführt. Sodann die Kloaken, die Latrinen. Es versteht sich, daß in keinem Privathaus ein derartiges Kabinett gefehlt hat; es lag regelmäßig in der Nähe der Küche, d. h. von den besseren Wohnräumen entfernt, befand sich aber, wo nötig, auch im Oberstock, mit Tonröhrenleitung. Bemerkenswerter ist, daß auch für öffentliche Latrinen gesorgt war, freilich noch nicht im Athen des Aristophanes – und der Südländer hatte und hat überhaupt einen großen Hang zur Natürlichkeit –, wohl aber in den Kulturstädten der Kaiserzeit, von denen wir handeln. Am Forum in Pompeji sieht man noch solche Einrichtungen, in Thamugadi gar einen Raum mit 25 Marmorsitzen: unter den Sitzen her war ein Sammelkanal mit fließendem Wasser. Die Sitze sind nicht durch Zwischenwände getrennt. Ja, auch der allerhöchste kaiserliche Geheimort auf dem Palatin hat sich auffinden lassen (wie auf Kreta der des alten Königs Minos); die Sitze standen da und auch sonst im Halbkreis angeordnet, so daß die Beteiligten sich trefflich miteinander unterhalten konnten; denn man war 256 plauderlustig; man hatte ja auch keine Zeitungen und leistete sich selbst hier Gesellschaft.Auch Gedichte las man sich dort vor: s. Martial III. 44, 11. Vgl. übrigens Chr. Hülsen in der Voss. Ztg. 1916, Sonntagsbeilage 5; C. Blümlein, Jahresber. für A. W. Bd. 209 (1926 III) S. 58.

Die Kanalisation der Städte aber setzt nun jene Wasserleitungen voraus, die der Ruhm des Römertums sind. Der Römer lechzt nach fließendem Wasser (salientes). Und Rom selbst prangt noch heute im Schmuck seiner Springbrunnen. Wer aber kennt nicht die Aquädukte Altroms, Aqua Appia, Marcia, Aqua Virgo usw.? In Augustus' Zeit gab es 7, unter Konstantin 19; herrlich die Claudia, die über 45 Meilen zum Teil auf hohen Bögen das Gebirgswasser aus den Sabinerbergen in die Stadt führte!Die Aqua Claudia läuft 10 Meilen auf dem Aquädukte, 35 unterirdisch. Sie sind noch heut die Zierde der einsamen Campagna um Rom und kriechen wie Raupen über das Blatt der Landschaft, lasttragende steinerne Raupen, die auf 100 000 Füßen wandeln und den viele Meilen langen, mit Fliesenplatten gedeckten Wasserkanal auf ihrem Rücken einhertragen: unzerstörbar wie die Pyramiden Ägyptens, wäre nicht der Mensch gekommen und hätte sie als Steinbruch benutzt. Die Aqua Marcia aus dem Jahre 144 v. Chr. ist im Jahre 1869 wieder hergestellt worden; sie brachte im Altertum über 290 000 Kubikmeter Wasser täglich, heute nur 120 000. Hoch über die Schwibbögen der Stadttore drangen so die Leitungen in das Innere Roms und bildeten auch ihrerseits monumentale Bögen, unter denen der Verkehr hindurch ging, oder sie liefen auch die ganzen Straßen und Kolonnaden entlang. Wasserkastelle (dividicula) gab es in den verschiedenen Teilen der Stadt zum Zweck der gleichmäßigen Verteilung, zur Speisung der großen Badeanstalten. Um genügenden Druck zu haben, mußte das Wasser hoch vom Gebirge kommen und wurde so durch ein Geäst von abermillionen Bleiröhren in alle Hochbauten der Stadt getrieben. Diese Bleiröhren, mit Stempeln versehen, erweisen sich weit trefflicher und dauerhafter, als wir sie heute zu fabrizieren pflegen, und das gilt nicht etwa nur von Rom. Alle großen, ja die kleinsten Städte waren mit solchen Leitungen versehen. Viele Inschriften melden davon. Ravenna erhielt sein 257 Trinkwasser in einer solchen von 30 Kilometer Länge. Nîmes war ebenso wasserarm wie Ravenna, und der berühmte Pont du Gard trug ihm die Leitung zu. Selbst Lyon war im Altertum mit Wasser besser versorgt als heute.

Aber nicht nur Bäder speiste man so. An jeder Straßenkreuzung standen öffentliche Brunnen als steinerne Wannen, in die aus einem skulpierten Pfeiler Tag und Nacht das Wasser rann; und allen besseren Privathäusern war es ermöglicht, ihre Schmuckhöfe mit plätschernden Brunnenwerken zu schmücken. Es waren dies freilich zumeist nicht hochgetriebene Wasserstrahlen wie bei unseren Fontänen, sondern das Wasser fiel frei mit klatschendem Geräusch und frischen Hauch verbreitend aus geringer Höhe auf ein Marmortreppchen oder aus dem Schlauch eines Satyrn in ein ausgemauertes Becken herunter. Welch wonnige Erlabung in der Hitze des Südens! Sogar in der Stube hatte man das: das Leitungsrohr stieg am Bein des Tisches hinauf, und das Wasser ergoß sich, wenn man den Hahn drehte, über die Tischplatte. Dazu endlich die Sparsionen, die Sprengungen im Theater, die bis zu den höchsten RängenDiese Sprengungen und das Drucksystem beim Heben des Wassers erörtert Seneca, Nat. quaest. II. 9, 2. hinaufgingen.

Das Stadtvolk Roms wurde von den Kaisern verhätschelt; daher brauchte man dort kein Wassergeld zu zahlen; in den übrigen Kommunen hatte, wer sich die Leitung in sein Haus legen ließ, jährlich eine mäßige Abgabe zu entrichten.

Der griechische Reisende, der sich in Rom umsah, erkannte indes wiederum in alledem doch nur eine Weiterführung und Steigerung der eigenen griechischen Kultur. Dasselbe gilt von der Einrichtung der Straßen, auf die wir jetzt acht geben.

Wir pflanzen heute an den Fahrstraßen vor den Toren Obstbäume, Kugelakazien, Lindenalleen. Das kennen die Alten nicht. Der Chausseebaum ist durchaus unantik. Wohl aber gab es Volksgärten, wie beim Mausoleum des Augustus; da, wo die Straße sich ausweitete, sorgte man für Ruhebänke (scholae), oftmals die Stiftungen von Privaten, die Halbzirkelform haben, auch Löwenfüße, und aus Stein hübsch 258 gemeißelt sind. Vor allem aber sorgte die Baubehörde in der Stadt für gedeckte Wandelbahnen. Denn wie der heutige Italiener, so stand auch der Römer gern müßig in den Straßen herum und rieb sich den Rücken an den Säulen stundenlang, um den leeren Nachmittag auszufüllen. Dazu brauchte er die Portiken,Nur um die heiße Mittagsstunde sind die Portiken leer, Tacit. Ann. 11. 21, 2. die nicht nur die öffentlichen Plätze oft zweistöckig einfaßten, sondern in allen vierzehn Regionen Roms, besonders in der 7. und 9., die Häuserfronten unterbrachen. In der Nähe des Korso gab es allein deren 14, welche 14 zusammen auf 14½ Kilometer berechnet werden. Im Winter stürzt der Regen im Süden wochenlang, im Sommer glüht die Hitze von oben: da half nur das flache Dach dieser gedeckten Säulengänge, Promenaden von oft endloser Ausdehnung und glänzender Ausstattung: Statuenschmuck zwischen den Säulen, die Wände mit Fresken erfüllt.

Man bedenke dazu, daß der antike Mensch in der Stadt keinen Hut trug (nur auf Reisen war der Hut üblich) und daß auch der Regenschirm fehlte. Man kannte nur den Sonnenschirm (umbella). Barhäuptig liefen die Jungen zur Schule, barhäuptig ging Cicero in den Senat. Daß Kaiser Augustus im Hut einherging, wird besonders notiert. Cäsar bedeckte seine Glatze mit Lorbeer, und auch Kaiser Caligula war früh kahl und ärgerte sich, wenn man ihn vom Fenster aus von oben sah. Aber auch die Frauenhüte fehlten ganz; die Frauen verhüllten nur die Haare schleierartig, und die gespreizten Hutphantasien, wandelnde Dächer, jene Orgien der Putzsucht, mit denen unsere Damenwelt vor etlichen Jahren dem Sonnenstich wehrte, würde jede Messalina belächelt haben; mehr noch die tolle Inkonstanz unsrer Mode, die heute auf die Frauenköpfe, deren Locken sie absäbelt, die schmale Hutstange setzt, die im Schema den Fingerhut nachahmt.

Frau in Straßentracht

Frau in Straßentracht

Terrakottastatuette aus Griechenland in Sammlung Loeb zu München, um 150 v. Chr. Nach Sieveking, Terrakotten der Sammlung Loeb Band 1, Tafel 56.

Wir aber blicken jetzt vor unsere Füße auf das Straßenpflaster. Es besteht aus großen polygonalen Platten (silex, 259 Basaltlava), wie sie noch jetzt in den italienischen Städten gebräuchlich sind. Der Gehsteig an beiden Seiten (margo) ist oft sehr hoch, bis zu 1 Meter, und zwischen den Steigen läuft die Straße wie ein leerer Fluß zwischen steilen Ufern. In der Tat floß das Regenwasser hoch durch die Straßen, wenn Abzugsleitungen fehlten. Für die Pflasterung des Steiges aber haben die Anwohner zu sorgen. Daher wechselt die Beschaffenheit des Pflasters in Pompeji vor den verschiedenen Häusern und ist bald Naturboden, bald Steinplatten, bald ein aus Ziegelbrocken hergestelltes rohes Mosaik.

Weil aber der Fahrdamm so tief ist, werden an gewissen Stellen, um den Übergang von Gehsteig zu Gehsteig zu erleichtern, Schrittsteine gelegt, je 3 oder 4, und diese Schrittsteine verraten uns die Breite der antiken Wagen, d. h. die Weite des Abstands ihrer Räder. Sie erweisen sich als sehr schmalspurig. Ein Wagenverkehr war augenscheinlich schwierig, besonders das Begegnen von Fahrzeugen. Die Fuhrleute mußten genau orientiert sein. In eine Menge von Gassen und Gängen drang nie ein Fuhrwerk.

Daher war nun der Wagenverkehr in den Städten am hellen Tag überhaupt polizeilich verboten, und dies ergibt einen ganz wesentlichen Unterschied vom heutigen Stadtgetriebe. Nur zu Prozessionszwecken, wenn ein Priester oder die Vestalinnen zum Tempel fuhren, oder bei den Triumphzügen der Feldherren und Kaiser wurde davon eine Ausnahme gemacht. Daraus muß sich erklären, daß im Stadtbereich Pompejis so wenig Pferdegerippe ausgegraben worden sind.Die Wandanschrift wegen eines verlaufenen Pferdes findet sich vor der Stadt, nicht in der Stadt.

Für den Menschen, der nicht zu Fuß gehen wollte, hatte das aber eigenartige Folgen. Wer heutzutage per Automobil durchs Land reist (oder rast), darf unbehindert quer durch die Städte hindurch, die er passiert. Der antike Reisende dagegen mußte, wenn die Fahrstraße die Stadt nicht umging, jedesmal vor dem einen Stadttor seinen Wagen verlassen und am anderen Tor sich einen neuen nehmen. An den Toren lagen die Kutscherkneipen mit dem Ausspann. Im Innern der 260 Stadt herrschte dagegen die Sänfte, der Tragstuhl. Die Gassen waren davon erfüllt; aber nur Freigeborene durften solche Sänften benutzen. Vornehme Damen und auch Herren gingen so ihren geselligen Zwecken nach; der Insasse konnte darin schreiben und lesen, das Klappfenster öffnen, Bekannte anreden, einen Freund mit aufnehmen, und auch das müßig elegante Getändel mit den Frauen, ob nur artig oder verliebt, knüpfte sich daran, wie etwa heute an den Wagenkorso auf Monte Pincio.

Wo uns Juvenal einmal das Gedränge in den Straßen schildert, da redet er von Wagen gar nicht. Die Gefahr für den Fußgänger bestand darin, daß man von anderen rücksichtslos gestoßen wurde, weil die fürstlichen Vornehmen nie ohne großen Troß ausgingen und Platzmacher, die auf das rücksichtsloseste ihres Amtes walteten, ihnen voranschritten. Dazu dann die Lastträger, die Stangenwerk und Fässer schleppten, so daß man sich den Kopf daran wund stieß; endlich aber die Sänften, die im eiligsten Trott hindurchgingen. Man lief Gefahr, von ihren metallbeschlagenen Tragbalken gehörig gepufft zu werden. In China sind für einen guten Tragstuhl 4 Kulis nötig; der gepflegtere Römer brauchte 6, um das Schaukeln möglichst zu verhindern und auszugleichen.

Straßenszene

Straßenszene

Wandbild aus Pompeji (Casa dei Dioscuri) im Neapler Museum (Guida Ruesch Nr. 1366), um 70 n. Chr. Nach Photographie Alinari 34138.

Und damit haben wir ein Straßenbild Roms. Wer es sich vervollständigen will, denke sich etwa noch die bunten Trachten der Menschen hinzu, oder besser die geniale Nachlässigkeit der Tracht. Die Hosentracht fehlt damals noch ganz. Sie kam erst im 3. Jahrhundert n. Chr. über die Alpen. Die Gallier brachten damals die Hose nach Italien, die Germanen im 4. Jahrhundert den Pelz! Die farbige Tunika, das lange Hemd, ist die allgemeine Bekleidung der männlichen Bevölkerung, und für viele die einzige. Darüber trägt nur der gepflegtere Bürger noch den stolzen Umwurf der weißen Toga. Der Arbeiter zieht sich nur bei Regen und Kälte den zottigen dunklen Fries über (paenula); die Eleganten dagegen und 261 auch der Offizier wirft sich gern die Lacerna um die Schultern, einen leichten Mantel mit Kapuze, grell weiß oder bunt, auch scharlachrot. Dazu mannigfaltiges Schuhzeug von der einfachen Sandale bis zum hohen Militärstiefel, der aber nicht dem unsren glich. In allen Fällen war Prinzip, die Zehen vorn bloß und unbedeckt zu lassen. Dadurch wurden freilich tägliche Fußbäder nötig, jenes Fußwaschen, das bisweilen zur bedeutsamen Handlung wird. Aber das Altertum kannte dafür auch den Leichdorn nicht!

Die Toga selbst aber kam ab; sie war zu unbequem. Juvenal sagt, daß zumal in den Landstädten alles nur noch in der Tunika lief, und selbst im Theater unterschied sich der Würdenträger darin nicht vom Volke. Warum auch nicht? Viele legten erst auf dem Totenbett die Toga an. Die in Pompeji aufgefundenen Toten bestätigen das; ich meine die in Gips abgegossenen Verschütteten, deren Hohlformen sich in der Lavamasse gefunden haben: sie zeigen tatsächlich nur sehr geringe Bekleidung. Es war eben die heißeste Sommerzeit, der 24. August 79, und zwar am hohen Mittag, als sie der grausige Tod ereilte.

Nun ist aber das, was ich über das Verbot des Fahrens gesagt, doch einzuschränken. Wie sollten Waren, Baumaterial in die Stadt kommen, wenn nicht per Achse? Und es wurde in Rom ständig gebaut. Das war die Manie der Kaiser. Hier galt nun das Gesetz: Lastwagen dürfen in der Stadt fahren, aber nur etwa von 7 Uhr nachmittags an (zur Sommerzeit; im Winter etwas früher). Diese Erlaubnis betraf zugleich das Abfuhrwesen.

Also nur abends und nachts! Nun denke man sich eine italienische Nacht in jenen Zeiten. Bei uns beruhigt sich alsdann der rasende Wagenverkehr. Die elektrischen Bahnen fahren nur bis 12 Uhr, und man hört es kaum, wenn vereinzelte Autos noch spät auf ihren Gummirädern über den Asphalt gleiten. Dagegen ging im Altertum erst am späten Nachmittag der ganze Frachtverkehr los und donnerte durch die engen Straßen 262 bis Sonnenaufgang. Auf dem Pflaster dröhnt es gewaltig, und die Karren gingen auf massiven Radscheiben ohne Speichen (tympana). Welcher unausgesetzte Lärm und betäubende Unruhe! Deshalb wären abends Theater und Konzert unmöglich gewesen; der Straßenlärm hätte sie übertönt. Man spielte nur am hellen Tage. Und auch in den Wohnhäusern sorgte man dafür, daß die Schlafräume möglichst nach hinten lagen. Nach der Straße zu war das Wohnhaus tot und löste sich gern in Läden auf.

Wem geht es nicht zu Herzen, wenn wir den zeitgenössischen Dichter klagen hören! »Die meisten werden in Rom krank und gehen am Nachtwachen zugrunde. In den Mietshäusern, wo man ein Zimmer nach vorn hat, tut man kein Auge zu. Es kostet viel in Rom zu schlafen. Das ist die Hauptursache unserer Kränklichkeit!« Wir würden sagen: man wird in Rom nervös. Die Wagen stauen sich da, wo die Straße sich biegt, sie führen Marmorblöcke oder lange Fichtenstämme. Dachziegel, Topfscherben sausen krachend von oben aufs Pflaster. Und die obersten Fenster in den Häusern zeigen noch Licht um Mitternacht! Ein Zug von Pferden will hindurch und muß stehen, und die Bereiter schimpfen. »Selbst ein Seekalb könnte dabei nicht schlafen.«

Nur drei Gattungen von Menschen konnten in Rom wirklich leben: die prachtumgebenen Großherren oder Millionäre und die Plebs, die Leute, die sich nicht genierten, von jenen sich füttern zu lassen, und das Essen warm auf der Platte aus den Palästen nach Hause schleppten; dazu endlich die vielen Streber aus dem Orient, die, um ein Vermögen um jeden Preis zu machen, allen Plagen gewachsen und überall selbst die lautesten waren. Wer aber still und anständig leben will, der hält es nicht aus. Ihn schrecken auch die täglichen gräßlichen Feuersbrünste; das Löschwesen war elend; die Feuerwehr – oft nur Zimmerleute – kam mit Leitern und Matratzen meistens zu spät. Unerträglich endlich auch der Mangel an Luft, wenn man im 3., 4. oder 5. Stock wohnte, 263 zwischen turmhohen Mietshäusern eingepfercht, daß man sich von Fenster zu Fenster die Hand hätte reichen können. Und doch herrscht dabei die größte Fremdheit, und man lernt sein Fenster-vis-à-vis niemals kennen. Inmitten des Chaos von Menschen vergeht man in Einsamkeit. Nur freilich das verkommene Proletariat, das wußte von Einsamkeit nichts; es lebte selbst nachts gesellig: denn es kann in Rom nicht anders als jetzt in Neapel gewesen sein, wo wohl ein Dutzend dunkler Existenzen in einer einzigen jammervollen fensterlosen Schlafstelle, mehr Loch als Kammer, beisammen schlafen. Aber die übrigen? Die Mieten waren natürlich außerordentlich hoch.Zum Vergleich sei eine Notiz über die Hauptstadt des Faijum herangezogen: da besaß ein gewisser Herodes ein Haus, das in Teile zerfiel, in dem zehnten Teile dieses Hauses wohnten allein 20 Familienmitglieder und außerdem noch 7 Mieter. Es wurden Listen über die Hausbewohner geführt, und solche Listen sind uns noch erhalten. Wo sollte man wohnen? wohin sich retten?

So beschließt denn der schlichte ehrenhafte Umbricius bei Juvenal, in die Kleinstadt zu ziehen, und packt seinen ganzen Hausstand auf den Wagen. Folgen wir ihm dorthin, um endlich auch das Innere eines behaglichen antiken Hauses, wie es uns Pompeji hundertfach zeigt, kennenzulernen.

 

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