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Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung

Theodor Birt: Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung - Kapitel 27
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
authorTheodor Birt
year1928
firstpub1928
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
pages459
created20120812
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3. Die Könige

Blicken wir denn auf diese Fürsten. Wer von der Kultur zur Zeit der Renaissance in Italien handelt, muß mit den Medici anheben, den Visconti und Gonzagen und der Schilderung des Treibens im päpstlichen Palast zu Rom; denn in den Zeiten der absoluten Monarchien ist der Hebel des Fortschritts in der Hand der Potentaten. Nicht anders im Zeitalter Ludwigs, des Sonnenkönigs, oder Friedrichs des Großen. Wie wäre ohne die Herren in Potsdam, in Dresden, ohne Weimar der plötzliche Hochschwung oder die Vertiefung der Geisteskultur in Deutschland möglich gewesen? Wüßten 173 wir nur auch von jenen Königen, die nach Alexander den Hellenismus mit Energie und Freisinn weitergeführt haben, Genaueres zu berichten! Die literarische Überlieferung gerade der anderthalb Jahrhunderte, die hier in Betracht kommen – ich meine die Jahre von 300 bis 150 v. Chr. – ist vollständig zertrümmert, und es fehlt an allem anschaulichen Detail.

Wir hören: ein Königssohn wird krank; er erhält Krankenbesuche, und auch die Königin, seine junge Stiefmutter, erscheint. Der Hofarzt konferiert im anderen Raum mit dem König, der voll Sorgen ist;Vgl. »Alexander d. Große«² S. 333. aber wir tun keinen Einblick in die Räume, sehen den Vorhang nicht, der sich hebt, wenn die Königin eintritt, nicht den Siegelring an des Königs Hand oder den Mosaikfußboden der Halle, die er ruhelos durchschreitet. Wie kleidete sich eine Berenike, wenn sie in ihrem Pavillon empfing? Wie verlief ein Kronrat Antiochos des Großen? Wir hören von königlichen Hochzeiten, von Händeln und Intrigen und politischem Mord, dem selbst Prinzessinnen zum Opfer fielen, sehen aber die Beteiligten, die Täter, die Intriganten nicht und erfahren nur selten die Motive; und kennen wir die Personen, so fehlt das Milieu.

Andeutungen müssen also genügen.

Der Gewaltherrscher muß gesichert wohnen; er muß zugleich blenden durch Pracht der Haushaltung, wie es die Sultane Persiens machten. Alexander der Große übernahm die orientalische Prunkliebe und trieb sie in seinen Projekten bis zur geschmacklosen Überladung,»Alexander d. Große«² S. 226 f. indem er das babylonisch Kolossale verschwenderisch mit Schmuckwerken der griechischen Kunst verband. Aber er lebte zu kurz, um sich einen Palast zu bauen. Das taten erst die Diadochen in ihren Residenzen. Ohne Frage waren auch diese Paläste Prachtbauten; sie waren zugleich durch ein Truppenlager gesichert, das sich in der Nähe befand.Speerträger bewachen den Palast (Athenäus p. 189 E). Daher auch die königlichen Reiter in der Nähe desselben, die Theokrit 15, 52 erwähnt. Aber keine Baureste sind erhalten; sie sind wie wegrasiert. Darf man sich von ihnen nach den Schmuckwänden der Theater, die den Bühnenhintergrund 174 bilden und eine Palastfront darzustellen scheinen, eine Vorstellung machen?

Aber es gibt nicht einmal ein griechisches Wort für Palast; so ungriechisch war die Sache. Man sprach nur einfach vom »Hof« des Königs. So redet auch der Deutsche von Hof, Hofhaltung, Hofbedienten, von Hofbällen; sogar der Spießbürger macht bei uns seiner Geliebten den Hof. Das griechische Wort ist »aula«,Griechisch αὐλή. Vgl. Athenäus p. 189 D. So auch Theokrit 15, 60, Horaz c. IV 6, 16 u. a. und es ist verräterisch.

Jene Könige und Königinnen lebten in ihren geschlossenen Räumen wie Privatleute unzugänglich. Vor dem Bau aber oder auch als Zentrum des Baukomplexes befand sich ein weiter von Mauern oder Bauteilen eingeschlossener Innenhof oder Vorhof, der der Repräsentation unter freiem Himmel diente, gewiß aber auch schützende Arkaden enthielt. Das ist die aula regia; dort fanden die offiziellen Empfänge statt, dort aber an Festtagen auch allerlei Schaustellungen für das große Publikum, dem man Einlaß gewährte. Es ist z. B. Adonisfest; die Königin richtet im »Hof« eine Schaustellung her, köstlicher Art, einen Aufbau mit Statuen und kostbaren Teppichen unter Bäumen, in denen Amoretten flattern; Gold und Elfenbein ist dabei verschwendet. Das Volk schiebt sich herein; keine Polizei ist nötig, Ordnung zu schaffen. Alles drängt sich zwar, und die neugierigen Weiber schimpfen in der Enge und schwatzen überlaut, wie sie im Hof angelangt sind und den Aufbau gewahren; aber eine Stimme aus dem Publikum genügt, sie zur Ruhe zu verweisen. Sonst gibt's keinen Mißton. Die Königin Arsinoë wird vielmehr dankbar gepriesen, die den Schaulustigen die Freude bereitet hat.S. das Theokritgedicht, dessen Übersetzung ich gab, »Alexander d. Gr.«² S. 372 ff.

Auch ein Prunkzelt der Könige in Alexandrien wird uns einmal geschildert. Dessen hochgeschwungene Tragsäulen ahmten Palmen nach, und es war mit Gemälden und persischen Bilderteppichen reich verschönt.»Alexander d. Gr.«² S. 268. So ausgeziert müssen wir uns auch die Privaträume der Paläste denken. Oder ein Monstreschiff, unsren Riesensalondampfern entsprechend, wird 175 für die Lustfahrten eines Königs gebaut; es gleicht geradezu einem Königsschloß, und an den Innenwänden sah man einen mosaïzierten Fries, der die ganze Ilias in Bildszenen wiedergab.Athenäus p. 784 C. Die wundervolle Kunst des Mosaiks, das die Farben ewig hält, kam damals in Schwang. Von den Fürstenhäusern strömte das Verlangen, die Innenräume zu schmücken, dann auch in die besseren Bürgerhäuser über. Allein schon Pompeji verrät es uns. Die Stubenwände werden mit seinem Stuck überzogen und entweder tapetenartig bemalt oder mit Bildteppichen zugehängt, Tafelgemälde aufgestellt, die man mit Holzklappen gegen den Staub schützte (Glasverkleidung der Bilder schien untunlich), das Mosaik für den Fußboden verwendet, da man Teppiche nicht legte. Da sah man also das uns erhaltene Taubenmosaik, das Mosaik der Alexanderschlacht und ähnliches mehr, die sicher auf Vorlagen der Zeit, von der ich handle, zurückgehen.

Die Könige sind rüstige, oft reckenhafte und hochbegabte Männer. Erst in der dritten Generation beginnen diese Dynastien zu entarten. Sie sind bald kriegerisch, bald Ästheten, die mit weichen Händen lieber nach Gold als zum Eisen greifen, auf alle Fälle musterhaft fleißig, weitsichtig und geschickt im Dienst der Landesverwaltung. Über die Verwaltung Ägyptens durch die Ptolemäer erfahren wir die erstaunlichsten Einzelheiten. Daß die Fürsten in Purpur gingen, konnte nicht befremden; jener Demetrius aber, der sich einen bunt gestickten Talar, auf dem man Sonne, Mond und Sterne sah, anfertigen ließ, machte sich lächerlich.S. Alexander d. Gr. S. 256. Übrigens waren es nur Männer (Phrygionen), die solche Gewänder stickten, und nur die Königinnen waren es, die sie trugen.

Auch diese Fürstinnen machten ihrer Rasse Ehre, klug, herrschfähig und ungebunden im Männerverkehr. Die emanzipierte Frau gedeiht in den Palästen. In die großzügig schlichte Frisur legten sie das Diadem; damit ließen sie sich abbilden und schienen so den Göttern gleich.Vgl. »Aus dem Leben der Antike«4 S. 158 u. 254. Über die Venus von Milo s. unten S. 204 Anm. "Die Gestalt ist m. E. zu individuell charakterisiert...". In der Berenike wandelte die Liebesgöttin auf Erden. Die Könige dagegen 176 mit ihren vornehm charaktervollen, geistig durchgearbeiteten Gesichtern – fesselnd der Ausdruck, bald wuchtig und herrisch, bald strahlend blank, die Augen sprühend (wir haben noch statuarische Wiedergaben in Marmor, in Bronze) –, sie ließen sich, wie einst Alexander der Große, in ihrer Göttlichkeit oftmals auch nackt auf die Postamente stellen, schlank, hochgereckt, und wie in ewiger Jugend. Napoleon, der Imperator, hielt sich für verpflichtet, das nachzuahmen; so steht er in Mailand.

Das war Konzession an den Volksglauben und an den Zeitgeschmack. Um so menschlicher zeigten die Könige sich im Verkehr und bei der Arbeit; denn sie brauchten Menschen, und sie wußten sie zu finden. Ich rede nicht von den Eunuchen, die zum Hofdienst gehörten, knechtische, aber gewitzte Kreaturen und zu allerlei Intrigen verwendbar. Für die Staatsgeschäfte wird ein planvoll gegliederter Beamtenstand geschaffen, zum Verkehr sogenannte Königsfreunde oder Genossen herangezogen. Man unterschied solche Genossen ersten und zweiten Ranges. Adlige Familien im heutigen Sinne, die schon durch ihren Namen hoffähig waren, gab es nicht. Aus bürgerlichen Häusern wurden begabte Leute, Militärs, Künstler, Gelehrte, Dichter, dazu herangezogen, und die Majestät verkehrte augenscheinlich gut bürgerlich mit ihnen. Man kann sagen: eine Elite der bedeutendsten Männer jener Epoche hat sich an den Höfen angesammelt, und schon hieraus erhellen die Verdienste jener hellenistischen Könige. Die Herren fühlten sich zur Kulturarbeit im höchsten Sinne berufen. Fortschritt im großen Stil war ihre Losung, und es galt, Athen zu überbieten. So wurden sie im Sinne Alexanders die glänzenden Patrone von Kunst, Wissenschaft und Technik, die auch von uns Heutigen immer noch Hochachtung und Dank verdienen als opulente Auftraggeber, Zielsetzer, Förderer und Gründer im Dienst der Vertiefung und Bereicherung des geistigen Eigentums der Menschheit. Der Techniker erhielt Auftrag, der Gelehrte die Arbeitsmittel. 177 Dabei herrschte die Abundantia. Die Steuern und königlichen Monopole sicherten die Finanz, und es konnte alles geschehen. Auch persönliches, sachliches Interesse der hohen Herren hat da im einzelnen mitgewirkt. So wurde Pergamum ein zweites Athen, Alexandrien mehr als beide.

Die herabsetzende Wertung der Künstler und Techniker als Banausen, wie sie zuvor bestand, hörte also jetzt auf oder verlor doch ihre Strenge, vielleicht unter dem Einfluß Plato's, der in einer berühmten Schrift seines hohen Alters Gott, den Weltschöpfer, selbst zum Demiurgen oder Mechaniker gemacht hatte, der das Weltall zu Anfang der Zeiten auf das komplizierteste aus Hohlkugeln herstellte, so daß eine rotierende Hohlkugel oder Sphäre in der anderen steckte, zu innerst die ruhende Erde. Gott selbst war damit unverhohlen zum Techniker geworden. Zu welcher Wertschätzung der Künstler man sich jetzt verstieg, lehrt die Erzählung von Demetrius, dem kriegerischen Fürsten, der die Stadt Rhodos belagerte und seine Geschütze nur deshalb unvorteilhaft aufstellte, um das Atelier eines Kunstmalers, den die Welt bewunderte, nicht zu beschädigen.

Daß Monarchen auch Verse machen können, wundert uns nicht.Dies erfahren wir von König Philipp III. von Mazedonien. Wertvoller das vielbenutzte Werk über Kriegsgeschichte, das der erste Ptolemäer schrieb, wertvoll, daß ein andrer MonarchAntigonus Gonatas von Mazedonien. des Eudoxus Darstellung des Sternhimmels, die auf babylonischer Lehre beruhte, durch den Dichter Arat popularisieren ließ, in Versen, die hernach das Lernbuch des ganzen Altertums blieben über Zodiakus und Wandelsterne und Sternbilder mit ihren schönen Namen Orion, Kassiopea, Perseus, Ophiuchos, Hyaden und Plejaden. Für die Antike war der Himmel selbst ein ausgespanntes Buch und Wegweiser, um sich auf Erden zu orientieren. König Attalus I fand Muße, sein neues pergamenisches Reich topographisch aufzunehmen, und wir lesen noch, wie er da eine Pinie schildert; sie stand bei einem Tempel des Äskulap; sie sei besonders schön und an 67 Fuß hoch, ihr 178 Umfang 24 Fuß, und oben sei sie in drei Hauptäste geteilt, die sich zu einem herrlichen Wipfel vereinigten.Strabo p. 603. Es ist, als ob da ein Forstmann spräche. Die Bäume sind im Süden eine Kostbarkeit. Die berühmten Zeittafeln des Apollodor, »Chronik« genannt, wurden dem Nachfolger jenes Attalus gewidmet, d. h. der König mußte für ihren buchhändlerischen Vertrieb sorgen; und auch dies Werk erwies sich als unentbehrlich. Der letzte Pergamener, Attalus III., der, degeneriert und voll Menschenfurcht, nur fünf Jahre regiert hat, begann wie wahnsinnig mit Mordbefehlen, die sein Hofpersonal, seine Verwandten trafen; dann floh er voll Reue die Menschen, ließ Regierung Regierung sein, ließ sich den Bart wachsen, was unerhört schien, wurde Gärtner, wobei er Giftpflanzen bevorzugte, versuchte sich in Erz- und Wachsbildnerei und schrieb ein offenbar ganz nützliches Buch über Landwirtschaft.Dies Buch erwähnen Varro und Columella. Dies ist derselbe Attalus, der sein ganzes Reich testamentarisch den Römern vermachte; und mit dieser Erbschaft zog in Rom das Laster ein; so sagten damals die strengen Moralisten;S. Plutarch, Demetr. 20; Justin 36, 4, 12. die Freude am Luxus war damit gemeint. Das Schöne begann in Rom einzuziehen.

Auch die Kunstgärtnerei mit Blumenzucht war also jetzt unter königlichem Schutz neben Baumparks oder »Paradiesen« Mode geworden.Hierbei sei etwas eingehender verweilt. Für die Ptolemäer ist Blumenzucht durch Athenäus p. 196 D f. bezeugt. Dagegen enthielt der Garten im Prachtschiff des Hieron vielleicht nur Blattgewächse (Athen. p. 207 D). Das Wort ἀνϑεών, das den Blumengarten bedeutet, ist erst für das 2. Jhrh. v. Chr. nachgewiesen (Pauly-Wissowa R. E. VII 1 S. 782). Damals mag man auch die Rosen auf des Sophokles Grab gepflanzt haben (Anthol. Pal. VII 22). Wo Mohn erwähnt wird, ist es Wildwuchs, und das gilt auch für die Blumen am Brunnen bei Aristophanes Pax 577. Der Handel mit Rosenöl blieb Spezialität Mazedoniens. Daß man außerhalb Mazedoniens Rosen kultivierte, scheint zuerst Ps. Demosthenenes 53, 15 f. zu bezeugen. Das ῥοδοδάκτυλος Homers als Beiwort der Eos für frühe Verbreitung der Rose geltend zu machen, ist somit unmöglich, dies Wort muß sich ganz anders erklären; das ῥοδο- hängt vielmehr mit lat. radius, radiare zusammen, vgl. das ῥοδανός »schlank«, ῥόδαμος u. ῥάδαμος »Zweig«. Dies Beispiel zeigt auch, daß die Vokale α und ο wechseln konnten, vgl. noch δόσις dare, σοφός σαφής sapere. Eos hat also Strahlenfinger. Erst später haben die Griechen das Wort mißverständlich auf die Rose bezogen. Auch der Inselname Rhodos bestätigt mir diese These; es handelt sich ja um die Insel des Helios; daher heißt sie die Strahleninsel. – Die »Paradiese« des Altertums sind stets nur Baumgärten; aber auch κῆπος wird m. W. nie vom Blumengarten verstanden; auch für die Ἀφροσδίτη ἐν κήποις ist das nicht zu erweisen, womit man endlich die Adonisgärtchen vergleiche, die nicht Blumen, sondern nur Salat, Fenchel und Gras oder Getreide enthielten. Nur in Mazedonien gab es bisher Rosenzucht für den Handel mit Rosenöl, und zwar seit langem.Das mazedonische Rosenöl ist schon der Sappho frg. 68 bekannt; vgl. auch Herodot VIII 138. Ebendasselbe Rosenöl wird nach Homer schon in Troja verwendet (Ilias XXIII 186). Jetzt wuchsen auf gepflegten BeetenNikander Ther. 576. in Kissenform Hyazinthen, Narzissen, Lilien und Levkojen, und auch der Privatmann pflanzte sich bald Blumen ins Peristyl.

Peristyl

Peristyl

im »Haus der goldenen Amoren« zu Pompeji, um 50 n. Chr. Nach Photographie Alinari 11996.

 

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