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Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung

Theodor Birt: Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung - Kapitel 25
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
authorTheodor Birt
year1928
firstpub1928
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
pages459
created20120812
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Anfänge des Weltgriechentums

1. Ausbreitung des Griechentums und die Götter

Der Vorhang fiel, aber er hebt sich neu, und ein neuer Akt beginnt. Große Verwandlung. Wir stehen in einer völlig andren Welt. Es ist die Neuzeit. Die Enge hört auf. Das in Zwergstaaten eingekapselte Griechentum wird frei. Die Völkerwelt stürzt durcheinander, und alles wird ins Große, Üppige gezerrt. Fernwirkung, Sturmbewegung, Weltenodem, ozeanischer Wellengang. Alexander der Große, der mazedonische Reiterkönig und Wundermann, zerschlägt durch seine Siege alle Völkerbarrieren, führt griechische Bevölkerungsmassen, griechische Institutionen hinaus zum Nildelta, zum Euphrat und Indus, und wie die Nilüberschwemmungen Ägypten befruchten, so befruchtete die Griechenüberschwemmung nunmehr die Welt oder das, was man damals die Welt nannte.

Es ist die Neuzeit der griechischen Monarchien. Das römische Weltkaisertum wirft schon seinen Schatten voraus; Alexander hat es vorbereitet. Vom Bürgertum als solchem hören wir jetzt wenig mehr; es ist entmündigt und versinkt in Stille. Aber Großbetrieb wird alles, und selbst die alten griechischen Götter ergreift der Sturm. Sie verlieren den Frieden, die Seelenstille, und werden, wo sie noch gelten, als Kämpfer gedacht. Aber auch neue Religionen wollen sich einwurzeln, neue Weihen und Mysterien, und man lernt ein neues Beten bis zur Eingottung, zur Liebesvereinigung mit Gott.Vgl. u. a. R. Reitzenstein, Die hellenistischen Mysterienreligionen, 3. Aufl. Und dazu endlich die Könige selbst, die da in der Levante, die am Orontes und am Nil herrschen, auch sie nennen sich Götter; aber es sind Götter, die dem Schicksal und den Launen des nur allzu Irdischen erliegen.

Denn über dem allen steht jetzt auch noch das blinde »Glück«, die Tyche oder Fortuna, zu der man ruft, weil sie die Geschicke, als gäbe es keine Götter, lenkt;So denken in dieser Zeit die Historiker wie Polybius. Ganz so Napoleon in seinen »Maximen und Gedanken«: Le hasard est le seul roi légitime dans l'univers. sie ist nichts als die verschleierte Notwendigkeit.

167 Schon in Homers Ilias sehen wir die kleinen Landesherren wie einen Gott verehrt.Ilias XIII 28. Das erneut sich jetzt.

Alexander selbst hatte sich nur Gottes Sohn genannt. Das genügte aber nicht. Die Demokraten in den Griechenstädten nannten ihn vielmehr Gott. Denn einen Menschen als Herrn duldet kein Demokrat; sondern nur ein Gott kann es sein, der ihm gebietet. So fand man sich mit dem Verlust der Freiheit ab. Dies griechische Gottkönigtum ist also anders gedacht als das der Pharaonen und Achämeniden. Schon Heraklits Ausspruch eröffnet das Verständnis: »Was sind die Menschen? sterbliche Götter. Die Götter aber? unsterbliche Menschen.«Lucian, Βίων πρᾶσις 14.

So erscheinen nun auch auf den Geldstücken, die als Prägung sonst nur ein Götterbild zuließen, die scharfen Profile der Ptolemäer, Seleuciden und Attaliden, der Erben Alexanders, die sich in sein Weltreich teilten.

Schon Alexanders Siegeszug durch Asien schleppte Millionen Griechen hinter sich her. Das setzt sich jetzt fort. Man wandert aus, wird heimatlos, entwurzelt, wird Kosmopolit. Unter dem Zwang der Monarchien wird das Leben international. Der griechische Hochmut knickt ein; der Barbar steht dem Griechen jetzt gleich, und was von den Menschen gilt, gilt auch von den Göttern. Auch der Glaube erweitert seinen Horizont. Die altheiligen Größen wie Athene, die Stadtgöttin im Parthenon Athens, werden uninteressant; ebenso das delphische Orakel Apolls, wo einst der sogenannte Nabel der Welt stand. Man pilgert jetzt zu den fernen prunkvolleren Orakelstätten in Afrika und Kleinasien, für die ein neuer Wunderglaube Reklame macht. Das war modern. Der lärmend wilde Gottesdienst der Kybele (der »Großen Mutter« aus Phrygien), auch Adonis, Attis, vor allem der damals neu geschaffene große Gott Serapis im Ägypterland erfassen die Gemüter mit romantischem Zauber. AdonisAuch Adonis – ursprünglich eine syrisch-assyrische Gottheit – gilt für viele nur als Halbgott; vgl. Theokrit 15, 137, wo er als solcher mit Ajax, Patroklus und anderen Griechenhelden zusammengestellt wird. und Attis waren, der Legende nach, zu Gott gewordene junge Menschen, früh gestorben und auferstanden wie der Frühling, der sich alljährlich erneut. Der Auferstehungsglaube suchte nach immer 168 neuen Symbolen, und auf das Gottmenschentum ging das religiöse Verlangen. So steigerte sich jetzt auch auffallend der Kult des Gottes der Genesung, Äskulap, des Retters und Heilands; auch er wurde weithin und für lange Zeiten der Liebling der Frommen; denn auch er war einst als Mensch auf Erden gewandelt.Befremdlich der Ansatz einiger Gelehrter (s. Jahreshefte der Altertumswissenschaft Bd. 157, 1912, S. 215), die Malaria habe damals stark um sich gegriffen und die Steigerung des Asklepioskultes verursacht.

Wie manches erinnert uns hier an die alten homerischen Zeiten! Mit dem Königtum erneuert sich auch wieder das Gefühl der Gottesnähe, der feste Glaube an Gottessohnschaft. Götter und Menschen finden sich wieder. Der Gott, der im Menschen steckt, gebärdet sich nur als Mensch; aber er ist fähig, wie man glaubt, Wunder zu tun. Der Kranke, der sein Gewand berührt, wird genesen.

Sparta, Athen, das ganze republikanische Leben war also jetzt kaltgestellt; es fristet nur noch ein bedeutungsloses Dasein. Diese politische Annullierung stand auf dem Verlustkonto der damaligen Griechen, die immer noch so strebend waren wie zuvor, und der Verlust wurde nie wieder eingebracht. Ohne ihn aber konnte nicht geschehen, was nun geschah, die Hellenisierung der Welt, erst Asiens, dann Roms, der große, Menschheit umbildende Prozeß, der sich in der Romanisierung Westeuropas nur fortgesetzt hat.

In der Kulturgeschichte aber geschieht nichts Plötzliches, und jene Hellenisierung hatte sich schon vor Alexanders Eingriff hinlänglich vorbereitet; denn schon, als Alexander Knabe war, lehrten die cynischen Philosophen in Korinth und Athen: »Mensch ist Mensch. Wozu die Kleinstaaten? Wozu die Völkerunterschiede? Bürger der Welt wollen wir sein.« Längst hatte sich aber auch das Ausland schon dem Einfluß der fleißigen und findigen Griechen hingegeben. War doch schon König Krösus in Kleinasien Griechenschwärmer gewesen.So dichtete bald auch ein Lyder, Olen, Kultlieder für Delos in griechischer Sprache (Stein zu Herodot IV 35). Bald konnten sich auch die Perserkönige im fernen Susa dessen nicht erwehren. Darius I. konnte zwar noch nicht griechisch sprechen;Herodot III 140. aber intelligente Griechen zog man schon früh an den Königshof, und sie hatten dort nicht nötig, persisch zu 169 lernen.So lebt Skythes, der Tyrann von Zankle, aus Italien und Sizilien flüchtig, in Persien in Wohlstand (Herod. VI 24), ebenso ein Sohn des Miltiades (ib. VI 41), ebenso Demarat (ib. VII 3 u. 104). Daß Themistokles persisch lernte, wird als etwas Besonderes notiert. Die persischen Satrapen dagegen konnten griechisch, dann auch die Könige und Königinnen. Auffallend früh kannten die Perser auch die Sagengeschichten der Griechen von Helena und Paris und vom Raub der Europa und legten sie diplomatisch in ihrem politischen Interesse aus.Herodot I 1. Bedeutsam war schon der Zustrom erlesener Kunstwaren, viel mehr noch der der griechischen Menschen erster Qualität nach dem Osten, seien es Ärzte oder Athleten, Diplomaten oder Strategen. Schließlich kam es dahin, daß die Perser sowohl wie die Ägypter, wenn es Krieg gab, die griechischen Söldner zu Zehntausenden anwarben und bald nicht mehr entbehren konnten. So überlegen war die Bewaffnung und die taktische Kunst im Heerwesen der kleinen Griechenstaaten geworden.

Aber nicht nur im Osten ging es so. Auch die Provence in Südfrankreich und die benachbarte Riviera um Nizza war von Marseille (Massilia) aus früh gräzisiert. In Italien wirkten üppige Griechenstädte wie Cumä und Tarent früh auf die Samniten oder Osker und auf Rom selbst; Rom erhielt von da sein Alphabet. So auch die Etrusker. Und nicht anders sogar die Karthager in Tunis. Daß Hannibal griechisch schrieb, war selbstverständlich.Schon der Karthager Suniatus zur Zeit des jüngeren Dionysius schrieb griechisch; der karthagische Senat verbot das damals (Justin XX 5, 12); das ist bezeichnend. Ja, schon Herodot erwähnt VII 116, daß vornehme Karthager Griechinnen heirateten. Denn auf der Insel Sizilien hatten sich Karthager und Griechen unausgesetzt berührt. Die griechische Sprache siegte auch da; sie hatte früh Anwartschaft darauf, Weltsprache zu werden.

Kehren wir zu den Geschlechtern der Könige, der Nachfolger Alexanders des Großen, zurück. Es waren die Familien des Ptolemäus, Seleukus, Antigonus und anderer. Die Dynastie von Pergamum organisierte ihr Reich erst im Jahr 241 v. Chr. Die Genannten waren Alexanders Generäle und Lehrlinge gewesen, Leute des mazedonischen Adels, die sich wie Freibeuter in ihren Ländern festsetzten und mit Bravour den König spielten. Obschon Mazedonier, fühlten sie sich als Vollgriechen; sie hatten als solche aber mit den ihnen untergebenen Völkern nichts gemein. Kraft ihres Militärs, 170 das sie anwarben, herrschten sie als griechische Zwingherren über die ganz andersblütigen Syrer, Ägypter, Araber, Juden und Chaldäer, die sie im Grunde verachteten.

Es waren also keine Nationalstaaten, die da entstanden. Die Dynastie mit ihrer griechischen Umgebung war und blieb den Völkern fremd. So sind auch die Grenzen, die ihre Reiche schieden, keine trennenden Grenzen gewesen. Die griechische Kultur, die von den konkurrierenden Residenzen dieser Könige ausging, war und blieb eine Einheit. Das Verkehrs- und Geistesleben blieb international, wie Alexander es gewollt hatte. Das prägte sich auch in den Landkarten aus, die man benutzte; es waren Land- und Seekarten zugleich. Politische Grenzen waren auf ihnen nie verzeichnet; sie gaben nur das physikalische Bild der Küstenformationen, Ströme und Gebirgsläufe und die Fahrstraßen mit den Städten, die an den Straßen lagen oder die an den Küsten Häfen boten.

Geben wir zunächst auf diese Städte acht; denn sie sind die produktiven Zentren alles Kulturlebens.

 

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