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Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung

Theodor Birt: Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung - Kapitel 21
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
authorTheodor Birt
year1928
firstpub1928
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
pages459
created20120812
sendergerd.bouillon@t-online.de
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9. Kosmologie und Naturforschung

Also das Geistesleben. Womit beginnen? Die verschiedensten Stimmen werden laut, die verschiedensten Tendenzen, Strebungen und Ausdrucksformen. Man versuche nicht sie auf eine Formel zu bringen. Es gilt hier nur, das Bedeutsamste herauszuheben.

133 Es handelt sich um Wahrheit und Recht. In mächtigem Auftrieb wird die Begründung einer Physik oder Naturlehre und einer Rechtskunde und Sittenlehre, die ein ideales Zusammenleben oder den besten Staat ermöglichen, zu geben versucht.

Endlich, endlich werden also die Fragen laut: wer schuf die Welt? woher das Menschengeschlecht? Fragen, die die Welt Homers noch nicht erregten. Und woher das Böse? und was wird aus der Menschenseele nach dem Tod?

Auf die letzten beiden Fragen fand man schon im Homer eine Antwort; aber sie stillte nicht die Seelen der Masse. Sekten bildeten sich, die mystischen Konventikel der Orphiker, deren Wunderbücher von fabelhafter Weltentstehung erzählten und die den Glauben nährten an ewige Beseligung durch Weihungen und Teilnahme an mystischen Handlungen. In der Stimmungslage war damit der Gottesdienst in Eleusis bei Athen verwandt, wo man für die Andacht schon ein Gemeindehaus mit Sitzplätzen erbaute, das das Prinzip der Synagoge und des christlichen Kirchenbaus antizipierte.Vgl. »Griechische Erinnerungen« S. 136 f.; F. Noack, Die Baukunst des Altertums Tfl. 92. Die Pythagoräer, die geradezu einen Orden bildeten, einigte der Glaube an die Seelenwanderung. Unsre Seelen, so lehrte man, sind so alt wie die Welt und wanderten seit Urzeiten aus einem sterblichen Leib in den anderen, ob Tierleib, ob Menschenleib. Daher ist vegetarische Ernährung Pflicht, Tiernahrung Sünde; wir könnten sonst mit dem Tier unsren Vater verzehren. Es ist, als wären diese Leute aus Indien eingewandert.

Längst hatte Hesiod den Griechen von der Weltentstehung und den Göttergeschlechtern erzählt; die Verse, die uns noch vorliegen, lesen sich nüchtern wie eine Urkunde: zuerst war das Chaos, dann entsteht die Erde, das Taglicht u. s. f. Ein wissenschaftlicher Ton macht sich da schon fühlbar; denn alles »entsteht« und »wird«, und ein schaffender Gott ist völlig ausgeschaltet. Auch der Liebesgott Eros, den Hesiod flüchtig nennt, tritt gar nicht schöpferisch in Tätigkeit. Dann aber 134 gatten sich Himmel und Erde, das ist Uranos und Ge; sie sind Personen und zeugen die Titanen, die unheimlichen Gewaltmächte der Urwelt, die es zu besiegen gilt. Erst Zeus, der Enkel des »Himmels«, wird endlich dauernd Herr des Alls als Weltordner, der den Bestand der Dinge sichert.

Welch kümmerliches Register von Namen! Das Wichtigste, der leitende Gedanke, der sie alle geschaffen hat, bleibt unausgesprochen. Der leere gähnende Rachen des Chaos»Chaos« bedeutet nichts weiter als das Gähnende (zu χάσκω, χαίνω, χάσμα), das ist also das Leere. speit die Erde und alles Weitere aus. Dabei werden auch viele Abstrakta zu Personen, wie die Finsternis. Schlaf und Tod sind Brüder. Woher aber endlich das Menschengeschlecht? Diese Frage bleibt hier noch ganz ohne Antwort. Erst Spätere dichteten, daß Prometheus die Menschen als Bildhauer aus Ton geschaffen, wie auch in der Bibel Gott den Adam nach seinem Bilde aus Erde schuf.Zuerst vielleicht beim Komiker Philemon; s. Roscher, Mythol. Lex. III S. 3066. Daneben steht die Sage von den Steinen des Deukalion.

Sollte der Wissenstrieb sich damit begnügen? Allerlei Konkurrenzdichtungen kamen auf, in einer Zeit, als schon die Naturforschung ihre Stimme laut erhob, und wir hören vom Zeus, der nun wirklich die Welt schafft wie der Jehova der Juden. Auf der schönen Insel Syra saß Pherekydes und dichtete die Schöpfung neu. Er tat es in Prosa; aber was er gibt, mutet uns grandioser an als die Lehre vom blinden Chaos. Zu Anfang, heißt es hier, war Zeus und die Zeit. Die Zeit schuf die Materie, und daraus bildet Zeus, der unerschaffene Gott, der sich in »Liebe« verwandelt, die Welt, und er tut es als Stoffwirker. Zeus wirkte ein Riesengewand; das Gewand ist die Erdenwelt, und hängte sie ausgespannt über die Eiche, den sagenhaften Weltenbaum, der auf Flügeln im Leeren schwebt.

Erhaben und schön gedacht. Wer aber zu Scherzen aufgelegt war, konnte noch ganz anderes dichten. Aus der Nacht und dem Chaos wurde zuerst ein Ei geboren, ihm entstieg der Flügelgott Eros, und der heckte mit dem Chaos zuerst das Volk der Vögel aus. So war denn auch die liebe Lerche früher als die Erde da. Als die erste Lerche, der Vater aller Lerchen, 135 starb, fehlte der Tochterlerche die Erde, um ihn darin zu bestatten, und sie begrub ihn in ihrem eigenen Kopf, in den sie ein Loch grub. Woher aber dann die Götter kommen, sagt uns der Spaßvogel nicht.Vgl. Aristophan. Aves 693 ff. u. 471 ff. Dann hören wir wieder, daß Zeus es war, der den Himmel baute; aber er schuf ihn selbstsüchtig als Rauchfang, um den Opferrauch, von dem er lebt, damit aufzufangen.Pherekrates com. frg. 141.

Man sieht, was Hesiod und Pherekydes gaben, war bei den Denkenden früh diskreditiert; es verlockte zur Parodie. Der Natur, die man täglich sah, den Naturprozessen – Luftbewegung, Lichtwirkung, Verbrennung, Stoffwechsel in unsrem eigenen organischen Leben – war mit Phantastik nicht beizukommen. Eine Priesterkaste gab es nicht im Lande, die an das Legendarische zu glauben nötigte. Der Hellene war Freidenker wie kein anderes Kulturvolk jener Zeiten. Ja, mit Entrüstung fuhr man alsbald gegen Homer los, der den Göttern, die man verehren sollte, Betrug und Ehebruch und alles, was wir für schändlich halten, andichtete.

So setzt denn die sogenannte Philosophie, es setzt die freie Forschung ein. Der Mensch stellt sich als »Philalethes« oder Wahrheitsfreund zum ersten Mal, kirchlich ungebunden, vor das Universum und fragt nach seinem Woher und Wohin. Es ging gleich um die Grundprobleme der Physik, und die Forderung ist: die Natur ist selbstschöpferisch, und aus ihr allein müssen alle Prozesse sich erklären. So erfanden sie den Begriff des Elements, der noch heute lebt. Das war das Wichtigste. Aus diesem Element stellt sich alle anorganische und organische Gestaltung von selber her; auch diese Forderung, daß die Schöpfung sich selber schafft, ist noch das Programm von heute.

Kühne Thesen wurden aufgestellt, die mitunter dann auch das Richtige wunderbar getroffen haben. Aber man konnte sie damals nicht beweisen. Woher zu wirklichen Untersuchungen die Mittel nehmen? Woher Teleskop und Mikroskop nehmen, das Spektrum, das Barometer oder gar die Präzisionswage, 136 wie sie heute der Chemiker braucht? Man wußte nichts vom Experiment, von chemischer Untersuchungsmethode. Vielmehr suchten diese Männer vielfach die Einsamkeit, in der uns die Offenbarungen werden – ihr schönes Motto ist: »man muß hoffen, um zu finden«Heraklit frg. 18. Ich zitiere im nachfolgenden die Fragmente der vorsokratischen Philosophen nach der Fragmentsammlung von H. Diels. und »Gute Gedanken kommen bei Nacht«Epicharm frg. 27 f. – und schauten mit den Augen des Kindes in die Natur, um sie zu begreifen. Sie wollten das große Geheimfach aufschließen und suchten nach dem Schlüssel. Ihr Schlüssel war die Hypothese, der nur zu oft zerbrach.

Ein Urelement also, ob Wasser, Luft oder Feuer, wird angesetzt; daran hafteten die Namen des Thales, Anaximenes und Heraklit; dies Element soll aber fähig sein, in ein anderes überzugehen, es aus sich zu erzeugen. Damit war die Vorstellung von wechselnden Aggregatzuständen gewonnen, so wie das Wasser verdunstet und zu Luft wird. Dazu kommt die Vorstellung von der Unverbrüchlichkeit der Naturgesetze. »Wollte etwa die Sonne selbst abirren von ihrer Bahn, die strafenden Erinyen würden sie ereilen.«Heraklit frg. 94.

Thales schrieb noch nicht. Das erste naturphilosophische Buch ist in Milet im Jahr 547 von Anaximander in erhabener Prosa geschrieben worden. In diesem wertvollen Buch fand sich u. a. auch schon für das tierische Leben divinatorisch eine Art Deszendenztheorie: die Gattungen des Tierreichs folgten aufeinander; die Wassertiere wandelten sich in Landtiere um durch Akkommodation.

Das alles aber waren nur Behauptungen. Man behauptete, was man nicht sah. Demonstrationen fehlten, wie gesagt ist, und so ergab sich von vornherein auch die weitere skeptische Folgerung von der Schwäche und Unzuverlässigkeit der menschlichen Sinneswahrnehmung. Der Versuch einer Erkenntnislehre sollte erst später folgen.

Die bisher genannten Männer waren »Stoffverlebendiger« (Hylozoïsten); sie waren Philosophen des Werdens und Entstehens; sie gaben eine natürliche Genesis, und man könnte sie auch die Genetiker nennen.Das Wort γενετικός ist im Altertum nicht gebildet worden. Vornehmlich war es Aristoteles, der für diese Naturphilosophen die Bezeichnung »Physiker« festgesetzt hat; und so wurden denn auch die meisten ihrer Schriftwerke im Altertum schablonig περὶ φύσεως betitelt, eine Titelgebung, die sicher nicht von ihnen selbst herstammt (vgl. E. Lohan, De librorum titulis, Marburg 1890). Dabei ist zuzugestehen, daß bei ihnen φύσις allerdings öfter schon die Bedeutung natura rerum hat; so bei Philolaos frg. 6, τῶν ὅλων φύσις Archytas frg. 1; φύσις σελήνης schon Parmenides frg. 10; φύσις ἀνδρῶν Epicharm 10; κατὰ φύσιν Heraklit frg. 1 und 112, Epicharm 2, 9. Sogar die Zahl hat eine φύσις: Philolaos frg. 11. Daneben aber steht noch das Ursprünglichere; φύσις ist die Geburt oder das Werden, wie lat. natura zu nasci gehört, so bei Empedokles frg. 8 unverkennbar. Dies entspricht also dem Gebrauch des Verbum φύειν, φύεσϑαι, wenn wir lesen: γίγονται καὶ φύονται Xenophan. 29; πέφυκε ib. 32; ἔφυ οὐρανός und ἔφυ τάδε Parmenides 10; ϑνῆτ' ἐφύοντο Empedokl. 35, 14; ἡ γῆ φύει πολλά Anaxagor. 4. Auch der Ausdruck σπέρματα weist bei Anaxagoras auf die Vorstellung vom Wachsen und Werden. Daneben wird endlich gelegentlich auch von γένεσις geredet; so Parmenides frg. 8, 2l; ἀγένητος Empedokl. frg. 7. Hiergegen erhoben sich von 137 andrer Seite metaphysische Bedenken, die Parmenides in feierlicher Rede vortrug, und eine Debatte begann über Sein und Werden. Das Werden setzt ein Nichtsein voraus. Diese Gegner predigten nun: das Sein ist ewig, und es gibt nur ein Sein; denn wie kann ein Sein zeitweilig nicht sein? Und somit ist aller Wandel der Dinge, der zum Nichtsein führt, Täuschung, und die Sinne trügen auch da. Ein majestätisches ewiges Ruhen des in sich geschlossenen Weltalls von Ewigkeit zu Ewigkeit: nur das ist göttlich, und daran sollen wir glauben.Das Wertlegen auf den Glauben gehört also nicht nur, wie man zu betonen pflegt, den geoffenbarten Religionen an, sondern auch diesen Offenbarern der Naturlehre; von πίστιος ἰσχύς, »kräftigem Glauben« redet Parmenides 8, 12, auch Empedokles fordert πίστις 71, 1. Schwer ist die πίστις, sagt derselbe 114 und beruft sich bald auf die πιστώματα Μούσης 5, bald auf die Glaubwürdigkeit der Sinne,. πίστις γυίων 4, 13. Ebendahin gehört die Erwähnung der πειϑώ, id. 133. Die ἀπιστία tadelt auch Heraklit 86. Wenn Epicharm 13 umgekehrt das ἀπιστεῖν empfiehlt, so hat das andere Beziehung. Ja, die Materie ist wesenlos, und der Pythagoräer steigert die Abstraktion; nur die Zahlen, die Zahlenverhältnisse, wie wir schon hörten, sind wirklich, und aller Gestaltung liegen sie zugrunde. Die Blume dufte noch so lieblich, der Kuß Aphroditens sei noch so süß: die Form ist alles. Der Sinnenmensch will den Schein, der Wissende das Wesen.

Diese Sophismen über Sein und Nichtsein erwiesen sich indes als zu unfruchtbar. Dagegen stemmte sich der große Heraklit, der Feuermensch, auch er ein Verkünder der Ewigkeit dieser Welt, der aber zugleich die ewige Bewegung der Dinge lehrte. Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen; wie der Fluß, so das Leben.

Ein vornehmer Kleinasiat aus der Handelsstadt Ephesus, zog Heraklit sich unwirsch in die Einsamkeit zurück. Die Perser herrschten dort im kleinasiatischen Land. Wo sie sich zeigten, zeigten sie auch ihre Feuerreligion. Das griff Heraklit auf, und das Feuer, die Glut, wurde ihm zu der schöpferischen Wundermacht, die alles bewegt und belebt. Für den Perser stand freilich neben dem Licht, das das Gute ist, die Finsternis als Prinzip des Bösen. Diesen Dualismus wandelte Heraklit zum strengen Monismus um; denn die Naturlehre konnte zwei Prinzipien nicht brauchen; und so entstand die pantheistische Religion des Heraklit und der späteren Stoa. Der Tod ist die Kälte; die Wärme im All und in uns ist das Leben, und diese Glut ist zugleich Intelligenz. Wärme ist 138 das Denken in uns, Wärme das Denken im All. Als denkende Intelligenz, die das All durchströmt, ist die Wärme Gott, und sie läßt alles geschehen, werden und sich wandeln nach Gesetzen.

Begreiflich hiernach, daß dieser Mann gegen das Errichten von Götterstatuen in den Tempeln energisch sich erhob: du sollst dir kein Bildnis machen!Heraklit frg. 5 u. 128. Auch gegen die Mysterienkulte eifert er, frg. 14. Auch die persische Religion Zarathustras duldete sie nicht. Es ist der einzige ausdrückliche Protest gegen Götterbildnerei bei den Griechen, von dem ich weiß. Heraklit war von dorther beeinflußt.

Wie neu aber seine Weltlehre und wie in sich geschlossen! Die Vergänglichkeit aller Bildungen des Seins ist hiermit anerkannt vom Staub bis zu den Sternen, ein ewiger Wechsel. »Wir leben den Tod und sterben das Leben.« Vom »Fluß aller Dinge« redete der Mann, weshalb man hernach seine Anhänger spottend die Flußmenschen nannte. Daher aber nun weiter der Krieg im All. Den Krieg rühmt Heraklit laut: er ist aller Dinge Vater und König; denn ohne Vergehen kein Werden. Dieser Wechsel aber ist ewig; denn auch die Welt hat nicht Anfang noch Ende.

Damit war aber noch mehr gewonnen, ein neuer Gottesbegriff, der heute noch wirkt. Naturleben und Geistesleben waren nun kein Gegensatz mehr; beides floß aus derselben Quelle. Die Ethik verwächst mit der Physik. Dem Göttlichen in der Natur entspricht das Göttliche im Menschen; denn »dein Ethos«, sagt Heraklit zu uns, (d. h. deine sittliche Eigenart) »ist das Göttliche in dir«.Heraklit frg. 169 (vgl. Epicharm frg. 17). »Alles ist eins« (frg. 50) und Gott ist dies »Eine« (frg. 32). Gott ist Tag und Nacht, Krieg und Friede usf. (frg. 67). Daß Gott Tag und Nacht ist, ist im Gegensatz zu Zarathustra gesagt, dagegen kann Heraklits Lehre von Gericht und Auferstehung (frg. 63) wieder von persischer Dogmatik angeregt worden sein.

Der Krieg aber ist Notwendigkeit auch im Menschenleben; er ist die Feuerprobe der Menschen; denn er lehrt, den Sklaven vom Freien zu unterscheiden, weil immer der Bessere siegen wird. Welche Schmach, daß seine Landsleute, die Epheser, sich den Persern unterworfen hatten! Mit Entrüstung verließ Heraklit darum seine Heimatstadt. Die Stadt aber hat ihn gleichwohl verehrt als ihren Propheten. Sein Buch, das Originalmanuskript, wurde, als er starb, im 139 Tempel der Diana von Ephesus aufbewahrt, ihm selbst sein Ehrengrab, als wäre es ein Heiligtum oder Heroon, im Zentrum der Stadt selbst auf dem Marktplatz errichtet.

Ein Quantum Hochmut scheint zum Philosophen zu gehören. So blickt Heraklit auf die Dummen: »sie fressen sich voll wie das Vieh, wie die Esel, die die Spreu dem Gold vorziehen«.Heraklit frg. 29 u. 9. Auch lieben es diese Männer, pompös und orakelhaft zu reden. Heraklit hieß »der Dunkle«; seine Gedanken schwelten gleichsam und flackerten wie aus der Asche hervor. Er schrieb in Prosa. Stolzer noch der große Empedokles, der Sizilianer, der als hochbegabter Dichter nun gar in Versen philosophierte.Dasselbe taten übrigens auch Xenophanes und Parmenides, also die Westgriechen.

Empedokles war Arzt in Girgenti, Wunderarzt. Einen Toten hat er, wie man erzählte, auferweckt, nahm, wo es ihm paßte, auch politisch im Land die Führung, und Männer und Frauen huldigten ihm – so berühmt er sich –, wenn er im Kranz und mit der Königsbinde einherging. Er dünkte sich selbst ein Gott zu sein. Auch in Olympia schauten alle nach dem Wundermann, wenn er dort bei den Festspielen sich blicken ließ. So wurde denn auch über seinen Tod gefabelt: Nachts erscholl eine Stimme aus der Höhe, die nach ihm rief; da war er verschwunden, und man sah nur noch einen Lichtglanz am Himmel. Oder er sollte gar ruhmsüchtig in den Krater des Ätna gesprungen sein; man fand nur noch eine seiner Schuhsohlen liegen; die habe der Ätna unverbrannt – denn sie war aus Erz oder Eisen – wieder ausgeworfen, und damit schien die Sache als wahr beglaubigt. Eine Mär; eiserne Schuhe trug ja niemand. Man wird an Grimms Märchen erinnert, wo die Stiefmutter in eisernen Pantoffeln sich zu Tode tanzt.

Dies ist der Mann, der sich entschloß, eine Mehrheit von Urelementen anzusetzen: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Dieser Ansatz ist über Aristoteles hinweg bis in unser 18. Jahrhundert hinein gültig geblieben. Noch um das Jahr 1800 dichtete man in Weimar: »Vier Elemente, innig gesellt, bilden 140 das Leben, bauen die Welt.« Das ist die Lehre des Empedokles, und erst die moderne Chemie mußte kommen, sie gründlich zu beseitigen, die Wasser und Luft endlich spaltete und statt dessen allmählich an 80 wirklich unspaltbare Elemente aufwies, Wasserstoff, Sauerstoff, Bor, Brom u. s. f. Daß das Feuer gar kein Körper, sondern nur ein Zustand gewisser Materien ist, hat kein antiker Physiker geahnt.

Erwähnenswert sodann, daß Empedokles eine andre Idee, die heute noch gilt, vorwegnahm. Wir reden von Verbindung der Stoffe und ihrer Zersetzung; Empedokles nannte dies dichterisch Liebe und Haß. Ein sich Suchen und Fliehen: dies sind die Potenzen, die in der Natur die Bewegung bewirken, den Umbau, das Werden und Vergehen aller Gattungen. Es gibt also nicht Geburt und Tod, sondern nur Mischung und Entmischung.Empedokl. frg. 8. So redet auch der Arzt in Platos Symposion p. 186 von den Liebesregungen des Leibes in bezug auf Anfüllung und Ausleerung.

Wie soll man sich aber bei der Beschaffenheit des Meerwassers, des Erdreichs u. s. f. die Entstehung der Tiere und Pflanzen genauer vorstellen? Hier hilft des Dichters Phantasie; nach ihm sollen sich z. B. erst Beine, Arme, Köpfe im Erdenschoß gebildet haben, die dann die sogenannte Liebe ergriff, so daß sie sich zum Tierkörper vereinigten.S. Diels, Fragmente der Vorsokratiker³ S. 213; dazu Empedokl. frg. 20 u. 57.

So war es denn ein ungeheurer Schritt vorwärts, den Anaxagoras und Demokrit taten.Ich kann hier auf den erheblichen Unterschied der Lehren dieser beiden mit ihren σπέρματα und ἄτομα nicht eingehen. Von Leukipp sehe ich hier ab. Diese Männer schrieben auch nicht mehr in Versen oder dichterisch getragener Prosa, sondern führten in ihre Wissenschaft endlich die nüchterne Prosa ein, wie sie die Ärzte längst handhabten.

Mit dem sich Suchen und Finden der Stoffe ist noch nichts erklärt. Es fragt sich, was in dem von Materie erfüllten All die Bewegung überhaupt möglich macht. Da taucht endlich die Atomenlehre auf. Es war die geniale Idee, die Demokrit fand oder doch in die Welt setzte und ohne die auch unsre modernen Forscher der Natur nicht beizukommen wissen. Jede Stoffmasse muß aus Atomen, d. h. aus nicht mehr teilbaren kleinsten Teilen, die als solche kein Auge sieht, 141 bestehen, und nur diesen Atomen kommt die Bewegung zu, sobald sich leere Räume zeigen, die sie mechanisch ausfüllen. Andre weise Leute bestritten mit Entrüstung, daß es einen leeren Raum, d. h. ein Nichtsein gebe; für diese Theorie war der Ansatz hingegen unentbehrlich. So lagern sich also die Atome, sie selbst tausendgestaltig, bauen auf und fallen auseinander in ewigem Wechsel. Mechanische Bewegung ist alles; die bloße Schwere entscheidet.

Materialismus. Die Materie selbst ist unerschaffen. Ein Wachsen im herkömmlichen Sinne gibt es nicht, auch keine Schöpfung. Wagt man zu fragen, wer zu der ersten aller mechanischen Bewegungen den Anstoß gab, so antwortet der Weise: da die Welt keinen Anfang hat, gab es auch für die Bewegungen keinen Anfang.

So weit die Stofflehre. In welchem Sinn Demokrit damit eine Seelen- und Gotteslehre zu verbinden wußte, muß hier unausgeführt bleiben.

Aber es gibt und gab der Probleme mehr. Das größte war für den Astronomen der Aufbau des Weltalls. Bisher stand der Himmel als Halbkugel wie eine Metallglocke über der Erdenplatte; denn die Erde schien flach. Anaximander aber in Milet fragte erstaunt: wie kommt es, daß die im Westen verschwindende Sonne jeden Morgen wieder im Osten steht? Sie muß in jeder Nacht unter der Erde zum Aufgangspunkt zurückkehren; also gibt es Himmel auch unter der Erde; der Himmel ist eine hohle Vollkugel, in deren Mitte die Erde selbst frei hängt. Die Erde selbst sollte folgerichtig auch schon rundlich, aber in Zylinderform wie eine Walze oder wie ein moderner Herrenhut sein.

Weiter gingen in Süditalien die Pythagoräer. Für sie ist auch die Erde Vollkugel; nicht nur das. Sie näherten sich schon der Vorstellung vom kopernikanischen Weltsystem. So lehrte Philolaos: die Erde ist gar nicht der Mittelpunkt des Alls; sie gehört zu den Sternen, ist ein Planet oder Wandelstern wie der Mond. Freilich wagte dieser Philolaos noch 142 nicht, die Sonne selbst in die Mitte zu stellen; sondern Sonne, Erde, Mond und Planeten sollten ihren Lauf um ein angebliches Zentralfeuer vollführen, das er als Wärmezentrum oder als »Feuerherd des Alls« frei erfand.

Wie bedeutsam wieder, wie befreiend und folgenreich war diese Gedankentat! Leider hat sich Philolaos, seiner Zeit gehorchend, damit nicht begnügt. Er phantasierte auch noch von einer zweiten Erde, einer Gegenerde, die kein Auge je gesehen hat, um die heilige ZehnzahlEine Zehnzahl ergab sich aus den herkömmlichen 7 Planeten, der Erde und Gegenerde und der sich drehenden Sphäre der Fixsterne. der im Rundtanz wandelnden Planeten voll zu machen, die nun mit Sphärenharmonie um den heiligen Fokus oder Feuerherd des Alls ihren Reigen ausführen.

Ist es hiermit genug? Vielmehr ist noch der Ärzte zu gedenken,Alkmäon, der Pythagoräer, und Hippokrates De morbo sacro (Diels a. a. O. S. 432). die damals auch schon das Hirn im Schädel als den Sitz des menschlichen Intellekts erkannt haben; vorher galt dafür allgemein das Herz, und ein beherzter Mann (cordatus homo) war also ein kluger Mann.

Und so wird also auch der Mensch, sofern er denkt, Problem. Vom Intellekt, dem Nus, unterschied man sorglich die Menschenseele, die als Körper, und zwar als Luftkörper galt und die nur unsren Lebenstrieb bedeutete. Heraklit verglich die Seele hübsch mit der Spinne. Wie die Spinne in der Mitte des Netzes sitzt, aber blitzschnell dahin eilt, wo eine Fliege ihr Netz berührt, so wirft sich auch die Seele aus der Mitte allemal auf die von einem Eindruck betroffene Außenstelle des Körpers, als wäre sie böse, daß man ihr wehgetan.Heraklit frg. 67a. Verwandt war die Seelenlehre der Atomiker, wenn sie die Seele für Feuer oder Lichtstoff hielten; dieser Seelenstoff sollte freilich durch den ganzen Körper gleichmäßig verbreitet sein. So entstehen unsre Sinneswahrnehmungen, das Apperzipieren.

Gern liest man auch, wie Empedokles, der Arzt, zugleich Ästhet, sich freut an der Schönheit des Knochenbaus, des tierischen Gerippes. »In den breiten Tiegeln der Erde,« so besagt einer seiner Verse, »wurden die weißen Knochen bereitet; göttlich schön sind sie aneinander gefügt; eine Schöpfung der Harmonie.«Empedokles frg. 96. Alles Zweckmäßige ist schön. Das starre Gerüst, das zweckmäßig den blühenden Körper 143 mit seiner Schönheit trägt, muß es nicht göttlich sein? Es ist eben die Liebe, Aphrodite selbst, die in der Materie, die in den Tiegeln der Erde schaffend wirkt.

Aphrodite

Aphrodite

Marmorkopf der Sammlung des Lord Leconsfield in Petworth House, gegen 330 v. Chr. Nach Burlington Fine Arts Club Exhibition 1904, Tafel 20.

Und das Menschengeschlecht, woher stammt es? Die biblische Schöpfungsgeschichte macht aus dem Menschen und seiner Entstehung etwas Besonderes; denn ein Schöpfungstag wird ihr gewidmet. Diese Philosophen sind bescheidener, selbst ein Empedokles, der Mensch, der doch als solcher so stolz einherschritt und sich göttlich dünkte. Mit den vorgetragenen Naturprozessen sind auch unsre Ursprünge gegeben. Aber wir hören noch ausdrücklich: nichts als klumpenartige Erdgebilde waren wir Menschen anfangs, noch unausgebildet, aber doch wasserhaltig und wärmehaltig; darin barg sich das Wichtigste, der Werdetrieb, die Zeugungsfähigkeit, die alles Weitere besorgte.Empedokles frg. 62 f. Das muß uns genügen.

 

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