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Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung

Theodor Birt: Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
authorTheodor Birt
year1928
firstpub1928
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
pages459
created20120812
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3. Städtische Zustände

Die Sittenlehre der Völker ist etwas anderes als ihre Sitte. Auch Moses hat sein Gesetz nur einem sündigenden Volk gegeben. Warum sollen wir die Griechen schönfärben? Hesiod sah schon hinein in das Treiben der Städte. Das Gemeine ist das Alltägliche und war es auch damals. Die 76 Massen lebten und starben in Leidenschaft und Irrung, und nur ihre Ideale sind unsterblich.

Wie verschieden waren die Volkstypen! Sie fühlten selbst die Gegensätze in Sympathie und Antipathie. Der Jonier agil, erfinderisch und voll Spieltrieb, der Spartaner martialisch, halb Strolch, halb Held und planvoll rückständig; der Böote, der bäurisch und in Holzschuhen geht, gefräßig und borniert.Vgl. Kratinos frg. 310, der die Böoter σύες nennt. Auch im Athener stellte die jonische Art sich dar, aber günstig abgewandelt. Die nachgiebige Weichlichkeit der ihm verwandten kleinasiatischen Griechen hatte er früh abgestreift. Das zeigte sich schon in der Mode, der Tracht der Vornehmen. Der Jonier ging frauenhaft im langschleifenden Leinenchiton einher, das unbeschnittene flutende Haar kunstvoll frisiert, hochgebunden oder mit Schmucknadeln oder Zikaden hochgesteckt oder gar zum Zopf verknotet. An manchem antiken Bildwerk kann man derartiges noch sehen. In Athen siegt statt dessen der kurze wollene Leibrock, der zugleich das Taghemd vertritt.Dies betrifft die Tracht der Männer; mit den Frauen stand es anders, nach Herodot V 87. Die bürgerliche Gleichheit zeigte sich so zum wenigsten in der Tracht. Das Haar wird unter der Bürste maßvoll kurz gehalten (der Stiftekopf war nur für die Sklaven); der Bart sorglich gepflegt. Das gab die noblen, würdig schlichten Gestalten, wie wir sie auf den athenischen Grabsteinen sehen. Der Sinn für Männerschönheit ging nicht verloren.

Fassen wir denn nunmehr Fuß in Athen (denn für Athens Verhältnisse sind die vorliegenden Nachrichten am ergiebigsten) und betrachten von dort aus das Leben.

Entwicklung und Werden ist alles, ein Aufstieg aus dem Dürftigen in ständiger Bereicherung. Wie arm das Land war, wußte man selbst nur zu gut.Herodot sagt IV 102, aus der Armut erkläre sich bei den Griechen ihre Tüchtigkeit, und sein ganzes Werk schließt er mit der Lehre: nur arme Länder erzeugen schlagfertige Männer, die sich nicht knechten lassen. Über das Thema von der πενία als Anregerin aller Künste s. meine Schrift »Elpides« (1881) S. 52 ff. Motor ist der Trieb nach Erwerb, zunächst äußerlich und im Materiellen.

Man lebt immer noch von Linsen- und Bohnenbrei, der zum täglichen Brot hinzukommt. Besser schon Gerstengraupen in Wein oder Sardellen mit Schnittlauch und Koriander.S. Aristoph. Vesp. 108. Aber auch die Fische sind Volksernährung, die der homerische 77 Held verschmäht hatte; denn Fische geben keine Heldenstärke. Den Polyp ißt man roh von der Fischbank, wie in Neapel noch heute. Aber auch die liebe Haustaube war aus dem Orient jetzt eingeführt, vor allem die Hühnerzucht, und der Hahn wird wichtig und der Liebling des Volkes. Denn es gab noch keine Uhren, und kein Glockenschlag, der uns heute die Zeiten verkündet, hallte über die Dächer der Stadt. Der Hahn ersetzte das. Sein Schrei weckt täglich die ganze Stadt, Herrschaft und Dienerschaft auf das zuverlässigste, und selbst in der Dichtkunst findet er darum oft lobende Erwähnung, während man in Heines oder Schillers Versen umsonst nach ihm sucht.

Sodann das Wohnen. Die Häuser sind immer noch so lehmgebacken wie in Urzeiten: Holzfachwerk mit an der Luft getrockneten Ziegeln. Auch Etagenhäuser für mehrere Familienσυνοικίαι. wurden alsbald in der Enge nötig; aber sie waren gewiß besonders ungünstig. Die Häuser stehen an der Gasse eng aneinander, so daß im Notfall die Nachbarn zueinander kommen können, wenn sie die Zwischenwand durchstoßen. Ist ein Affe entlaufen, setzt man ihm über die flachen Dächer nach. Die Stuben liegen um den offenen Hof; auf dem Hof speist man; er ist von einem schmalen Säulengang eingefaßt. Die Fußböden gestampfte Erde, keine Holzdielen, und das Schwein lief immer noch in der Stube herum, die Hühner zerrissen das Webegarn,Vgl. Aristophan. Plut. 1106, Lysistr. 896; dazu Vesp. 844. indessen der Esel im Hofe steht.Aristoph. Vesp. 170 f. Nur die Patrizier wohnten besser; sie hatten ihre Villen auf dem Land und wohnten in Athen nur, wenn die Geschäfte riefen.

Der Marktplatz, die Stadtgassen ungepflastert; die Häuserfronten unbemalt. Ein Lorbeer, ein als Herme geformter Steinpfosten steht vor der Haustür, welche Haustür immer nach innen schlägt, um draußen die Passage nicht zu verengen. Wer das berühmte Theater Athens suchte, fand nur kahle Holzbänke am Berghang. Auch das Rathaus völlig unscheinbar. Man darf unsre alten deutschen Hansastädte nicht 78 vergleichen. Ein paar Hallen am Markt gaben für den Müßigen Schatten. Für erwähnenswert hielt man, daß der berühmte Feldherr Kimon auf denselben Markt auch noch einige Platanen pflanzen ließ.Auch bei Aristoph. frg. 111 erwähnt. Sonst fehlte im Dienste des Bürgers jeder Schmuckbau. In den Gassen nur Fußgänger, Wagenfahrt vielleicht nur bei Hochzeiten. Natürlich gingen aber auch Lastkarren hindurch und der Lastesel, um dessen Schatten man in den Hundstagen kämpfte.

Wie bezaubernd ist es heute, wenn man zu Schiff nach Syra oder Santorin kommt, die schmucken griechischen Städtlein zu sehen! Da strahlen auf der Höhe von oben bis unten alle Häuser grell und fröhlich buntbemalt wie zum Feste. Athen hingegen lag grau und farblos und niedrig zu Füßen seiner Akropolis; keine Kuppel, kein Minaret, keine phantastische Dachform belebte den Aspekt, und für den, der zu See heranfuhr, wurde er erst einigermaßen effektvoll, als auf dem schroffen Burgberg die scharf profilierten Tempel entstanden mit ihren bunt in Blau und Rot bemalten Friesen und Akroterien und Phidias daneben das Riesenerzbild der Pallas Athene mit blinkendem Speer unter freiem Himmel aufgestellt hatte. Die Schönheit ist nur für die Götter.

Die Wasserleitung war gut und ging anscheinend in alle Häuser.Schon dem Tyrannen Pisistratus verdankte man die älteste städtische Wasserleitung, außerdem die Enneakrunos genannte Fassung einer Quelle mit neun Ausflußröhren. Trotzdem blieb der Typus Athens zunächst unsren Ackerbaustädten ähnlich, die ja gleichfalls ihr Heiligtum gern auf die Berghöhe stellen, aber das Vieh durch die Gassen treiben, und es gab Mißstände, die die Straßenpolizei nicht beseitigte und von denen man kaum zu reden wagt. Um vom Gemüsemarkt nicht zu reden, wo es energisch nach Zwiebeln und Knoblauch roch: das Abfuhrwesen war miserabel; die Abtritte im Haus zum Glück die Zuflucht der Frauen. Was männlich dagegen, genierte sich nicht und hielt die Gasse für gut genug, sich dort zu erleichtern, am Eckstein oder an der Mauer der Tempelvorhöfe. Wir lesen, daß, wer einen Stein aufheben wollte, sich vorsehen mußte, daß er nicht Exkremente griff.Nach Aristophanes sind κοπρῶνες offene Abtrittsstätten (Thesm.485; Pax 99); man soll sie zudecken mit Plinthen; λαῦραι sind offene Kloaken; man riecht sie von weitem. Menschenkot auf der Straße: Acharn. 1170, Pax 11. Der Mistkäfer im »Frieden« riecht hoch in der Luft alle Abtritte Athens. Das ἀποπατεῖν im Tempelhof erwähnt Aristoph. Plut. 1184, χέζειν παρὰ ταῖς πόρναις Pax 164; an der Säule, Aves 1054. Blepyros vollführt das Geschäft auf der Bühne, Ekkles. 360 f. Nachts geht die Frau auf den κοπρών hinaus, Thesm. 485. λάσανον ist ein transportabler Nachtstuhl; s. Pherekrates frg. 88, Eupolis frg. 224. Dazu der ἰπνός: er wird bei dem Reichen plötzlich elfenbeinern: Plut. 815. Schon bei Hesiod liest man (Erga 727 f. u. 758 f.) Anstandsvorschriften gegen das ὀμιχεῖν und οὐρεῖν auf der ὁδός. Abflußleitungen und Kanalisation sind in Athen durch Ausgrabungen nur ziemlich spärlich festgestellt worden. Die Straßenkehrer oder 79 »Exkrementensammler«Die Exkrementensammler heißen die Koprologen: Aristoph. Pax 9. taten anscheinend ungenügend ihre Pflicht. Ein flacher Stein oder eine Scherbe war andrerseits kaum zu entbehren, um sich damit nach vollzogener Handlung zu reinigen;Abwischen mit Steinen, λίϑοις, Arist. Plut. 817 f.; aber auch mit Knoblauch (ibid.); mit einem Schwamm: Ran. 482. denn Papier, das sonst so nützlich gewesen wäre, gab es nicht.Die Papyruscharta zersplitterte zu leicht, war außerdem zu kostbar. Erst bei Catull und nur bei ihm hören wir von der cacata charta; aber der Dichter sagt da offenbar mehr, als wirklich gebräuchlich war. Wie soll man auch viel Anstand von solchen Rüpeln erwarten, die sich in den Haaren eines anderen schnäuzen? Es gilt als Huldigung, sich dazu herzugeben.S. Aristoph. Equit. 906 f.

Aber noch eins. Gebadet wurde zwar viel; denn die körperliche Reinlichkeit war groß. Bilder zeigen uns, wie im öffentlichen Hallenbad die lieben Frauen sich in die Wanne stellen und von oben das Leitungswasser aus Eber- oder Löwenköpfen sich üppig flutend über sie ergießt.Vgl. das Vasenbild bei Baumeister, »Denkmäler« Nr. 221; F. Noack, »Die Baukunst des Altertums« Tfl. 56. Die Seife war unbekannt; sie wurde durch Natron (νίτρον) ersetzt. Schlimm aber war es, daß man das Badewasser aus dem Haus auf die Straße laufen ließ. Der Magistrat sah sich deshalb zu Verboten gezwungen, ob mit Erfolg, ist schwer zu sagen.Vgl. Aristoph. frg. 306. Ein Badeofen ebenda 720. Der Ofen steht in der Badestube des Hauses unter dem Kessel (ἰπνός), Vesp. 139. In der öffentlichen Badeanstalt steht der arme Mann als der vorderste, κορυφαῖος, um sich zu wärmen (Plut. 953). Man denke sich hiernach den Zustand der Gassen; er dürfte nicht viel sauberer gewesen sein als heute in Konstantinopel oder Peking oder in gewissen Städten Südfrankreichs.

Welch Glück, daß man draußen vor der Stadtmauer gleich das frischrieselnde Bächlein Ilissus mit der wundervollen Platane fand, zu der Sokrates flüchtete, als er mit seinem Schüler Phädrus über die Kunst zu lieben philosophieren wollte. Mit bloßen Füßen schreiten sie da wohlig im Rinnsal des Bachs; dann legen sie sich in das weiche Gras. Welch schöner Aufenthalt! Die Platane so hochwipfelig! Breite Umschattung umgibt sie. Das Wasser so rein! Das Gesträuch ringsum voller Blüten! Süß säuselt die Luft, und die Zikaden singen vielstimmig darein.

Es ist merkwürdig genug, daß Sokrates in der Antike der erste Mensch ist, der das Genußgefühl, die entzückte Freude an der Natur persönlich äußert.Etwas anderes sind die bloßen Schilderungen der Natur, die sich vereinzelt bei Homer, dann z. B. im Ödipus Coloneus des Sophokles finden. Die Luft war da draußen rein und anders als in den Stadtgassen. 80

 

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