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Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung

Theodor Birt: Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
authorTheodor Birt
year1928
firstpub1928
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
pages459
created20120812
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2. Politisches

Auch der Staat also, wie ich sagte, griff ordnend in das Religionsleben ein. Fragen wir denn zunächst nach ihm.

Das alte Herrentum der Atriden, das sogenannte »Königtum« ist eingegangen und glattweg verschwunden. Wie das geschehen, erzählt man uns nicht. Augenscheinlich ist es ohne Revolten geschehen. Kein Thersites hat das bewirkt und das Volk gegen die Burgen gehetzt. Die kleineren Grundherren, die sich ebenso wie jene größeren Machthaber »basileis«, d. h. Sprecher, nannten, die aber hier nicht in 65 Betracht kommen, wirkten vielfach als Richter weiter. Die eigentlichen Fürstenfamilien dagegen degenerierten und starben aus; auffallend rasch, durch Laster und Mangel an Geburten ist das geschehen.Natürlich wollten angesehene Familien gern von den alten Helden der Sage abstammen. So fabelten die Könige Mazedoniens, daß Herakles ihr Ahnherr sei. Danach sind die ähnlichen Fälle zu beurteilen; die Pisistratiden leiteten sich von Nestor ab (Herodot V 65), der ältere Miltiades von Aeakus (ib. VI 35), Alkibiades von Ajax (Plato Alcibiad. p. 121), Andokides von Odysseus (Ps. Plutarch, orator. vitae p. 834 c.) Auch von Nachkommen des Polynikes wird geredet (Herodot IV 147); ebenso des Orest (Strabo I p. 717); Nachkommen des Herakles sollen vor Gyges in Lydien geherrscht haben (Herodot I 7). Daß dagegen die Heroenfamilien ausgestorben waren, bezeugt Hesiod, Erga 160 ff. Auffällig ist zudem, wie wenig Söhne durchgängig die Könige und Helden der Sage haben, Agamemnon nur den Orest, Peleus den Achill, Nestor den Antilochos, Odysseus den Telemach, usf. Daß diese Häuser ausstarben, ist schon hiernach ganz begreiflich. Für das Weiterfunktionieren der kleineren βασιλεῖς oder Grundherrn als Richter ist vor allem Hesiod uns Zeuge; s. Philol. Wochenschr. 1828 S. 185 f. Die vielen Kinder der stolzen Niobe galten als unerhörtes Wunder.

So geschieht denn ein anderes Wunder. Das Volk wird selbständig, da der Hirte fehlt. Die Herde muß auf der Weide lernen, sich selbst zu hüten. Der Volksstaat entsteht, die Selbstverwaltung durch das Gesetz. Das Gesetz wird König, da der König aufgehört hat, es zu sein.Über dies Pindarwort ist kürzlich im Philologus gehandelt worden, der Wortsinn des βασιλεύς aber nicht erwogen. Das Wort νόμος fehlt noch bei Homer, aber nicht der Begriff, es sind die ϑέμιστες, die der βασιλεύς verwaltet. Auch Chrysipp kolportierte den Satz: ὁ νόμος πάντων ἐστὶ βασιλεύς, und so gelangte er in die Digesten I 3, 2. Was kein Asiate, kein Ägypter vermochte (diese Völker brauchten den Despoten), geschah in den kleinen Stadtschaften der Hellenen: das republikanische Prinzip der geordneten Freiheit oder des konstituierten Bürgertums, das hernach durch zwei Jahrtausende den ganzen Okzident erobert hat und weiter über den Atlantischen Ozean hinausgriff; denn auch die Kolossalrepubliken Amerikas sind nur die Nachkommen des kleinen Freistaates Attika.

Es handelt sich nicht um Freiheit und Gleichheit, sondern um Freiheit und Ungleichheit. Die Masse fühlt sich frei; aber aus ihr erwachsen, kraft der Freiheit, wie der Blütenschaft aus dem Schilf die starken Intelligenzen, die sie führen, Demagogen genannt, die da wechseln, durch Volkswahl oder auch durch Gewalt sich hochbringen, heute bejubelt, morgen abgetan und zertreten. Wehe dem Staat, wo sie fehlen!

Wie war der Hergang, und wie kam das Neue zustande? Das Bürgertum in den Städten begann von den Phöniziern zu lernen. Die Phönizier allein trieben in des Odysseus Zeiten den Seehandel; sie beherrschten auch als Piraten räubernd das östliche Mittelmeer. In den Griechenstädten aber gab es jetzt reichgewordene Familien; es waren vor allem jene Richter, die für einen guten Richterspruch zwei Talente Gold bezogen.s. oben S. 16. Mit dem Reichtum wächst die Tatkraft, die Unternehmungslust. Sie wollten jetzt auch auf See;So hat Perses, der Landwirt, bei Hesiod (Erga 622) Schiffe; wozu anders als zum Export? sie lernten von den Phöniziern die Steigerung des Schiffsbaues, dazu 66 auch das Kampfschiff, das den Handel sichert. Aber sie lernten von den Phöniziern noch ein Zweites, eine brauchbare Schrift. Damit war alles verändert. Das Volk lernte schreiben. Ein ganz neuer Typus entsteht: der Mensch mit dem Schreibzeug. Diese Griechen sind jetzt ein Wasservolk, ein Handelsvolk, und die Schrift ermöglicht die Buchführung, die Kontrolle im Soll und Haben, im Nehmen und Geben.

Man hat schon zu lange im kleinen Hellas zwischen den Bergen in der Enge gelebt, wie eingepfercht in Kantone. Übervölkerung herrschte, Menschenüberfluß; die fernen Küsten locken und liegen offen, wo nur Völker niederer Kultur wohnen. Aus Kyme, Milet, Phokäa, Megara, Korinth fahren reiche Herren hinaus; die Priester des delphischen Orakels geben dazu Rat und Richtung; sie sind erstaunlich gut geographisch unterrichtet.Vgl. Herodot IV 151. Sonst war die geographische Unkenntnis noch groß, wie wenn man auf Thera nicht wußte, wo Libyen lag (Herodot ebenda); ganz erstaunlich auch, was wir bei demselben VIII 132 lesen: man wagt sich zu See nicht bis nach Samos, als läge es fern wie die Säulen des Herakles. Ein paar Hundert Bürgersöhne nehmen die Herren mit und gründen auswärtige Faktoreien, Kolonien. Es entstehen befestigte Kolonialstädte planlos, zusammenhanglos und weit verstreut am Schwarzen Meer, in Sizilien, Apulien, Campanien, in der Cyrenaïka; Lichtgirlanden von jungen Griechenstädten illuminieren alle Küsten. Die Phönizier gründen in Konkurrenz Karthago; aber sie sind schon überboten. Es war wie Samen und Blütenstaub, der aus dem hellenischen Garten in alle Winde flog. Bald gab es griechische Gemeinwesen von der Krimm bis nach Marseille und weiter.

In den Städten aber genügt nicht mehr das mündliche Verfahren. Recht und Gesetz muß gesichert werden, und man schreibt es jetzt groß und lapidar, wo der Markt ist, an die hohe Mauer (das alte Stadtrecht von Gortyn hat man so wiederaufgefunden, die Mauer aus der Verschüttung gehoben) oder in kleineren Lettern auf drehbare Holzpfosten; so tat es Solon in Athen. Das Alphabet ist noch primitiv und mit allerlei Varianten aus dem phönizischen entwickelt (man schrieb auch anfangs von rechts nach links); erst später wird es reguliert und bereichert.Vgl. A. Mentz, »Geschichte der griechisch-römischen Schrift«, der S. 43 und 68 über die Verwendung der Membrane im Bücherwesen die irrigen Ansichten der Früheren fortsetzt. Er scheint meinen »Abriß des Buchwesens« (»Kritik und Hermeneutik«, bes. S. 344 ff. und 373 f.) und die Arbeit von Max Krämer, Res libraria cadentis antiquitatis, Marburg 1909, nicht zu kennen. Und die Schrift ergreift rasch 67 das ganze Leben. Jeder Gegenstand ist dazu gut, die Topfscherbe, die Holztafel, die Wachsfläche, die Bleirolle, auch die Kuhhaut, die der Opfernde nach der Schlachtung sich aufbewahrt. Die Flurgrenzen werden schriftlich gesichert, indem man in die Baumstämme Buchstaben schneidet. An die Türen schreibt man ein Segenswort, auch Schimpfwörter und Liebesseufzer, schreibt allerlei Schändlichkeiten mit Namennennung an die Felswand am Weg, da, wo jeder Passant es sieht.So auf der Insel Santorin noch heute am Felsen zu lesen; vgl. übrigens »Kritik und Hermeneutik« S. 259 ff. Auch die erste Grabschrift entsteht, und die Weihungen in den Tempeln werden mit Beischrift versehen. Nur das eigentliche Buch fehlt noch. Die Literatur harrt noch auf das Buch, das umfangreiche Texte bequem aufzunehmen imstande ist.

So war das Alphabet, beiläufig auch ein Zahlensystem geschaffen. Es ist das Alphabet, das wir in zweckmäßiger Umwandlung auch noch heute benutzen. Der Römer bildete es weiter um, dann wieder der Germane so, wie wir es brauchen, in Druckschrift, in Maschinenschrift, und es dient heute auch noch der Times, dem Newyork Herald und den Zeitungslesern der weiten Welt am La Plata, im Kapland, auf Sumatra oder in Australien.

Nur noch eins fehlte, das Geld, das der babylonische Kaufmann, wenn auch nicht in der uns geläufigen Münzform, längst besaß. Sollte man immer noch Ware mit Ware tauschen? wenn man einen Knecht brauchte, ihn mit 20 Rindern bezahlen? Kleinasien, das an Wertmetall so reich war, ging voran; in Griechenland sind zuerst in Ägina Obolen und Drachmenstücke zu stabilem Werte in Bronze und Silber, zunächst mit nur einseitiger Prägung hergestellt worden.Vgl. Herodot VI 127, wo dafür Pheidon, der Tyrann von Argos, genannt wird; seltsam, daß er der Urheber der äginetischen Münze gewesen sein soll. Die ersten Geldprägungen in Münzform aus Gold und Silber geschahen in Lydien, sodann in Kleinasiens Griechenstädten, Kyzikos u. a.; statt des reinen Goldes verwendeten diese letzteren jedoch Weißgold (Elektron), verschlechterten die Münze übrigens bald unter den Nennwert, und der Geldverkehr bot noch viel Unsicherheit. Darius I. regulierte ihn dann in Asien mit dem Golddareikos. Das griechische Festland beschränkte sich auf Silbergeld. Wie unbeliebt die nebenhergehende Kupfermünze war, zeigt Aristophanes Ran. 724 f. Übrigens hören wir, daß Sparta auch äginetisches Geld nahm (Eupolis frg. 141) und daß Kyzikos auch goldene Statere ausgab (Eupolis frg. 233). Es geschah schon bald nach Hesiod, im 7. Jahrhundert. Dem Beispiel folgten Athen unter Solon und andere Plätze, freilich nicht alle in genau gleichen Werten. Das spartanische Geld war aus Eisen. Beim Geldwechseln war also viel Umrechnung nötig wie bei uns zur Zeit der Münzwirren im alten deutschen Reich. Auch der Beruf des Geldwechslers und Bankhalters wurde nötig. Staatsanleihen gab 68 es zunächst noch nicht, und jede der Zwergrepubliken regulierte ihren Etat ohne Hilfe.Die Staatseinnahmen waren Zölle, Hafenabgaben, Marktgebühren Sporteln von Prozessen, Konfiskationen, die Ausbeute der Bergwerke; vgl. Aristoph. Vesp. 654 ff. Athen führte aber auch Marmor aus; vgl. Blümner a. a. O. III S. 28; die Silberbergwerke von Laurion in Attika waren allerdings zu Solons Zeit noch kaum in Betrieb: ebend. IV S. 33. Der Handel aber beschwingte sich naturgemäß sogleich, vor allem der mit den Kolonien.

In Athen prägte man mit der Eule. Wer also Eulen nach Athen trug, brachte nichts Neues, sondern nur nach Athen zurück, was von Athen ausgegeben war.

Das Bedürfnis nach Importwaren war groß; es galt, gleichwertig zu exportieren, und auch eine intensivere produktive Arbeit mußte neu einsetzen: Wein, Öl, Töpferwaren, Arbeiten in Leder, Webereien, Kunst- und Schmuckwaren; die regsamste Konkurrenz. Auf den Töpfen nannten sich die Firmen schon. Der Zweck schuf die Dinge, die ihm dienten. Ein genial erfinderisches Handwerk entstand, und der Etat wurde nicht nur balanciert; man arbeitete geschmackvoll und schon mit Profit.

Schon im 7. Jahrhundert v. Chr. erheben sich zeitgenössische Stimmen, die uns zeigen, wie sich in der Zeit bald nach Homer die Verhältnisse und Anschauungen verändert haben. Ich denke an den ehrwürdigen Hesiod, der noch in der alten homerischen Versform dichtet, übrigens das Geldwesen noch nicht kennt. Er ist Lehrdichter; das ist charakteristisch; die Lehre beginnt, der Unterricht. Hesiod lehrt den rationellen Ackerbau; Bauernregeln gibt er, brav und gut. Wir lesen die Verse mit Ehrfurcht. Aber vom Land aus blickt er zugleich in das städtische Leben hinein und spart nicht mit Tadel.

Mit Recht. In den Städten lag die Zukunft. Alles zog sich dorthin: Vergesellschaftung; Zentralisierung des Lebens. So wurde in Attika, angeblich schon durch Theseus, aus den verstreuten Ortschaften die Bevölkerung zusammengezogen, und so erst entstand die Stadt Athen unter dem Herrensitz der Akropolis. Jede Stadt oder »Polis« ist ein Sonderstaat für sich; jede hat ihr besonderes Stadtrecht, und eine Fülle von Staatsformen in Miniatur werden ersonnen. Die Bürger nennen sich Stadtleute, »Politai«, und das zugehörige Wort 69 »Politik« heißt auf deutsch nichts anderes als Betrieb der städtischen Interessen.

Wer genau sein wollte, müßte nun also nicht eine Kulturgeschichte, er müßte deren zum mindesten ein ganzes Dutzend schreiben. Denn die Leute in Thessalien lebten anders als die Athener, Böotien anders als Korinth, Syrakus und Milet, Byzanz und Massilia. Das zu geben ist hier unmöglich. Arkadien, das Binnenland, blieb noch lange Zeit ein Land der Gebirgsdörfer. Auch an Sparta, die Stadt der Lakonen, sei hier nur in aller Kürze erinnert.

Man weiß: Sparta war reiner Militärstaat, darum einzigartig und angestaunt. Kasernensystem; das Familienleben so gut wie aufgehoben, da der Staat sich aller Söhne bemächtigt, sie drillt und erzieht. Strengste Zucht. Kein Lakone, der nicht Soldat, und jeder ist nur Soldat. An der primitiveren Tracht, dem ungeschorenen Bart, aber auch an den zerschlagenen Ohrlappen ist er zu erkennen.Vgl. Plato, Protagoras p. 342; Dazu Aristoph. Vesp. 476. Heldischer Trotz, aber auch hinterhältige Schlauheit gehört zu seinem Wesen. Seine Schlichtheit im Auftreten wurde zum Ideal der Asketen. So gewann und so behielt Sparta trotz seiner geringen Menschenzahl herrschsüchtig entscheidenden Einfluß in den politischen Kämpfen in Hellas. Seine Staatsform hat in ihrer unerbittlichen Konsequenz stets interessiert. Der Bürger wird absorbiert; er ist nur dazu da, daß der Staat lebe: nirgends ist das so durchgeführt wie hier. Kulturell aber war diese Rasse rückständig, steril, und von einer spartanischen Kunst ließ sich kaum reden, so wenig wie von einer originalrömischen. In den Wissenschaften stand es ebenso. Wer auf Wesen und Charakter Altroms blickt, kann es sehr wohl mit dem spartanischen vergleichen. Was Sparta nicht fertigbrachte, hat hernach Rom vollbracht: es wurde der Herr von Hellas.Man behauptete im Altertum geradezu, das römische Staatswesen sei dem spartanischen nachgebildet (Athenäus p. 273 F). Genaueres über Sparta s. Von Homer bis Sokrates³ S. 97.

Auf alle Fälle brauchte jedes Stadtwesen, um zu atmen, um sich auszuleben, Umland, je mehr, je besser. Daher regt sich in den Bevölkerungen sofort der Drang nach Ausdehnung, der Schrei nach Raum, nach Machtzuwachs, ein ewiger Streit 70 der Zwergstaaten. Dereinst warf nach der Sage Eris, die Göttin des Streits, den Zankapfel unter die Helden. Jetzt ist es der Neid, der die Bürgerschaften immer wieder gegeneinander hetzt. Dieser Neid-Teufel, der Phthonos, hat Hellas schließlich zerstört; er war grausamer und unversöhnlicher als der Zorn Achills, des rasenden.

So nun auch der Kampf um die Führung in den Städten selber.

Die Patrizier in Korinth oder in Athen scheinen kraft ihres Reichtums berufen zu führen; es ist das System der Oligarchie. Aus ihrem Kreise aber ersteht unversehens der Tyrann, der sich mit einer Leibwache umgibt und die anderen Patrizier ins Exil treibt oder gar durch Mord beseitigt. Er wird gehaßt; aber nachdem er abgewirtschaftet hat, blicken die späteren Generationen mit Grauen und Stolz zugleich auf ihn zurück. Man hatte doch etwas Großartiges, in Wirklichkeit eine Tragödie, von der sich reden ließ, erlebt; und diese Tyrannen vernichteten zwar ihre Gegner in der Stadt, aber sie sorgten für das Prosperieren des Staates als solchen rücksichtslos und weit ausgreifend. Ich rede vom Zeitalter des Polykrates. Der war so einer: brutal und leutselig zugleich und fast schwärmerisch bewundert; das Wort Glücksritter ist zu schlecht für ihn. Immer wieder tauchen solche sogenannten Tyrannen auf; so auch Dionys in Syrakus. Ein Beispiel sei die Geschichte Perianders, wie sie sich das Volk erzählte.

Periander erbt die Herrschaft in Korinth von seinem Vater Kypselos. Auch Korfu, die ferne Insel, ist ihm untertänig. Aber sein Zorn kommt über Korfu. Dreihundert vornehme Knaben läßt er dort greifen, um sie nach Lydien zu verhandeln; da sollen sie kastriert werden. Als die Knaben beim Transport in Samos landen, werden sie von den Samiern aus Mitleid im Hauptheiligtum der Insel verborgen. Die Soldknechte Perianders belagern das Heiligtum, um die Knaben auszuhungern. Da wird ein nächtliches Götterfest 71 veranstaltet; Chöre von Mädchen und Jünglingen ziehen heran und bringen Gebäck und Honig in den Tempel; davon können die Knaben zehren, und Perianders Leute ziehen schließlich ab. Die Knaben sind gerettet. Woher aber der Zorn Perianders gegen die Korfuaner?

Er hatte von seinem Weib Melissa zwei Söhne. Der ältere ist unbegabt; anders der zweite, Lykophron. Periander tötet heimlich Melissa, sein Weib. Lykophron erfährt erst, als er siebzehnjährig, von Melissas Vater Prokles, daß und wie seine Mutter umkam, und blickt nun finster, gönnt dem Vater Periander kein Wort mehr; denn es ist Sünde, mit Mördern zu sprechen. Periander jagt den Sohn aus dem Haus und verbietet allen Korinthiern, ihn aufzunehmen. Lykophron irrt umsonst von Tür zu Tür und verbringt schließlich hungernd, verschmachtend Tag und Nacht in den öffentlichen Hallen. Da faßt den Vater Erbarmen, und er spricht: »Zürnst du mir wegen der Mutter? Ich bin selbst am schwersten getroffen, weil ich der Täter bin. Komm wieder zu mir.« Der Sohn weigert sich und sagt nur kurz: »Du schuldest dem Gott Buße darum, daß du mit mir redest.« Da setzt ihn Periander auf ein Schiff und schafft ihn nach Korfu. Es vergehen Jahre; Periander fühlt, daß er altert und Hilfe braucht, und sendet Botschaft nach dem Sohn; er soll kommen, in Korinth die Herrschaft übernehmen. Der weigert sich. Periander sendet abermals, diesmal seine Tochter; die lockt und spricht zu ihrem Bruder: »Laß ab, dich selbst zu strafen; heile nicht Leid mit Leid!« Der Bruder sagt: »Wenn der Vater tot, dann komme ich.« Da sandte der Vater zum dritten Mal Botschaft mit der Meldung: »Ich komme selbst nach Korfu und will fortan dort bleiben, in Korfu herrschen; herrsche du in Korinth.« Die Leute in Korfu aber erschraken, als sie erfuhren: der Tyrann will kommen! und erschlagen rasch entschlossen den Lykophron. Die Dynastie war damit erledigt. Daher die Rache Perianders, der die dreihundert Knaben greifen ließ.

72 Solche Erzählungen sind sittengeschichtlich bedeutsam. Die Politik erzeugt das Raubtier, den Fuchs und den Tiger. Aber das Raubtier leidet selbst. Hören wir denn, was man sich noch weiter von Periander erzählte. Hier handelt es sich um Spiritismus.

Ein Gastfreund hatte ihm einen Schatz anvertraut. Melissa hatte den Schatz versteckt. Denn das Geldwesen ist Sache der Hausfrauen. Periander tötet sie. Aber er will nun doch erfahren, wo das Gold verborgen liegt und schickt einen Boten zu einem Orakel am Fluß Acheron, der im nahen Arkadien fließt. Der Fluß verschwand dort in unterirdischen Schlünden (Katavothren) und galt darum als Fluß des Totenlandes, und ein Totenorakel befand sich ebendort. Dem Boten erscheint dort auf Anruf der Geist Melissas, aber sie will den Versteck nicht verraten. »Ich friere«, spricht sie; »ich bin nackt; die Gewänder, die Periander mir mit ins Grab gelegt, sind mir nichts nütze; denn sie sind nicht mit mir verbrannt worden.« Da läßt Periander in Korinth alle vornehmen Frauen im Heratempel zusammenkommen. Sie kommen in ihrem besten Schmuck. Er läßt sie sämtlich entkleiden, weiht ihre Gewänder, indem er sie in einer Grube verbrennt, der Melissa. Danach erst zeigt das Schattenbild der Melissa wirklich den Ort an, wo sie des Gastfreundes Gut niedergelegt hat.

Dieselben Tyrannen waren nun aber auch Gönner der Künste; das ist Sache der Könige. Berühmt war dafür vor allem Polykrates, an dessen Hof Anakreon groß wurde. So war Arion der Hofdichter Perianders. Ein paar wundervolle Verse des Arion lesen wir noch heute. Allbekannt aber ist die Legende, die erzählt, wie Arion eine Sängerfahrt oder Tournée zu den üppigen Griechenstädten in Süditalien macht und dort große Reichtümer sammelt. Auf der Rückfahrt wollen ihn die Schiffsleute massakrieren und berauben. In theatralischem Prachtgewand, das Saitenspiel in den Händen, springt er, um sich zu retten, ins Meer. Die Banditen halten ihn für tot; aber ein Delphin trägt ihn wunderbar nach Korinth 73 zurück. Auch die Schiffsleute kommen dorthin. Periander stellt sie; sie leugnen. Da tritt in seinem Prachtgewand Arion selbst vor sie hin. Sie entsetzen sich, bekennen, und Periander kann sie strafen.

Die Tyrannen wirtschafteten ab. In Athen wurden des Pisistratus Söhne beseitigt, und die Demokratie konnte sich entwickeln: das Beamtentum, Rat und Volksversammlung, Volksgericht der Geschworenen. Athen gab dafür das erste Modell; langsam folgten andere Städte nach.

Alle Ämter sind Ehrenämter, sind unbesoldet; der Census herrscht; die Reichen allein tragen die schwere Last. Und der Parlamentarismus beginnt. Das ganze Volk, auch vom Landgebiet, strömt herbei, setzt sich unter freiem Himmel auf die mit Holz belegten Steine und will seine Beamten hören; Rede und Gegenrede. Auch der Plebejer im Stil des Thersites kommt jetzt zu Wort.

So wird jeder Freigeborene schließlich von der Politik erfaßt. Es geht um Bürgerpflichten, Bürgerrechte, und neue Lebensformen bilden sich aus. Man lebt für den Staat, und der Patriotismus entsteht, eine neue Moral und Unmoral. Man lebt nicht nur für sich; das war immerhin ein köstliches Gut; denn es ergreift die Masse. Freilich war dies nur Lokalpatriotismus. Ein Gesamthellas gab es nicht.

Auch ins Religiöse griff das hinüber; denn auch die Götter werden patriotisch; auch die Götter werden verstaatlicht. Bei Homer sind sie noch an keinen Ort, an kein Vaterland gebunden; jetzt werden sie Schutzpatrone der Einzelstaaten, Athene in Athen, Hera in Argos, Artemis in Ephesus u. s. f., so wie der heilige Ambrosius Mailands Patron, der heilige Markus der Patron Venedigs ist. Tempel baute man an Stelle der alten Königspaläste, um die Götter endgültig zu domizilieren, stellte sogar ihre Bilder, anfangs nur Idole aus Holz, hinein, als bannte man sie fest, und der Staat ist es, der ihnen alljährlich mit Weihungen, Reigen und Prozessionen huldigt.Daß die regulären Götterfeste in Griechenland jung, sagt Herodot II 58 ausdrücklich. In der Tat konnten sie nicht älter sein als die Feststellung eines Kalenders und der Monatsnamen. Eine Prozession zu Neumond kennt freilich schon Homer; s. oben S. 16. Weihte man einen Altar oder auch ein Gottesbild neu ein, so kochte man Hülsenfrüchte als Opferspeise; Aristoph. Pax 923, id. frg. 245. Auch Tempelschätze sammeln sich an; sie 74 geben Sicherung für die Staatsfinanzen. Der Bürger aber kämpft fortan nicht für »Thron und Altar«, sondern für Hausherd und Altar, pro aris et focis.

Das klingt gut; aber auch alle bösen Leidenschaften sind jetzt im undisziplinierten Volk entfesselt, und das Freiheitsgefühl droht sogleich alle heiligen Bande zu sprengen. Hören wir endlich Hesiod, den Bauerndichter, den ich nannte, eine Stimme, die aus der Ferne des 7. Jahrhunderts v. Chr. zu uns herübertönt. Was er gibt, ist der erste Versuch einer Ethik.

Sein Vater, ein verarmter vornehmer Grieche, wandert aus Kleinasien nach Böotien aus. Am Berg Helikon siedelt er sich an und kommt dort durch Steigerung der Agrikultur zu erneutem Wohlstand. Seinen Sohn Hesiod läßt er als Hirten das Vieh am Bergeshang weiden, wo das Heiligtum der helikonischen Musen ist. Da wird Hesiod zum Dichter,Über Hesiod vgl. Philol. Wochenschr. 1928 S. 185 f. der Dichter vom Landbau, von Aussaat und Ernte; aber er vertieft sein Werk durch Sittenlehre; sie ist das Gold im irdenen Gefäße, und es strahlt bis heute.

Zwietracht, lehrt er, ist etwas anderes als Wetteifer. Die Konkurrenz bringt den Fortschritt; sie treibt zur Steigerung der Leistung. »Mit dem Nachbar eifert der Nachbar um den Ertrag; gut ist dem Sterblichen solch Wettstreben.« »Arbeit schändet mit nichten; nur Arbeitslosigkeit schändet.« Daneben aber steht die Warnung vor dem Zuviel: »Meide den übel erworbnen Gewinn; er ist dem Verlust gleich«, und »die Hälfte ist oft mehr als das Ganze«. Sodann das Gutsein; es ist schwer: »Kurz ist der Weg zur Missetat, steil ist der Weg zur Tugend, und vor die Trefflichkeit setzten den Schweiß die unsterblichen Götter«. Und so geht es weiter: Der Beste ist, wer selbst Rat ersinnt, der zweitbeste, wer auf den Rat des anderen hört. »Lade dir wohlbedacht nur Freunde ins Haus und stehe vor allem gut mit deinem Nachbar; ehe er sich gegürtet hat, kommt er gerannt, wenn du in Not bist.« »Liebe den, der dich liebt, und suche den auf, 75 der dich aufsucht.« »Geben ist gut; wer willig es tut, ob reichlich, ob wenig, froh macht solchen die Spende, und Wohlgefühl schafft sie im Herzen.«

Eine gute Predigt; aber Hesiod ist dabei grauer Pessimist, und er sieht nichts als Entartung. »Lebte ich doch nicht unter den Heutigen, ruft er, sondern wäre schon bei den Toten oder würde erst später geboren!« »Die Richter sind bestechlich, die Väter werden mißachtet von den Söhnen, die Gastfreundschaft gilt nichts mehr, und die Ehrfurcht und die heilige Scheu, die die Gesellinnen des Menschen waren und den schönen Leib in weißes Gewand wie in Unschuld hüllen, sind von uns hinweg zu den Göttern entflohen.«

Gleich zu Anfang aber erzählt der Dichter den Vornehmen des Landes grollend die Fabel vom Habicht und der Nachtigall. Es ist die erste Tierfabel der griechischen Literatur, die wir lesen:

Einstmals zur melodischen Nachtigall sagte der Habicht,
Als er mit Krallen sie faßte und hoch durch die Wolken hinwegtrug:
»Was, Armselige, schreist du? Der Stärkere hat dich bezwungen.
Rühme dich deines Gesangs, doch folgen mir mußt du! Gehorche,
Ob ich dich fresse nun oder ob nicht. Ich tu's nach Belieben.
Sinnlos der Ohnmächt'ge, der ankämpft gegen Gewalttat.
Sieglos kämpft der gewiß und erntet noch Hohn zu dem Leide.«

Die Fabel ist aus; die Nachtigall findet keine Worte mehr. Ein beredtes Schweigen.

 

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